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Aktenfaszikel 113

Émile Gaboriau: Aktenfaszikel 113 - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Gaboriau
titleAktenfaszikel 113
publisherPhilipp Reclam jun.
yearo. J.
translatorHenriette Dévidé
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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16.

André Fauvel hatte den Neffen seiner Frau, von dem er bisher nie etwas gehört hatte, auf das herzlichste aufgenommen, und da der junge Mann sehr einnehmende Manieren besaß, heiter und geistreich war, so gewann er rasch die Freundschaft der Söhne Fauvels und Prospers; letzterer war besonders von ihm bezaubert.

Als Valentine sah, wie alle im besten Einvernehmen lebten und welch wohltätigen Einfluß der Umgang ihrer Söhne auf Raoul hatte, atmete die unglückliche Frau wieder auf und sie freute sich fast, dem Marquis gehorcht zu haben.

Aber die Freude währte nicht lange. Raoul, der bisher sich in Geldsachen unendlich zartfühlend gezeigt hatte, trat jetzt mit immer neuen Forderungen an sie heran, er behauptete, er könne hinter seinen beiden »Vettern« nicht zurückbleiben; die allerdings hätten das Glück, einen reichen Vater zu besitzen, während er –! Er vollendete den Satz nicht und kränkte die unglückliche Frau durch diese Andeutung nur noch mehr.

Zuerst freilich hatte sie mit Freuden und ohne zu zählen gegeben, aber endlich sah sie ein, daß sie sich ins Verderben stürzen müßte, wenn sie in ihrer Freigebigkeit nicht einhielt.

Ihr Mann verlangte von ihr niemals eine Abrechnung. Er hatte ihr vom ersten Tage ihrer Verheiratung an den Schlüssel zu seinem Privatschreibtisch eingehändigt und ohne Einschränkung konnte sie daraus entnehmen, was sie zur Bestreitung des Haushaltes und ihrer persönlichen Bedürfnisse brauchte.

Aber gerade weil sie stets so sparsam gewesen, konnte sie nicht plötzlich über große Summen verfügen, ohne daß es ihrem Manne aufgefallen wäre. Wie, wenn er plötzlich Rechenschaft von ihr gefordert hätte? Was sollte sie sagen? Raoul hatte sie schon ein kleines Vermögen gekostet, sie hatte ihm eine Wohnung eingerichtet, ihn ganz ausgestattet, er hatte ein Reitpferd gewünscht und sie hatte nicht das Herz, es ihm abzuschlagen. Aber er kam täglich mit neuen Wünschen, neuen Bitten, und wenn sie ihm sagte, daß sie außerstande sei, sie zu erfüllen, warf er sich ihr zu Füßen, bat sie mit Tränen in den Augen wegen seiner Schlechtigkeit um Verzeihung, sie sollte ihn nicht für undankbar halten, er wäre ja ohnehin so tief unglücklich.«

»Unglücklich?« rief die Mutter verzweiflungsvoll.

»Gewiß, unglücklich,« entgegnete er, »bin ich denn nicht rechtlos? Meine Brüder sind glücklich, die sind durch das goldene Tor in das Leben eingegangen, sie haben Vater und Mutter und alles. Ich bin verstohlen zur Welt gekommen, ich habe keinen rechtmäßigen Namen, habe kein Anrecht weder auf deine mütterliche Zärtlichkeit, noch auf deine Wohltaten – – soll ich da nicht unglücklich sein?«

Nach solchen Reden war sie wieder vollständig entwaffnet und zu jedem weiteren Opfer bereit.

Als der Sommer kam und sich die Familie Fauvel wie alljährlich auf ihr Gut bei Saint-Germain begab, sagte Raoul eines Tages: »Mutter, ich habe mir in der Nähe ein Häuschen gemietet, damit ich beständig bei dir sein kann.«

Valentine freute sich darüber und besonders, weil sie hoffte, er werde auf dem Lande weniger Gelegenheit haben, Geld zu verschwenden.

Aber er war unverbesserlich.

Er besuchte die Rennen und verlor.

Das erste Mal nach einem solchen Abenteuer mied er das Alleinsein mit der Mutter und machte das Geständnis, daß er zweitausend Frank verloren, beim Mittagessen in Gegenwart der ganzen Familie. Sie war entsetzt, wagte aber natürlich vor den anderen nur sanfte Vorwürfe und Ermahnungen.

Aber Herr Fauvel unterbrach sie lachend und sagte: »Ach, das Unglück ist nicht so groß, Mama Lagors wird schon zahlen, wozu wären denn sonst Mamas auf der Welt?«

Frau Fauvel wurde so blaß wie eine Leiche. Jetzt erkannte sie erst, in welch fürchterliches Lügengewebe sie sich verstrickt hatte, als sie, Clamerans Befehl gemäß, gesagt hatte, daß die Lagors reich seien.

Unterdessen fuhr ihr Mann heiter fort: »Mache dir nichts daraus, mein Junge, wenn die Tante zankt; wenn du Geld brauchst, komm zu mir, ich leihe dir soviel du willst.«

Raoul ließ sich das nicht zweimal sagen, wenige Tage darauf entlehnte er wirklich vom Bankier zehntausend Frank.

Frau Fauvel war über diese Frechheit außer sich, sie konnte nicht begreifen, was er mit all dem Gelde anfing und entschloß sich, an Clameran, der sich schon längere Zeit nicht hatte bei ihr blicken lassen, zu schreiben und ihn um seinen Besuch zu bitten.

Seine Vormundspflicht, meinte sie, wäre es, den törichten Jüngling zum Maßhalten zu bestimmen.

Der Marquis tat äußerst empört, als er von den Streichen seines Neffen – von denen er, wie er sagte, keine Ahnung hatte – hörte, und es kam zwischen ihm und Raoul zu einem heftigen Auftritt.

Allein so wenig argwöhnisch auch Frau Fauvel von Natur aus war, so wollte ihr der Streit der beiden doch sehr gemacht erscheinen, und es schien ihr, als lachten die Augen, während der Mund von den bittersten Worten überfloß.

Sie wagte keine Bemerkung, aber der Zweifel war in ihrer Seele erwacht. Zwar machte sie Raoul dafür in ihrer blinden Mutterliebe nicht verantwortlich, vielmehr meinte sie, daß der Marquis die Schwachheit und Unerfahrenheit seines Neffen mißbrauche.

Aber was konnte sie machen? Sie wußte, daß sie diesem gewissenlosen Menschen preisgegeben war und nur gefaßt sein mußte, daß er mit immer neuen, immer schrecklicheren Forderungen an sie herantreten werde.

Sie sollte nur zu bald erfahren, wie sehr ihre Befürchtungen begründet waren.

Eines Tages erschien der Marquis ernster denn je. Er klagte heftig über Raoul und sagte: »Der Junge ist schier unverbesserlich, er wird Sie zugrunde richten, wie er mich bereits zugrunde gerichtet hat. Er hat Schulden – es gibt nur ein Mittel ihn zu retten. Ich muß zu Vermögen kommen, dann kann ich ihn aus Wuchererhänden befreien, ihn instand setzen, angemessen zu leben . . .«

»Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?« fragte Valentine mit bebenden Lippen, denn sie sah eine ungeheuerliche Forderung voraus.

»Die Katastrophe ist unabwendbar,« sagte der Marquis langsam, »wenn ich nicht Magda zur Frau bekomme.«

Diese unerwartete Erklärung traf die unglückliche Frau ins tiefste Herz.

»Und Sie können glauben, daß ich zu solcher Schändlichkeit die Hand biete?«

Mit der ruhigsten Miene von der Welt nickte der Marquis mit dem Kopfe und sagte: »Ja, das glaube ich.«

Diese Unverfrorenheit entrüstete Frau Fauvel aufs höchste.

»Nun ist es genug,« rief sie, »ich habe mich Ihnen gegenüber lange genug schwach und feige gezeigt und habe vieles erduldet, an meiner Familie aber sollen Sie sich nicht vergreifen!«

»Wäre es denn ein Unglück für Fräulein Magda, Marquise von Clameran zu werden?«

»Meine Nichte hat schon ihre Wahl getroffen, sie wird sich demnächst mit Herrn Prosper Bertomy verloben.«

»Aber sie ist noch nicht verlobt, sie wird diese Backfischneigung vergessen, sobald sie weiß, daß Sie ihre Verbindung mit mir wünschen.«

»Ich wünsche sie aber nicht.«

»Frau Fauvel,« sagte der Marquis scharf, »vergeuden wir die Zeit nicht mit unnützen Streitigkeiten. Sie wissen, mit solchem Geplänkel haben Sie immer begonnen, um schließlich einzusehen, daß ich recht habe, und daß Sie sich fügen müssen. Sie werden auch diesmal nachgeben.«

»Nein,« rief sie mit Festigkeit. »Nein!«

Er beachtete ihre Unterbrechung nicht.

»Ich bestehe ja auf diese Heirat hauptsächlich Ihretwillen,« fuhr er fort, »Sie sind am Rande Ihrer Mittel – was dann? Sie haben schon bedeutend mehr verausgabt, als Sie vor Ihrem Manne verantworten können – was dann, wenn es ihm einfällt, von Ihnen Rechenschaft über die fehlenden Summen zu verlangen?«

Frau Fauvel schauderte, der Marquis hatte nur zu recht, dies Schreckliche konnte jeden Augenblick über sie hereinbrechen.

»Magdas Mitgift würde mich in den Stand setzen, Ihr Defizit zu decken, Sie zu retten,« sagte der Marquis.

»Um diesen Preis will ich nicht gerettet sein.«

»Sie vergessen, daß auch Raouls Zukunft davon abhängt.«

»Nein,« rief Frau Fauvel, »und tausendmal nein! Ich bin zum Äußersten entschlossen! O, sehen Sie mich nicht so spöttisch an, ich schwöre Ihnen, daß, wenn Sie von diesem letzten schändlichen Plan nicht abstehen, ich meinem Manne alles gestehen werde. Er liebt mich und wird mir verzeihen.«

»Glauben Sie?« fragte der Marquis höhnisch.

»Und wenn er mir nicht vergeben kann, wenn er mich von sich stößt, so habe ich es verdient. Nach den schrecklichen Qualen, die ich durch Sie erdulde, gibt es nichts mehr, was mich schrecken könnte!«

Der unerwartete Widerstand brachte den Marquis so auf, daß er außerstande war, sich länger zu beherrschen. Sein Ausdruck wurde drohend, seine Stimme grob.

»Wirklich,« sagte er höhnisch, »Sie wollen Ihrem Mann ein Geständnis ablegen! Ein rührender Gedanke, nur kommt er leider etwas zu spät. Ihr Mann hätte Ihnen vielleicht einen Jugendfehler verzeihen können, nachdem Sie sich zwanzig Jahre lang als Gattin tadellos betragen haben. Aber jetzt, gnädige Frau – was meinen Sie, wird der gute Mann sagen, wenn er erfährt, daß der angebliche Neffe, der an seinem Tische ißt, dem er Geld borgt, der uneheliche Sohn seiner tugendhaften Gemahlin ist! Ich zweifle, daß er die Sache von der humoristischen Seite auffaßt, und in der Tat gibt es wohl kaum ein ähnliches Beispiel von unerhörter Falschheit.«

»Sie haben kein Recht, mir Vorwürfe zu machen,« rief Frau Fauvel entrüstet. »Aber, was auch geschehen mag – ich sagte es Ihnen schon – ich werde meine Pflicht tun.«

»Sie werden tun, was ich will,« rief der Marquis, der jede Selbstbeherrschung verlor, »die Mitgift Magdas ist uns unentbehrlich und übrigens – ich liebe Ihre Nichte.«

Er bezwang sich und fuhr in ruhig-höflichem Tone fort: »An Ihnen ist es, gnädige Frau, meine Gründe zu erwägen. Glauben Sie mir, es ist das letzte Opfer, das Sie bringen. Denken Sie an die Ehre Ihres Hauses, die Ihnen doch wichtiger sein muß als die törichte Liebelei eines jungen Mädchens. Ich verlasse Sie jetzt und werde erst in drei Tagen wiederkommen, um Ihre Antwort zu holen.«

»Bemühen Sie sich nicht, Herr Marquis, sobald mein Mann nach Hause kommt, erfährt er alles.«

Jetzt war Clameran ernstlich besorgt, wie kam die schwache Frau zu soviel Widerstandskraft? Aber er ließ sich von seinen wahren Gefühlen nichts anmerken, machte eine förmliche Verbeugung und sagte: »Ganz wie Sie wollen, doch hoffe ich in Ihrem Interesse, daß die Vernunft siegen wird.«

Und er ging.

Aber Frau Fauvels Entschluß stand diesmal unerschütterlich fest.

»Nein,« rief sie, »keine sogenannten Vernunftgründe mehr, ich sage André alles!«

Da schrak sie plötzlich zusammen, ihr war's, als habe sie Schritte hinter sich vernommen, sie wandte sich jäh und starrte entsetzt ihrer Nichte entgegen.

Magda war totenbleich und Tränen glänzten in ihren Augen.

Angrenzend an den Salon befand sich ein kleines Lesezimmer, das nur durch einen leichten Vorhang abgeschlossen war, in diesem Nebenraume hatte sich das junge Mädchen befunden.

»Wir müssen dem Marquis gehorchen, Tante,« sagte sie leise.

»Um Gottes willen, du hast gehört . . .?«

»Ja, Tante, alles. Verzeihe, ich weiß, daß es unrecht war, als ich aber meinen Namen nennen hörte, blieb ich unwillkürlich und dann war es zu spät . . . Aber es ist besser, daß ich alles gehört habe, denn – nun kenne ich meine Pflicht.«

»Unglückselige, du willst damit doch nicht sagen . . .«

»Daß ich den Marquis heiraten werde.«

»Aber Kind, das Opfer darf ich nicht zugeben, du kannst den Marquis unmöglich lieben!«

»Ich hasse und verabscheue ihn, aber das darf mich nicht hindern, seine Frau zu werden.«

»Und Prosper . . .?«

Magda bekämpfte die Tränen, die neu in ihr aufsteigen wollten und antwortete: »Ich werde heute noch mit ihm brechen.«

»Nein,« rief die Tante, »nimmermehr gebe ich zu, daß du, Unschuldige, dich für mich aufopferst.«

»Tante,« entgegnete das edle junge Mädchen, »dir verdanke ich alles, du hast dich meiner erbarmt, als ich hilflos und verlassen gewesen, du warst mir Mutter, deine Söhne sind meine Geschwister, dein Haus das meine. Und ich soll nun zugeben, daß Schmach und Unglück unter das Dach einzieht, wo ich soviel Wohltaten empfangen, wo ich so glücklich gewesen, ich soll es zugeben, wo es in meine Hand gegeben ist, es abzuwenden? Nein, Tante, es ist kein Opfer, das ich dir bringe, es ist eine heilige Pflicht, die ich erfülle.«

»Nein, nein,« stöhnte die unglückliche Frau, »ich werde dich, Engel, dem Schurken nicht ausliefern.«

»Vergißt du den guten Onkel? Denke an seinen Schmerz, wenn er die Wahrheit erführe . . . er stürbe daran . . . Und deine Kinder . . . vergißt du sie . . .?«

Frau Fauvel weinte und ihr Widerstand wurde schwächer.

»Aber, armes Kind, was für ein Leben hättest du an der Seite dieses Mannes!«

»Es wird vielleicht nicht so schlimm sein, wie du denkst, Tante,« antwortete Magda und heuchelte eine Zuversicht, die ihr fern war, »er sagt ja, daß er mich liebt – er wird gewiß gut gegen mich sein. Ich fürchte nur eins, Tante . . . aber ich wage nicht, es zu sagen . . .«

»Sprich immerhin; du glaubst, ich habe noch etwas zu befürchten?«

»Ja, ich glaube nicht an die Aufrichtigkeit des Marquis, seine Entrüstung über Raoul kam mir gemacht vor, ich halte das Ganze für eine zwischen ihnen abgekartete Komödie.«

Wohl fielen Frau Fauvel ihre eigenen Wahrnehmungen bei dem Streit zwischen Raoul und dem Marquis ein, aber ihre Mutterliebe verblendete sie, sie wollte an die Schlechtigkeit ihres Sohnes nicht glauben.

»Nein, nein,« sagte sie, »du irrst dich, Raoul ist leichtsinnig, aber er ist nicht schlecht und er liebt mich wirklich, wenn du sehen könntest, wie zerknirscht er ist, wenn ich ihm Vorwürfe mache . . .«

»Gebe der Himmel, daß du recht habest, liebe Tante, dann wird meine Heirat nicht vergeblich sein. Wir wollen also sofort dem Marquis schreiben.«

Frau Fauvel erschrak. »Wozu sofort, wir können warten, Zeit gewinnen.«

Diese Worte waren für die schwache Frau höchst bezeichnend: immer unschlüssig, zögernd – ihr ganzes unglückliches Schicksal war nur die Folge ihrer Charakterschwäche.

Magda aber war eine entschlossene, energische Natur.

»Es ist besser, die Sache sofort ins reine zu bringen, es muß ein Ende gemacht werden, damit du zur Ruhe kommst. Sieh dich nur an, arme Tante, was die Sorgen aus dir gemacht haben, du hast dich so verändert, daß es ein Wunder ist, wenn der Onkel nicht endlich aufmerksam wird.«

In der Tat war Frau Fauvel nur mehr der Schatten ihrer selbst; sie, die noch vor wenigen Monaten die Schönheit einer vollerblühten Rose besessen, sah jetzt welk und alt aus. Ihre Stirn war gefurcht, ihre Augen eingesunken, ihr wundervolles Haar von Silberstreifen durchzogen.

Frau Fauvel seufzte tief auf, als sie sich in dem Spiegel, den ihr Magda vorhielt, erblickte.

»Tröste dich, Tantchen,« schmeichelte das junge Mädchen liebevoll, »bist du nur erst deiner Sorgen ledig, dann wirst du wieder neu erblühen.

Am nächsten Tag erhielt der Marquis von Clameran einen Brief von Frau Fauvel, in welchem sie ihm mitteilte, daß sie in seine Vorschläge einwillige und nur um etwas Zeit bitte, da Magda nicht so schnell mit Herrn Bertomy brechen könne, auch die Einwilligung Herrn Fauvels erst gewonnen werden müsse.

Aber Magda wollte auch in diesem Punkte nichts von Verzögerung wissen. Noch am selben Abend hatte sie eine Unterredung mit Prosper. Sie bat ihn, auf sie Verzicht zu leisten und rang ihm das Versprechen ab, sie meiden zu wollen. Auch die Verantwortlichkeit für den Bruch sollte er auf sich nehmen.

Er bat und beschwor sie, ihm die Gründe bekannt zu geben, aber sie antwortete nur, daß ihre Ehre und ihr Glück auf dem Spiele stünden und von seinem Gehorsam abhingen.

Prosper ging, im Innersten gebrochen, und der Marquis erschien auf der Bildfläche. Er erklärte, daß er sich gern gedulden wolle, er wüßte wohl, daß er erst die Zuneigung des Herrn Fauvel gewinnen müsse, setzte er ironisch hinzu.

Innerlich war er überzeugt, daß der Augenblick, wo Frau Fauvel selbst die Heirat beschleunigen würde, nicht mehr fern sein konnte. Raoul sorgte dafür, daß die Ebbe in ihrer Kasse immer mehr zunahm. Er hatte jetzt jede Scham abgestreift und die Heuchelei fallen gelassen, er besuchte die Mutter nur, wenn er Geld brauchte und forderte es in brutaler Weise.

Eines Tages fand bei dem Bankier eine große Gesellschaft statt, zu der auch der Marquis geladen war.

Bei dem Diner wandte sich Herr Fauvel plötzlich zu Clameran und fragte: »Ich möchte Sie um eine Auskunft bitten, Herr Marquis; haben Sie Verwandte Ihres Namens?«

»Nicht das ich wüßte.«

»Ich kenne seit acht Tagen einen anderen Marquis von Clameran.«

So sehr Louis auch mit Frechheit gepanzert war, so verlor er doch einen Augenblick die Fassung, er erbleichte und nur mit großer Willensanstrengung gelang es ihm, eine Entgegnung zu finden.

»Der Marquistitel ist da auf alle Fälle etwas verdächtig,« sagte er.

»Marquis oder nicht,« versetzte der Bankier heiter, »jedenfalls besitzt der Mann die Mittel, den Adeligen zu spielen.«

»Ist er reich?«

»Ich habe Grund, es anzunehmen, da ich von einem Reeder in Havre den Auftrag erhielt, ihm für die Fracht eines brasilianischen Schiffes 400 000 Frank auszuzahlen.«

»Da kommt er wohl aus Brasilien?«

»Ich weiß es nicht, aber wenn es Sie interessiert, kann ich Ihnen seinen ganzen Namen sagen.« Er zog sein Notizbuch hervor, blätterte darin und sagte: »Er nennt sich Gaston, Marquis von Clameran.«

Louis hatte indes Zeit gehabt, sich zu sammeln, er zuckte mit keiner Wimper, als der Name Gaston an sein Ohr schlug und sagte leichthin: »Ah, jetzt finde ich mich zurecht, Gaston hieß ein Vetter von mir, die Tante, meines Vaters Schwester, hat nach Havanna geheiratet; als ich noch ein Kind war, besuchte uns die ganze Familie einmal und blieb über ein Jahr auf Schloß Clameran. Bei seiner Rückkehr nach Frankreich hat mein Neffe offenbar den Namen seiner Mutter angenommen, der jedenfalls besser klingt als der seines Vaters, welcher, wenn ich mich recht entsinne, Moriot oder Boiriot hieß.«

»Nun, ich denke, Sie werden bald Gelegenheit haben, sich zu überzeugen, ob es Ihr Vetter ist,« antwortete Fauvel, »sobald er nach Paris kommt, werde ich ihn zu Tisch einladen und Sie ebenfalls bitten, unser Gast zu sein.«

Clameran verneigte sich.

»Es wäre mir wirklich angenehm, seine Bekanntschaft zu machen oder zu erneuern,« antwortete er.

Das Gespräch wandte sich anderen Dingen zu und Clameran schien an die Mitteilung gar nicht mehr zu denken.

Weit bestürzter als er waren Frau Fauvel und Magda; bei der Nennung des Namens Gaston hatten sie einen Blick gewechselt und ein Verdacht stieg gleichzeitig in ihnen auf.

Am bestürztesten aber war Raoul, er sah wie ein ertappter Bösewicht aus und während der ganzen Mahlzeit war er, sonst ein glänzender und unterhaltender Gesellschafter, ganz still und saß wie betäubt da.

Endlich war die Mahlzeit zu Ende und die Gäste begaben sich in den Salon.

Clameran war etwas zurückgeblieben, Raoul trat hastig auf ihn zu und flüsterte: »Er ist es.«

»Das glaube ich selbst.«

»Dann sind wir verloren und müssen schleunigst Reißaus nehmen.«

Aber der Abenteurer Clameran war nicht der Mann, die Flinte vorschnell ins Korn zu werfen.

»Damit hat es noch gute Wege. Wenn wir nur vorerst wüßten, wo der Unglücks-Clameran zu finden ist . . .?«

»Ich glaube, Herr Fauvel hat sein Notizbuch auf dem Tisch liegen lassen,« flüsterte Raoul.

Mit fieberhafter Hast stürzte sich Louis darauf, öffnete es dreist und blätterte.

»Ah,« sagte er befriedigt, »da ist seine Adresse: Marquis von Clameran Oloron, Basses Pyrenées.«

»Und was hast du damit gewonnen, daß du seine Adresse weißt?« fragte Raoul.

»Das kann unsere Rettung sein. Doch komm, damit unsere Abwesenheit nicht auffällt, und mehr kaltes Blut, wenn ich bitten darf, um ein Haar hättest du uns durch dein Benehmen verraten.«

»Ich fürchte, die beiden Frauenzimmer ahnen etwas.«

»Was liegt daran? Sie sind in unserer Gewalt.«

Die beiden Spießgesellen trennten sich, als sie aber abends beide das gastliche Haus verließen, nahmen sie das Gespräch wieder auf. Louis hatte seinen Plan schon fertig.

»Alles hängt nur davon ab, ob Gaston – daß er es wirklich ist, bezweifle ich nicht – weiß, daß Valentine die Gattin Fauvels ist. Wenn er es weiß, bleibt uns allerdings nichts übrig, als mit Beschleunigung zu verschwinden, wenn er es aber nicht weiß, ist nichts verloren.«

»Wie willst du das aber herausbringen?«

»Ich werde ihn einfach selber fragen.«

»Die Idee ist großartig, scheint mir aber gefährlich.«

»Untätigkeit wäre noch viel gefährlicher, daher ist es das beste, ich fahre hin.«

»Wie, du wolltest . . .?« fragte Raoul aufs höchste erstaunt. »Und was geschieht inzwischen mit mir?«

»Du bleibst ruhig hier. Sollte sich die geringste Gefahr ergeben, so telegraphiere ich dir sofort und du machst dich aus dem Staube. Und nun lebewohl, morgen abend bin ich in Oloron und werde wissen, woran wir sind.«

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