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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectida2445045
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16

Angelita vergrämte, verhärmte und verpaßte ihr Leben. Sie hörte von dem beispiellosen Aufstieg der Firma Killick & Ewarts, sie las von Rutlands weltbedeutenden Erfolgen in Genf und seiner Absicht, sich ganz der Politik zu widmen, und vernahm in ihrem diplomatischen Kreise Prophezeiungen seiner kometenhaften Bahn am politischen Himmel Englands.

Gierig atmete sie alle diese Nachrichten in sich hinein, weil sie Kunde waren von dem einzigen, das Sinn und Anteil für sie hatte auf dieser Erde. Sie jubelte über seinen wachsenden Ruhm und rang verzweifelt die Arme über den Stachel, den sie – nicht ohne Grund – in allem seinem Tun gegen sich witterte. Sie erkannte hellsichtig in seinem Schaffen und Wirken die Spitze gegen sich und ihren selbstherrlichen Eingriff in sein Leben. Ihr wollte er beweisen, nur ihr, daß er ihre Hilfe nicht brauchte, daß er aus eigener Kraft seinen Weg zur Größe schreiten könne.

Das fühlte sie und verzehrte sich in folternder Reue über die jähzornige Enthüllung ihrer heimlichen Fürsprache in Spanien. Sie sah in seinem Aufstieg nur die Feindschaft gegen sich und glaubte schmerzzerrissen an seinen Haß, in der Überzeugung, daß ein Mann von solchem Vorwärtsdrange und Stolze der geliebten Frau alles verzeihen kann außer der Hilfe und dem berechtigten oder eingebildeten Bewußtsein der Lächerlichkeit.

Alle die unbedachten, zornsprühenden Beschimpfungen, mit denen sie ihn an jenem unseligen Abend überschüttet hatte, würde er ihr vergeben, doch niemals die demütigende Farce, mit der sie ihm hinter seinem Rücken die Stelle bei Killick & Ewarts verschafft hatte, niemals, daß er nur eine Gliederpuppe in ihrer leitenden Hand gewesen war. Solches Marionettenspiel verzeiht kein selbstbewußter, ehrgeiziger Mann.

So dachte sie und übersah, daß es eine Größe der Seele gibt, die auch über die verletzte Eitelkeit und gekränkten Männerstolz hinauswächst. Und daß es eine Liebe gibt, so erdgelöst und sternenhoch, vor der alles Irdische zur belächelten Nichtigkeit wird. Sie selbst war dieser Liebe fähig und trug sie im Herzen. Sie hatte längst ihre kleinliche Eifersucht, ihren gebeugten Stolz und ihr geschlagenes Frauentum vergessen. Doch gerade weil ihre Liebe so allumfassend war, und weil Liebe selbstlos und bescheiden macht, hielt sie sich seiner Liebe nicht mehr für wert, und glaubte sie nicht mehr an seine Liebe, die sie vernichtet und verscherzt hatte.

Kummergebeugt saß sie lange Stunden auf den Klippen von Ventnor und sah den großen Dampfern nach, die von Deutschland und England in geringer Entfernung von der Küste dahinstampften auf ihrer Fahrt nach Amerika und Afrika und Asien. Irgendwie wurden diese stolzen Schiffe, die unbeirrt und majestätisch kalt ihre Bahn zogen, zu einem Gleichnis des Geliebten. Greifbar nahe und dennoch unerreichbar ihrer Sehnsucht glitten sie dahin, immer weiter fort, bis sie in den dunstigen Horizont der Needles entschwanden. Dann sah sie ihnen mit feuchten, brennenden Augen nach und fühlte verzweifelt den Verlust und wußte, daß sie daran zugrunde gehen würde.

Müde und bleich und abgezehrt ging sie dann heim zu diesem blutleeren Leben neben ihrem Manne, das immer unerträglicher wurde. Sie sprachen miteinander kaum noch das zwingendste. Nur bei Tische, vor der Dienerschaft, wahrte er die äußerste Notwendigkeit des Anstandes. Im übrigen lebten sie, trotz der räumlichen Nähe, meilenfern voneinander getrennt.

Sie sehnte sich nach London. Nur mit Widerstreben und dem Zwange gehorchend war sie dem Herzoge nach der Isle of Wight gefolgt. In London war sie doch in Rutlands Nähe, atmete mit ihm die gleiche Luft, hatte die Möglichkeit, wenigstens die Möglichkeit, ihn zu sehen, zu sprechen. Und darum hatte sie sich geweigert, den Herzog auf dieser Urlaubsreise zu begleiten.

Er hatte, in dem steten Bangen vor einem skandalösen Ausbruche ihres zügellosen, brachliegenden Temperamentes, ihre Gesellschaft befohlen. Er wollte sie unter seiner Bewachung und Obhut halten. Er war nicht gesonnen, seine Karriere durch ihre Zuchtlosigkeit aufs Spiel zu setzen.

Angelita war zu zermürbt von ihrer hoffnungslosen Liebe und allzu aufgerieben von ihrer reuezerquälten Sehnsucht, um zu kämpfen. Sie gehorchte willenlos. Den Ausschlag gab, daß Rutland gerade in diesen Tagen nach Genf ging. Da verlor London für sie den Zauber. Sie gab nach. Doch als die Zeitungen die Heimkehr der britischen Abrüstungsdelegation meldeten, wurde sie unstet und voller nervöser Unruhe. Er war in London. Es trieb sie in seine Nähe. Die Unrast hetzte sie. In London lebte die Möglichkeit – die armselige, höhnische, unmögliche Möglichkeit –, ihn zu sehen und bei ihm zu sein.

Abenteuerliche Pläne von Entlaufen, Durchgehen und Flucht stiegen in ihr auf. Dieses Leben neben dem Herzog war nicht mehr zu erdulden. Es mußte ein Ende gemacht werden. Irgendwie. Er war in London. Und wenn doch – doch – eine Wandlung ihn versöhnt hatte! Wenn dennoch die Liebe in ihm gesiegt hatte über den Haß! Sie liebte, und darum hoffte sie, trotz aller Vernunft und Menschenkenntnis in ihr. Wenn doch die Liebe und Sehnsucht in ihm triumphiert hatte, und er sie suchte, rief?

Sie mußte nach London eilen, für ihn bereit und seinem Rufe erreichbar sein.

Wenn sie jetzt auf den weißen Kreideklippen von Ventnor saß, und ihre Augen den enteilenden Dampfern folgten, waren sie Symbole der Flucht und des Hinausziehens in die weite Ferne, in der es keinen Herzog Breton de Los Herreros gab und keine Fesseln und keine auszehrende Sehnsucht. Nur Freiheit und Nähe des Geliebten und Glück ohne Ende.

Es schien ihr, als brauche sie nur zu fliehen und in London zu sein, damit alles gut und herrlich würde und alle Wunder blühten. Sein Haß war vergessen und sein verletzter Stolz. Und abenteuerliche Pläne von Trotz und Befreiung wogten in ihr auf und nieder, wie die grauen Wellen des Meeres vor ihren verzückten, trunkenen, glückshungrigen Augen.

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