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Aktenfaszikel 113

Émile Gaboriau: Aktenfaszikel 113 - Kapitel 12
Quellenangabe
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typefiction
authorEmile Gaboriau
titleAktenfaszikel 113
publisherPhilipp Reclam jun.
yearo. J.
translatorHenriette Dévidé
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secondcorrectorGerd Bouillon
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11.

Unweit von Tarascon liegt am rechten Ufer der Rhone das alte, nun ziemlich verfallene Feudalschloß von Clameran.

Vor etwa dreißig Jahren wohnte dort der alte Marquis von Clameran mit seinen beiden Söhnen Gaston und Louis.

Der alte Marquis war ein Überbleibsel aus längstvergangenen Zeiten. In seinen Augen war die große Revolution nichts als eine Meuterei elender Schurken gewesen, und der Adel galt ihm noch immer als eine bevorzugte Rasse, der alles erlaubt sei. Er lebte auf großem Fuße, verbrauchte das Doppelte von seinen Einkünften und rechnete zuversichtlich darauf, daß mit der Wiederkehr des alten Königtums der Glanz und Reichtum seines Geschlechtes wieder hergestellt werden würde.

Von seinen beiden Söhnen folgte nur Louis seinem Beispiele, er lebte auf großem Fuße, spielte und trank und ging auf Abenteuer aus, wie die Helden alter Ritterromane; Gaston dagegen versuchte die neue Zeit zu verstehen, er begriff, daß die Vorurteile seines Vaters ungerechtfertigt waren und las und lernte soviel er konnte, auch ließ er sich heimlich Zeitungen kommen, vor deren Namen allein sich der alte Marquis schon entsetzt haben würde.

Dem Schlosse von Clameran gegenüber, am anderen Rhoneufer, steht inmitten eines wundervollen Parkes das Kastell Laverberie, in welchem zu damaliger Zeit die alte Gräfin Palmyra von Laverberie lebte. Sie war eine Art Seitenstück zu dem Marquis, auch sie war hochfahrend und adelsstolz, auch sie liebte es, sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen, aber Neid und Bosheit, die an ihr zehrten, ließen sie zu keinem Lebensgenusse kommen.

Zwischen den beiden benachbarten Familien bestand ein jahrhundertealter Haß – so etwa wie zwischen den Montecchi und Capuletti – sie wußten selber nicht recht warum. Es hieß, daß unter Heinrich IV. ein Laverberie eine Clameran verführt und daß es Duelle, Mord und Totschlag gegeben hätte.

Natürlich verkehrten die beiden feindlichen Familien nicht miteinander, aber sie konnten es nicht verhindern, manchmal bei Gutsnachbarn zusammenzutreffen; dann behandelte die Gräfin den Marquis, den sie bei sich nur mit dem Namen »Einfaltspinsel« bezeichnete, wie eitel Luft, während er um die »alte Hexe,« wie er sie nannte, einen möglichst großen Bogen beschrieb.

Die alte Gräfin hatte eine wunderschöne junge Tochter, namens Valentine, und bei einem Feste geschah es, daß Gaston und Valentine sich zum erstenmal erblickten, und was seit Romeos und Julias Zeiten sich schon unzähligemal ereignet hatte, ereignete sich wieder: die Kinder der feindlichen Eltern verliebten sich ineinander!

Valentine war in völliger Weltabgeschiedenheit herangewachsen, sie war engelsgut und wußte in ihrer Herzenseinfalt nicht was Sünde sei.

Als sie daher eines Abends Gaston in den Park, in welchem sie lustwandelte, eintreten sah, fand sie daran durchaus nichts Böses oder Unschickliches, im Gegenteil, sie freute sich, ihn, an den sie seit jenem Feste immerfort denken mußte, wiederzusehen, und sie machte aus ihrer Freude kein Hehl. Gaston kam wieder und wieder und bald schlugen die Herzen der beiden nicht nur füreinander, sondern auch aneinander.

Aber ach, sie wußten, daß ihre Liebe hoffnungslos sei, daß nichts den törichten Haß ihrer Eltern brechen könne und darum mischten sich in ihre Liebesbeteuerungen Seufzer und Tränen.

Die Liebenden mußten bei ihren Zusammenkünften äußerst vorsichtig zu Werke gehen; zwar waren im Parke keine Späher zu befürchten, der war so groß und hatte so dichte Laubgänge, daß sie sich leicht verbergen konnten; die Schwierigkeit lag für Gaston darin, den Park von Laverberie zu erreichen. Zwischen den beiden Gütern floß die Rhone und der Jüngling wagte nicht, seinen Kahn zur Überfahrt zu benutzen, aus Furcht, das Fahrzeug am Ufer könnte zum Verräter werden, er getraute sich auch nicht mit der Fähre, die allgemein benutzt wurde, sich über den Fluß setzen zu lassen, wie leicht könnten dem Fährmann die häufigen Fahrten auffallen; Gaston machte es also wie Leander und schwamm zu der Geliebten hinüber.

Wie erschrak das junge Mädchen, als sie ihn das erste Mal aus den Fluten auftauchen sah! Die Rhone war an dieser Stelle nicht besonders breit, aber ungemein reißend und galt selbst bei kühnen Schwimmern als äußerst gefährlich. Valentine beschwor den Geliebten tränenden Auges, sich nie wieder dieser Gefahr auszusetzen, allein er kam wieder und wieder. Er versicherte ihr, daß das Unternehmen ganz ungefährlich sei, aber damit sie sich nicht beunruhige und die Stunde seines Kommens vorauswisse, zündete er jedesmal, ehe er sich auf den Weg machte, eine Lampe an, die er ins Fenster seines Zimmers stellte; und auch sie machte ein Gegenzeichen; wenn in ihrem Fenster ein Licht erschien, bedeutete es, daß sie ihn erwarte, während es dunkel blieb, wenn sie durch ihre Mutter verhindert war, sich in den Park zu begeben.

Die Liebenden glaubten, so allen Vorsichtsmaßregeln genügt zu haben und gaben sich der Wonne des Beisammenseins ganz hin, ach, waren es ja doch nur kargbemessene Augenblicke!

Valentine konnte Gastons Kommen kaum erwarten. Sobald das Zeichen am Fenster erschien und sie als Gegenzeichen ihre Lampe entzündet hatte, eilte sie hinab in den Park zur Rhone. Und wenn dann ihr Leander den Fluten entstieg, da warf sie sich in seine Arme, an seine Brust – unbekümmert um ihre hübschen weißen Mullkleidchen – und weinte vor Glück und Leid.

Dann – sie ließ es sich nicht nehmen – warf sie ihm einen Mantel über, den sie in einem hohlen Baum verborgen hatte, und lustwandelten Arm in Arm durch die dunkeln Laubgänge oder am Ufer des Flusses. Manchmal sahen sie einen Kahn nahe dem Ufer wie einen Schatten vorübergleiten, sie meinten, daß es verspätete Fischer wären, indes saßen Neugierige in dem Fahrzeug, die sich überzeugen wollten, ob das Gerücht, das bis zu ihnen gedrungen, auf Wahrheit beruhe. Und jetzt sahen sie es mit eigenen Augen und hatten nicht genug Zungen, um es weiter zu verbreiten: Romeo und Julia, Hero und Leander sind wiedererstanden! Wer es zuerst entdeckt, wer es zuerst gesagt, das wußte niemand, genug, in ganz Tarascon und der Umgebung sprach man von nichts anderem. Nur die Liebenden ahnten nicht, daß sie den allgemeinen Gesprächsstoff bildeten, wie auch glücklicherweise weder dem Marquis noch der Gräfin etwas von den Gerüchten zu Ohren gekommen war.

Die Gräfin, die mit Genugtuung bemerkte, daß ihre Tochter mit jedem Tage schöner wurde, entwarf schon großartige Zukunftspläne. Trotz der Jugend Valentines gedachte sie sie möglichst bald zu verheiraten. Sie wollte sie im kommenden Winter nach Paris führen und zweifelte nicht, daß sich bald vornehme und reiche Freier einstellen würden. Reich, ungeheuer reich mußte ihr künftiger Schwiegersohn sein, denn die Gräfin hatte das eingeschränkte Leben auf dem Lande satt.

Der Sommer, der Herbst verging den Liebenden wie ein Traum, aber als sich mit dem Spätherbste die Regenzeit einstellte, begannen neue Sorgen. Die Rhone war hoch angeschwollen, brandete und brauste und eine Überschwemmung war zu befürchten; Gaston konnte nicht mehr daran denken, den reißenden Strom zu durchschwimmen. Wenn er den Park von Laverberie erreichen wollte, mußte er nach Tarascon gehen, wo eine Brücke ans andere Ufer führte.

Eines Abends, im November, erwartete Valentine ihren Freund gegen elf Uhr. Er war nachmittags nach Tarascon gegangen, hatte dort zur Nacht gespeist und war dann mit einem Freunde in ein Kaffeehaus auf dem Marktplatz gegangen, um Billard zu spielen.

Das Lokal war sehr voll und besonders machte sich eine Gruppe junger Leute durch lärmendes Benehmen bemerkbar.

Sie saßen in nächster Nähe des Billards und als Gaston zu spielen begann, fingen sie zu zischeln an und brachen dann in ein erzwungenes Gelächter aus.

Dies Gelächter war offenbar boshaft gemeint, allein Gaston schenkte ihm keine Beachtung, er war viel zu sehr in sein Spiel vertieft, plötzlich aber fiel hinter ihm eine Bemerkung, die laut genug gemacht worden war, um von ihm gehört zu werden. Alles Blut wich aus seinem Gesichte, er warf sein Queue auf das Billard und trat an den Tisch, wo die jungen Männer saßen. Sie spielten Domino und gaben sich plötzlich den Anschein, als wären sie ganz von ihrem Spiel eingenommen.

Gaston wandte sich an den Sprecher von vorhin, einen auffallend hübschen jungen Mann, mit herausfordernden Blicken, der sich Julius Lazet nannte, und sagte: »Sie wagten es, eine Bemerkung zu machen, die . . .«

»Die ich wiederholen werde, so oft es mir beliebt,« unterbrach ihn der andere höhnisch lachend, »ich sagte, die adeligen Fräulein haben nichts vor den Proletarierinnen voraus, ihr ›von‹ und ihre Titel schützen ihre Tugend keineswegs.«

»Sie haben sich unterstanden, einen Namen zu nennen.«

»Den ich ebenfalls ohne Scheu nochmals wiederhole: ich habe von der hübschen Komtesse von Laverberie gesprochen.«

Der ziemlich laut geführte Wortwechsel erregte natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit, alle Gäste waren aufgesprungen und umringten die Streitenden; an den höhnischen Blicken und boshaften Bemerkungen erkannte Gaston, daß er von lauter Feinden umgeben war.

Aber Gaston war nicht der Mann, vor der Gefahr zurückzuweichen, er hätte es auch mit Hunderten aufgenommen.

»Nur ein Feigling,« rief er, »kann so gemein und niedrig sein, eine junge Dame zu verleumden und zu beleidigen, die weder Vater noch Bruder hat, um ihre Ehre zu verteidigen!«

»Wenn sie auch weder Vater noch Bruder hat, so fehlt ihr doch der Verteidiger nicht, sie hat ja einen Liebhaber,« entgegnete Lazet.

Dies Wort brachte Gaston in solche Wut, daß er die Hand hob und sie sausend auf Lazets Gesicht fallen ließ.

Ein Entsetzensschrei, wie aus einem Munde, ging durch das ganze Lokal: alle kannten Lazets Leidenschaftlichkeit und seine herkulische Kraft.

Mit einem Satze sprang er empor und fuhr Gaston an die Gurgel.

Sein Freund wollte ihm zu Hilfe eilen, aber er wurde umringt, mit Billardstöcken gestoßen, zu Boden geworfen, halbtot getreten und unter einen Tisch geschleudert.

Eine ungeheuere Verwirrung war entstanden, alle schrien und drängten und wollten Lazet, der mit Gaston rang, zu Hilfe kommen.

»Laßt,« rief er, »laßt, ich werde allein mit ihm fertig, zurück mit euch.«

Einen Augenblick ließen sie ab und begnügten sich bloß, Zuschauer des Kampfes zu sein.

Das Schauspiel war interessant genug.

Gaston und Lazet rangen regelrecht miteinander, sie waren beide gleich kräftig und gewandt und es schien, als ob keiner einen besonderen Vorteil über den anderen erlangen könnte. Aber plötzlich hatte Gaston die Oberhand, schon war er im Begriff, seinen Gegner zu Boden zu drücken, als die erregten Zuschauer sich nicht länger zurückhalten konnten, wie die Wahnsinnigen stürzten sie sich auf die Kämpfenden und rissen sie auseinander. Jetzt warfen sie sich auf Gaston, einer versuchte ihm gar einen Riemen um die Beine zu schlingen, die anderen wollten ihn an den Armen zu Boden reißen.

Gaston wehrte sich wie ein Verzweifelter, seine Kräfte schienen zu wachsen, und er hielt einem Dutzend Angreifer mutig stand.

»Schurken und Feiglinge,« rief er, »schämt ihr euch nicht, wie eine Bande Strolche über einen einzelnen Mann herzufallen?«

Es war ihm gelungen, sich frei zu machen, er lief um das Billard herum und suchte die Tür zu gewinnen, aber seine Angreifer waren ihm von der anderen Seite entgegengekommen und schnitten ihm den Weg ab, drei fielen ihm in den Rücken.

Mit einer mächtigen Bewegung schüttelte er sie ab, so daß er wieder die Arme frei hatte, schlug einen, der ihm im Wege stand, mit einem Faustschlag nieder, und als sie jetzt alle wie eine Meute toller Hunde über ihn herfielen, ergriff er ein Messer, das auf einem Tische in seiner Nähe lag, und stieß damit blind zu. Unglücklicherweise wollte Lazet ihm eben entgegenkommen, das Messer traf ihn mitten in die Brust und tödlich getroffen stürzte er zu Boden.

Eine Sekunde lang waren alle wie von Entsetzen gelähmt, dann eilten einige dem Verwundeten zu Hilfe, während die übrigen sich mit erneuerter Wut gegen Gaston wendeten; »Mörder, Mörder!« schrien sie und schleuderten, was ihnen nur in die Hände fiel, gegen ihn.

Er sah sich verloren, schon blutete er aus mehreren Wunden, die Kräfte drohten ihm zu versagen, da faßte er einen verzweifelten Entschluß, er schwang sich aufs Billard und sprang mit einem gewaltigen Satze durch die Spiegelscheibe eines der Fenster. Er durchbrach es, aber die Glassplitter zerrissen ihn so, daß kein heiler Fleck an seinem ganzen Leibe war.

Nun war er draußen, aber nicht gerettet. Seine Tollkühnheit hatte seine Feinde allerdings einen Augenblick lang verblüfft, aber dann stürzten sie ihm nach.

Er lief über den Platz und wußte nicht, welchen Weg er einschlagen sollte.

Das Wetter war schlecht, der Boden aufgeweicht, schwere Wolken zogen, vom Westwind getrieben, am Himmel hin, aber es war trotz der vorgerückten Abendstunde noch immer hell genug und er konnte sich nirgends verbergen. Wohin sollte er? Am besten war's wohl nach Hause, nach Clameran. Er lief nicht, er flog dem Damme zu, der längs der Rhone als Promenade angelegt und mit schönen Bäumen bepflanzt ist. Unglücklicherweise vergaß Gaston, daß querüber ein Schranken, der die Anlagen vor den Wagenverkehr absperrte, stand und er prallte im vollen Laufe dagegen an. Er stürzte und obgleich er, trotz des heftigen Schmerzes, den er in der Hüfte empfand, sofort wieder aufsprang, hatten ihn seine Verfolger doch schon erreicht.

»In die Rhone, in die Rhone mit dem Aristokraten, dem Mörder!« schrien sie.

Nun war er verloren, aber er wollte sein Leben teuer verkaufen. Er war wie von Sinnen und wußte nicht was er tat. Ein Glassplitter hatte ihn an der Stirn verwundet, das Blut lief ihm über die Augen, daß er wie blind war.

Noch hielt er das blutige Messer in der Hand, er stieß zu und wieder fiel ein Mann.

Das verschaffte ihm einen Augenblick Ruhe und er konnte, um den Schranken herum, in die Anlagen einbiegen und weitereilen. Aber seine Verfolger zögerten nicht lange, zwei waren bei dem Gestürzten zurückgeblieben, die übrigen jagten Gaston nach.

Aber der Verfolgte nutzte seinen Vorsprung aus, die Verzweiflung lieh ihm Riesenkräfte, er fühlte seine Wunden kaum, die Ellbogen fest an den Leib gepreßt, lief er wie ein Schnelläufer in der Rennbahn. Der Vorsprung, den er vor seinen Verfolgern hatte, wurde immer größer und größer, er hörte ihren keuchenden Atem immer weiter hinter sich, das Geräusch ihrer Schritte verhallte immer mehr und mehr, zuletzt war nichts mehr zu vernehmen.

Gaston lief aber doch noch weiter und weiter. Längst hatte er die Anlagen verlassen und war querfeldein gerannt, er setzte über Gräben und Hecken und endlich, als er überzeugt war, daß man seine Spur verloren hatte, ihn nicht mehr einholen würde, ließ er sich unter einem Baum zu Boden sinken.

Welch gräßliches Ereignis! Vor wenig Stunden noch war er ein froher, glücklicher Mensch gewesen und jetzt war er zum Mörder geworden!

Ein Mörder! Er schauderte bei dem Gedanken und mit Entsetzen bemerkte er, daß er das gräßliche Mordwerkzeug noch immer krampfhaft fest in der Hand hielt. Er schleuderte es weit von sich und starrte schmerzverloren in die Dunkelheit.

Verloren, verloren! Und nicht er allein, nein, durch seine Schuld, weil er sich nicht zu beherrschen vermochte, war auch sie, deren Ehre ihm teuerer als seine eigene sein mußte, verloren, ihr guter Ruf für immer dahin! Ach, er sehnte sich, sie noch einmal zu sehen, ihre Verzeihung zu erflehen, sie ans Herz zu drücken – ach, vielleicht zum letztenmal, ehe er für immer schied!

Für immer! Ja, er mußte fort, weit, weit fort, denn gewiß war schon die ganze Stadt in Aufruhr und suchte den Mörder! Fort, nur fort!

Mühsam erhob er sich, jetzt erst fühlte er in allen Gliedern Schmerzen, die Wunden brannten, kalter Schweiß bedeckte seine Stirn und die Zähne schlugen ihm im Fieber zusammen. Nur langsam vermochte er sich vorwärts zu bewegen und doch drängte es ihn, nach Hause zu kommen, sich seinem Vater in die Arme zu werfen.

Endlich, nach langem mühseligen Weg langte er im Schlosse an.

Bei seinem Anblick fuhr der alte Diener, der ihm die Tür öffnete, entsetzt zurück.

»Um Gottes willen, Herr Graf, was ist Ihnen widerfahren?«

»Still, still,« entgegnete Gaston mit heiserer Stimme leise, denn er fürchtete, daß draußen jemand lauern könnte. »Wo ist mein Vater?«

»Der Herr Marquis ist in seinem Schlafzimmer, er hat einen Gichtanfall gehabt und . . .«

Aber Gaston hörte nicht weiter, so rasch als er es vermochte, eilte er die breite Treppe hinauf und trat in das Zimmer seines Vaters.

Der alte Marquis saß in einem bequemen Lehnstuhl, das linke, in Tüchern gehüllte Bein weit von sich weggestreckt und spielte mit seinem jüngeren Sohne Louis Domino.

Bei Gastons Eintritt hob der Vater den Kopf, aber das Aussehen des Jünglings entsetzte ihn so, daß er den Dominostein, den er in der Hand hielt, fallen ließ.

Kein Wunder, Gastons Anblick war wirklich schreckenerregend, sein Gesicht, seine Hände, seine Kleider waren blutüberströmt.

»Um Gottes willen, was ist geschehen?« fragte der Marquis.

»Vater, ich komme, um von dir Abschied zu nehmen und dich zu bitten, mir die Mittel zur Flucht ins Ausland zu geben.«

»Flucht? Wozu?«

»Vater, ich muß fliehen und zwar auf der Stelle, ich werde verfolgt, die Gendarmen werden gleich hier sein . . . Ich habe zwei Menschen getötet.«

Der Schreck des Marquis über diese Worte war so groß, daß er seine Gicht vollständig vergaß, er wollte aufspringen und auf Gaston zustürzen, denn er glaubte nicht anders, als sein Sohn habe den Verstand verloren.

Aber bei der ersten Bewegung, die er machte, zwang ihn der Schmerz wieder auf seinen Sessel zurück.

»Was soll das heißen?« fragte er mit bebender Stimme, »bist du von Sinnen?«

»Ach, nein, Vater, ich bin nicht wahnsinnig, es verhält sich leider so. Es waren ihrer mehr denn zwanzig, sie fielen alle über mich her, es war im Kaffeehaus in Tarascon – da griff ich nach einem Messer . . .«

»Zwanzig gegen einen? Ja, das ist so eine Errungenschaft noch von der großen Revolution her,« konnte der Marquis nicht unterlassen zu bemerken. »Wie kam denn die Sache? Hat man dich beleidigt?«

»Nein, aber man hat in meiner Gegenwart abfällig über eine junge adelige Dame gesprochen.«

»Und du hast die Buben gezüchtigt, darin hattest du ganz recht, das ist Edelmannspflicht. Wer ist denn die Dame, die du verteidigtest?«

»Die Komtesse Valentine von Laverberie.«

»Wie, die Tochter der alten Hexe? Ach, diese Familie, die Gott verdammen möge, hat immer Unglück über die unsere gebracht.«

Unterdessen konnte der alte Kammerdiener seine Neugierde, oder vielmehr seine wirkliche Teilnahme für den jungen Herrn nicht länger zügeln und obgleich nach der strengen Hausordnung keiner von der Dienerschaft in die Gemächer des Marquis eintreten durfte, außer wenn er geläutet hatte, so überwand der Kammerdiener doch seine Furcht vor dem strengen Gebieter, öffnete leise die Tür und fragte: »Der Herr Marquis hat geläutet?«

»Nein, du frecher Geselle, ich habe nicht geläutet und du weißt es sehr wohl. Aber für diesmal will ich dirs verzeihen. Geh und hole schnell Leinwand, Wäsche und Kleider, dann wirst du den Herrn Grafen verbinden und umkleiden.«

Gastons Wunden waren weniger schlimm als er selbst geglaubt hatte. All seine Verletzungen waren leichter Art, nur ein Messerstich unter der Schulter war tiefer gegangen, hatte aber glücklicherweise keine edleren Teile verletzt.

Der Kammerdiener wusch und verband die Wunden mit großer Geschicklichkeit und Gaston fühlte sich erfrischt und wie neugestärkt.

Nachdem sich der Diener entfernt hatte, fragte der Marquis: »Du willst fliehen?«

»Mir bleibt nichts anderes übrig, Vater.«

»Ja, gewiß,« nahm jetzt Louis das Wort, »Gaston muß fort, wenn er bleibt, nehmen sie ihn gefangen, er kommt vors Schwurgericht und – –«

»Und wird verurteilt, jawohl,« vollendete der Marquis, »auch eine Errungenschaft der ›großen‹ Revolution! Ach, warum ist es nicht mehr wie in alten Zeiten, da würden wir drei uns die Lenden gürten, zu Pferde steigen, gegen Tarascon ziehen und sie ›mores‹ lehren! Aber heutzutage muß ein Edelmann, der sein Recht verteidigt, schmählich zur Flucht greifen . . .«

»Vater, die Zeit drängt . . .« mahnte Louis.

»Du hast recht, aber zur Flucht ins Ausland braucht man Geld und ich habe fast nichts. Ich alter verschwenderischer Narr habe nie hauszuhalten verstanden und nun muß mein armer Sohn darunter leiden. Ich fürchte, es werden kaum hundert Louisdor im Hause sein! Sieh nach, Louis.«

Louis öffnete eine Schublade im Schreibtische, zu der ihm der Vater den Schlüssel eingehändigt hatte, es fanden sich 940 Frank in Gold.

Der Marquis war in heller Verzweiflung: mit solch einem Bettel konnte ein Clameran unmöglich in die weite Welt gehen! Er versank in Gedanken und schien mit einem Entschluß zu ringen; endlich befahl er Louis, ihm ein Kästchen aus getriebenem Silber, das sich ebenfalls im Schreibtische befand, zu bringen. Er nahm einen kleinen goldenen Schlüssel, den er an der Uhrkette trug, öffnete das Kästchen und betrachtete den Inhalt mit sichtlicher Rührung und Wehmut.

Es war ganz mit Schmucksachen gefüllt.

»Dieses Geschmeide gehörte eurer Mutter, ich habe mich nie davon getrennt, seit ich sie, die edelste und beste der Frauen, verloren habe – aber jetzt – – nimm es, mein Sohn, die Mutter würde es dir gewiß selber geben – es ist ungefähr fünfzigtausend Frank wert – – nimm es und Gott geleite dich.«

Gaston wollte ablehnen, aber der Vater befahl ihm, es zu nehmen und Louis mahnte zur Eile.

Gaston sank tränenden Auges vor seinem Vater auf die Knie und führte seine Hand an die Lippen.

»Dank, Vater, tausend Dank, ich nehme deine Gabe und hoffe, dir dereinst Rechenschaft darüber ablegen zu können.«

Der Marquis schloß seinen ältesten Sohn in die Arme und beide weinten.

Aber Louis drängte.

»Es ist die höchste Zeit . . .«

»Er hat recht,« sagte der Marquis, »geh, Gaston und nochmals, Gott segne dich.«

Gaston erhob sich.

»Ehe ich dich verlasse, Vater, habe ich noch eine heilige Pflicht zu erfüllen. Ich muß dir ein Geständnis machen: ich liebe Valentine von Laverberie . . .«

»O!« entfuhr es dem Marquis in höchster Bestürzung.

»Ich bitte dich kniefällig, Vater, wirb du für mich bei der Gräfin um die Hand ihrer Tochter, ich bin überzeugt, Valentine wird nicht zögern, mir ins Ausland zu folgen, meine Verbannung zu teilen . . .«

Gaston hielt erschrocken inne, der Marquis war blaurot geworden, er sah aus, als sollte ihn auf der Stelle der Schlag rühren.

»Um Gottes willen, Vater.«

Aber der Alte hatte sich schon etwas erholt, es war nur der Zorn, der ihn übermannte.

»Niemals,« rief er, »niemals.«

»Sag' das nicht, Vater, denn sie wird und muß mein Weib werden. Ich habe es geschworen, meine Ehre hängt davon ab.«

»Unsinn . . .«

»Ich habe ihr mein Wort gegeben und ich muß es einlösen, verstehst du denn nicht, Vater, ich muß, wenn ich nicht als ein Ehrloser erscheinen will. Weißt du, was sie heute im Kaffeehause gesagt haben? Daß Valentine meine Geliebte wäre und – – sie haben die Wahrheit gesagt!«

Der Marquis horchte erstaunt auf, der Ausdruck seines Gesichtes änderte sich plötzlich und in seinen Augen funkelte eine boshafte Freude.

»So, so,« sagte er, »die schöne Komtesse ist also deine Geliebte! Einer ihrer Vorfahren hat eine unseres Geschlechts vom guten Wege abgebracht – nun sind wir quitt!«

»Vater,« rief Gaston erregt, »du vergißt, daß ich geschworen habe und daß ich sie liebe!«

»Und ich sage dir,« entgegnete der Marquis erzürnt, »daß ich niemals, hörst du, niemals meine Einwilligung geben werde. Du weißt, daß mir die Ehre meines Hauses teuer ist, aber lieber möchte ich dich gefangen und verurteilt sehen, dich lieber im Zuchthaus wissen, als daß ich je eine Laverberie als Schwiegertochter empfange.«

»Es geschehe nach deinem Willen, Vater, ich bleibe, man soll mich verhaften, mit mir machen, was man will! Das Leben hat keinen Wert mehr für mich, nimm den Schmuck zurück, ich bedarf seiner nicht.«

Ehe der Marquis antworten konnte, wurde die Tür mit großer Heftigkeit aufgerissen, die ganze Dienerschaft drängte sich schreckensbleich im Korridor und rief: »Gendarmen! Gendarmen kommen!«

Bei diesem Worte richtete sich der Marquis auf – die Aufregungen, die er eben erst durchgemacht hatte, ließen ihn die Gichtschmerzen nicht mehr fühlen.

»Gendarmen,« rief er, »bei mir, auf Clameran! Unerhört! Aber bei Gott, die Frechheit sollen sie teuer bezahlen!«

»Ja, ja,« riefen die Diener, »nieder mit den Gendarmen, fort mit ihnen!«

Louis hatte seine Kaltblütigkeit nicht verloren.

»Es wäre Wahnwitz, sich den Gendarmen widersetzen zu wollen,« sagte er. »Wenn wir sie jetzt vertreiben, so kommen sie verstärkt wieder. – Wo sind sie?«

»Am Gittertor,« sagte einer der Diener.

»Dann fliehst du durch den Gemüsegarten,« wendete sich Louis an seinen Bruder.

»Verzeihung,« sagte ein anderer Diener, »aber sie bewachen auch die hintere Parktür, ich glaube, sie haben sogar längs der Parkmauer Aufstellung genommen und umzingeln uns förmlich, es muß ein ganzes Regiment ausgerückt sein.«

»O Gott, dann ist die Flucht unmöglich,« rief der Kammerdiener jammernd.

»Donnerwetter, das wollen wir sehen!« rief der Marquis, dem der Augenblick der Gefahr seine ganze Geistesfrische und Tatkraft verlieh. »Wenn wir auch in der Minderzahl sind, so vermögen wir sie doch zu überlisten. Hört mich an. Du, Louis, gehst mit dem Reitknecht in den Stall, ihr besteigt die beiden besten Pferde und nehmt noch jeder eins am Zügel; dann stellt ihr euch so geräuschlos als möglich, du, Louis, bei der Parktür und du, Johann, beim Gittertor auf, ihr übrigen aber beobachtet ebenfalls die beiden Ausgänge. Beim Signal, das ich durch einen Pistolenschuß geben werde, müßt ihr die Tore gleichzeitig öffnen, Louis und Johann lassen ihre Handpferde los und sprengen nach, damit die Gendarmen hinter ihnen dreinjagen.«

»Die sollen rennen,« sagte der Reitknecht, »dafür will ich sorgen!«

»Unterdessen wirst du,« wandte sich der Marquis an den Kammerdiener, »dem Herrn Grafen helfen, über die Mauer zu klettern, ihr geht dann an dem Flusse entlang bis zur Hütte des alten Fährmanns Peter, er ist ein braver Mensch und uns ergeben, er wird dich, mein Sohn, in seine Barke nehmen und – einmal auf der Rhone – hast du nur Gott zu fürchten! Habt ihr mich alle verstanden? Nun, dann ans Werk!«

Als alle sich entfernt hatten und der Marquis mit seinem ältesten Sohne allein geblieben war, öffnete er die Arme und sagte mit zitternder Stimme: »Komm, komm, mein Kind, daß ich dich umarme und segne.«

Gaston zögerte.

»Komm,« sagte der Vater noch weicher. »Rette dich, Gaston, rette deinen Namen . . . und dann . . . du weißt, wohl, daß ich dich liebe und dir noch keine Bitte versagt habe.«

Gaston stürzte in des Vaters geöffnete Arme und sekundenlang hielten sie sich wortlos umschlungen.

Aber der Lärm vor dem Tore wurde immer lauter, bedrohlicher.

Der Marquis riß sich los.

»Da, nimm die Kleinodien,« sagte er, indem er das Päckchen mit dem Schmuck, das Gaston früher auf den Tisch gelegt hatte, ergriff und es dem Sohne reichte, »nimm und nun rasch fort. Aber – noch eins,« fügte er leiser hinzu, indem er von einem Waffengestell zwei Pistolen nahm und sie Gaston abgewandten Gesichtes reichte – – »Man darf dich nicht lebend bekommen, Gaston – geh, und Gott segne dich.«

Der Kammerdiener hatte Gaston vor der Tür erwartet und wollte nun mit ihm so rasch als möglich in den Park hinabeilen – allein Gaston dachte, es käme auf ein paar Minuten nicht an, er fühlte das dringende Bedürfnis, Valentine zu sehen und wollte ihr ein Zeichen geben.

Er ging in sein Zimmer und stellte die brennende Lampe ans Fenster.

Ob sie ihn wohl noch erwartete? Er spähte nach einer Antwort aus.

»Kommen Sie, kommen Sie, um Gottes willen,« drängte der Kammerdiener. »Was machen Sie da, wenn Sie noch länger zögern, sind Sie verloren!«

Endlich ging Gaston, aber sie hatten erst den Flur erreicht, als schon der Signalschuß ertönte.

Und fast gleichzeitig flogen die Tore auf, man hörte Rufen, Schreien, Säbelgeklirr und die hallenden Hufschläge mehrerer Pferde.

Der Marquis lehnte in höchster Aufregung am Fenster und erwartete den Ausgang des furchtbaren Dramas. Er hoffte das Beste, hatte er doch vorzügliche Maßnahmen getroffen, um das Leben seines ältesten, seines liebsten Sohnes zu retten.

Was er vorausgesehen, geschah, es gelang Louis und dem Reitknecht, sich Bahn zu brechen, mit verhängten Zügeln stürmten sie, der eine rechts, der andere links, hinaus und hinterher flogen die berittenen Gendarmen und ihre Begleiter, die jungen Männer aus der Stadt, die die Anzeige gemacht hatten.

Der Marquis atmete hoch auf, als er die Reiter im Dunkel der Nacht verschwinden sah. Da er keine Ahnung von der Verzögerung hatte, meinte er, Gaston müsse schon auf dem Wege zu Peters Hütte sein und er zählte die Minuten: jetzt mußte er sie erreicht haben, der Fährmann löste den Kahn, Gaston stieg ein, ein kräftiger Ruderschlag, das Fahrzeug trieb mitten auf der Rhone.

»Gerettet,« flüsterte der Vater mit bebenden Lippen, »jetzt ist er wohl gerettet, Gott, ich danke dir!«

Aber das Verhängnis – oder sollte es ein anderer Grund gewesen sein? – machte die Berechnungen des Marquis zunichte; etwa hundert Meter vom Schlosse entfernt strauchelte Louis' Pferd und stürzte mit samt dem Reiter. Der Gestürzte wurde sofort umringt, aber einige von den jungen Leuten, die die Gendarmen freiwillig auf die Menschenjagd begleitet hatten, erkannten den jüngeren Clameran.

»Das ist nicht der Mörder,« riefen sie den Gendarmen zu, »rasch zurück.«

Sie kehrten um und kamen gerade zur rechten Zeit, um beim schwankenden Schein des Mondes, der eben aus den Wolken brach, einen Mann über die Mauer klettern zu sehen.

»Ha, dort, dort ist er!« riefen sie und sprengten auf die Stelle zu, wo Gaston herabgesprungen war.

Auf hügeligem Boden ist es – wofern man nur flink zu Fuß ist und einige Geistesgegenwart besitzt – nicht allzu schwer verfolgenden Reitern zu entkommen, und das Terrain war Gaston außerordentlich günstig, vor ihm dehnten sich weite Krappfelder, die bekanntlich durch fast metertiefe Furchen durchzogen sind.

Hier war ein Traben unmöglich, die Reiter mußten froh sein, wenn die Pferde nicht stürzten. Die meisten Gendarmen standen auch von der Verfolgung ab, da sie ihre Pferde nicht gefährden wollten, nur vier kühne Reiter unternahmen das Wagnis und verfolgten Gaston, aber ohne Erfolg.

Gewandt sprang er über die Furchen, hatte bald die Felder durchquert und eine junge Kastanienanpflanzung erreicht, hier lief er dicht an den Bäumen entlang, er verzweifelte nicht, denn er kannte die Gegend genau, er wußte, daß am Ausgange des Wäldchens sich ein breiter, tiefer Graben befand, dort wollte er hinabspringen und in dem Graben ungesehen weiterlaufen. Aber er hatte an das Steigen des Wassers in der Rhone nicht gedacht, als er an den Graben kam, sah er, daß er voll Wasser war.

Einen Augenblick entsank ihm der Mut, allein rasch gefaßt, nahm er einen Anlauf, um hinüberzuspringen, da sah er zu seinem Entsetzen, daß sich Gendarmen drüben befanden; sie hatten einfach die Krappanpflanzungen und das Kastanienwäldchen umritten, um ihn jenseits des Grabens zu erwarten.

Unentschlossen stand er da, sollte er es doch wagen hinüberzuspringen und die Hütte des Fährmanns, die am Ende der Wiese stand, zu erreichen suchen? Aber war das möglich? Würden sie ihn nicht sofort einholen? Zurückkehren? Aber Verfolger lauerten auch im Wäldchen und von der Straße her, die zur Rechten lief, schallten Hufschläge, er war also von drei Seiten umstellt. Zur Linken befand sich die Rhone, der Strom war hoch angeschwollen, dem Austreten nahe und die dunkeln schweren Wassermassen brausten und schäumten und rollten mit dumpfem, drohendem Getöse dahin.

Gaston stand noch immer zögernd, was sollte er tun, sollte er, angesichts der Gefahr, den Verfolgern in die Hände zu fallen, zur Pistole greifen?

Nein, noch nicht, er mußte noch ein Letztes zu seiner Errettung versuchen – blieb ihm doch noch eines übrig: sein Freund und Vertrauter: der Strom!

Rasch, die geladenen Pistolen in den Händen, lief er hin und trat auf einen kleinen, durch einen umgestürzten Baum gebildeten Vorsprung, der etwa zwei bis drei Meter in den Strom hineinragte; allerlei angeschwommene Gegenstände, Schlamm und Erdreich hatten sich hier abgelagert und boten genug Raum, um den Fuß darauf zu setzen. Aber unter dem Gewichte Gastons bog sich der Baumstamm und sank tief ins Wasser.

Indes waren die Verfolger von rechts und links herangekommen.

»Ergeben Sie sich,« rief der Anführer.

Gaston antwortete nicht, er erwog die Möglichkeit seiner Rettung, er dachte an Valentine, die gewiß in diesem Augenblicke am Ufer hin und her irrte, den hochgeschwollenen Strom mit Entsetzen anblickte und den Geliebten angstbebend erwartete.

»Noch einmal,« rief der Anführer der Gendarmen, »frage ich Sie: wollen Sie sich ergeben?«

Auch diesmal antwortete Gaston nicht, er hatte im Tosen und Brausen des Stromes die Frage vielleicht gar nicht gehört, auch war seine Seele weit weg. Ihm war, als stünde er vor den Pforten der Ewigkeit und sein ganzes vergangenes Leben zog vor seinem inneren Auge vorbei. Er gedachte des Vaters, Valentines und empfahl Gott seine Seele.

»Was zaudern wir noch?« sagte der Gendarm, »herunter von den Pferden, er scheint auf uns zu warten, nun, wir wollen ihn holen.«

Aber während die Gendarmen absaßen, schlenderte Gaston die Pistolen weg und sprang mit ausgebreiteten Armen in die brausende Flut.

Durch die Heftigkeit der Bewegung rissen die letzten Wurzeln, die den alten Baum gehalten hatten, er drehte sich um sich selber und wurde fortgeschwemmt.

Die Verfolger schrien laut auf, ihre Beute war ihnen entrissen, sie ärgerten sich, daß sie sich vergeblich gemüht hatten und vielleicht empfanden sie auch – uneingestanden einiges Mitleid mit dem unglücklichen Jüngling.

»Der ist verloren,« sagte einer der Gendarmen, »gegen die Rhone, wenn sie einmal diese Miene aufgesetzt hat, kämpft keiner an.«

»Wenn wir einen Kahn hätten, könnten wir ihn retten, weiß der Teufel, mir tut der Bursche leid.«

»Für ihn ist es besser so,« sagte der Anführer, »oder glaubt ihr, daß ihm das Schwurgericht lieber wäre?«

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