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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17

Robert Hay und Roland Jerram hatten sich in Paris getroffen und waren auf dem Wege nach London. Der Marineoffizier hatte einen Monat Urlaub erbeten und erhalten.

»Dieser Bursche soll nicht leben und die Sonne und die faustdicken Ehren genießen, und mein armer Bruder fault in seinem frühen Grabe. Das kann Gott nicht zulassen. Er hat mich zu seinem Handlanger erkoren«, sagte er in andächtiger Verzückung.

Hierzu nickte Hay würdevoll, obgleich er religiösen Dingen mehr als skeptisch gegenüberstand. Doch er nahm stets jeden Vorteil wahr, der sich ihm bot, und kümmerte sich nicht allzu zartfühlend um seine Herkunft und seine Keime.

Mochte Jerram ruhig in sich eine höhere Sendung verspüren, die er zu erfüllen hatte. Ein hoher amerikanischer Seeoffizier, eben noch Delegierter der USA. auf der Internationalen Abrüstungskonferenz, der Bruder des Ermordeten, war ein zugkräftiger und unverdächtiger Bundesgenosse. Seine eigene Anklage allein war doch etwas anrüchig als Konkurrenzneid.

So warf sich die schonungsloseste Art der Verfolgung auf Rutlands Fährte: bigotter engstirniger Fanatismus und kalter materieller Geschäftsegoismus. Nicht einen Augenblick kamen dem kleinen dicken Manne Bedenken, den überlegenen Gegner, den er in offenem Wettbewerb durch Leistungen nicht niederringen konnte, durch geheim unlautere Mittel zu fällen.

»Ich stelle mein ganzes Vermögen zur Verfügung!« rief der fromme Korvettenkapitän, die Säule einer mächtigen Sekte in Boston. »Ich weiß, solche Dinge kosten viel in England.«

»Sehr wacker von dir, lieber Jerram«, wehrte Bobby Hay, »aber unnötig. Alle Auslagen gehen auf Spesenkonto meiner Firma.«

In ihrer Begleitung reiste Mr. Watson, ein interessanter Herr. Er sah aus wie eine Kreuzung zwischen Gelehrtem und Offizier. Das war er auch im Grunde. Ein Wissenschaftler auf dem Gebiete der Schädelmessung und Fingerabdrücke, ein Schrecken der Neuyorker Herren von der dunklen Zunft. Einer der erfahrensten Kriminalisten der Manhattan-Polizei. Ein feines nachdenkliches Gesicht mit grübelnden schwachen Augen und scharfen Brillengläsern, ein furchtloser Mund, ein verwegenes eisernes Kinn. Ein liebenswürdiger, teilnehmender, aber sehr wortkarger Reisegefährte.

Hay hatte in Neuyork den langjährigen Rechtsbeistand der Firma Browning & Son, unter der Verpflichtung tiefster Geheimhaltung seiner Offenbarung, befragt. Er wünschte nicht, daß der Aufsichtsrat, vor dem Gelingen, von dem Unternehmen Wind bekam. Er fürchtete, trotz allem, noch ein neues Fiasko.

Wohl hatten sie jetzt bündige Beweise in der Hand. Er konnte beschwören, daß Rutland seiner früheren Frau gegenüber seine Identität mit dem Mörder Paterson eingestanden hatte. Trotzdem war er sich der Schwierigkeit bewußt, einen englischen Haftbefehl zu erlangen gegen den populären Mann, den Wirtschaftsprimas, den der König vor kurzem geadelt hatte.

Nachdem der Anwalt sich einigermaßen von seinem begreiflichen Erstaunen erholt hatte, kratzte er schabend sein glattrasiertes Kinn und murmelte zaudernd: »Hören Sie mal, das ist keine Kleinigkeit, die Sie da vorhaben.«

»Ich weiß«, entgegnete Bobby Hay, »deswegen komme ich ja zu Ihnen.«

»Ich hoffe – –, wenn ich Sie nicht als einen sehr überlegten Mann kennen würde, wahrhaftig Mr. Hay, ich könnte glauben, daß der Wunsch der Vater des Gedankens ist.« »Sie irren sich absolut in der Vaterschaft, Mr. Gibbens.«

»Verzeihen Sie meine Offenheit, Mr. Hay, aber es könnte Ihnen doch nicht viel Angenehmeres in dieser Welt passieren, als daß dem Gehirn und der Seele von Killick & Ewart das Lebenslicht ausgeblasen würde.«

»Sehr richtig, Mr. Gibbens. Sie beweisen mit dieser Klarsicht wieder, daß Sie unseres Vertrauens würdig sind.«

»Ich meine nur, Mr. Hay, sind Sie Ihrer Sache auch ganz sicher? Es klingt verdammt unwahrscheinlich.«

»Aber, Gibbens, Mann des Gesetzes, ich sagte Ihnen doch, daß Jerram und ich ihn sofort wiedererkannt haben, und daß er es seiner früheren Frau zugegeben hat«, ereiferte sich Hay. »Und hier – sehen Sie sich das an.«

Er warf ihm einige Gruppenbilder aus alten Tagen hin und die Zeitung, die Rutlands letztes Bild enthielt.

»Da – das ist er. Sehen Sie, als Leutnant zur See. Na – vergleichen Sie mal. Stimmt's?!«

Gibbens betrachtete die Bilder. »Na ja, eine Ähnlichkeit, fraglos. Und das Geständnis. Gewiß. Juristisch liegt die Sache ganz klar. Nur – menschlich erscheint sie mir etwas unglaubhaft. Und wegen der hohen Stellung des Beschuldigten nicht ganz einfach. Übrigens las ich vor einiger Zeit, daß Sir John Rutland für das Parlament kandidiert. Da ist größte Eile geboten. Denn Sie wissen, Hay, wenn er gewählt ist, schützt ihn die Immunität des Abgeordneten. Dann wachsen unsere Schwierigkeiten ins Unermeßliche.«

»Also los – los!« ermunterte Hay. »Packen Sie Ihr Nachthemd, und fahren Sie heute abend mit mir über Paris nach England.«

»Einen Augenblick«, dämpfte der Anwalt den Eifer. »Mit Forschheit allein schaffen wir diese heikle Sache nicht.«

»Aber Sie haben doch meine eidliche Aussage!« bestürmte ihn Hay.

»Gemach, Mr. Hay. Ob die drüben zieht, wenn es sich um die Verhaftung eines der ersten Männer des Landes handelt, bezweifle ich. Lassen Sie mich einen Augenblick überlegen.«

»Überlegen Sie!« brummte Hay unmutig über soviel zwecklose Gedankenarbeit.

»Hm«, sagte Gibbens nach einer Weile. »Wir müssen die Sache amtlich aufziehen. Sonst geht es nicht.«

»Wie meinen Sie das?« fragte Hay peinlich ahnungsvoll. »Wozu so viele Schwierigkeiten in einer klaren Sache. O diese Juristen! Immer nur alles komplizieren!«

»Ich werde zum Chef der Neuyorker Polizei gehen.«

»Ei weh!« entsetzte sich Hay. »Nur noch keine Öffentlichkeit!«

»Seien Sie unbesorgt, Mr. Hay. Wenn die Polizei anbeißt, hat sie selbst das größte Interesse der Geheimhaltung. Wenn es mir gelingt, auf Grund Ihrer eidlichen Bekundung, daß Sir John Rutland sich Frau Bouterweg gegenüber als George Paterson zu erkennen gegeben hat, einen amerikanischen Haftbefehl zu erwirken, haben wir eine Chance. Dann können wir uns hinter die amerikanische Botschaft in London stecken und vielleicht auf diplomatischem Wege einen englischen Haftbefehl erlangen. Die Schwierigkeit ist nur die: der Mord ist in Manila auf den Philippinen geschehen. Ich weiß nicht recht, ob sich die hiesige Polizei nicht für unzuständig erklären wird.«

»Das zu verhindern wird eben Sache Ihrer Geschicklichkeit sein, bester Gibbens«, schmeichelte Hay mit einer kleinen versteckten Drohung, die dem Anwalt durchaus nicht entging.

Er hatte Glück. Der Chef der Neuyorker Kriminalpolizei war ein jüngerer Mann, der erst kürzlich auf seinen verantwortungsvollen Posten befördert worden war. Er hungerte nach einer Gelegenheit, seine Tauglichkeit zu beweisen und Ruhm und Volkstümlichkeit zu erwerben.

Er begriff sofort, daß es sich hier um eine Weltsensation handelte, wie sie Zufall und Glück nicht alle Tage zusammenbrauten. Ein englischer Edelmann, Chef einer Weltfirma, hervorragendes Mitglied der Genfer Abrüstungskonferenz, Kandidat des britischen Parlaments, Aspirant auf einen englischen Ministersessel – ein verkappter amerikanischer Mörder! Das war ein ›Fall‹! Und er der Mann, der diesen durchtriebenen gefürchteten Burschen entlarvte. Donnerwetter ja, das war die Gelegenheit, die das Glück ihm darbot.

Er griff mit beiden Händen zu. Die Zuständigkeitsfrage blies er geringschätzig beiseite. Lächerliches Bedenken. Weit wichtiger und einschneidender dünkte ihm eine andere Sorge.

War Paterson – oder Rutland, wie er sich jetzt nannte – noch Amerikaner? Vielleicht hatte er längst das britische Bürgerrecht erworben. War Engländer geworden. Denn die Frechheit, als amerikanischer Bürger den englischen Adel anzunehmen, als britischer Delegierter und Parlamentsanwärter aufzutreten, erschien ihm denn doch zu gigantisch. Andererseits sprach alles dagegen, daß Paterson gewagt haben sollte, das Verfahren auf Naturalisation einzuleiten und seine amerikanische Abstammung vor den englischen Behörden zu enthüllen.

Seiner kriminalistisch geschulten Praxis schien die Sache keineswegs so abenteuerlich wie dem Anwalte. Es war durchaus denkbar, daß dieser Mann – wie, würde man ja bald erfahren – aus dem Untergang seines Torpedobootes gerettet worden, unter dem fremden Namen nach England entkommen und dort zu seiner prominenten Stellung emporgestiegen war.

Das schien diesem Kriminalisten nicht allzu unmöglich und märchenhaft. Freilich – freilich, ob er Engländer geworden war! Dem Burschen war jede Kühnheit zuzutrauen. Dann war es aus mit der Weltsensation. Dann stand die Verfolgung in Englands Belieben. Und die drüben würden sich schwer hüten, ihren ersten Wirtschaftsgeneral und Delegierten und damit sich bloßzustellen. Eine Auslieferung an Amerika war gesetzlich dann ausgeschlossen. Kein Land der Erde lieferte seine Staatsangehörigen aus.

Der Chef der Neuyorker Kriminalpolizei ließ sofort seinen fähigsten Beamten, Mr. Watson, kommen und instruierte ihn. Sofort mit einem Haftbefehl Mr. Hay und Jerram nach London begleiten. Dort sich an Scotland Yard wenden. Alles darlegen. Es den Engländern überlassen, einzuwenden, daß Paterson Brite geworden war. Um strikteste Diskretion bitten. Wenn alles gelang, sofort und eiligst durch die amerikanische Botschaft Londons das Auslieferungsverfahren betreiben, den Mann schleunigst nach Neuyork bringen, nicht nach Manila. »Sie verstehen?« Mr. Watson verstand, verstand durchaus die geheimen Beweggründe seines hohen Chefs und sagte: »Allright, Sir.«

Doch allzu durchdrungen von dem Gelingen dieser Europafahrt schien er nicht.

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