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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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14

Im Juli des Jahres tagte in Genf wieder eine der Abrüstungskonferenzen. An Sir John Rutland erging seitens der englischen Regierung der ehrenvolle Ruf, die britische Delegation als Sachverständiger zu begleiten. Er nahm an.

Diese erste politische Sendung begegnete seinen ehrgeizigen Plänen. Er suchte ein neues Feld der Betätigung und der Auszeichnung, immer noch von der fixen Idee besessen, Angelita zu beweisen, daß er auch ohne ihre heimliche Hilfe zu den steilsten Gipfeln männlichen Erfolges klimmen könne. Er wählte als Nächstliegendes, für einen Mann seiner wachsenden Volkstümlichkeit, die Politik.

Schon lange umbuhlten ihn die Parteien. Er wollte hineinspringen in die Arena der Staatsgeschäfte, sich bei den Neuwahlen als Kandidat für das Parlament aufstellen lassen und dann Angelita zeigen, wes Geistes Kind er war. Keiner seiner Bekannten zweifelte daran, daß er in ernsthafter Beschäftigung mit der Politik, bei seiner überragenden wirtschaftlichen Sachkenntnis, seiner Berufsenergie und Rednergabe, der kommende Mann Englands sei. Konservative und Liberale warben um seine Gunst und seinen offiziellen Beitritt zu ihrer Partei. In den Klubs weissagte man ihm die Karriere der größten englischen Staatsmänner, eines Pitt, eines Canning, eines Disraeli, Lloyd George und Lord Reading, der in wenigen Jahren vom unbekannten Anwalt Rufus Isaacs zum Vizekönig von Indien emporgestiegen war.

Die Regierung Baldwin griff zu und entsandte ihn, Englands besten Kenner des Rüstungswesens, in die Abrüstungskonferenz nach Genf.

Es war ein erster Schritt zu einer neuen ruhmreichen Laufbahn. Rutland wußte, daß Angelita, diese kluge, politisch geschulte Frau, verstehen und aufhorchen würde. Deshalb nahm er, trotz leiser Bedenken, die aus der Vergangenheit flüsterten, die Berufung an.

Die Hauptmächte der Konferenz waren England, Frankreich, Amerika und Japan. Es war in erster Linie eine Besprechung zur Herabminderung der Flottenbauten der beteiligten Staaten. Jedes Land entsandte unter Führung eines Staatsmannes seine hervorragenden Marineleute.

Rutland übersah durchaus nicht die Möglichkeit, in Genf mit Seeoffizieren der Vereinigten Staaten, vielleicht mit Kameraden von ehedem, zusammenzutreffen. Er lief keineswegs blind und unbedacht in die Gefahr. Doch er achtete sie gering, verachtete sie.

Gewiß, Muriel hatte ihn erkannt. Aber kein anderer Mensch hatte so nahe neben ihm gelebt wie sie, und sogar sie hatte zuerst gezweifelt und geschwankt, und erst, als er Esta begrüßte, ihre Gewißheit gefunden.

So verwarf er die Skrupel, die ihm kamen, in einer fatalistischen Gleichgültigkeit, einer ihm ungewohnten Nachlässigkeit, in einer allzukühnen Schicksalsversuchung. Vielleicht auch nur in dieser verblendeten Sucht nach neuen, nach politischen Ruhmestaten. In der Tiefe seines Gemütes wirkte als bestimmender Faktor all seines Tuns die Triebkraft, seiner Tüchtigkeit Achtung abzuzwingen, die nicht durch ihre Unterstützung flügge geworden war. Dahinter trat alles andere zurück. Er wollte Staatsmann werden, einer der großen Lenker des englischen Weltreiches. Für Angelita, gegen sie.

Doch er durfte diesen Weg, der durch das Herz, die Ehre und das Ansehen einer großen stolzen Nation führte, nur einschlagen, wenn er die verbürgte Gewißheit besaß, daß die Vergangenheit ein- für allemal vergangen war.

Nun, in Genf würde er sein Kind ja nicht begrüßen und sich nicht verraten. Übrigens war er schon wiederholt mit Offizieren der USA.-Navy zusammengetroffen, ohne daß er ihnen irgendwie aufgefallen war. Es wäre auch eine erstaunliche Duplizität der Zufälle, wenn er, nach fast sieben Jahren, nun innerhalb weniger Monate zweimal erkannt werden würde.

Allzu groß erschien ihm das Risiko nicht. Als er geadelt worden war, hatten nicht nur englische, sondern vor allem amerikanische Zeitungen und Wochenschriften sein Bild gebracht. Gerade in den Blättern war es hundertfach erschienen, die in den Marinekreisen Amerikas gelesen wurden. »Der König des Flottenbaues« nannten sie ihn jenseits des Atlantik. Viele seiner früheren Kameraden hatten sein Porträt gesehen. Und nicht eine Stimme des Erkennens hatte sich erhoben!

Nein, das Wagnis, das er einging, war nicht allzu groß. Ihm blieb auch keine Wahl, wenn er fest entschlossen war, die Leiter einer großen Staatskarriere zu ersteigen. Die Entsendung zu dieser wichtigen Konferenz, auf der endlich einmal weittragende Beschlüsse von realer Wirkung gefaßt werden sollten, war die erste Sprosse dieser Jakobsleiter. Er wollte sie betreten – für Angelita, – gegen sie!

Er fuhr nach Genf, vorbereitet und gerüstet auf alle Möglichkeiten. Was konnte geschehen? Frühere Kameraden, wenn er wirklich mit solchen zusammentraf, konnten eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Oberleutnant zur See George Paterson feststellen. Was besagte das? Nichts! Keiner würde wagen, zu behaupten, daß der weltbekannte Chef von Killicks & Ewarts, das von der englischen Regierung entsandte Mitglied der Königlichen Delegation, der vor sieben Jahren bei den Flottenmanövern in den japanischen Gewässern mit seinem Torpedoboote untergegangene Mörder des Leutnants Stephen Jerram sei. Keiner. Zumal Paterson, nach Muriels gefälschtem Berichte, allen als ein tückischer, vorsätzlicher Mörder aus Eifersucht galt. Wer würde wagen, das Mitglied dieser Abrüstungskonferenz als einen gemeinen Mörder zu bezeichnen?! Das war eine diplomatische und gesellschaftliche Unmöglichkeit.

Doch trotz aller dieser Überlegungen und innerlichen Bereitschaft erbleichte Sir John, als ihm im Hotel Beau Rivage zu Genf die Liste der amerikanischen Delegation überreicht wurde. Neben den Namen von Männern, die er aus seiner früheren Laufbahn vom Hörensagen kannte, traf er auf den Namen eines Offiziers, der sein waghalsiges Draufgängertum im ersten Augenblicke entmutigte und ernüchterte. Es war der Korvettenkapitän Roland Jerram, wie sein jüngerer Bruder, der Getötete, einst Mitschüler Rutlands in der Kadettenschule von West Point und Kamerad des jungen Leutnants auf dem Linienschiff »Dakota«.

Im ersten Moment durchzitterte Rutland eine Schwäche, die seinem Zusammenbruch in der Herrengarderobe des Hauses des Herzogs Breton de Los Herreros martervoll ähnelte.

Die Herren der englischen Delegation standen in der Halle des Hotels, bereit, zur ersten Sitzung der Konferenz im Palaste des Völkerbundes zu fahren. Mit aller Fassung, die ihm möglich war, reichte Rutland die Liste seinem Nachbarn und trat beiseite.

Wieder, wie an jenem Abend der Gesellschaft bei Angelita, packte ihn das jagende Verlangen nach Flucht. Seine Vernunft bewies ihm sofort die Unausführbarkeit. Eine Krankmeldung vor dieser ersten wichtigen Sitzung hätte unliebsames verräterisches Aufsehen erregt, zumal er noch vor wenigen Minuten bei dem gemeinsamen Frühstück gesund und guter Dinge gewesen war.

Ausgeschlossen. Ganz ausgeschlossen! Durch! Den Stier bei den Hörnern gepackt! Jerram hatte ihn seit etwa zehn Jahren nicht gesehen. Freilich, er kannte ihn gut. Sie hatten die meisten Streiche in West Point gemeinsam vollführt, Stephen, Roland und er. Die »Unzertrennlichen« hatten sie geheißen. Auch auf der »Dakota«, dem ersten Kommando nach dem Examen, waren sie alle drei, auf besonderes Bitten, noch zusammengeblieben. Dann hatten ihre Dienstwege sich getrennt. Roland Jerram war ein Jahr älter als der Bruder und Rutland.

Sir John blieb nicht viel Zeit zur Sammlung. Man brach auf. Während der kurzen Fahrt über den Kai und die Rue du Montblanc plauderte der Staatssekretär, der Führer der englischen Delegation, mit dem Rutland zusammen fuhr, angeregt mit ihm. Er mußte antworten, lächeln, harmlos tun. Aber in seinem Herzen braute dumpfe Furcht und eine bleiche Reue über sein Wagnis.

Doch als die Herren sich in dem großen Saale des Völkerbundpalastes mit der schönen Fenstergalerie, die in der Julisonne blendend glitzerte, versammelten, durchströmte Rutland beim Anblicke der amerikanischen Marineuniform, die er seit Jahren zum ersten Male wiedersah – die Herren von der USA.-Flotte, mit denen er in London zusammengetroffen war, hatten stets Zivil getragen – die Ruhe und entschlossene Verwegenheit, die ihm dieser Waffenrock seit frühester Knabenzeit eingedrillt und anerzogen hatte.

Was denn? Was konnte geschehen? Eine Ähnlichkeit. Nun ja. In gewissem Sinne glichen sich alle diese harten, kantigen, englischen und amerikanischen angelsächsischen Seemannsgesichter. Die Ähnlichkeit einer großen Rassenfamilie. Er wußte, daß er durch seine niederdeutsche Abkunft die typischen scharfgeschnittenen nordischen Züge trug. Allright! Mit Volldampf voraus! Ihn belebte der kühne Angriffsgeist, der ihn so oft auf der Brücke seines Torpedobootes beseelt hatte, wenn es bei stockdunkler Nacht mit abgeblendeten Lichtern gegen den markierten Feind ging. Drauf und dran!

Die politischen Führer der Delegationen machten sich zuerst miteinander bekannt, soweit sie sich nicht schon früher begegnet waren. Dann stellten sie gegenseitig die Mitglieder ihrer Delegation vor.

»Sir John Rutland – Korvettenkapitän Roland Jerram«, sprachen die Stimmen des englischen und amerikanischen Führers.

Rutland blickte gelassen und liebenswürdig auf das Gesicht des langen dürren Mannes, dessen breit vorspringende Backenknochen und kleines spitzes Kinn im Verein mit den großen abstehenden Ohren schon in West Point schmerzlicher Gegenstand manchen Übermutes und vieler Karikaturen gewesen waren. Unwillkürlich packte Rutland wieder die Komik dieses altgewohnten Gesichtes.

Jerram schüttelte die dargebotene Hand konventionell freundlich. Dann kam es. Nicht wie bei Muriel in London, wie ein Puff in die Herzgrube, der sie zurückwarf und aufschreien ließ. Ganz leise kam es über den Kapitän. Die heiter begrüßenden grünen Augen verglasten, wurden seltsam belebt und zugleich starr. Die Backenknochen traten noch weiter und eckiger aus den Wangen hervor, das Kinn spitzte sich noch drolliger zu.

Doch da war auch schon alles vorüber. Rutland hatte das übliche »so glad to meet you« gemurmelt und war weitergeschritten. Auch Jerram mußte die anderen Herren begrüßen, ehe er sich noch halb erholt hatte.

Dann begann die erste Sitzung.

Wohl fühlte Sir John die Blicke des Kapitäns, die sich in seine Züge einzufressen suchten. Er hatte ihn erkannt, kein Wunder, schwankte aber und zweifelte.

Der gute alte Roland Jerram! Obwohl er der Älteste von ihnen war, hatten sein Bruder Stephen und Rutland stets ihren Spott und Schabernack mit ihm getrieben, immer gegen ihn zusammengehalten. Roland hatte den jüngeren, sehr hübschen Bruder abgöttisch und neidlos geliebt und sich alles von ihm und seinem Busenfreunde George bieten lassen. Die beiden jungen Bengels hatten seine Gutmütigkeit weidlich ausgenutzt.

»Der gute alte Roland Jerram«, dachte Rutland. Und etwas von der jungenhaften Verulkungsstimmung war wieder in ihm. Eine hübsche Nuß gab er ihm da zu knacken, wie in den alten Tagen, wenn sie ihn vor den Lehrern reingelegt hatten. Er war immer eine etwas komische Figur gewesen wegen seines grotesken Äußeren, den langen, klapperdürren Gliedern und dem Eulengesichte. Trotz seiner glänzenden Leistungen, seiner Courage und seiner nautischen Begabung.

Ihre Blicke begegneten sich. Wie ertappt, schlug Jerram vor diesen trotzigen selbstbewußten Augen des englischen Delegaten die Lider nieder.

Da schwand Rutlands Teilnahme. Wie fern lagen diese Zeiten von West Point und der »Dakota« hinter ihm! Wie hoch war er hinausgewachsen über die kleinen Interessen eines Marineoffiziers der USA.! Nie vorher war ihm das so eindringlich bewußt geworden, wie jetzt beim Anblicke der alten Uniformen und der alten Kameraden. Welten lagen zwischen ihnen, Welten der Arbeit, der Erfahrung, der Verantwortung, des Erfolges.

Die Debatte wurde lebhafter. Er meldete sich zum Wort. Vergaß Jerram, der gespannt auf diese Stimme lauschte. Es war die alte wohlbekannte Stimme Patersons. Freilich, ohne jeden amerikanischen Anklang. Rutland hatte kritisch an seiner Aussprache gearbeitet, seit damals in Tokio Egan ihn auf seinen heimischen Akzent hingewiesen hatte. Er sprach wie ein Engländer, wie ein Londoner City-Mann.

Rutlands klare, kluge, einsichtsvolle Rede fand den lebhaften Beifall der Versammlung.

Seine Ruhe und Sicherheit übertölpelte Jerram. Wenn es wirklich Paterson war, mußte er doch auch ihn erkannt haben. Und diese Begegnung sollte ihn so kalt lassen? Konnte ein Mensch sich so fabelhaft beherrschen? Er wurde sehr irre an seinen berühmt guten Seemannsaugen. Und dann! Wie sollte dieser Mensch, der damals beim Untergang seines Torpedobootes angeblich ums Leben gekommen war, heute als Chef von Killicks & Ewarts, als englischer Edelmann und eins der angesehensten und einflußreichsten Mitglieder der britischen Delegation auferstehen! Ihn narrte eine zufällige, freilich verblüffende Ähnlichkeit.

Er blickte wieder zu ihm hinüber. Seine Augen riefen: »Ja, ja, er ist es! Die Natur schafft nicht zwei ganz gleiche Exemplare eines Menschen. Er ist es!« Doch seine Vernunft redete dazwischen und murrte: »Unsinn. Wie kann er es sein! Mach dich nicht lächerlich!«

Kapitän Jerram war nicht der Mann, so leicht etwas loszulassen, in das er sich einmal verbissen hatte. Er war eine Bulldoggennatur und dafür in der Marine bekannt. Ein Mann von stählerner Energie. Trotz aller Warnung seiner Intelligenz konnte er sich von dem Verdachte, der ihn gepackt hatte, nicht befreien.

In der Verwirrung seines sachlichen Gehirns vertraute er sich Evan Thomas an, dem Vizeadmiral, dem einzigen Mitglied der amerikanischen Delegation, mit dem er seit längerer Zeit befreundet war.

Am Nachmittag suchte er ihn in seinem Hotelzimmer auf.

»Verzeihen Sie, lieber Thomas«, begann er gequält, »wenn ich Ihre Siesta störe. Mir ist etwas fast Unglaubliches zugestoßen. Ich weiß mir keinen Rat.«

»Schießen Sie los!« forderte Evan Thomas, ein schöner, breitschultriger Mann, der Beau der USA.-Marine, ihn entgegenkommend auf und stopfte friedlich seine Pfeife.

»Halten Sie mich nicht für verrückt –«

»Dazu habe ich noch nie Veranlassung gehabt, lieber Jerram«, scherzte Thomas und strich das Streichholz burschikos am Hosenboden in Brand.

»Um es kurz zu sagen, Thomas«, er machte doch wieder eine beklommene Pause.

Evan Thomas paffte eine erste versuchende Wolke und sah seinen Besuch verwundert an.

Jerram trieb sich gewaltsam vorwärts: »Ich halte das Mitglied der britischen Abordnung – Sir John Rutland – für den Mörder meines Bruders!« platzte er heraus ...

Evan Thomas war ein Mann, von dem der Flottenjargon berichtete, daß ihn nichts aus seinem Gleichgewicht werfen könne. Aber bei dieser Eröffnung machte er einen kleinen Hechtsprung, so hob ihn die Überraschung.

»Mann Gottes!« flüsterte er, »die Luft hier bekommt Ihnen nicht!«

Jetzt, da es einmal heraus war, fühlte Jerram sich auf großer Fahrt. Als hätte er durch ein Gewirr von Ewern und Schleppern seinen Kreuzer endlich aus dem Hafen in die weite See hinausgesteuert. Jetzt ging er drauf los.

»Ich sagte Ihnen im vorhinein, Thomas, Sie sollen mich nicht für verrückt halten. Ich weiß, was ich da behaupte, klingt absurd – unmöglich. Aber ich sage Ihnen, er ist es.«

Im Eifer vergaß er seine eigenen, bleiernen Bedenken.

»Eine solche zufällige Ähnlichkeit erscheint mir ausgeschlossen. Ich kannte doch Paterson, wie ich meinen armen Bruder Stephen kannte. Wir waren –«

»Ruhe mal!« kommandierte der Admiral. »Verlangen Sie wirklich, Jerram, daß ich diese – Sache ernsthaft mit Ihnen verhandle?«

»Jawohl, Herr Admiral«, sagte Jerram plötzlich stramm und militärisch.

»Um Himmels willen, Jerram«, mäßigte Thomas und strich mit der kurzen Pfeife in der Luft umher, daß ein leichter, dünner Rauchfaden ihren Weg zeichnete, »wir wollen die Sache nicht dienstlich behandeln. Um alles in der Welt nicht! Ich begreife nicht. Sie sind doch sonst ein solch kühler, klarer Kopf. Wie kommen Sie zu dieser – unsinnigen – Vermutung?«

Er warf sich in einen Sessel und sog erregt an der Pfeife. Sie war erloschen. Während er ein Zündholz aus der Tasche kramte, blickte er mißmutig zu dem stehenden langen Kapitän auf.

»Er gleicht Paterson auf ein Haar«, entgegnete Jerram mürrisch und vertrotzt. »Jede Linie seines Gesichtes, seine Augen, seine Haltung, seine Stimme –«

»Seit wann haben Sie Paterson nicht gesehen?« unterbrach der Admiral.

Jerram überlegte. »Seit neunzehnhundertachtzehn«, erwiderte er.

»Also volle zehn Jahre. Und da wollen Sie ihn so auf Anhieb wiedererkennen?«

»Ja.« Thomas stand langsam auf und ging breitbeinig, mit schaukelndem Seemannsgange durch das Hotelzimmer. Die Pfeife zwischen die Zähne geklemmt, begann er nach einer Weile:

»Soweit ich mich der Angelegenheit entsinne, kam dieser Paterson, der Ihren Bruder erschoß, auf seinem Torpedoboote um?«

»Das nahm man bisher an.«

»Und Sie wollen nun behaupten, dieser Sir John Rutland, Chef von Killick & Ewarts, englischer Edelmann – kommender Minister –« Er lachte mit tiefem Basse auf. »Nehmen Sie es mir nicht übel, Jerram, die Sache ist mir ein bißchen zu phantastisch. Ich bin über die Zeit der bunten Fünf-Cent-Hefte hinaus. Ich glaube nicht mehr an Kolportageromane.«

Er blickte den Kapitän voll Humor an.

Jerram blieb steif und ernst.

»Ich schätze diese Lektüre auch nicht sonderlich«, bemerkte er trocken. »Ich weiß aber, daß im Leben die seltsamsten Dinge sich zutragen. Meinen Augen glaube ich. Und ich halte es für meine Pflicht, wenn die mir sagen: Da hast du den Mörder deines armen Bruders vor dir, diese Augen nicht einfach zuzukneifen.«

Thomas spürte die Verärgerung des Mannes. Ohne Heiterkeit und Spott fragte er: »Dann – sagen Sie mir eins, lieber Jerram: Wie stellen Sie sich den Hergang eigentlich vor? Wie soll der amerikanische Oberleutnant zur See Paterson sich in den großen Engländer Sir John Rutland verwandelt haben? Übrigens –« Ihm kam eine andere Idee. »Sie haben, wie wir alle, doch in letzter Zeit viele Bilder von diesem Rutland gesehen?«

Jerram nickte.

»Wieso ist Ihnen da die Ähnlichkeit, wenn Sie wirklich so überwältigend und überzeugend ist, nicht aufgefallen? Hm?!«

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich, weil derartige Reproduktionen von Photographien immer etwas leb- und farblos sind.«

»Mag sein. Schön. Laß ich gelten. Aber, bester Jerram, das ist doch wirklich eine phantastische Räubergeschichte, daß der Mann, der nach allen Nachrichten mit dem ›Z.6‹ unterging, auf abenteuerliche Art gerettet wurde und es nun zu einem hohen englischen Bonzen gebracht hat. Hand aufs Herz, Jerram, glauben Sie das? Bloß wegen dieser scheinbaren Ähnlichkeit?«

Jerram blieb verbohrt und verbissen.

»Also«, schloß Evan Thomas die Debatte, »schlagen Sie sich die Sache aus dem Sinn.«

»Ich werde ihn weiter beobachten«, beharrte der Kapitän.

Da trat Thomas dicht an den hageren, hartnäckigen Mann heran. »Jerram, ich warne Sie, schaffen Sie uns keine Ungelegenheiten. Sie spielen da ein verdammt närrisches und gefährliches Spiel mit unserer aller Karriere. Auf eine Vermutung hin.«

»Es ist mehr!«

»Also auf eine scheinbare Ähnlichkeit hin, auf Ihren doch immer nur höchst persönlichen und subjektiven Eindruck von dieser Ähnlichkeit mit einem Manne, den Sie zehn Jahre nicht gesehen haben, wollen Sie einen internationalen Skandal anzetteln! Sie sind ja übergeschnappt! Nehmen Sie es mir nicht übel, Jerram. Ja, selbst wenn er es wäre, wenn Sie faustdicke Beweise in den Händen hätten –, so klar wie diese Hundstagssonne da draußen« – er stach mit dem Pfeifenstiel gegen das Fenster –, »müßten wir das Maul halten.«

»Ich würde es dann nicht halten!« stieß Jerram verdrossen hervor.

»So!« Der Admiral sah den bockigen Don Quichotte betroffen an.

»Nein, Thomas. Wenn ich die Gewißheit hätte, daß dieser Sir John Rutland der Mörder Paterson ist, bei Gott, ich würde ihn nicht entschlüpfen lassen.«

»So – so«, wiederholte Evan Thomas überlegend.

»So wahr ich Jerram heiße, nicht. Ich habe meinen Bruder mehr geliebt als Sie vielleicht verstehen können. Wir hatten nichts als uns. Die Eltern waren lange tot. Und wenn ich den Burschen fassen könnte, der hergegangen ist und ihn aus unbegründeter Eifersucht wie einen räudigen Hund niedergeknallt hat –« Der dürre Mann zitterte wie eine kahle Pappel im Sturme. »Nein, Thomas, Auge um Auge, Zahn um Zahn –.«

»Dummheit um Dummheit!« fiel Evan Thomas heftig ein. »Lassen Sie die Bibelsprüche! Und vor allem – jetzt spreche ich als Ihr Vorgesetzter – lassen Sie Ihre werten Finger aus dieser Sache. Wir sind hier in Genf, um über die Flottenabrüstung zu beraten und nicht, um uns kindlichen Sherlock-Holmes-Spielen hinzugeben. Ich rate Ihnen gut. Lassen Sie diesen Unfug, der den Vereinigten Staaten nichts als internationale Verwicklungen, eine diplomatische Niederlage sondergleichen vor der ganzen Welt und uns persönliche schmähliche Abberufung einbringen kann.«

Jerram grüßte dienstlich und ging zur Tür.

Da rief Thomas: »Jerram, so wollen wir nicht auseinandergehen. Wir sind alte Freunde. Seien Sie vernünftig. Und nun versprechen Sie mir, die Sache ruhen zu lassen.«

Jerram wandte sich um. »Ich begreife Ihre Bedenken durchaus und sehe selbst ein, daß hier in Genf nichts zu machen ist. Ich verspreche Ihnen, hier nichts zu unternehmen. Aber, Thomas, es gibt auch persönliche Pflichten über den Dienst hinaus. Solche habe ich gegen die unsterbliche Seele meines armen Bruders, die auf mich herniedersieht. Ich werde diese Pflichten erfüllen – später.«

»Das steht in Ihrem Belieben«, sagte der Admiral kühl. »Dann werden Sie eben Ihre Haut und Ihre Karriere zu Markt tragen. Mich interessiert nur, daß hier in Genf keine unübersehbaren Verwicklungen und Beleidigungen der englischen Regierung entstehen. Dafür habe ich Ihr Wort?«

»Jawohl!«

»Danke!« Er nickte. Jerram ging. Der Admiral drehte sich gelenkig auf dem Absatz um, trat zum Tisch, klopfte die Pfeife aus und knurrte zwischen den Zähnen: »Solch ein hahnebüchener Blödsinn!«

Jerram ging in sein Zimmer. Er war fest entschlossen, diesen gemeinen Mörder seines unglücklichen, unschuldigen Bruders ans Messer zu liefern –, wenn er es war. Vorläufig aber blieb ihm nichts übrig, als Sir John weiter zu beobachten. Er hatte hierzu in den Sitzungen und geselligen Zusammenkünften der Delegationen reichlich Gelegenheit und wurde seiner Sache immer gewisser.

Solche Zwillingslaunen hatte die Natur nicht. Sie schuf in Wahrheit keine Doppelgänger. Die waren Ausgeburten der Schriftsteller. Der kleine Schnurrbart änderte das Gesicht ein wenig. Gewiß. Aber wenn man ihn sich fortdachte – – –.

Rutland hatte Jerram fast vergessen. Er war in fast alle Ausschüsse gewählt worden, die man gebildet hatte, und arbeitete mit Hingabe und seiner charakteristischen Einsetzung aller Kraft. Die Idee der allgemeinen Abrüstung und Befriedigung der Welt begeisterte ihn. Er war stolz darauf, bei diesem großen pazifistischen Werke mitzuwirken. Geschäftliche Interessen lähmten seinen Eifer nicht. Er hatte schon in den letzten Jahren begonnen, sein Werk allmählich auf Friedensarbeit umzustellen. Ungeheure Aufträge aller Nationen zum Bau von Handelsschiffen, von Verkehrsflugzeugen lagen in den Londoner Büros. So war er, der Chef der gewaltigsten und furchtbarsten Kriegsrüstungsfabrik der Welt, der glühendste und unermüdlichste Verfechter der heiligen Idee der Völkerverbrüderung.

Tagelang hatte Jerram sich in unfruchtbaren Grübeleien verzehrt, in jener pedantischen Gewissenhaftigkeit, die ihn bei Erfüllung aller seiner Pflichten trieb und drängte und ihm nie gestattet hatte, ein Lot Fett an seinen langen Knochen anzusetzen.

Da kam ihm eine Erleuchtung.

Er erhielt einen Brief von Robert Hay aus Luzern. Hay genoß seinen Sommerurlaub in Europa und lud Jerram ein, nach Beendigung der Konferenz einige Tage mit ihm zu verbummeln und »einige Berge dieses admirablen Landes unsicher zu machen«.

Sein Brief entzündete in Jerrams Hirn eine Fackel der Erkenntnis. Bob Hay war mit ihnen in der Kadettenschule von West Point und später wiederholt mit Paterson auf Kommando gewesen. Das war sein Mann! Auch stand Hay jetzt nicht mehr im Dienst der Flotte. Er hatte längst seinen Abschied genommen und war leitender Direktor einer großen amerikanischen Werft. Er war frei und konnte handeln. Nicht hier in Genf, das ging gegen den Befehl, aber später. Auch war Bob Hay immer ein findiger Kopf gewesen und würde wissen, was in dieser verschrobenen Lage zu geschehen hatte.

Vor allem aber – und darauf kam es Jerram in erster Linie an – sollte Hay diesen Mann sehen. Vier Augen sahen mehr als zwei. Er wollte Hay unvorbereitet mit diesem »Sir John« zusammenführen. Das konnte ihm kein Befehl aller Admiräle der USA.-Flotte verbieten! Und dann wollte er doch mal sehen, ob Bobby in die Luft ging oder nicht. Er wollte doch mal feststellen, ob seine Vermutung eine – wie hatte Evan Thomas mit kaum verhehlter Ironie gesagt? –, eine phantastische Räubergeschichte war.

Jerram antwortete daher mit mehr Diplomatie, als er bisher in seinem Leben aufgeboten hatte, er würde sehr gern einige Tage mit Hay in diesen Bergen herumklettern, aber warum nicht hier? Der Montblanc und die Savoyer Alpen seien auch nicht zu verachten. Er hätte nach Schluß der Konferenz nur kurze Zeit Urlaub. »Also komm hierher, old boy, damit wir erst keine Zeit verlieren. Komm gleich, die Sache hier kann jeden Tag zu Ende sein.«

Bobby Hay kam, klein, dick, rund, überall gewölbt, wie eine Billardkugel, ein Eindruck, der durch seine polierte, spiegelblanke Glatze noch erhöht wurde. Er war rosig, blühend, fidel und guter Laune, wie immer. Und lärmend.

»Hallo!« – brüllte er vom Fenster aus, als der Zug in die Bahnhofshalle einfuhr – »Hallo, alter Knabe! Da hast du mich! Neunzig Kilo Lebendgewicht.«

Trotz seiner Beleibtheit sprang er, ehe der Wagen hielt, heraus auf den Bahnsteig und schüttelte Jerram vehement beide Hände. »Du befahlst, und ich bin da. Wo sind die Berge? Her mit ihnen! Ich brenne vor Begierde, die höchsten Spitzen zu ertrudeln.«

Sie bildeten ein seltsames Paar, der kleine Fettwanst und der haushohe Knochenmann.

»Gemach, gemach«, sänftigte Jerram gemessen den lauten Bergfex, »heute ist noch Sitzung. Ich muß gleich hin. Aber ich glaube, heute werden wir Schluß machen. Komm mit, auf die Galerie, es ist öffentliche Sitzung.«

Gutmütig willigte Bobby Hay ein. Er sprach ein furchtbares Französisch mit einem Dienstmann, dem er sein Gepäck anvertraute. Doch trotz seines Radebrechens hatte er im Moment der geschäftlichen Verhandlung mit dem Genfer Eingeborenen nichts mehr von einer lächerlichen Erscheinung. Smarter, zäher amerikanischer Kaufmann. Man ahnte selbst in diesem angsterregenden Jargon seine Willenskraft und zielbewußte Tüchtigkeit.

Im Palast des Völkerbundes trennten sich die Freunde. Jerram schritt in einiger Erregung dem großen Sitzungssaale zu, Robert Hay stieg hinan zur Galerie, die den Raum säumte.

Alles ging nach Wunsch und Absicht. Sir John sprach in längerer, oft von spontanem Beifall unterbrochener Rede für die britische Delegation. Verstohlen ließ Jerram dann und wann seinen Blick zur Empore hinauf huschen. Er sah Hay, der ungeniert mit überschlagenen Armen auf der Brüstung lümmelte und auf den Redner starrte.

Als sie sich später trafen, glühte Bobby Hays Glatze. Die kurzgeschnittenen spärlichen Haare zu beiden Seiten schimmerten wie Weizenstoppeln auf roter Erde.

»Jerram«, sprudelte er, »wer war dieser Engländer?!«

»Sir John Rutland«, antwortete der Kapitän mit gut verstellter Freude.

»Mann – ist dir nichts aufgefallen?!« gluckste Bobby Hay in höchster Erregung.

»Ein ausgezeichneter Redner«, lobte Jerram scheinheilig.

Hay hüpfte vor unwilliger Gereiztheit wie ein neuer Tennisball.

»Mensch, hast du dir diesen Mann nicht angesehen?!« fuhr er den entzückten Kapitän an.

»Freilich. Ein schöner Mann!« sagte Jerram leichthin.

»Und sonst ist dir nichts aufgefallen?!«

Bobbys Augen traten vor Anspannung der Nerven aus der dicken Polsterung der Höhlen hervor.

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Aber, Roland, Mensch, bist du denn blind? Wo hast du deine berühmten Seemannsaugen? Hast du nicht gesehen, daß das Paterson ist?!«

»Wer?« fragte Jerram arglos. Doch seine Stimme knarrte eingerostet vor Freude.

»Paterson, George Paterson, der Kerl, der den armen Stephen umgebracht hat!«

»Unsinn«, wehrte Jerram matt. Er wollte noch weiter durchhalten.

Hay blickte sich verzweifelnd, hilfesuchend, rasend ob solcher Blindheit, auf dem Kai du Molard um.

»Aber, Menschenskind, hast du denn auch keine Ohren? Seine Stimme! Unverkennbar. Diese helle Trompetenstimme. Unter Tausenden würde ich sie heraus erkennen.« Er atmete laut und hastig.

»Mir ist nichts aufgefallen«, mißhandelte der Kapitän die Wahrheit.

Hay schüttelte zornig den kahlen Schädel. »Er spricht heute wie ein Engländer, und der Schnurrbart entstellt ihn ein wenig. Auch seine Haare an den Schläfen sind weiß. Aber was macht das? Ich erkenne ihn auf tausend Yards. Und du hast nichts bemerkt, du, der Bruder, den es am meisten angeht?! Das begreife der Satan.«

Noch immer hielt Jerram sich im Zaume.

»Wie sollte Paterson, selbst wenn er damals irgendwie märchenhaft gerettet wurde, heute einer der ersten Männer von England sein?« gab er seinem bohrenden Zweifel Ausdruck.

»Das weiß ich nicht! Geht mich auch nichts an!« brüllte Bobby Hay so laut und heftig, daß Passanten sich umdrehten.

»Vorsicht!« mahnte der Kapitän bewegt.

»Aber das weiß ich«, stürmte Hay leiser weiter, »daß er es ist. Ich begreife nur nicht, daß du –«

Da gab Jerram das Spiel auf. Und berichtete, weshalb er Hay nach Genf gebeten habe.

Schweigend, in tiefen Gedanken schritten sie dann die einsame Straße am See entlang, drüben, jenseits der Rue du Montblanc und der großen Hotels.

»Daß er heute der Leiter von Killick & Ewarts ist«, unterbrach Hay die Stille, »macht mich nicht einen Augenblick irre. Das Leben ist voll von Wundern. Das imponiert mir gar nicht. Und dann, vergiß nicht, er war schon in West Point der Tüchtigste von uns allen. Ich entsinne mich, daß der olle gute Walpole mal zu uns sagte:›Paßt auf, Jungens, der Paterson wird mal Befehlshaber der ganzen Flotte der Vereinigten Staaten.‹ Erinnerst du dich nicht?«

»Doch«, nickte Jerram.

Dann schwiegen sie wieder lange.

»Wenn er es ist – ich meine, wenn wir es beweisen können, hetze ich ihn nieder«, entschied endlich Hay. Aus seinem rosigen Posaunenengel-Gesicht war alle fröhliche Unbekümmertheit gewichen. Seine schwammigen, weichen Züge waren straff und brutal zusammengerafft. Die kleinen blauen Augen zwischen den Fettpolstern funkelten stählern.

Jerram blieb stehen und reichte ihm die Hand.

»Ich danke dir, Bob, du treue Seele. Für Stephen und für mich.«

Doch Hay schüttelte den Kopf. »Ich will ehrlich zu dir sein, Roland, und dir keine Komödie vormachen. Ich tue es nicht für den armen Stephen, noch für dich. Ich habe meine eigenen, sehr zwingenden Gründe.«

»Du?« Jerram zeigte auf ihn mit dem langen Finger eines sehr langen Armes.

Hay nickte. »Wir haben eine lange Rechnung miteinander zu begleichen. Die Sache ist die: Seit dieser Rutland – Paterson meine ich – an der Spitze von Killick & Ewarts steht, macht er meiner Firma – du weißt, ich bin Manager von Browning & Son in Neuyork – die heftigste Konkurrenz. Die Leute reden sich ein, die Engländer bauen besser und billiger. Quatsch, natürlich. Die können auch nicht hexen. Aber Paterson –. Nein, daß dieser von mir seit Jahren mit ganz speziellem Unwillen beehrte Rutland unser alter Kamerad Paterson ist, will mir noch immer nicht in den Speckschädel! Also, er redet den Leuten ein, er baue bessere und billigere Kähne als alle anderen. Und das Blöde ist, die Leute glauben's diesem Burschen. Sogar auf unserem ureigensten Markte – in Amerika, fühlen wir sehr empfindlich seine Hand. Vor kurzem erst hat einer meiner besten Kunden, unser größter Reeder, Jan Bouterweg, eine ganze Flotte bei den Engländern –«

Da schrie der kleine Mann gellend auf. Jerram tat einen Satz nach vorn, so erschreckte ihn Bobby Hays jähes Indianergeheul.

»Was ist?!« stammelte er bestürzt.

Doch Hay tanzte, tanzte mitten auf der Landstraße – sie waren inzwischen über die letzten Villen Genfs hinausgekommen – einen wilden Hornpipe, daß der gelbe Sand unter seinen Sohlen aufstäubte.

Dabei sang er mit Stentorstimme: »Ich habe ihn – ihn – ihn – ihn!«

»Was hast du?« wiederholte Jerram.

»Ihn, den Mörder. Und eine grandiose Idee dazu.«

Er hielt inne und sagte ganz ernst und geschäftlich: »Du – Bouterweg war doch im Winter in London und seine Frau auch.«

»Na –und?!«

»Weißt du nicht, wer Mrs. Bouterweg ist?«

»Keine Ahnung.«

»Sie!«

»Wer – sie?«

»Sie. Patersons Frau!«

»Ach nee, wahrhaftig? Aber ich begreife trotzdem nicht.«

»Wenn man wochenlang auswärts verhandelt, kommt man auch gesellschaftlich zusammen. Ich kenne das. Es müßte doch mit der bunten Kuh zugegangen sein, wenn Paterson und sie nicht aufeinandergeplatzt wären!«

Der Kapitän blickte unglücklich drein. Er war kein kluger Gedankenleser und Errater schlauer Eingebungen.

»Ich fahre zu ihr. Sie wohnen draußen in Arverne neben mir. Ich werde aus ihr schon herausholen, ob sie mit Paterson zusammengetroffen ist und ihn erkannt hat.«

»Und dann?« fragte Jerram ohne Begeisterung, »was kann das uns nützen?«

»Dann? Dann haben wir Gewißheit und Beweise. Und dann protzen wir ab.«

Langsam verstand der Kapitän.

Der kleine Mann sah wieder fröhlich und fidel drein. Er tänzelte vor Unrast und Tatenlust.

»Mensch, Jerram«, jubelte er, »wenn er es ist, und ich ihn niederjage, ich glaube, meine Gesellschaft zahlt mir zehntausend Dollar Skalpgeld, wenn ich uns diese verdammte Konkurrenz vom Halse schaffe. Morgen früh fahre ich nach Neuyork.«

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