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Alfred Schirokauer: Alarm - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/schiroka/alarm/alarm.xml
typefiction
authorAlfred Schirokauer
titleAlarm
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun1. ?10. Tausend
year1930
firstpub1930
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090225
projectida2445045
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12

Wochen und Monate der Reue, Verzweiflung und Sehnsucht waren verronnen. Diese qualvolle Skala der Empfindungen durchlebte und durchlitt Angelita. Der Zorn und Haß war lange verraucht. Aus der Feuersbrunst ihrer Sinne, ihrer Leidenschaft, ihrer Liebe, ihres Temperamentes und ihrer fessellosen Rassenmischung blieb nur die Asche der Scham zurück.

Sie begriff jetzt nicht mehr, daß sie sich so haltlos hatte hinreißen lassen, daß sie ihrem Schmerz, ihrer Enttäuschung, ihrer verwundeten Eitelkeit mit den keifenden Ausdrücken eines schimpfenden Marktweibes Luft gemacht hatte. Es war das zweitemal, daß sie sich dem Geliebten gegenüber in dem Rausche ihres Blutes verloren hatte. Es war wie damals in Tokio, als sie zu ihm gekommen war, ihm sich und ihr Leben darzubringen, und er sie von sich gewiesen hatte. Nur tiefer der Riß, nur klaffender die Wunde, nur unüberbrückbarer der Abgrund.

Sie hatte ihm längst die vermeintliche Untreue vergeben. Sie betörte sich mit der Ausflucht, daß es bei ihm ein flüchtiges Auflodern der Sinne gewesen sei. Wer konnte sagen, mit welchem Raffinement die schöne Amerikanerin ihn verführt hatte! Männer sind nun einmal wenig widerstandsfähig. Auch die besten und lautersten. Ein Spiel der Natur, mit dem Frauen sich abfinden müssen. Zudem war Muriel Bouterweg ja auch seit langem weit fort in Neuyork.

Angelitas Liebe hatte längst über ihren tobenden Schmerz und ihre rachsüchtige Demütigung gesiegt und war glorreich wieder über seinem Dasein aufgestiegen, wie sommerliche Abendsonne aus schwarzen, ausgedonnerten Gewitterwolken. Mit der Zeit erschien ihr jene entwürdigende Szene wie etwas Schwarzes, Dunkles, aus dem nur in Flammenschrift die Worte hervorleuchteten, mit denen er ihr beteuert hatte, daß er allein sie liebe und alle diese Jahre geliebt habe.

Er hatte gelogen. Ja, ja. Aber es war doch nur die Waffe gewesen, mit der er die Zärtlichkeiten einer Frau verteidigte, die er als Kavalier nicht bloßstellen durfte. Sie, die so viel in ihren diplomatischen Kreisen in zwei Weltteilen gesehen hatte, war doch keine kleinbürgerliche Philisterin! Keine beschränkte Schmollsuse und weißblütige Moraltante! Mein Gott, ein Mann und eine Liebschaft! Eine Bagatelle. Und sie hatte eine hitzige Tragödie daraus gemacht. Sie wußte, wie tief sie ihn verletzt hatte, gerade weil er ein Mann von Ehre war. Er mußte sie verachten wegen dieses pöbelhaften Auftritts. Sie war ihm fremd und unbegreiflich geworden. Deshalb hatte er ihr auch sein Geheimnis nicht gebeichtet. Man beichtete keiner fremden Frau.

Sie wagte keine Annäherung. Sie litt. Litt qualvoller als in der ersten Trennung, die ihr rasendes Blut verschuldet hatte. Damals waren sie durch Meere und Länder getrennt, bis auf seinen kurzen Aufenthalt in Madrid. Jetzt wohnten sie wenige Straßen voneinander, aber waren sich ferner als je zuvor.

Das Leben und die Trennung wurden ihr zu einer unerträglichen Pein. Sie rang mit dem Verlangen, ihn anzurufen, ihn aufzusuchen und fürchtete seine Abweisung. Fürchtete sie als endgültige Vernichtung alles dessen, das sie noch an dieses Dasein band. Wenn er sie jetzt noch einmal von sich stieß, zerbrach die letzte Hoffnung. Sie wußte, dann blieb ihr nur der Tod. In Todesfurcht mied sie jede Annäherung.

Sie lebte wie ehedem neben ihrem Manne hin. Seine Eifersucht und Angst vor öffentlicher Schande war eingedämmert, seitdem Lord Hastings zur Botschaft in Rom versetzt worden war.

Angelita suchte sich zu betäuben, warf sich in den Trubel der Londoner Saison, suchte in Vergnügungen, in Wohltätigkeitsrummel aufzugehen. Vergeblich. Alles war schal und nichtig. Wert und Sinn hatte nur er, der so nah war und so unerreichbar weit. Sie verfiel, kränkelte, sie ertrug den naßkalten Winter Englands nicht. Und raffte sich auf und ging geradenwegs vom Bette, in dem sie fiebernd fröstelte, in Gesellschaften, zu Diners, zu Bällen, von der Hoffnung gestählt und gejagt, ihn zu treffen.

Sie traf ihn oft. Er begrüßte sie kühl und korrekt, ging vorbei und mied sie. Die Qual seiner gleichgültigen Nähe war tödlicher als seine Ferne, die erfüllt war von ihren Phantasien und Träumen seiner Liebe.

Doch seine Kälte war nur Schaustück. Auch er suchte nur die Gesellschaft, um ihr zu begegnen. Trotz der schwärenden Wunde, die ihm ihre Verachtung geschlagen hatte, trotz der Beschämung, die in ihm bohrte, weil er nun wußte, daß er ihr, ihr allein seine überragende Stellung verdankte.

Es half ihm nichts, daß er sich verbissener durch Arbeit zu narkotisieren suchte als in der Zeit des ersten Bruches. Die Liebe und Sehnsucht pulste durch jede Betäubung und Arbeitsbesessenheit hindurch. Vergeblich griff er mit den Armen seines Werkes über die Erde hin, vergeblich rang er die ausländischen Werften und Waffenfabriken in ihren eigenen Heimatländern nieder, vergeblich verdoppelte er die Aufträge von Killick & Ewarts, vergeblich beherrschte er eine Armee von zweihunderttausend Arbeitern, vergeblich begrub er sich unter Lawinen von Verträgen und Ausführungen, hetzte ein Heer von Ingenieuren zu immer neuen Erfindungen, Ideen, Konstruktionen, schuf eine neue Abteilung für den Bau von Luftfahrzeugen, deren Erzeugnisse alle anderen Engländer aus dem Felde schlugen.

Vergeblich tat er dies alles auch, um ihr, ihr allein zu beweisen, daß er des Platzes würdig war, zu dem sie ihn erhoben hatte. Unter dieser gigantischen Arbeit und ihrem laut bejubelten Erfolge schwelte die Liebe, die Sehnsucht und die Scham. Und wenn er sie traf, fand er nicht die Kraft, sich zu überwinden. Er hatte mehr von ihr ertragen, als seine Mannhaftigkeit hinnehmen konnte.

Wenn sie sich wieder finden sollten, mußte von ihr der erste Schritt getan werden. Sie hatte ihn erniedrigt und entehrt. In der hölzernen Würde der Männer war es ihm unmöglich, zuerst die Hand zur Versöhnung zu bieten. Trotz aller Liebe, trotz aller Sehnsucht, gerade wegen der tiefen Beschämung, die sie ihm durch ihre Hilfe angetan hatte.

Gleich am Tage nach Angelitas zerstörendem Besuche hatte er, jetzt der allmächtige Chef, an den Vertreter von Killick & Ewarts in Tokio, Septimus Egan, geschrieben und um Aufklärung der mystischen Andeutungen der Herzogin Breton de Los Herreros ersucht. Voll zermürbender Ungeduld erwartete er die Antwort. Selbst über die transsibirische Bahn erforderten die Briefe fünf Wochen.

Endlich traf Egans Bericht ein.

»Da die Herzogin selbst das Geheimnis gelüftet hat«, schrieb Egan, »erachte auch ich mich nicht mehr an mein Versprechen, Ihnen gegenüber, verehrter Freund, zu schweigen, gebunden. Die Sache war so: Eines Tages sprach die Herzogin, die ich gesellschaftlich nur ganz flüchtig kannte, mich bei einem Tee der amerikanischen Botschaft an. Sie brachte geschickt das Gespräch auf Sie und fragte mich, wie ich mit Ihnen zufrieden wäre. Ich war ein wenig verwundert über diese Teilnahme der großen Dame an meinem Dolmetscher. Aber, verzeihen Sie meine Offenheit, verehrter Freund, ich habe meiner Tage so viel gesehen und erlebt, daß nichts mehr mir wirkliches Erstaunen abnötigen kann. Ich begriff natürlich sofort. Warum sollte eine Herzogin, eine so schöne und kluge Herzogin, sich nicht für einen – verzeihen Sie meine Ehrlichkeit – sehr hübschen, begabten, tüchtigen jungen Dolmetscher interessieren?!

Ich erklärte der Dame, daß ich mit Ihnen ganz außerordentlich zufrieden sei, daß mich besonders Ihre ballistischen Kenntnisse und Ihre Vertrautheit mit der gesamten maritimen Ausrüstung frappierten, daß ich auch Ihre Gewandtheit im Verhandeln mit Vergnügen festgestellt hätte.

Meine Mitteilungen schienen der Herzogin angenehm. Und da schmiedete sie mit mir ein Komplott, das ich bis zu dieser Stunde geheimgehalten habe, und das ich mit ins Grab genommen hätte, wenn die Dame nicht selbst Ihnen Andeutungen gemacht hätte.

Sie sagte mir: ›Mr. Egan, bringen Sie diesen Mann zu Ihrer Firma Killick & Ewarts. Er soll in London verlangen, als Vertreter nach Spanien gesandt zu werden. Unser Krieg in Marokko verlangt Waffen. Er soll den Direktoren von Killick & Ewarts folgenden Vorschlag machen: Wenn die Lieferung, die er in Madrid abschließe, nicht außergewöhnlich groß sei, wolle er sich mit einer Provision begnügen, die unter der normalen Höhe bleibe. Wenn er aber mit einem Auftrage zurückkehre, der eine Million Pfund übersteige, verlange er einen Posten in der Leitung der Firma. Fordern Sie, mein lieber Mr. Egan‹, sagte sie zu mir, ›von diesem Abschluß, wie billig, Ihre Provision. Mein Mann und ich kehren sehr bald nach Spanien zurück. Ich werde hinter den Kulissen für Mr. Rutland arbeiten.‹

Sie erinnern sich, hochverehrter Freund, daß ich Ihnen damals diesen Vorschlag machte, aber tat, als sei er auf meinem Blumenbeete gewachsen.

So steht die Sache. Alles andere wissen Sie selbst. Ich hoffe, Sie verübeln mir nicht die Rolle, die ich in dieser Sache gespielt habe. Es war ja nur zu Ihrem Besten.«

Ja, weiß Gott, es war zu seinem Besten gewesen! Er erinnerte sich! Es war sein Schicksalsweg geworden. Er hatte »Egans« Rat befolgt. Hatte den Herren in London kühn den Vorschlag unterbreitet. Die Herren waren zuerst konsterniert gewesen, als ihnen ein unbekannter junger Mann, der nichts aufzuweisen hatte als ein sehr warmes Empfehlungsschreiben des erfolgreichen Vertreters in Japan, dieses ungewöhnlich selbstbewußte Anerbieten machte. Man hatte ungläubig gelächelt, ihn als Phantasten ohne Antwort entlassen. Doch dann ergab es sich, daß der Eindruck seiner starken Persönlichkeit durchaus geteilt war. Einer der Direktoren hatte nicht gelächelt, sondern ihn ernsthaft betrachtet. Er traute ihm den Erfolg seines großen Vorhabens zu. Die anderen wollten ihn als großsprecherischen Schwätzer abtun. Doch dieser eine trat für ihn ein, stellte den Kollegen vor, daß die Gesellschaft ja kein Risiko eingehe. Der Madrider Agent von Killick & Ewarts sei untüchtig, seine Rückberufung sei bereits beschlossen. Warum es also nicht mit diesem Mister – wie hieß er doch – man suchte die Visitenkarte, die ihn gemeldet hatte – dort auf dem Tische lag sie –, mit diesem Mr. John D. Rutland versuchen? Brächte er kleinere Aufträge, dann erhielt er die geringe Provision, die er verlangt habe. Brächte er aber einen Auftrag von über einer Million Pfund aus Madrid zurück – »Nun, meine Herren, dann hat er wohl den Beweis geliefert, daß ihm eine Stelle unter uns gebührt.«

So sprach der menschenkundige Leiter der Auslandsabteilung von Killick & Ewarts und drang durch. Von ihm selbst hatte Rutland die Ereignisse dieser denkwürdigen Sitzung erfahren.

Als er jetzt, den aufklärenden Brief Egans in der Hand, an seinen beispiellosen Erfolg in Madrid dachte, stieg ihm das Blut purpurn zu den ergrauten Schläfen empor. Alles, was er eitel und eingebildet seiner Klugheit, seiner Geschicklichkeit, seiner Energie und Kunst der Verhandlung zugeschrieben hatte, war Angelitas Werk gewesen! Trotz des Bruches in Tokio, trotz ihrer Entfremdung hatte sie heimlich für ihn in Madrid gearbeitet, ihre Beziehungen bei Hofe, in den Ministerien ausgespielt zu seinem Nutzen. Überall hatte er offene Türen gefunden und diese Verhandlungsbereitschaft damals seinem einnehmenden Wesen, seiner klaren Art der Darlegung der Geschäfte, seiner eindringlichen, erläuternden Sachkenntnis gutgebracht. Er hatte einen Auftrag von eineinhalb Millionen Pfund, der sich über drei Jahre erstreckte, nach London mitgenommen.

Und alles war Angelitas Werk, dachte er jetzt übertreibend. Denn einen Teil dieses Riesenauftrags hatte doch seine Tüchtigkeit in die Scheuer geborgen.

Das vergaß er in dieser Stunde tiefster Demütigung. Sie hatte ihn in den Sattel gehoben. Nur sie. Reiten konnten dann auch andere. Auf das Pferd kommen, das war die Schwierigkeit! Er schämte sich vor Septimus Egan, der alles wußte, er schämte sich vor den Kollegen, die nichts wußten und ihn beneideten. Er schämte sich am tiefsten vor Angelita.

Jetzt erschien er sich wirklich als Betrüger. Nein, schlimmer, alberner, entehrender: wie ein lächerlicher, radschlagender Pfau kam er sich vor. Er war im tiefsten Innern stolz gewesen auf seine Leistungen, auf seine Stellung. Hatte sich eingebildet, durch sie Angelita ebenbürtig zu werden. Und im Grunde hatte sie ihn – gemacht! Ein grotesk aufgeputzter Bajazzo war er vor ihr – weiter nichts.

Sein Entschluß stand fest. Er wollte zurücktreten, alle seine zu Unrecht angemaßten Ämter und Würden von sich schleudern und ins Dunkel verschwinden.

Da trat ein Ereignis ein, das seine Absicht vereitelte.

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