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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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15

Rutland ahnte nichts von dem Gewitter, das sich über seinem Haupte zusammenzog. Ob Jerram ihn erkannt hatte oder nicht, war ihm völlig gleichgültig. Nach seinen Erfolgen auf der Konferenz konnte man ihn in seiner überragenden Machtstellung nicht mehr angreifen. Kein englischer Polizei- oder Gerichtsbeamter würde auf ein Gefasel von einer gewissen Ähnlichkeit hin wagen, gegen ihn vorzugehen. Es gab nur einen Menschen, der Beweis in Händen hatte – Muriel. Und ihr war der Mund verschlossen. Nie würde sie freiwillig sprechen, da das Glück und die Existenz ihrer Ehe an ihrem Schweigen hing.

Er hatte die Gewißheit ihrer Ungefährlichkeit auch wahrhaftig teuer genug erkauft. Aus ihrem Besuche war dieser vernichtende neue Bruch mit Angelita entkeimt.

Wenn er, in seiner großzügigen Verachtung aller bedrohlichen Anzeichen, diese Begegnung mit Jerram überhaupt einer Überlegung würdigte, glitten seine Gedanken sofort ab und hinüber zu der fernen geliebten Frau.

Trotz der zahlreichen Tagungen der Konferenz blieben ihm hier in Genf doch mehr Stunden der Muße als bei der anspruchsvollen Arbeit in London. Zur Zeit der Siesta, nach dem Lunch, machte er weite einsame Spaziergänge am See hin. Oder fuhr hinauf nach Tres Arbes und schritt dahin im Angesicht des nahen weißen Gipfels des Montblanc. Seine Geleiterin auf allen diesen Wegen war Angelita.

Hier in dieser gigantischen Stille des Sees und der Berge erschien ihm aller Zwist und jedes Zerwürfnis kleinlich und allzu irdisch. Hier versiegte auch seine Scham. Er wußte, er hatte in Genf dort unten gute Arbeit getan. Im Grunde hatte er sich zum Leiter und Wortführer der britischen Delegation aufgeschwungen, ganz von selbst, ohne Willen und ohne Absicht, durch seine gediegenen, tiefgründigen Kenntnisse der Materie, seine Rednergabe, seine Autorität. Der Staatssekretär erkannte seine Führung ohne Eifersucht willig an. Die englischen Zeitungen waren seines Ruhmes voll, begrüßten ihn als den großen, englischen Politiker. Er durfte sich ohne Überhebung die höchsten Posten britischer Staatskunst zum Ziele nehmen. Er brauchte sich nur bei einer Nachwahl oder den allgemeinen Wahlen des nächsten Jahres als Kandidat aufstellen lassen – seine Wahl war gesichert –, ins Parlament einziehen, und ein Ministersessel stand ihm frei.

Er fühlte, daß Angelita seinen Weg verfolgte. Er hatte ihr jetzt schon bewiesen, daß seine Wirkungen nicht allein an ihrer geheimen Hilfe hingen, aber jetzt, hier in der Bergeseinsamkeit des Montblancmassivs, dünkte ihn auch seine Scham vor ihr allzu erdenhaft.

Seine Liebe und Sehnsucht erwachte in dieser Reinheit der Gletscherwelt mit neuer hinaufreißender Gewalt. Fort mit all dieser törichten Erdgebundenheit! Zwei kluge Menschen, wie Angelita und er, sich binden und fesseln und herabziehen lassen von albernen Nichtigkeiten, von Argwohn und Beschämung, von verletzter Eitelkeit und Beleidigung! Wahn! Unwürdigkeiten! Pfahlbürgertum!

Nein, nein. Nichts als großes, erhabenes, lauteres Menschentum sollte sie leiten und Macht über sie haben.

Nicht mehr das Leben, dieses kurze, einmalige Leben, diese einzige unwiederbringliche Möglichkeit auf Glück in Torheiten vergeuden! Endlich einander leben, einander genießen und ineinander aufgehen! Heraus aus dem Schmollwinkel kleiner Geister! Hinaus in die lichte Helle echter Menschlichkeit!

Ein Verlangen, wie kaum je zuvor, nach ihr übermannte ihn. Er wollte ihr schreiben, entwarf den Brief, – wagte aber aus Rücksicht auf ihren häuslichen Frieden nicht, das Schreiben abzusenden. Mit dem festen Entschlusse, ihr die Hand zur Versöhnung und zum Glücke zu bieten, kehrte er nach London zurück.

Eine halbe Stunde nach der Ankunft in Egerton Terrace rief er im Hause des Herzogs an. Er wollte unter einem Decknamen Angelita an den Apparat bitten. Zu seiner Enttäuschung erfuhr er, daß Ihre Durchlaucht, die herzoglichen Herrschaften, in Ventnor auf der Isle of Wight den Sommer über weilten. Er beschloß, dorthin zu folgen, sobald seine Geschäfte es gestatteten. –

Inzwischen war Bobby Hay nicht untätig geblieben. Diese kleine menschliche Billardkugel tollte beständig, vom Queue der Arbeit oder des Vergnügens federnd getrieben. Die Entlarvung des mächtigen Beherrschers von Killick & Ewarts war für ihn eine Arbeit, eine fordernde Arbeit seines Berufes als leitender Direktor von Browning & Son. Er haßte den würgenden Konkurrenten nicht, hegte gegen ihn keinen persönlichen Groll, sein Geschäft verlangte einfach gebieterisch die Beseitigung dieser schädlichen Gegenwirkung gegen das Blühen seiner Firma. Es war eine eisige, nüchterne Geschäftsmaßnahme für ihn, weiter nichts. Das Schicksal hatte ihm einen unerhofften Weg gewiesen. Ihn ging er kühl, unnachsichtlich, skrupellos, ein amerikanischer Geschäftsmann.

Rutland war der Angreifer gewesen. Er hatte die Arme seines Werkes über das Meer hinübergestreckt, ihm seine Kunden abspenstig gemacht, ihn aus der Arena geschlagen. Es war ein tödlicher Schlag für ihn gewesen, als Jan Bouterweg, der große amerikanische Reeder von Neuyork, die neue moderne Flotte seiner Passagierdampfer in England, bei Killick & Ewarts, in Auftrag gab. Nachdem er, Bob Hay, bereits lange mit Bouterweg verhandelt hatte!

Diese krasse Niederlage hätte ihn beinahe seine Stellung gekostet. Es hatte eine sehr erregte Aufsichtsratssitzung gegeben, in der er wahrhaftig nicht glänzend abgeschnitten hatte. Dunkle Drohungen waren laut geworden.

Hay brauchte dringend einen frappanten Erfolg zur Festigung seiner schwankenden Position bei Browning & Son.

Es bedeutete für ihn den höchsten Triumph und eine Genugtuung ohnegleichen, wenn er der überlegenen englischen Konkurrenzfirma die Schmach antun konnte, ihren Chef als gemeinen Mörder an den Pranger zu stellen. Dann blieben Killick & Ewarts auf Jahre hinaus so bloßgestellt und verrufen, daß sie, wenigstens in Amerika, völlig lahmgelegt waren. Und was war Killick & Ewarts überhaupt ohne diesen Rutland oder Paterson? Waren sie vorher eine Gefahr für den amerikanischen Schiffsbau gewesen? Bei Gott nicht!

Es war, wie er es auch betrachtete, ein ungeheurer Geschäftscoup. Mit gewohntem Ungestüm und gerissener Schlauheit setzte er ihn ins Werk.

Zehn Tage nach dem Gespräch mit Roland Jerram am Ufer des Genfer Sees machte der kleine dicke Mann sich harmlos im Garten seiner Villa in Arverne am Rockaway Beach von Long Island, der Sommerresidenz wohlhabender Neuyorker, zu schaffen. Die Rosenstöcke beschäftigten ihn scheinbar gewaltig. In Wahrheit ließ er das Gartentor der Nebenvilla nicht einen Augenblick aus den Augen.

Dort wohnte Jan Bouterweg, der ihn trotz der gut nachbarlichen Freundschaft bei dem Auftrag auf die fünf neuen Passagierdampfer so schmählich übergangen hatte. Hm, eine kleine Rache würde Bob Hay nicht eben weh tun. Abwarten! Jeden Morgen um diese Zeit ging seine Frau hinunter zum Badestrand. Dann schlug seine Stunde.

Jan Bouterweg war längst, wie Hay wohl beobachtet hatte, mit seiner schmucken Motorjacht nach Neuyork davongebraust.

Da sahen Hays wachsame Augen das Kind Muriels, die kleine Esta, mit seiner Gouvernante den Gartenpfad herunterkommen.

Dieser unerwartete Anblick gab seinem Angriffsplane eine neue Richtung. Er war ein gewandter, listenreicher Taktiker. An das Kind hatte er bei der strategischen Anlage seines Überfalls nicht gedacht.

Er wartete, bis Esta und das Fräulein den Weg zur See genommen hatten. Dann schlenderte er gemächlich hinterdrein. Mit einem hastigen Griff an die Innentasche seines weißen Strandanzuges überzeugte er sich, daß er das Blatt der englischen illustrierten Zeitung, die er in Genf erstanden hatte, bei sich trug.

Als er die Stelle des Strandes erreicht hatte, die ihm gewohnheitsrechtlich zukam, warf er sich in den sommerwarmen Sand, bückte sich nachlässig um und tat, als bemerke er erst jetzt das Kind und seine Erzieherin. Er grüßte das Fräulein artig und rief: »Hallo, Esta, wie geht's heute morgen?«

»Danke, sehr gut«, erwiderte das Mädchen artig.

»Willst du nicht shake-hands mit mir machen?« fragte Hay.

Das scheue Kind zögerte, doch auf eine geflüsterte Weisung der Gouvernante kam es herbei und nahm die dargebotene Hand des Mannes.

»Willst du nicht Platz nehmen und ein bißchen mit mir plaudern?« lud Hay mit einer lustigen Gebärde ein.

»Danke sehr, ich muß baden«, wich Esta aus.

Hay lachte. »Das Meer läuft dir nicht fort, zumal die Flut gerade hereinkommt. Wir haben lange nicht miteinander geplaudert. Ich war nämlich in Europa.«

Esta schwieg.

»Du warst doch auch im Winter in Europa«, fuhr Hay fort und bemerkte voller Staunen die seltsame Ähnlichkeit des Kindes mit seinem Vater, die ihm früher nie so aufdringlich aufgefallen war.

Esta nickte und sah ihn stumm aus ihren großen traurigen Augen an.

Da zog Hay rasch die Zeitung aus der Rocktasche, deckte die Hand über die Unterschrift des Bildes und hielt dem Mädchen ein Porträt Rutlands entgegen.

»Kennst du den Herrn?« fragte er lauernd.

Esta nickte kindlich stolz.

»Wer ist es?«

»Mr. Rutland«, sagte sie. Sie war klug und bewußt, wie alle einsamen Kinder.

»Richtig. Wo hast du ihn gesehen?«

»In unserem Hotel in London beim Lunch.«

»War deine Mutter auch dabei, Esta?«

»Natürlich. Mama hat mich doch aus meinem Zimmer oben geholt und zu dem Herrn geführt.«

»Du bist ein kluges Mädchen«, lobte Hay und steckte, innerlich seiner gelungenen List lauten Beifall klatschend, die Zeitung wieder ein.

»Und jetzt willst du ins Wasser gehen?«

Da rief eine überhelle Stimme: »Hallo, Hay! Guten Morgen!«

Er wandte sich hastig um. Auf dem Strande stand Muriel in einem schmucken roten Badeanzug und winkte mit der Hand.

»Guten Morgen, Muriel«, antwortete Hay und sprang auf.

»Wir haben Sie lange nicht gesehen, Bob«, sagte sie mit ihrer lächelnden, anmutigen Liebenswürdigkeit, als der kleine Mann sie begrüßt hatte.

»Waren Sie verreist?«

Esta hatte die Gelegenheit wahrgenommen, zu entschlüpfen und eilte jetzt mit dem Fräulein zum Wasser.

Muriel und der Nachbar gingen auf den Platz der Bouterwegs zu und setzten sich dort in den Sand.

»Ich war in Europa«, belehrte Hay.

»Ah!« rief Muriel und streckte sich behaglich aus.

»Wo waren Sie denn?«

»In der Schweiz.«

»Oh, da war ich auch einmal. Ein sehr schönes Land.«

»Sehr schön. Und diesmal war es besonders interessant. Ich war auch in Genf, wo gerade die Abrüstungskonferenz tagte.«

»Das würde mich nun weniger interessieren«, lachte Muriel, wandte sich lässig um, daß sie auf dem Bauche lag, spielte mit den schönen Beinen in der Luft und ließ den warmen, feinen Sand durch die Finger rieseln.

»Doch, Muriel, es war sehr interessant. Besonders der eine Engländer. Ein glänzender Redner. Sie kennen ihn auch.«

»Ich?« Sie lachte. »Woher sollte ich ihn kennen?«

»Von Ihrem letzten Aufenthalt in London. Ihr Mann hat viele Schiffe von ihm gekauft. Sir John Rutland.«

Er sagte es ganz belanglos, beobachtete sie aber scharf.

Die nackten Beine, die eben noch lustig in der Luft hin und her geschlenkert hatten, standen plötzlich still gegen den dunkelblauen Hintergrund des Augusthimmels. Eine heiße Röte stieg vom Busenansatz zum Halse auf und zog sich über die Wangen bis zu den Schläfen hinauf. Einen Augenblick war auch das glasierte Chinablau ihrer Augen von einer dunkelnden Starrheit überhaucht.

Doch ebenso rasch, wie sie sich in Rutlands Arbeitszimmer im Verwaltungspalaste von Killicks & Ewarts gefaßt hatte, zwang sie sich jetzt wieder in ihre Gewalt zurück. Im Nu ahnte sie, daß Hay die Ähnlichkeit mit Paterson aufgefallen sein mußte. Sie wußte, daß die Männer sich von Jugend auf kannten, hatte Bobby auch während ihrer ersten Ehe oft genug als alten Freund und Kameraden in ihrem Hause empfangen. Um allen Fragen kurz angebunden aus dem Wege zu gehen, sagte sie mit wunderbarer Beherrschung die Unwahrheit.

»Den Namen habe ich oft von meinem Manne gehört. Ich selbst habe ihn in London nicht gesehen.«

Dieses Ableugnen war ein verhängnisvoller Fehler, ein typisches Versäumnis der Frauenschlauheit, die nur für den Augenblick arbeitet und nicht alle Folgen logisch überdenkt.

Ihre Verschlagenheit erkannte auch sofort, doch zu spät, daß sie nun mit ihrem Manne sprechen und ihn bitten mußte, falls die Rede darauf kam, Hay nicht zu sagen, daß sie Rutland gesehen hatte. Sie konnte dieses Verlangen mit der Ausflucht begründen, daß es ihr peinlich gewesen sei, mit Hay über den Mann zu sprechen, der ihn und seine Firma aus dem Felde geschlagen hatte.

Während sie diesen Ausweg erwog, achtete sie nicht auf den kleinen, dicken Herrn, der neben ihr im Sande lag. Daher entging ihr sein mühsam bezwungener Triumph. Sie leugnete! Während das ahnungslose Kind eben das Zusammentreffen arglos verraten hatte. Also hatte sie ihn erkannt. Einen Zipfel des Sieges hielt er schon in der Hand.

Er warf sich auf den Rücken, tat, als verfolge er voller Teilnahme den Zug einiger kleiner weißer Lämmerwölkchen, die über ihm an dem blauen Himmel träge und voller Glück dahinsegelten, und sagte bedeutungslos: »Schade, daß Sie ihn nicht gesehen haben, dann wäre Ihnen etwas sehr Merkwürdiges aufgefallen.«

»So? Was denn?« fragte sie mit gut gespielter Gleichgültigkeit. Er richtete sich auf und zog wieder die Zeitung hervor, die er als nützliches Hilfsmittel aufs Geratewohl mitgebracht hatte.

»Hier, Muriel, habe ich zufällig ein Bild von ihm. Da!« Er schlug auf die Photographie.

Muriel betrachtete sie gelassen. »Nun, was ist daran so Merkwürdiges?« fragte sie obenhin.

»Sehen Sie nichts?«

»Nein.«

»Sie sehen wirklich nicht die ungeheuere Ähnlichkeit mit – Paterson?«

Muriel zuckte gewollt zusammen. »Nennen Sie den Namen dieses Menschen nicht!« raunte sie und schloß wie in unerträglichem Schmerze die Augen. Dann öffnete sie die Lider wider und tat, als suche sie diese auffällige Ähnlichkeit.

»Ich finde nicht«, bedeutete sie, »daß dieser Mann ihm irgendwie gleicht.« Dabei wandte sie prüfend das Bild hin und her.

»Das wundert mich«, entgegnete Hay und wurde seiner Sache immer gewisser. »Sehen Sie auch nicht die Ähnlichkeit dieser Züge da mit Estas?«

Er sah sie durchdringend an.

»Er weiß alles«, durchschauerte es sie.

Und um sich nicht zu verraten, gestand sie, Zweifel im Tone, zu: »Nun ja, ein wenig – sehr wenig.« Dann seufzte sie schwer und fragte mit einem Lächeln, das ihr nicht ganz gelang: »Aber worauf wollen Sie eigentlich mit alledem hinaus?«

»Worauf ich hinaus will? Das will ich Ihnen sagen, Muriel: Dieser Sir John Rutland ist Paterson.«

Er sagte es mit forciertem Nachdruck.

»Sie sind wahnsinnig!« rief sie, warf sich wieder auf den Leib und wippte mit den Beinen.

»Ich fürchte«, flüsterte er eindringlich dicht an ihrem schönen Ohre, das die Haare als einen reizenden Schmuck ihres Gesichtes absichtlich freiließen, »mit dieser Feststellung über meinen Geisteszustand schaffen wir eine böse Tatsache nicht aus der Welt.«

»Aber reden Sie doch nicht!« zürnte sie, erbittert über seine Hartnäckigkeit. »Paterson ist seit sieben Jahren tot.«

»Das glaubten wir alle«, gab er zu. »Aber jetzt zeigt sich, daß wir uns getäuscht haben.«

Sie setzte sich auf und strich unbewußt über ihre Schenkel. »Und wenn dem so wäre, obwohl es Wahnsinn ist! Aber nehmen wir einmal an, er lebte und wäre dieser Rutland – was dann? Hm?«

Sie sah ihn herausfordernd an. Ihre blauen Augen funkelten böse. Ihr Gesicht war unmutig gerötet. Auf der Oberlippe perlten silberne Schweißtropfen der Angst.

»Dja«, machte Hay, »genau dasselbe frage ich mich.«

Da schnellte sie zu ihm herum, daß sie ganz dicht neben ihm lag und ihre nackten Glieder ihn berührten. Mit bestrickender Verführung lächelte sie ihn an und sagte: »Liebster Bobby, wollen wir nicht diese grausigen alten Geschichten ruhen lassen?«

Er tat, als folge er der Verlockung. »Liebe Muriel«, nickte er vertraulich, »ganz meine Meinung. In Genf war noch ein alter Bekannter von uns – Mitglied der amerikanischen Delegation – Sie erinnern sich seiner sicher noch – Roland Jerram –«

»Stephens Bruder!« rief sie erbleichend.

»Ja. Der erkannte ihn auch und wollte ihn anzeigen.«

»Um Gottes willen!« entrang es sich ihr ungewollt.

»Ich war dagegen. Brachte ihn davon ab. Sagte, ich würde erst mit Ihnen reden. Sie als die Nächstbeteiligte hätten allein zu entscheiden.«

Sie reichte ihm die Hand aus ihrer liegenden Stellung.

»Ich danke Ihnen, Bob. Sie waren immer einer meiner liebsten Freunde«, girrte sie.

»Und hast mich bei dem Schiffskauf deines werten Gatten treulos in Stich gelassen, obwohl ich dich um deine einflußreiche Unterstützung gebeten und dir eine heimliche Provision versprochen habe. Aber du wolltest durchaus nach Europa fahren«, ergänzte sein Gehirn. »Jetzt kommt die Strafe, du kleine falsche Kreatur.« Aber laut beteuerte er: »Ich hatte Sie immer sehr lieb, Muriel. Das wissen Sie.« Und preßte sein Bein gegen ihre nackten Schenkel.

Sie duldete es, obwohl der kleine, dicke Mann sie immer nur belustigt hatte. »Ich weiß es«, raunte sie mit schönem Augenaufschlag. »Und was sagte Roland Jerram?«

»Er legte alles in meine Hände«, entgegnete Hay wahrheitsgetreu.

»Dann – ich bitte Sie, liebster Hay, rühren Sie diese alten Dinge nicht auf. Bedenken Sie, was aus meiner Ehe würde, wenn er es wirklich wäre!«

»Er ist es, Muriel«, betonte Hay sanft, »und Sie wissen es.«

»Ich weiß es? Wie kommen Sie darauf?!« begehrte sie auf.

»Weil Sie ihn in London gesprochen haben.«

Jetzt war es Zeit, die Mine auffliegen zu lassen.

»Wer sagt Ihnen das? Sie wollen mich Lügen strafen?« Sie reckte sich empört auf.

»Gott, eine kleine Notlüge. Ich begreife das«, entschuldigte Hay großmütig.

»Sie sind frech«, verwies sie.

»Vielleicht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß Sie in London im Hotel mit ihm geluncht haben.«

Er hielt sie fest im Bann seiner kleinen, unerbittlichen Augen.

Da schlug sie um. Da fühlte sie instinktiv, daß sie sich diesen Mann da nicht zum Feinde machen dürfe. Sie änderte ihre Taktik, wurde armes, hingebendes Weib.

»Bob«, flüsterte sie. »Ich habe keinen Freund außer Ihnen in der Welt. Mein Mann darf von allen diesen Dingen nichts erfahren. Ich liefere mich in Ihre Hände, ich weiß, in die Hände eines Gentleman.«

Er nickte erwartungsvoll. Sie tat ihm flüchtig leid. Aber im Geschäft kannte er keine Gefühlsduselei. Weiter! Jetzt kam es. Jetzt hatte er sie so weit.

»Bob, ich habe so Furchtbares durchgemacht. Soll ich nie zur Ruhe kommen?«

»Was ich dazu tun kann, Muriel, soll geschehen«, gelobte er mit Biedermiene.

»Ich will mich Ihnen ganz anvertrauen. Ja, Bob, ich habe ihn gesehen und erkannt und mit ihm gesprochen.«

Hay biß die Zähne so fest in die Unterlippe, daß er den bitteren Geschmack des Blutes auf der Zunge spürte. Jetzt hatte er den Beweis. Jetzt war der Konkurrent rettungslos geliefert. Er nickte wieder voll herzlicher Teilnahme.

»Wir haben uns das Wort gegeben, zu schweigen.«

»Sehr klug.«

»Ich begreife nicht«, rief sie in plötzlich aufwallender Erbitterung, »wie er so leichtfertig sein kann, mit Amerikanern, mit früheren Kameraden, zusammenzutreffen.«

»Das verstehe ich auch nicht«, pflichtete Hay ehrlich bei.

»Man müßte ihm diese Tollheit zu Gemüte führen«, riet sie. »Ich werde ihm schreiben.«

»Tun Sie das nicht, Muriel«, warnte er. »Man soll keine Briefe schreiben. Man weiß nie, in wessen Hände sie geraten. Ich fahre geschäftlich nach London. Ich werde mit ihm sprechen.«

Sie schwieg erwägend.

»Sagen Sie ihm dann bitte, daß ich außer mir bin über seinen Unverstand und Leichtsinn.«

»Wird geschehen.«

»Ach!« klagte sie in erstickter Verzweiflung. »Daß diese furchtbare Sache mich immer wieder umkrallt!« Sie schlug aufschluchzend die Arme vor das Gesicht und wühlte die Finger in ihr dichtes Haar.

Da streichelte er ihre Schulter. »Ruhe, Muriel. Jetzt ist doch keine Gefahr mehr. Ich verlange sein Ehrenwort, daß er England nicht mehr verläßt und sich so viel als möglich zurückhält.

»Und Jerram?« fragte sie und ließ die Hände in den Sand sinken.

»Jerram ist ganz ungefährlich. Er ist seiner Sache nicht sicher. Ich werde ihm in seinen putzigen Schädel einhämmern, daß wir uns getäuscht haben.«

»Ah, Bob«, jammerte sie voll ahnender Angst, »mir ist – so – so – bang!«

»Aber Muriel! Dazu liegt doch absolut kein Grund vor. Passen Sie auf, alles wird noch gut.«

»Bob, und wegen der Schiffe. Ich habe für Sie gesprochen. Wirklich. Und das nächste Mal – Freundschaftsdienst gegen Freundschaftsdienst!«

Sie reichte ihm mit verlockendem, gequältem Lächeln die Hand.

»Topp«, rief er munter und schlug ein.

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