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Ägyptische Geschichten

Richard Voß: Ägyptische Geschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
titleÄgyptische Geschichten
publisherMartin Maschler Verlag
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Die Königin Makere

1

Das älteste und geheimnisvollste Kulturvolk der Welt hat manche seiner Eigenschaften bewahrt bis auf den heutigen Tag und wird sie bis in fernste Zeiten bewahren.

So, wie Ägyptens Volk an den Ufern seines Stroms, der ohnegleichen ist, mit seinen Schöpfbrunnen seit Urzeiten die trockenen Felder bewässert und dazu seine uralten Weisen singt; wie es beim Steigen des Nils noch heute im Mittsommer seine mystischen Feste feiert; wie es noch heute in Gestalt und Miene den Bildnissen auf den Mauern der einstürzenden Tempel, auf den Wänden der geöffneten Grüfte ähnlich ist – so, genau so, ist der Aberglauben des heutigen Ägypters der Aberglaube seiner Väter, die vor viertausend Jahren und länger in den Wüsten ihre Toten begruben. Diese sterben nicht. Ihre Geister leben fort, können Gestalt und Wesen annehmen, können über die Lebenden Heil oder Unheil bringen, können ihrer Seelen sich bemächtigen, können ihnen als Vampyre das Blut aussaugen, sie als Werwölfe zerfleischen.

Einer solchen mörderischen übernatürlichen Macht gegenüber vermag nur eine andre Kraft siegreich zu bestehen: die natürlichste und zugleich lieblichste, zugleich heiligste, die dem Sterblichen gegeben ward, die Liebe, dieser himmlische Teil einer irdischen Menschheit.

 

Am oberen Nil, nahe bei Luxor und gegenüber den Ruinen von Karnak, liegt am Rande der Libyschen Wüste das Fellachendorf Kurna.

Einstmals, vor tausend und abertausend Jahren, war auch das armselige Kurna eine Stätte hochragender Tempel und weitläufiger Prachtbauten gewesen. Es gehörte zu der Nekropole des hunderttorigen heiligen Thebens, welches am jenseitigen Ufer auf Meilen und Meilen sich ausdehnte, ein Wunder der Welt.

Unmittelbar hinter Kurna steigen in langer Kette die vielfarbigen Klippen der Wüstenberge auf. Sie sind hundertfältig geborsten und zerrissen, phantastische Naturburgen mit Zinnen und Zacken, Türmen und unzugänglichen Mauern. In einer wahren Farbenmagie starren ihre Gipfel zu einem ewig leuchtenden Äther empor, als hätte sie ein Zauber aus eitel Opal geschaffen.

Diese schönsten aller Felsenberge sind zugleich die allerschauerlichsten, denn sie umschließen Gruft an Gruft, ein vieltausendjähriger ungeheurer Kirchhof, wie die Erde keinen zweiten trägt.

Alle diese vor dem unendlichen Sandmeer der Sahara hingelagerten, hochgetürmten, kahlen Felsenbollwerke wurden bis in ihre tiefsten Gründe hinab zu Grabgewölben durchhöhlt und angefüllt mit unverweslichen Leichnamen; alle diese roten und rosigen, gelben und orangefarbenen Spalten und Schluchten, diese violetten, braunen und bläulichen Riffe bergen noch immer Legionen von Gestorbenen, nach denen die wilden Wände noch immer gierig durchwühlt werden.

Unterhalb dieses Totengefildes ohnegleichen, auf dem schmalen Erdstreifen zwischen Fluß und Wüste, erhoben sich ehemals alle jene Bauten, wie solche ein derartiger Begräbnisort und sein Totenkult erforderte. Es gehörten dazu die Häuser der Priester und geistlichen Genossenschaften, Königspalästen ähnlich, die Quartiere der Einbalsamierer und Totengräber, die Kasernen der Wächter der Grüfte, die Kaufläden der Händler mit Weihrauch, Wohlgerüchen und der Menge der Opfergaben. Sterben und Tod, Bewahren vor Verwesung, und Begraben war auf dem weiten Gebiete alles und alles. Und von dieser ganzen Welt blieb kein Stein übrig.

Die Pharaonen, die sich in dem Wüstengebiet zur letzten Ruhe betten ließen, besaßen hier Heiligtümer, in denen ihre einbalsamierten Leichname vor der Beisetzung eine kurze Weile verblieben, und wo zu ihrem Gedächtnis ihr Kult gefeiert wurde. Auch diese königlichen Totenhallen mit ihren gewaltigen Pylonen und den Kolossen der Standbilder, mit ihren Sphinxalleen und geheimnisvollen Wandskulpturen sollten für die Ewigkeit errichtet werden – als unabsehbare Trümmerfelder bedecken ihre Ruinen die Ebene. Sie rauben dem Landmann die nährende köstliche Scholle, schmälern dem Lebenden den Besitz, knechten den Enkel, wie Ägyptens Herrscher einstmals die Väter geknechtet. Aber selbst in ihrem Verfall zeugen sie von der Herrlichkeit der alten Götter. Sie war zugleich eine Gewalt, die noch in ihren traurigen Resten Grauen erregt vor dem Götter erschaffenden Wahn einer in Furcht vor diesem unfaßlichen Leben zitternden Menschheit ...

Schutt und Trümmer; Gräber und Grüfte. Nichts andres als Schutt und Trümmer, Gräber und Grüfte. Diesen entstiegen ihre Toten. Die Pharaonen des mächtigsten und prächtigsten Reiches der Erde erstehen aus ihren Grabpalästen und den Felsenverstecken ihrer Wüstenmausoleen: Generationen auf Generationen von Königen und Königinnen, von Prinzen und Prinzessinnen mit ihren Hofstaaten, hohen Beamten, Kriegern, Priestern, Künstlern, Dienerschaften; mit den Menagerieen ihrer heiligen Tiere: Pavian, Widder, Ziege, Falke, Sperber, Ibis, Schlange, Hund und Katze.

Die toten Pharaonen, deren mumisierte Leichname noch immer vieltausendjährige Kränze aus den Blättern des Persiabaumes umwinden und Blütensträuße aus Rosen und Lotus schmücken, erheben sich aus ihren Sarkophagen. Sie winken mit den verdorrten Händen, öffnen die braunen Lippen und sprechen zu den Geschlechtern der Lebenden: »Wir herrschten über dieses Wunderland, wie niemals Könige über Reiche geherrscht haben. Von unsern geknechteten Völkerschaften ließen wir unsre Grüfte erbauen, türmten sie als Felsenberge zum Himmel auf, wühlten sie als Paläste in die Tiefen der Erde ein, um unsern Leib für alle Ewigkeit zu bewahren. Und wir deuchten uns den Göttern gleich. Blickt auf uns. Auch wir – selbst wir – waren vom Weibe Geborene.«

2

Inmitten von Tempelruinen und aufgerissenen Grüften wuchs Sahib auf. Schon als kleines Kind konnte er keinen Schritt tun, ohne daß sein schwankender Gang durch Ruinen und offene Gräber gehemmt ward. Eingebettet in Ruinen und Grabkammern stand die braune Lehmhütte seiner Mutter, einer armen Witwe, deren einziges Kind der Knabe Sahib war. Von den Königen und Königinnen, die in diesen in Schutt gesunkenen Tempeln gebetet hatten und in diesen Gräbern begraben waren, hörte das Kind seine Mutter und die Nachbarn raunen, bevor es noch die Worte verstand. So wurden für den Knaben die Gestorbenen zu Wesen, die im gewissen Sinne mit ihm lebten. Sie erregten schon in dem Kinde Sehnsucht und zugleich Grauen, sie schauen zu können.

Wie alle Fellachendörfer an dem wunderbaren Flusse, dessen schier mystischen Ursprung erst vor sehr kurzer Zeit nach Jahrtausenden des Suchens ein genialer deutscher Forscher entdeckte, ward auch Kurna aus Nilschlamm erbaut: eine Anzahl aufgemauerter niedriger Höhlen. Jede derselben bestand aus einem einzigen fensterlosen Wohnraum, dessen mit einer Lage trockenen Durrastrohs bedecktes Dach die seit Generationen zerbrochenen Wasserkrüge des Hauses umzinnten, weniger als Schmuck, als vielmehr zur Abwehr böser Gewalten. Der Hof war für Menschen und Haustiere der wichtigste Raum. Auf der Mauer befand sich irgendwo ein eigentümlicher Aufbau, gleichfalls aus dem mißfarbigen und doch so segensreichen Schlamm des für jeden Ägypter noch heute heiligen Stromes gebildet. Es war dies eine Art großer Schale, die Schlafkammer der Kinder des Hauses für die Zeit der heißen Nächte. Sie machten einen bedeutenden Teil des Jahres aus, während dessen Dauer selten spärlicher Tau, niemals Regen fällt; »ewig in dem ewigen« Ägypten ist außer Ägyptens Volk allein die himmlische Sonne.

Die Ansiedlung umdunkelte ein Wald dichtlaubiger, hochstämmiger Lebbachakazien, und jede der elenden Hütten ward von Dattelpalmen, dem Reichtum des Hauses, überschüttet. Die schönen Bäume erhoben sich mit ihren feierlichen Kronen über den bröckelnden Mauern, als schirmte der Baldachin eines Königs eines Bettlers Haupt. Häufig stiegen die schlanken Säulen mitten aus dem Innern des Hauses empor. Purpurfarbene Schlingpflanzen rankten an den Stämmen bis zum Dach hinauf und darüber hinweg, und im Hofe wucherten als leuchtendes Buschwerk feuerrote Euphorbien; die Hütte von Sahibs Mutter umloderten Blütenflammen.

Schon als kleiner Knabe schlief Sahib während der langen Zeit der heißen Nächte auf der Hofmauer in jener umzinnten Rundung, die einer Schale glich. Da er seiner Mutter einziges Kind war, schlief er allein. Er hörte die andern Kinder der Dorfleute in ihren Betten unter dem Sternenhimmel lärmen und mußte darüber nachsinnen, daß er einsam sei. Nur in der Wiege auf der Mauer des nächsten Nachbarn war es still; denn die Said Hannas von Kurna besaßen weder Sohn noch Tochter, so inbrünstig sie deshalb zur Mutter des Propheten flehten, endlos im Koran lasen und heimlich allerlei Opfer darbrachten nach verbotenem heidnischem Brauch aus uralter Zeit. Auch Sahibs Mutter war eine überaus fromme Frau, die den Koran kannte gleich einem »Mueddin«. Sie wußte aus dem heiligen Buche des mohammedanischen Glaubens große Stücke auswendig und sprach sie beim Spinnen an der Spindel ihrem Knaben vor, mit gedämpfter Stimme, in einer feierlich geheimnisvollen Weise, als raunte sie Zaubersprüche.

Wenn Sahib nicht einschlafen konnte, lauschte er auf die Stimme der Nacht, auf das Rauschen in den Palmenkronen; das Gurren einer erwachten Wildtaube, die in den Lebbachbäumen nistete; den Schrei einer Eule aus den nahen Tempelruinen und Grüften. Und er hörte das heisere Bellen der Schakale und Wölfe, die des Nachts aus der Wüste zum Flusse schlichen. Alle diese Laute gaben dem einsamen Knaben zu denken.

Und zu denken gab ihm der mit dem Gold der Sterne durchwirkte Nachthimmel, dessen tiefes Blau selbst die Finsternis nicht auslöschen konnte. Auch in der Nacht sah der Knabe die Farben der Blumen, von denen ihm gesagt worden war, die Sonne entzünde sie auf den Pflanzen jeden Morgen, wenn sie drüben über der Arabischen Wüste aufging.

Die Sonne!

Sahib fürchtete sich nicht vor der Einsamkeit der Nacht mit ihren wilden Stimmen; und er fürchtete sich nicht vor den Gräbern, deren Tote immer noch ein geisterhaftes Leben fortführten; aber er fürchtete sich vor der Sonne. Sie schien Tag für Tag, jahraus, jahrein. Kaum jemals ward sie verdunkelt; entweder von einem Gewölk, oder von langen Ketten ziehender Vögel. Am furchtbarsten und schaurigsten war sie, wenn der Chamasin den Wüstensand aufwirbelte. Dann glühte sie wie eine blutrote Flamme durch schwarzes Rauchgewölk, das den Himmel verfinsterte und sich zur Erde herabsenkte.

Tag für Tag die Sonne, jahraus, jahrein. –

Wenn die lange heiße Zeit kam, schoß sie ihre Strahlen als feurige Pfeile auf die Erde herab. Diese wurde davon zu Tode getroffen. Jeder Grashalm verdorrte – starb. Das Land wurde versengt, schien in Flammen aufzugehen, die rote Wüste als verzehrender Feuerbrand sich herabzuwälzen und alles Leben zu begraben unter einem glühenden Sargdeckel.

Sahib haßte die Sonne.

Sie war auch die Mörderin seines von ihm nie gekannten Vaters, wie ihm die Mutter erzählte. In dem Jahre seiner Geburt herrschte die Sonne als eine besonders grausame Tyrannin über dem Nillande. Sahibs Vater war gerade ein junger Ehemann geworden und arbeitete in Biban el Meluk, diesem grauenvollen Felsenkessel, den die Regierung nach Königsgräbern durchforschen ließ. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mußten die Leute von Kurna den glühenden Berg durchwühlen oder den aufgeworfenen Schutt fortschleppen. Dabei traf gerade ihn, den Jüngsten und Stattlichsten, ein Sonnenstich so heftig, daß er in der Blüte seiner Jahre tot hinsank, wo er stand. Auch darum hielt sein Sohn die Sonne für eine Feindin der Menschen; und wenn sie hinter den Gipfeln der Wüstenberge versank, so jubelte er, weil auch sie sterben mußte, in den »Grüften der Könige« begraben ward. Aber jeden frühen Morgen erstand die Himmlische in ewig junger, schrecklicher Herrlichkeit von den Toten, immer wieder und wieder und wieder – wie das auch jene Gestorbenen aus der Heidenzeit sollten. Der Knabe Sahib wollte, wenn er ein Mann geworden war, den höchsten Berg der Erde erklettern, dessen Gipfel bis zur Sonne reichte. Dann würde er die Sonne töten, wie sie seinen Vater getötet hatte; dann hatte der Sohn die Welt von der feuerspeienden, bluttriefenden Mörderin befreit.

Da der Nachbar Said Hanna kinderlos blieb, so blieb Sahib ein einsames Kind. Er war ein rechter Grübler und Träumer, wurde es mehr von Jahr zu Jahr. Das war schlimm. Denn Grübler und Träumer sind schlechte Arbeiter, und Sahibs Mutter war arm. Ein winziges Stück Feld und drei Dattelpalmen, eine Eselin nebst wenigen Hühnern und Tauben bildeten ihr ganzes Hab und Gut, davon sie noch dem Staate Steuern zahlen mußte, für jeden Palmenbaum sechzig Piaster. Sahib hätte daher frühzeitig als Feldarbeiter oder Steinträger verdienen müssen. Damit hatte es jedoch fürs erste gute Weile. Am brauchbarsten erwies er sich, wenn im Juni der Nil zu steigen begann und er am Ufer das Anwachsen des Wunderstroms beobachten konnte. Abends durchzog er dann die engen Gassen, die einem glühenden Ofen glichen, und sagte den Wasserstand durch einen Gesang nach vieltausendjähriger Weise den Dorfleuten an. Oder er kauerte zur Zeit der Dattelreife tagelang unter den Bäumen und verscheuchte die gierigen Vögel von den kostbaren Früchten, die er später sorgfältig pflückte und zum Dörren auf dem Hausdach ausbreitete, bis aus Kairo und Alexandria die Händler kamen und die gesamte Dattelernte des Dorfes aufkauften, was eine Zeit leidenschaftlicher Erregung und tosenden Feilschens ergab. Weit hinaus in die von der befruchtenden Nilflut überströmten Gefilde tönte das gellende Geschrei der Verkäufer und Käufer. Außer diesem Ereignis bildete nur noch das Schwellen und Steigen, das Zurückweichen und Abfluten der Wasser für das Fellachendorf eine große Begebenheit. So, genau so, war es bereits in ältesten Zeiten gewesen; so, genau so, würde es sein, so lange der Nil gleich einem göttlichen Gnadenspender alljährlich über seine Ufer trat.

Bei solchen Beschäftigungen konnte Sahib seinem Hange zum Sinnieren nach Herzenslust frönen. Am Nilufer lag er auf weichem, schimmerndem Sande lang ausgestreckt, starrte in die gelben Wasser, die in reißender Strömung abwärts trieben, und machte sich Gedanken, woher sie kamen, wohin sie gingen. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dem Flug der Vögel. Beständig schwebten Schwärme von braunen Sperbern lautlosen Flügelschlags über der Ruinenstätte von Karnak und den Palmenwäldern des jenseitigen Ufers; Falken kreisten als lebendiges Gewölk über dem Flusse und über der Ebene der einstmaligen Totenstadt; der Hochsommer brachte gelbgeschnäbelte Pelikane und rosige Flamingos aus dem Delta herauf, und das ganze Jahr über gab es bunte Wiedehopfe, zutrauliche Haubenlerchen und zierliche Bachstelzen zu beobachten, von den Wildtauben gar nicht zu reden, die zu Schwärmen die Palmen bevölkerten.

Stand das Fruchtland weit und breit unter Wasser, daß aus den Fluten nur die als Straßen benutzten Dämme aufragten – sie mußten zugleich die Dörfer schützen – so zimmerte sich Sahib aus angeschwemmtem Holzwerk ein Floß und schiffte auf dem unabsehbaren Wasserbecken lustig dahin, von dem Tempel des ersten Setos bis zu dem des großen Ramses, davon die gewaltigen Lagerräume noch standen, in denen der Pharao während der sieben fetten Jahre für die sieben mageren große Getreidevorräte hatte aufspeichern lassen – wie die koptischen Dorfleute von Kurna erzählten.

Den gelben Wassern entstiegen die aufgetürmten braunen Steinmassen, die gewaltigen Eingangspforten, vor denen die granitenen Kolosse der Könige mit weit aufgerissenen Augen, stumpfem Ausdruck, in erstarrter Haltung Wache hielten. Sie standen steif aufrecht oder saßen auf ihren Thronen, Arme und Füße zusammengeschlossen, in den geballten Händen den Schlüssel des Lebens als Zepter ihrer Allmacht umklammernd.

Sahib schiffte durch die turmhohen Pforten in die dämmernden Säulenwälder der Hallen. Saal folgte auf Saal. Von sämtlichen Säulen, sämtlichen Mauern sahen die in Stein geschnittenen Gestalten der Götter herab. Sie hatten Tierköpfe und standen steif und starr den steifen und starren Herrschern gegenüber, die ihnen Weihrauch boten, Opfer darbrachten und mit denen sie geheimnisvolle Zeichen tauschten. Geheimnisvolle Zeichen tauschten Ägyptens Könige auch untereinander. Sie winkten sich zu, schienen sich etwas zuraunen zu wollen – schienen es nicht zu können. Oder sie hielten Geißel, Zepter und Blütenstengel, ließen sich die unterjochten Völkerschaften vorführen, ließen die Reichtümer ihrer Provinzen herbeischleppen, ließen sich als Söhne des großen Sonnengottes verehren ...

Immer die nämlichen Gebilde hundertfach, hundertfach! Und rings um dieses Gewimmel von Göttern, Pharaonen, Völkern standen eingegraben geheimnisvolle Zeichen von dem Fuß der Säulen und der Mauern bis empor zu den Kapitälen und Decken, von denen ein azurblauer, mit Sternen übersäter Himmel niederglänzte.

Sahib schaute zu den Gebilden empor und verlor sich in Sinnen darüber, was sie einander wohl sagten oder sagen wollten? Was wohl ihr Winken bedeutete? Und er starrte die seltsamen Zeichen an, die eine Sprache darstellen sollten, die Sprache all jener Wesen, die vor vielen Jahrtausenden an diesen Stätten gelebt hatten. Denn auch die Heerscharen der tierköpfigen Gottheiten hatten einst Leben gehabt und waren unter den Menschen gewandelt. Aber nur mit den Königsbildern auf den Steinmassen der Tempel verkehrten sie vertraulich.

Kein Laut unterbrach das Grabesschweigen in diesen schrecklich-schönen, von der Nilflut umspülten Hallen. Lautlos kreisten in dem glanzvollen Äther die Vogelschwärme über der Trümmerwelt, von der Sahib bald jeden Winkel kannte; lautlos kamen im Sommer die Wasser gestiegen und lautlos sanken sie wieder zur Herbstzeit. Bald danach grünte das Land auf wie durch einen Zauberschlag. Über den jungen Saaten jubilierten die Lerchen; auf den Dämmen zogen die feierlichen Kamele mit ihren Lasten hin und her; in den Dörfern herrschte aufgeregtes Treiben; Frauen in schwarzen schleppenden Gewändern, eine Last schwarzer langer Schleiertücher auf dem Haupt, wandelten langsam auf den schmalen Pfaden zwischen blumigen Fluren, oder sie standen regungslos düsteren Bildsäulen gleich neben den roten grasenden Rindern; von allen Dämmen leuchteten die weißen und blauen Kaftane der Männer weit über den sprießenden Segen der getränkten Schollen.

Dann mußte bei zunehmenden Jahren auch der Sohn der Witwe die Hände zur Arbeit regen. Er fand sie in dem bei Kurna vorbeifließenden Fadilje-Kanal, in welchem er bei einem Schöpfrad, einem »Schaduf«, angestellt ward. Hüllenlos, nur mit einem Schurz um die Lenden, stand er in dem sumpfigen Wasser und füllte stundenlang, stundenlang die tiefen Schalen aus Büffelleder, ahnungslos, daß sein junger Leib von der Schönheit eines Kunstwerkes war, gleich einer der binsenschlanken Göttergestalten auf den Säulen und den Mauern der alten Tempel.

Auch sonst erkannte niemand die heranwachsende Jünglingsherrlichkeit des Sohnes des Fellah, bei welchem die Rasse der alten Ägypter sich so rein erhalten hatte, als herrschte über Theben noch immer die junge holdselige Königin Makere, die doch schon vor bald vier Jahrtausenden gestorben und in jenen Wüstenbergen bestattet worden war. Freilich hatten die Gräbersucher und Grüftedurchwühler gerade das Grab dieser einen nicht gefunden, der einzigen Frau, auf deren Haupt das Schicksal die doppelte Krone des Pharaonenreiches gedrückt hatte.

Noch ruhte sie in ihrem »ewigen« Frieden, die junge und holdselige Königin Makere.

3

Sahib behielt nach wie vor während der Zeit der heißen Nächte seine Schlafkammer auf der Hofmauer. Aber seit einigen Jahren hatte er eine Nachbarin erhalten: ein Bittgang zu der schwarzen löwenköpfigen Göttin Sechmet von Karnak – alles Grauen uralten Aberglaubens umwittert noch heute jenes grausame Granitbild – vollbrachte an den Nachbarsleuten das Wunder eines spätgeborenen Sprößlings, eines Mädchens, welches den wohllautenden Namen Daira erhielt.

Es war ein überaus zartes und zierliches Ding, mit feinen Gliedmaßen, großen nachtblauen Augen und von ungewöhnlich heller Hautfarbe, darin es dem um sechs Jahre älteren Nachbarsohn glich, dessen Körper den Glanz von Goldbronze hatte. War dieser auch bereits zu erwachsen, um mit solchem Geschöpflein sich abzugeben, so kam es dennoch zu einer Art Kameradschaft zwischen den beiden. Wenn die kleine Daira in ihrer Mauerwiege sich fürchtete, hub sie leise, leise zu weinen an. Die Eltern hörten es nicht in der Hütte, aber Sahib vernahm das feine Stimmchen selbst in seinem Schlaf. Sofort stimmte er einen Gesang an, und sofort wurde das geängstigte Wesen still, schlief sehr bald beruhigt ein, von dem Liede des Nachbarsohns in Schlaf gelullt.

Sahib kannte nur ein einziges Lied, welches dieselbe unsäglich eintönige, unsäglich schwermütige Weise hatte wie alle Lieder der Nillandbewohner. Diese Melodie ertönte von dem Meeresufer bei Alexandria den Fluß herauf, bis zum ersten Katarakt an der Grenze des schwarzen Nubiens. Feldarbeiter und Wasserschöpfer, Steinträger, Kameltreiber und Büffelhirten, Schiffer und die Männer, die stromaufwärts die Boote zogen, sangen immerfort, immerfort dieselbe unsäglich eintönige, unsäglich schwermütige Weise. Sie schallte über das üppige Fruchtland bis zu den Felsenbergen der Arabischen und Libyschen Wüste, drang in sie hinein und schwebte wie eine Geisterstimme über den erstarrten Wogenschlag des unendlichen Sandmeeres.

Dieses einzige Lied, dessen Worte Sahib wußte, war ein Liebeslied und handelte von der jungen und holdseligen Königin Makere, die sterben mußte, ohne je geliebt worden zu sein, ohne je selber geliebt zu haben; denn ihre Macht und Herrlichkeit als Königin war eine zu große. Zwei Kronen drückten ihre junge Stirn, und ihr Zepter herrschte von einem Ende der Welt bis zum andern. Da konnte sie nicht sein wie andre Frauen, die arme junge, holdselige Königin Makere. Gern hätte sie ihr Haupt mit gelben Lilien bekränzt, eine blaue Lotusblüte in den Händen gehalten und am Nilufer mit andern jungen Frauen den Reigen getanzt. Andre junge Frauen liebten und wurden wieder geliebt. Sie aber mußte sterben an ihrer Sehnsucht nach Liebe, die arme junge, holdselige Königin Makere.

Die letzten Worte bildeten den Refrain eines jeden Verses des unsäglich eintönigen und unsäglich schwermütigen Liedes. Seine letzten Strophen besagten, daß die Königin, die an ihrer Sehnsucht nach Liebe starb, unter allen den Generationen von Herrschern in den schrecklichen Wüstengräbern von Biban el Meluk begraben lag, daß kein Mensch auf Erden ihre Gruft kannte, und daß sie darin keine Ruhe fand: seit bald viertausend Jahren keine Ruhe! Denn sie mußte immer wieder geboren werden, um immer wieder an gebrochenem Herzen zu sterben, bis sie von einem reinen und guten Jüngling in ihrem Grabe auf den Mund geküßt ward. Aber kein Mensch auf Erden kannte ihr Grab:

Und wirst du auf den Mund geküßt,
Du noch im Tode selig bist,
Makere, du Arme und Holde ...

Sahib verstand nicht den Sinn der Worte, die er seit seinen Kinderjahren sang, wenn er am Ufer das Steigen des Flusses beobachtete, wenn er die reifenden Datteln vor den Vogelschwärmen schützte, wenn er am Schaduf die Schale mit Wasser füllte. Sein Gesang schallte über die Wellen des Nil, über die reifenden Saaten, die Ruinen der Tempel. Andere junge singende Stimmen antworteten ihm; von dem Rand der Libyschen Wüste bis zum Nilstrom erschallte an der Stätte von Thebens Gräberstadt das Lied von der armen jungen, holdseligen Königin Makere, die noch im Tode durch einen Kuß selig werden konnte.

Aus der vieltausendjährigen, glorreichen Geschichte der hunderttorigen, hochherrlichen Stadt hatten für die Bewohner der Fellachendörfer bei Luxor und Karnak nur drei Namen Klang behalten. Das war der Name von Ramses, dem Großen, waren die Namen der Königin Makere und ihres Gatten Thutmosis des Dritten, der die Königin als seine Todfeindin haßte, weil sie die göttliche Doppelkrone Ägyptens trug und er ihr Vasall war – so hatte sich in der Überlieferung des Volkes die Geschichte jenes Herrscherpaares erhalten und entstellt.

Uralte Sage umwob die beiden Gestalten mit düsteren Schleiern und dichtete geschäftig an ihrem Leben, davon in allen Tempeln diesseits und jenseits des an Theben vorbeifließenden Nils ihre Namenszüge und Bildnisse übrig geblieben waren. Vielmehr: allein Bildnis und Namenszug des Gatten der Königin Makere. Denn als diese gestorben und unter Ägyptens Herrschern bestattet worden war, ließ der Pharao in unversöhnlichem Haß auf allen Säulen und Mauern der Tempel ihre Namenszüge und Bildnisse vertilgen. Ihre Obelisken ließ er stürzen, ihren Leichnam ließ er verbergen, um ihr Andenken aus den Büchern der Geschichte und dem Gedächtnis des Volkes zu löschen. Aber Ägyptens Volk bewahrte ihr Andenken mehr als das der Götter jener Zeit; im Gedächtnis des Volkes blieb die tote Königin Makere leben, wurde sie mit ewiger Jugend und unvergänglicher Schönheit geschmückt, wurde sie zu einer lieblichen Sagengestalt, einem holdseligen Märchenwesen besonders für alle Liebenden: für solche, die glücklich, und für solche, die unglücklich liebten.

Und sie wurde für den Knaben Sahib, der schon an und für sich ein Träumer und arger Phantast war, mehr und mehr zu dem wundersamen Geschöpf seiner Einbildungskraft, mit dem er lebte wie ein Dichter mit dem Kinde seiner Phantasie, an dessen weltliches Dasein der sonderbare Schwärmer glaubt.

4

Der kleinen Daira hatte es der junge Sahib angetan – wie diesem die tote Königin Makere. Sie folgte ihm wie ein Hündlein seinem Herrn. Er kümmerte sich nicht um das zierliche Dingelchen, bemerkte es kaum, da es sich ganz still verhielt und ihn nie plagte. Es saß irgendwo in seiner Nähe, schaute aus dunkeln, weit offenen Augen zu ihm hinüber und horchte auf seinen trostlos traurigen Singsang. Bis an das Nilufer lief das Kind dem großen Jungen nach. Als sie singen konnte, antwortete sie mit ihrem feinen Stimmchen auf seinen Gesang wie sein liebliches Echo. Er merkte es kaum, weniger, als hätte im Grase eine Grille gezirpt oder in den Palmenkronen ein Pärlein verliebter Wildtauben gegirrt.

Später, als Daira nicht mehr ein gar solch winziges Ding, Sahib dagegen bereits ein hochgewachsener Bursche war, kam es zwischen den beiden zu einer Art von Kameradschaft, ohne daß der Sohn der Witwe sich dessen bewußt ward. Aber wenn die kleine Nachbarin einmal nicht irgendwo in seiner Nähe sich befand, horchte er unwillkürlich, ob er sein Echo, ihre helle Stimme, nicht hörte; und wenn die Zeit der heißen Nächte anbrach, freute er sich jetzt noch mehr als früher auf seine offene Schlafkammer unter den Palmenkronen und dem Sternenhimmel, die der Freundin nahe lag. Sie konnten einander von ihrem Lager aus nicht sehen; aber in der tiefen Feierstille der Nacht vernahmen sie jeden Laut von einem zum andern. In des Jünglings Seele spukten alle Gestalten seiner Phantasie, wurden zu Sagen, Märchen, Dichtungen, die aus seinem drangvollen Innern heraus wollten. Er begann, zu sich selber zu sprechen, seine Geschichten sich selbst zu erzählen. Aber er wußte, daß er dabei eine Zuhörerin hatte, die auf jedes Wort mit angehaltenem Atem lauschte. Also sprach er doch nicht mehr zu sich selbst. Und das war ihm lieb, was er sich freilich nicht eingestand ...

Wieder trat im Sommer der Nil unter der fiebernden Erwartung des ganzen Landes über seine Ufer. Das Volk wußte nicht die Ursache seines Steigens, davon sein Wohl und Weh abhing, sein Dasein überhaupt. Es schrieb das allmähliche Anschwellen der Wunder wirkenden Flut einer geheimnisvollen Macht zu, nicht von Menschengeist zu ergründen. Dunkle, göttliche Gewalten ließen die Wasser steigen, übertreten, das flache Land zwischen den beiden Wüsten bedecken und diesem den Segen seines befruchtenden Schlammes erteilen. Wenn der Nil einmal aufhörte, sein alljährliches Wunder zu vollbringen, so würden die Wüsten mit ihren roten Sandwellen herabstürzen und – eine zweite, noch grausigere Sündflut – Ägypten unter ihren feurigen Wogen begraben.

Eines Tages im Juli wollte Sahib auf selbst gezimmerter Barke eine seiner Fahrten zu den Tempeln unternehmen, als er die kleine Daira gewahrte. Im langen indigoblauen Gewande, das Köpfchen schon jetzt unter dunkeln schleppenden Schleiertüchern versteckt, stand das Kind von den Strahlen der Sommersonne umleuchtet auf dem Wall vor der elterlichen Hütte und schaute ihm nach, regungslos wie eines der Steinbildnisse in den zertrümmerten Säulenhallen.

Eine plötzliche Regung ließ den jungen Schiffer sein Fahrzeug wenden und ihn der Stelle zusteuern, wo die feine einsame Gestalt im Sonnenglanz stand. Ein Freudenschimmer flog über das braune Gesichtchen, als Daira begriff, ihr Freund sei für sie umgekehrt, und sie dürfe zu ihm in den schwankenden Nachen steigen. Geschmeidig glitt sie vom Rand des Walls herab und kauerte sich wie ein Kätzlein auf den Platz, der ihr schweigend gewiesen ward, mit einer Handbewegung, als böte der stolze junge Herr dem anmutigen Wesen einen Thron an. Dann stand er wieder als Fährmann hoch aufrecht und stieß mit einem Bambusrohr den Nachen durch die unabsehbare Wasserfläche, daraus Tempelruinen und Palmenkronen märchenhaft aufragten und deren Ufer die in magischem Farbenglanz schimmernden Felsenketten der Wüste bildeten. Leise stieg sein melancholisches Lied auf. Die Endstrophe eines jeden Verses sang Daira mit:

»Und wirst du auf den Mund geküßt,
Du noch im Tode selig bist,
Makere, du Arme und Holde ...«

Sahib schiffte durch die Säulenhallen der Tempel, vorüber an den Kolossen der Pharaonen, die mit zerrissenen Gliedmaßen, toten Blicks, in erstarrter Haltung, aufgebahrten Leichnamen gleich, auf ihrem Thron saßen, eine Schar böser Dämonen, den Fluten entstiegen, unheilvolle Tagesgespenster. Aus entsetzten Augen schaute das Mädchen auf die schemenhaften Gestalten aus schwarzem und rotem Granit, die für Sahib gute Bekannte waren. Er merkte die Angst der Kleinen und sprach huldvoll zu ihr herunter: »Sie tun dir nichts.«

»Du bist ja bei mir.«

»Dann fürchtest du dich nicht?«

»Wie sollte ich mich dann fürchten?«

»Meinst du?«

»Freilich.«

»Ich würde dir auch nichts geschehen lassen.«

»O du bist stark.«

Und das Kind schaute mit leuchtenden Augen zu dem Jüngling auf. Aber – es war kein Kind mehr. Waren doch in diesem Lande der Sonne »Kinder« von zwölf Jahren bereits junge Frauen, um mit dem dreizehnten Mutter zu werden. Plötzlich erkannte auch Sahib, daß seine Nachbarin zwar immer noch klein und überaus zierlich, indessen kein Kind mehr war. Doch dachte er sich nichts dabei; was kümmerte es ihn?

Unwillkürlich schlug er die Richtung nach den libyschen Wüstenbergen ein. Dort befand sich eine Stätte, wohin ihn beständig eine geheimnisvolle Gewalt zog; der Totentempel der Königin Makere in dem Felsenkessel von Der el Bahri. Seine Mutter, an der er leidenschaftlich hing, hatte er niemals hingeführt, in seiner verschlossenen, einsamen Art davon nicht einmal zu ihr gesprochen. Jetzt zeigte er den heimlichen Lieblingsplatz dem Nachbarstöchterlein, das ihn doch überhaupt nicht kümmerte.

Nach kurzer Fahrt schoben sich die rotgelben Sandwellen der Wüste gleich den Dünen eines wirklichen Meeres den Wassern der Überschwemmung entgegen. Sahib stieß ans Land. In einem Glanz, blendend wie die Sonne, stiegen die Felsen auf und umschlossen mit himmelhohen, steilen Mauern das Heiligtum, Terrasse auf Terrasse, Halle auf Halle, Saal auf Saal, Sanktuarium auf Sanktuarium, bis der letzte, heiligste und geheimnisvollste Raum in den lebendigen Fels selbst eingehöhlt war. Rotgelber, schimmernder Wüstensand füllte den gewaltigen Halbkreis hoch hinauf; rotgelber, schimmernder Wüstensand begrub Tore und Säulen. Hier ragte ein Kapitäl, dort das Haupt einer Statue aus dem feinen, funkelnden Staub auf, der jetzt dieses Reiches Herrscher war.

Es gab keine andern Farben als die des Sandes, des Gesteins und Himmels, aus dessen dunklem Azur mit erbarmungsloser Glut die Sonne herabbrannte. Sie duldete keinen Halm, schien in dieser totenhaften Öde kein lebendes Wesen zu dulden ...

Sahib faßte seine Begleiterin bei der Hand und ging leichten Schrittes über den brennenden Schimmer, den wilden Wänden näher und näher. Er leitete die Kleine die versandeten Treppen hinauf von Terrasse zu Terrasse, von Halle zu Halle. Staunend sah Daira die Wunder, darauf ihr Beschützer schweigend wies.

Auf dem bräunlichen Gestein bunte Figuren, ein Gewimmel von Gestalten. Daraus aufragend Götter, Göttinnen und Pharaonen in übermenschlicher Größe. Wieder und wieder Götter, Göttinnen und Pharaonen. Ebenso einförmig, alle Sinne einlullend wie die uralten Weisen des ägyptischen Volkes waren diese Bilderreihen: unterjochte, huldigende, anbetende Völkerschaften, und immer wieder und wieder Götter, Göttinnen und Pharaonen überschlanken und überhohen Leibes, mit verrenkten Gliedmaßen, wesenlosem Ausdruck; Geschöpfe, wie sie nicht sein konnten, Erscheinungen wirrer Träume, wilde Fieberphantasieen.

Auf manchen Säulen, Pfeilern, Mauern befanden sich seltsame leere Stellen, denen ein riesenhafter Gott oder eine gigantische Göttin gegenüberstand. Spuren von Zerstörung ließen darauf schließen, daß hier die Gestalten der Könige, mit denen die Götter geheimnisvolle Zwiesprache hielten, gewaltsam vertilgt worden waren.

Vor einer dieser ausgelöschten Figuren – noch waren ihre Umrisse deutlich erkennbar – blieb Sahib stehen. Flüsternd, als dürfe in dieser bangen Stille keine laute Stimme ertönen, berichtete er:

»Einmal hörte ich meine Mutter erzählen, den Tempel von Der el Bahri habe die Königin Makere erbaut, und überall sei darin ihr Bildnis gewesen. Sie mußte jung sterben. Da befahl der König, der ihr Gemahl war und sie haßte, ihre sämtlichen Bildnisse zu vernichten. Nur eines blieb von ihr übrig, ein einziges auf der ganzen Welt. Ich will dir's zeigen.«

Er führte sie weiter, über Terrassen, durch Säulenhallen, aus dem Lohen und Lodern der Sonnenflammen in das Innere der Felsen und ins Dunkel hinein. Hier hieß er sie stehen bleiben, damit ihre Augen an die Finsternis sich gewöhnten. Dann schritt er wiederum vor, einer Stelle zu, die durch einen Spalt im Gestein ein mattes Licht empfing. Hier befand sich, an die Mauer gemalt, das einzige Bildnis der Königin Makere, welches der wütenden Verfolgung wie durch ein Wunder entronnen war.

Sie war als Kind dargestellt, eine überaus zarte, zierliche Gestalt mit lieblichem Antlitz und großen dunkeln, weit offenen Augen. Darüber stand in Hieroglyphen ihr Name geschrieben, eine Sonnenscheibe, darunter eine thronende Göttin und zwei aufwachsende Lilienstengel. Diese Zeichen bedeuteten: Makere.

Das hatte Sahib in Kurna von einem alten Manne vernommen, dem großen Weisen des Dorfes.

Plötzlich tat der Jüngling einen leisen Ausruf ... Neben dem Bildnis der toten Königin Makere, ihr überaus ähnlich, stand die kleine Daira, gerade so zart und zierlich, blütenjung und lieblich, mit großen dunklen, weit offenen Augen.

5

Nun war Sahib erwachsen; aber ein Träumer und Sinnierer war er geblieben. Er dachte an Dinge, die in einem Fellachendorfe keinem Menschen einfielen. Was kümmerte einen jungen Fellah eine vor fast viertausend Jahren gestorbene Königin, deren Grab niemand kannte. Auf der Stätte des alten Thebens, an beiden Ufern des Nils, wurde von Alters her das vom Volke über sie gedichtete Lied Tag für Tag, jahraus, jahrein in der nämlichen todtraurigen Weise gesungen; im übrigen fragte keine Seele nach der großen Herrscherin, die niemals geliebt worden war und niemals selber geliebt hatte, weshalb sie in ihrer vieltausendjährigen Gruft keine Ruhe finden konnte, immer wieder von den Toten auferstehen, immer wieder in neuer Gestalt geboren werden mußte. Dasselbe sagte man jedoch im Volke von allen Gestorbenen, von deren ewig wiedergeborenen Seelen die Welt voll war.

Wäre Sahib nicht der Sohn einer armen Witwe, oder wäre er ein fleißiger Arbeiter gewesen, so hätte er bereits an ein Weib denken können. Er dachte jedoch mit keinem Gedanken daran, achtete der Mädchen so wenig, wie seiner eigenen Wohlgestalt, die ihm gütige Götter verliehen hatten. Nichtsdestoweniger liebte er es, sich nach Möglichkeit gut zu kleiden, und folgte in diesem Bestreben einem natürlichen Schönheitsgefühl, dessen er sich jedoch nicht bewußt war. Seine Mutter sah in ihrem einzigen Sohn das Ebenbild ihres früh verstorbenen Mannes, ließ ihn in seinen Träumereien gewähren, besorgte die Arbeit des armseligen Haushalts und die Bebauung des winzigen Getreidelandes; schritt, wenn sie vom Fluß den gefüllten schweren Wasserkrug auf dem Haupt trug, in dem Faltenwurf ihrer schwarzen schleppenden Gewänder und Schleiertücher wie eine Königin daher; kauerte abends neben ihrem Sohn unter den Palmen auf dem Hof und raunte ihm stundenlang alte, wundersame Geschichten zu, oder lange Stellen aus dem heiligen Buch der Mohammedaner. Durch ihrer Hände Arbeit beschaffte sie für Sahib eine fast zu prächtige Feiertracht, ein Unterkleid aus blaßvioletter Seide und darüber einen Kaftan aus dunkelblauem schwerem Wollenstoff. Das lange weiße Tuch, welches der hübsche Junge bei festlichen Gelegenheiten kunstvoll um Haupt und Hals schlang, war von einem feinen Gewebe aus dem Delta. Auch von Daira erhielt er ein Geschenk, eine aus Palmblättern selbstgeflochtene Schlafmatte, darin mit kindlicher Kunst eine blaugefärbte schlanke Gestalt eingewirkt war. Sie sollte die arme, holde Königin Makere vorstellen. Dann aber kam in sein einförmiges, verträumtes Leben ein großes Ereignis.

Für die ausgegrabenen Königsgräber in dem Felsental von Biban el Meluk wurde ein Wächter gesucht. Es mußte ein junger Bursche sein, der keine Furcht kannte: weder vor Menschen noch Geistern, weder vor Lebenden noch Toten. Denn wie die Grüfte bereits vor Jahrtausenden, zu Zeiten der Königin Makere, von Grabräubern aufgespürt und ihrer Schätze beraubt worden waren, so geschah es noch heutigen Tages. Beduinen der libyschen Wüste durchwühlten nach wie vor heimlich das Klippenlabyrinth. Sie entdeckten die Mausoleen der alten Herrscher, gruben durch Berge Wüstensands und Gerölls enge Stollen, drangen in die Tiefen, erbrachen die verschütteten Gänge, die vermauerten Tore, die in die unterirdischen Paläste des Todes führten, und rissen die Begrabenen aus ihren Särgen. Sie öffneten die verdorrte Brust der Mumien, um nach dem Skarabäus zu suchen, den die tausendjährigen Leichname an Stelle des Herzens enthielten; rissen von ihren Leibern das Geschmeide; rissen diese selbst aus ihren Umhüllungen ...

Die Pharaonen Ägyptens, die sich den Göttern gleich gedünkt und ihren unantastbaren Körper tief in den Schoß der Erde gebettet hatten, wurden von den gemeinen Händen räuberischer Diebe mißhandelt und geschändet. Aber nicht sie wurden gefürchtet. Gefürchtet wurden die Gestorbenen selbst, deren es Heerscharen gab; denn allein in den Wüstengebirgen des alten Thebens waren mehr als tausend Felsengräber geöffnet worden, und in vielen unentdeckten oder wieder zugeschütteten Grüften wohnten noch immer die Toten, die nicht tot waren, sondern des Nachts ein gespenstisches Leben führten. Und gerade des Nachts mußte der Wächter wachen. Es war ein Amt, voll des Grauens, so daß es schwer fiel, dafür einen Bewerber zu finden. Dem jungen Sahib von Kurna wurde es angetragen und er nahm an.

Seine Mutter schrie auf vor Entsetzen, und Daira sah auf ihren Freund mit einem Blick, als sei er bereits ein Verlorener. Die Frauen von Kurna jammerten laut mit der Witwe. Sie lamentierten: »Die Toten werden deinen Sohn zu sich herabholen. Du Arme, o du Arme!«

Aber Sahib blieb fest. Eine geheimnisvolle Gewalt schien ihn zu beherrschen und von den Lebendigen fort nach den Gestorbenen zu ziehen. Die Dorfleute sprachen zu einander:

»Er ist verzaubert. Die tote Königin Makere tat es ihm an. Sie lebt immer noch in ihrem Grabe, steigt daraus hervor und will geliebt werden. Geküßt will sie werden von solchem guten dummen Jungen! Nicht die löwenköpfige, schreckliche Sechmet von Karnak ist eine Werwölfin, eine solche ist die Königin Makere, von der die Männer das Liebeslied singen, und die noch im Tode unsre Männer toll macht. Wenn man nur ihr Grab auffände, daß man ihr darin ein Opfer bringen könnte. Es muß ein lebendes Geschöpf sein, kein Tier, sondern ein Mensch. Eher weicht nicht die Bezauberung, die von der Toten auf unsre Männer ausgeht; eher wird auch der junge Sahib von ihr nicht befreit. Und er ist seiner Mutter einziger Sohn.«

Daira hörte das Raunen der Leute. Mit leiser, süßer Stimme, die wie Vogelgezwitscher klang, fragte sie erbebend:

»Ein lebendes Geschöpf muß es sein? Ein Mensch?«

»Der Arme, ach, der Arme. Kein Mensch kann ihm helfen; denn kein Mensch bringt für ihn sein Leben zum Opfer. Sieh doch seine Augen an. In seinen Augen steht es geschrieben.«

»Was? Sagt mir doch, was?«

»Daß er jung sterben muß.«

Eine uralte, erblindete Frau, die jedoch alle Dinge sah, auch solche, welche nicht waren, bekräftigte den Ausspruch der Weiber:

»Wer solche Augen hat, muß jung sterben. In den Augen des jungen Sahib steht sein früher Tod geschrieben. Dann wird sich seine Seele mit der toten Königin Makere vermählen. Sie wartet auf ihn.«

Mit ihren erloschenen Augen starrte die Hundertjährige in den Glanz des Tages, als sähe sie die geheimnisvolle Vermählung jener beiden sich vollziehen. Aber in dem Gemüt des Kindes bebte ein heißer Schmerz auf. Von Stund an konnte Daira nichts andres denken, als: ›Er muß jung sterben; und kein Mensch kann ihm helfen. Auch du kannst es nicht.‹

Es kam der Tag, an dem der neue Wächter der Königsgrüfte in dem Felsentale der libyschen Wüste sein Amt antrat. Die Frauen von Kurna behängten den Scheidenden zum Schutz gegen die Geister mit Amuletten, und seine Mutter gab ihm ein Bündel Kamelknochen mit. Sie waren in der Wüste gebleicht, so daß sie wie Elfenbein glänzten, und sollten von Sahib auf dem Dach seiner Steinhütte angebracht werden; alsdann schreckten die Gespenster vor dem Hause des Einsamen in der mörderischen Wildnis zurück.

Daira konnte ihm nichts mitgeben als ihr großes Leid um ihn. Ein Leid war's, davon niemand wußte, auch sie selbst nicht, daß es eine große Liebe sei, eine Liebe, stärker als die mystische Macht vieltausendjähriger Gestorbener ...

Also zog Sahib fort, von den Segenssprüchen des ganzen Dorfes geleitet. Über der Schulter hing die lange Büchse seines Vaters, dessen verjüngtes Ebenbild die schlanke Gestalt war. Seine Mutter hatte ein Dutzend dünner runder Maiskuchen gebacken. Ein Sack Durrahmehls und ein Korb Datteln vervollständigten den Eßvorrat für eine Woche. Diese Dinge, nebst seiner Schlafmatte mit dem Bildnis der Königin Makere und einigen wenigen notwendigen Geschirren aus gebranntem Ton, waren einer weißen Eselin aufgeladen, der liebenswürdigsten und weisesten ihres Geschlechts, Inot benannt. Da der Nil der einzige Wasserspender des regenlosen Landes war, so mußte auch eine mit dem köstlichen Naß gefüllte Ziegenhaut mitgeführt werden. Ein Knabe aus dem Dorfe sollte das Tier zurückbringen und jede Woche mit neuen Lebensmitteln und frischem Nilwasser wiederkehren.

Bis zur Grenze des Fruchtlandes begleitete den Jüngling seine Mutter. Ihr schwarzes Gewand schleppte in dem gelben Sand des Dammes nach, und auf dem Haupt trug sie einen schöngeformten Krug voll selbstbereiteten Dattelweins, der ihren Sohn bei den schlimmen Nachtwachen stärken sollte. Beide Arme über der Brust gekreuzt, in feierlicher Haltung, schritt die Frau an ihres scheidenden Lieblings Seite schweigend dahin. Auch Sahib blieb stumm.

Als er die heimatliche Hütte verließ, stand die kleine Daira auf der Schwelle des Hoftors und schaute ihn mit einem Blick an, wie ihn der Jüngling nie zuvor in ihren Augen gesehen. An diesen trostlosen Abschiedsblick des Mädchens mußte er denken. Auch das war ihm nie zuvor geschehen, daß ein einziger seiner Gedanken jenem Kinde gegolten hatte, welches kein Kind mehr war.

Es war noch im Frühsommer. Die erste Ernte war eingebracht, die zweite Feldfrucht ausgesät und bereits aufgegangen, Mais und Durrah. Auch Reis und Baumwolle gediehen auf den schmalen Fruchtstreifen zwischen Fluß und Wüste. Der Gesang von Lerchenchören schwebte über dem Lande, Scharen bunter Wiedehopfe flogen auf, und die braunen, lautlos kreisenden Sperber herrschten als Könige der Lüfte, die der schwüle Duft blühender Bohnen erfüllte, von denen die steilen Wände des Dammes mit schneeiger Blumendecke überzogen waren.

Vor den Schreitenden stiegen die Felsenberge der Wüste auf; sie waren gelb und orange, rot und rosig, braun und violett und leuchteten in eitel Glanz, in einem Schimmer wie nicht von der Erde, als würden alle diese Klippen und Klüfte, Zinnen und Zacken, Gipfel und Grate unter dem flammenden Himmelslicht des Südens von einer zweiten mystischen Sonne durchlodert.

Geöffnete Grüfte inmitten der Saaten; geöffnete Grüfte längs des ganzen Randes der Felsenkette; geöffnete Grüfte zu beiden Seiten der Schluchten, die wiederum nur die leuchtenden Pforten eines gewaltigen Totenreichs waren ...

Auf den Dämmen, hoch über den Gefilden, zogen die Bewohner der Dörfer hin und her mit den schwarzen Büffelochsen und roten Stieren, ihren Herden breitschwänziger Schafe und langohriger Ziegen. Kamele, den schlanken Hals weit vorgestreckt, den schmalen Kopf hoch gehoben, führten aus der Wüste mit zornigem und ohnmächtigem Schnauben Lasten gebrochener Felsen zum Fluß; Fellahs und Beduinen in schwarzem und blauem Kaftan oder weißem faltigem Burnus, weiß umwundenen Hauptes, belebten die Landstraßen, die Bollwerken glichen. Auf den Feldern arbeiteten Männer und Kinder. Von Zeit zu Zeit huben sie an zu singen, stets nur wenige Strophen, stets dieselben Worte, dieselbe Weise.

So, genau so, war es bereits vor Jahrtausenden gewesen, als ringsum alle die zerstörten Tempel in voller bunter Pracht, mit Götterbildnissen angefüllt, zu einem ewig wolkenlosen, strahlenden Himmel emporstiegen, als auf diesem nämlichen Wege nach der Wüstenstadt königlicher Gestorbener mit überschwenglichem Pomp die einbalsamierten Leichname cäsarenwahnsinniger Pharaonen geführt wurden ...

Plötzlich, vollkommen unvermittelt, ohne jeden Übergang, endigte das Fruchtland; bis hierher, und keinen Schritt weiter, sandte der Nil seine daseinspendende Wunderflut. Hier war die Grenze von Leben und Tod. Also hatten die Toten ein Recht, hier ihr Reich sich zu gründen.

Wortlos trennten sich Mutter und Sohn.

6

Sahib war in der Stadt der Toten der einzig Lebende. Aus den Steinen der Grabfelsen errichtete er eine Hütte mit flachem Dach, darauf er die Nächte zubrachte. Ringsum steckte er die weißen Kamelknochen auf, seltsame Zinnen, die zu der gespenstischen Stätte gut paßten. Als Lagerdecke diente ihm wiederum das feine Bastgewebe mit der blauen Gestalt der Königin Makere, die einstmals mit der Heerschar von Herrschern in dieser Königsnekropole bestattet worden war, und deren Grab keine Menschenseele kannte.

Des Wächters Haus lag hart am Eingang des von Mumien bevölkerten Tales, über dem Hauptpalast des dritten Ramses. Denn jeder tote Pharao bewohnte auch im Tode einen Palast mit Gängen, Kammern, Hallen, Sälen, mit Kapellen und Heiligtümern für die Totenopfer, mit Prunkgemächern und Gelassen für Beamte, Gefolge und Dienerschaft. Die Wände sämtlicher Räume waren von unten bis oben bemalt und beschrieben; von den Decken – sie hatten die Farbe von Lapislazuli – leuchteten goldene Sterne hernieder und die Säulen prangten in dem bunten Schmuck geheimnisvoller Gestalten und mystischer Hieroglyphen. Tief führte es in den Schoß der Mutter Erde hinab, Schacht auf Schacht, bis das letzte Gemach sich auftat, darin der Herr des gewaltigen Ägypterlandes im doppelten Sarg den ewigen Schlaf schlief: unter Fels gebettet, mußte ihn außerdem eine Felsenlast decken.

Wenn Sahib sein Reich durchschritt, so konnte seine furchtlose Träumerseele dennoch ein leises Grauen anwandeln, und das selbst am Tage, von dem an grellem, gleißendem Glanz einer dem andern glich.

Groß war das Gebiet königlicher Toten, ein Talkessel, dessen höchster Gipfel eine natürliche gewaltige Pyramide bildete, daran ein Labyrinth von Schründen und Schluchten sich schloß. Jede Schlucht und jeder Schrund, ja, jeder Spalt und Riß führte zu Grüften von Herrschern und ihren Feldherrn, Priestern, Gefolgschaften, heiligen Tieren, und jede Gruft war nicht nur ein Grab, sondern eine unterirdische Wohnstätte, darin die Geister der Gestorbenen ein gespenstisches Dasein führten.

Aus dem gelben und orangefarbenen, dem rosigen und roten Gestein ragten bräunliche Klippen auf, riesenhaften Gestalten gleich, wie die der Pharaonen vor den Pylonen und in den Hallen der Tempel es waren. Sie schienen selbst die Hüter ihrer Grüfte zu sein, eine in Stein gebannte Versammlung von Giganten.

In dem glühenden, von Wüstensand bedeckten, mit Mumienresten überschütteten Gestein gedieh kein Kräutlein; auch die Natur war tot bei den Toten, deren hervorgezerrtes Gebein auf dem gelben Grund bleichte. Kein Laut unterbrach das schwere Schweigen, das wie etwas Wesenhaftes auf der funkelnden, flammenden Öde lastete. Selbst die Sperber mieden die Stätte. Nur die Kobraschlange war heimisch in dieser Welt des Grauens. Sie hatte deren Farbe angenommen; und wenn sie aus einem Spalt hervorkroch und über Sand und Trümmer sich wand, so war's, als hätte der Fels sich belebt ...

Sahib drang von Gruft zu Gruft. Er führte eine Ölleuchte mit sich. Der fahle Schein des matten Flämmleins glitt wie ein schwebender Funke durch die Finsternisse. Eine erstickende Luft erfüllte die Räume, schwül wie Wüstenwind.

Wo der schwebende Funke auf die Wand fiel, leuchtete eines der tausendfachen farbigen Gebilde auf, ein erhobener Arm, eine winkende Hand, oder eine Hand, die einen Stab, einen Zepter, eine Blume hielt. Ein übersinnliches, wundersames Antlitz erschien, ein Schriftzeichen in Gestalt einer Schlange, eines Vogels oder Insekts.

Über die bunten Abbilder von Göttern und göttlichen Königen, von Menschen und Tieren huschte der blasse Schein, um bei seinem Schwinden alles wieder in Finsternis sinken zu lassen. Er leuchtete in Kammern hinein, darin in Gestalt farbiger Mumien Sarg an Sarg sich reihte; leuchtete in Schachte hinab, bis zum Rand gefüllt mit braunen vertrockneten Leibern. Er ließ eines Herrschers einbalsamierten Leichnam aufglänzen, den immer noch lange schmale Blattgewinde und zarte Blütenkränze schmückten, vor drei- und viertausend Jahren für diesen erhabenen Toten geflochten. Und die Blumen bewahrten noch immer einen Hauch ihrer Farbe ...

Es war, als suchte der junge Wächter in allen diesen Grüften nur nach einem Leichnam, den er nicht fand. Er suchte Tag für Tag.

Nur über Tag öffnete er mit seinem Schlüssel die Pforten, die hinabführten in das dunkle Reich, daraus es keine Wiederkehr gibt. Sahib glaubte jedoch an eine solche, wie bereits seine Vorfahren, die Zeitgenossen jener Gestorbenen, daran geglaubt hatten, an eine Wiederkehr auf dieser Welt in irgend welcher Gestalt, in der eines Vogels, einer Blume, eines Menschen. Nach jedem vergeblichen Suchgang legte sich der Jüngling, zu Tode ermattet, in irgend einen Felsspalt zum Schlummer nieder; denn nachts mußte er die Wache halten.

Noch niemals war er um diese Zeit in eines der Gräber hinabgestiegen, lebten darin doch nachts die Toten, und der atmende Mensch, der sie sah, mußte sterben.

Seines Vaters Büchse schußbereit zwischen den Knieen, kauerte Sahib vor der Hütte; oder er hielt vom Dach aus Umschau. Oft war ihm zumute, als sei der Welt Ende gekommen und er auf Erden der einzige Mensch, der letzte, allerletzte. Es gab auf der Welt nur noch Wüste und Gestein, Einsamkeit und Schweigen, Grüfte und Tote, die er bewachen mußte, bis die Reihe an ihn kam. Und er hatte doch kaum gelebt! Grausig war's, wie die Felsen ihn einschlossen. Es schien ihm, als rückten sie näher und näher; als wälzten sie sich auf ihn zu mit ihren gräßlichen Eingeweiden, den Heerscharen von Toten; als müßten sie ihn im nächsten Augenblick erdrücken, zermalmen. Er wollte entsetzt aufschreien; aber das Grauen vor einem Menschenlaut schnürte ihm wie mit Geisterhänden die Kehle zu. Ihm war zumute, als müßten die erwachten Gestorbenen ihn hören. Sie würden die Menschenstimme erkennen, würden heraufstürmen und die Pforten erbrechen. Ihr Gewimmel füllte die Schluchten, füllte das ganze Tal. Sie suchten das Wesen mit dem Menschenlaut. Sie fanden es, rissen es an sich, schleppten es mit sich hinunter.

Gleich einer Decke aus blauem blankem Erz wölbte sich der Nachthimmel über dem Felsenkessel, der in der Finsternis schimmerte, als sei das Gestein schneeiger Alabaster. Die Gipfel schienen die Säulen eines gespenstischen Festsaals; und die Klippen, die schon bei Tage Menschengestalt annahmen, waren die Gäste, denen zu ihrer Feier die Gestirne leuchteten, als wären an dem ehernen Gewölbe in goldenen Angeln zahllose Kerzen entzündet. Die Geisterorgie konnte beginnen.

Wundersam war's, wenn die Finsternis langsam wich und die Dämmerung anbrach. Sie kam in dunklem Purpur, der allmählich zu Rosenröte sich färbte. Das Gräbertal öffnete sich gerade gegen Osten, wo über den arabischen Wüstenbergen die Sonne aufging. Eine goldene Siegerin, stieg sie auf im Flammengefährt, um in göttlicher Unerbittlichkeit über die Länder des Lichts ihren feurigen Zepter zu schwingen, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Sahibs Haß gegen die strahlende Gottheit war nicht gewichen, aber seit seinen Nachtwachen in der Gräberstadt konnte er sich nicht enthalten, ihr Aufsteigen willkommen zu heißen; befreite es ihn doch von allen den Erscheinungen, die sein phantastischer Geist bei der Dunkelheit heraufbeschwor. Sah er die gelben Wellen des arabischen Sandmeers von den ersten Strahlen vergoldet, so hob er Haupt und Arme, stand in schlanker Jünglingsschöne wie ein griechischer Beter und grüßte den Tag mit leisem Gesang, der wie ein Hymnus klang.

Es war jedoch nur das uralte Lied von der armen jungen Königin Makere, die gestorben war, ohne jemals geliebt worden zu sein, ohne jemals selber geliebt zu haben.

Immer war es das nämliche Lied heißer Sehnsucht nach Liebe.

7

Aus Kurna kam jede Woche der Knabe Ali mit der guten Eselin Inot in das Tal der toten Könige und brachte dem Wächter der Gräber eine Haut voll frischen Nilwassers, einen Korb gedörrter Datteln und einen Vorrat dünner Brote, an einer Schnur aus Büffelhaut aufgereiht. Der Bote wagte sich jedoch nur bis zu den beiden nahe aneinandergerückten, senkrecht aus dem Wüstensand aufsteigenden Klippen, die das natürliche Tor der königlichen Totenstadt bildeten. Sahib kannte das Grauen des Jungen vor der verrufenen Stätte und erwartete ihn an jenem Platz; und jedesmal deuchte es ihm wundersam, daß ein Mensch zu ihm kam und es außer ihm noch Lebende gab.

Selbst seine Mutter schwand ihm mehr und mehr zu einer blassen Schattengestalt. Und Daira, die kleine Daira mit den zarten Gliedmaßen, dem feinen Gesichtchen und den weit offenen dunklen Augen, die solchen unirdischen Blick hatten – in der wundersamen Welt, welche die seine geworden war, hätte Sahib die kleine Daira längst vergessen, wäre es ihm mit ihr nicht eigentümlich ergangen: er träumte bisweilen von ihr. Vielmehr, er träumte von der toten Königin Makere, die ihn mit den Augen der kleinen Daira ansah und ihm zuflüsterte: »Ich lebe und ich liebe dich.«

Sie liebte ihn?

Wer?

Die tote Königin Makere? ... Nicht doch! Die kleine Daira von Kurna, die am Leben war, blütenjung wie die Morgenröte. Einmal sank er in seinem Traum in die tiefsten Tiefen der Gruftfelsen hinab. Er wollte das Grab der Königin Makere suchen und – fand sich plötzlich in den Armen der kleinen Daira. Vor zornigem Schreck erwachte er.

Dieses geschah an dem Tage, an dem der Knabe Ali kam. Da Sahib eine lange Nachtwache gehabt, hätte er die Ankunft des Boten fast vergessen. Die Seele noch voll von den Bildern seines Traumes, machte er sich eilig auf, damit der Furchtsame auf ihn nicht warten sollte. Er fand den Knaben mit vor Angst entstelltem Gesicht neben seiner Eselin im Sand kauern und hörte ihn zum Schutz gegen die Geister heftige Beschwörungen murmeln. Er sowohl wie die Eselin waren mit Amuletten und den Fetzen eines zerrissenen bunten Stoffes behangen.

Wie fremd an diesem Ort ewigen Schweigens die Menschenstimme klang! Sahib selbst sprach nicht viel, aber er mußte den Knaben reden lassen. Von seiner Furcht befreit, schwatzte der Junge nach der gesprächigen Art des Nilvolks von allem, wovon er nur irgend schwatzen konnte: Neuigkeiten der letzten Woche, deren es selbst in dem elenden Fellachendorfe stets zur Genüge gab. Immer noch in dem Bann seines Traumes, hörte Sahib kaum mehr als den Schall der Worte, bis ihn ein Name seinem Brüten entriß: »Daira. Du weißt doch, die kleine Daira?«

»Ich weiß. Was ist's mit der?«

»Sie soll heiraten.«

»Nun ja. Alle Mädchen heiraten. Aber, die kleine Daira – Ist sie denn schon so alt, daß sie einen Mann nehmen kann?«

»Die? Den reichen Mohammed bekommt sie. Er hat das große Baumwollenfeld und den gewaltigen Acker Zuckerrohrs bei Medinet Habu und mehr als hundert Palmbäume.«

»Das große Baumwollenfeld und mehr als hundert Palmbäume!«

»Sie aber weint und weint und weint.«

»Die kleine Daira?«

»Das dumme Ding!«

»Sie weint, weil sie den reichen Mohammed mit den hundert Palmbäumen heiraten soll? Es sind ja wohl mehr als hundert?«

»Viel mehr.«

»Sie aber weint und weint. Es ist wirklich ein dummes Ding.«

Sahib begann den Korb und die Brote sich umzuhängen. Auch drei Stangen purpurfarbigen Zuckerrohrs hatte seine Mutter geschickt. Für den Wasserschlauch mußte er noch einmal zurückkommen. Inzwischen legte er die schwere schwarze Haut, welche die Gestalt des Tieres vollkommen bewahrt hatte, in einen vor den Sonnenstrahlen geschützten Spalt. Dann sprang der Knabe auf die Eselin; er hatte Eile, von dem schlimmen Ort fortzukommen.

»Hast du in Kurna etwas auszurichten?«

»Nein.«

»Nichts deiner Mutter?«

»Daß ich gesund bin und daß die Geister mir nichts anhaben.«

»Sonst nichts?«

»Nichts.«

Ali trieb die Eselin zum Trabe an. Er war bereits eine Strecke weit entfernt, als er sich angerufen hörte. Er hielt sein Grautier an und wandte sich zurück.

»Was ist?«

»Sage ihr –«

Sahib stockte.

»Wem soll ich was sagen?«

»Der kleinen Daira sollst du von mir sagen, sie sei wirklich ein dummes Ding.«

»Das sagen alle Leute in Kurna. Und die Leute sagen ... Du mußt näher kommen, wenn du hören willst.«

»Wozu soll ich hören, was die dummen Leute von der kleinen Daira sagen?«

Näher kam er indessen doch.

»Sie sei verzaubert, sagen die Leute.«

»Von wem?«

»Wer weiß, von welchem bösen Geist?«

»Weshalb soll sie verzaubert sein, das arme hübsche Ding?«

»Weil sie sonst lachen würde, anstatt dazusitzen und immerfort zu weinen. Denn – mehr als hundert Palmbäume!«

»Und das große Baumwollenfeld bei Medinet Habu. Von den Mengen Zuckerrohrs und den zehn Kamelen des reichen Mohammed gar nicht zu reden.«

»Die Leute sagen, der Zauber sei, daß sie sich in einen andern verliebt habe.«

»Verliebt? Die kleine Daira verliebt? In einen andern?«

»Niemand weiß, in wen ... Weißt du's?«

»Was schert's mich?«

Unwillig wandte Sahib dem Knaben, der solche törichte Frage an ihn stellte, den Rücken; mißgestimmt trat er den Heimweg an zu seiner Steinhütte über dem Grabe des Königs Ramses, inmitten der Legionen von noch immer nicht aufgefundenen Toten, zu denen auch die Königin Makere gehörte ...

Nun hatte der einsame Träumer von neuem viel zu sinnieren: Lieben, verliebt sein – von seiner Mutter und namentlich aus dem Liede von der Königin Makere wußte er, daß Mann und Weib einander liebten. Die tote Königin sollte im Grab keine Ruhe finden, weil sie niemals geliebt hatte und niemals geliebt worden war; in seinem Traum hatte sie zu ihm, dem jungen Sahib von Kurna, gesprochen: »Ich lebe und ich liebe dich.« Es war jedoch nicht sie, war nicht die Königin Makere gewesen, sondern die kleine Daira, welche einen steinreichen Mann heiraten sollte, und deshalb weinte, weinte, weinte.

Denn die kleine Daira liebte einen andern; und kein Mensch wußte, wen.

Auch er wußte es nicht. Wie sollte er? Auch kümmerte es ihn nicht. Nicht im geringsten! Trotzdem mußte er beständig daran denken. Daß er dies mußte, machte ihn schließlich ganz wild, und das nicht gegen die kleine dumme Verliebte, sondern gegen sich selbst.

So verstrich die Zeit. Um nicht immerfort denselben unsinnigen Gedanken zu haben, durchforschte er mit wachsender Leidenschaft die Nekropole des Todes nach dem unauffindbaren Grabe der einzigen Königin, die unter Ägyptens alten Herrschern die letzte ruhelose Ruhestätte gefunden hatte. Mehr und mehr wurde es sein Wahn, daß er suchen müsse und daß er finden werde! Ja, daß er vom Schicksal ausersehen sei, das seit vielen Jahrtausenden vergessene Königingrab zu entdecken. Auch sein Traum hatte es ihm prophezeit; und des Menschen Träume mußten sich erfüllen.

Aus dem »Tal der Könige« führten nach allen Richtungen Schluchten und Klüfte, gleich Strahlen, die von einem Mittelpunkt ausliefen. Ägyptens tragische Natur selbst hatte für die gestorbenen Pharaonen diese majestätische Nekropole geschaffen. Manche dieser Spalten, von denen aus es rechts und links in die unterirdischen Paläste hinabführte, war gerade breit genug, daß durch sie ein gestorbener König seinen Einzug in das Reich des Westens halten konnte, in welche Himmelsrichtung die alten Ägypter das Gebiet des Todes verlegten. Wer gen Westen zog, der sank mit der untergehenden Sonne in den Orkus hinab.

Von dieser hohen Warte aus überschaute Sahib sämtliche Pfade, die von Gruft zu Gruft führten. Eines Tages begab er sich in den seiner Hütte gerade gegenüberliegenden Engpaß, darin sich die prächtigste aller Katakomben, der Totenpalast des ersten Setos, befand. Sahib versicherte sich, daß der Eingang verschlossen war, und schritt weiter. Bald führte der Pfad steil hinan durch ein Gewirr von Klippen den Felsenmauern zu, die endlich die Kluft schlossen.

Wie die Trümmer eines Bergsturzes, als hätte ein Erdbeben die Gipfel wanken gemacht, die Wände zu Fall gebracht und zersplittert – in solchem Chaos lagen die Blöcke durcheinander, vom Wüstensand überschüttet. Er mischte sich mit dem bei dem Durchwühlen der Berge herausgeworfenen Gestein, mit bleichendem Gebein und braunen Linnenfetzen, die verruchte Hände von den verdorrten Leibern gerissen.

Jenseits des Grates, dem Sahib zustieg, lag der Totentempel der Königin Makere, Der el Bahri, von ihr selbst »das Allerprächtigste« genannt; dort hatte auch einstmals ihr Palast gelegen, von dessen Herrlichkeiten kein Stein übrig geblieben.

Auf seiner Wanderung fiel Sahib plötzlich der Sommertag ein, an dem er mit der kleinen Daira in seinem Nachen durch das überschwemmte Gebiet schiffte bis zu jenem Tempel, in dessen einer Galerie das Bildnis der Königin an die Wand gemalt war, jung und holdselig, und – ja, und der kleinen Daira von Kurna zum Verwechseln ähnlich, der Braut des reichen Mannes, die, anstatt sich zu freuen, »weinte, weinte, weinte«. Er hatte vollkommen vergessen, daß er damals die schier gespenstische Ähnlichkeit des armseligen Dorfmädchens mit der großen Königin staunend entdeckt hatte. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Daran trug jener unsinnige Traum Schuld; denn es war ihm gar nicht lieb, fort und fort an die Braut des fremden Mannes erinnert zu werden. Wenn sie auch der Königin Makere glich, so ging sie ihn deswegen doch nichts an.

Er gelangte an das Ende der Schlucht, wo unersteigliche Mauern den Weg sperrten. Einer alten Sage zufolge sollte von dieser Kluft aus ein geheimer Gang nach dem Totentempel der Königin führen. Er mußte tief im Felsinnern liegen, sein Eingang verschüttet und durch von den Gipfeln herabgerollte Blöcke förmlich blockiert sein; denn auch dieser Gang hatte sich als unauffindbar erwiesen.

Eine große Kobraschlange, das breite häßliche Haupt hoch aufgerichtet, kroch dicht vor Sahib über Sand und Geröll hinweg, einer wie eine riesige Menschenhand gebildeten Klippe zu.

Kein Wüstenbewohner tötete ohne Not eine Kobra; hatte sie doch einstmals zu den heiligen Tieren gehört. Die Pharaonen und deren Gemahlinnen trugen ihr goldenes Abbild als Königsschmuck auf ihrem Haupte, es war als Ornament tausendfältig in Tempeln und Grüften zu sehen; in jedem oberägyptischen Nildorfe gab es Beschwörer, welche die giftigen Schlangen durch Töne anlocken und sie sich untertan machen konnten.

Sahib blieb stehen. Sein Blick verfolgte den Weg der Schlange. Sie erreichte die Klippe und verschwand in einem Riß derselben. Unwillkürlich kletterte er dem Wurm nach. Dabei geriet er auf eine Sandschicht, die über einer durch Geröll nur lose bedeckten Tiefe lagern mußte; denn plötzlich wich der Boden unter ihm und er stürzte hinab.

Bewußtlos lag der Verunglückte auf dem Grunde eines brunnenähnlichen Schachtes, in den jetzt von hoch herab ein blasser Lichtstrahl fiel.

Gerade über dem Haupt des Ohnmächtigen befand sich eine in das Gestein eingegrabene Hieroglyphenschrift. Die Zeichen stellten eine Sonnenscheibe dar, darunter das Bildnis einer thronenden Göttin und wiederum unter dieser zwei schlanke, lilienhafte Blumenstengel.

Es waren jene geheimnisvollen Zeichen, von denen Sahib wußte, daß sie einen Namen bedeuteten, den der Königin Makere.

8

Als der Knabe Ali das nächstemal mit seiner guten Eselin aus dem Tal der Könige nach Kurna zurückkehrte, berichtete er den Dorfleuten:

»Jetzt ist nicht nur die kleine Daira, die Braut des reichen Mohammed, verhext, sondern auch Sahib, der Wächter der Königsgräber. Einer der Gestorbenen muß des Nachts als Werwolf aus seinem Grabe herausgekommen sein und Sahib angefallen haben. Sein Blut hat das grause Gespenst getrunken. Er sieht aus, daß ich zu Tode erschrak. Aus glühenden Augen stierte er mich an, kauerte im Sande; sprach kein Wort; schien mich gar nicht zu kennen; schien nichts mehr von seiner Mutter, nichts mehr von der kleinen Daira und unserm Dorfe zu wissen; schien selbst wie gestorben und aus seinem Grabe hervorgekrochen zu sein. Ich fürchtete mich vor ihm; legte den Wasserschlauch, die Brote und die Datteln neben ihn; betete rasch eine Beschwörung, damit er mir nichts anhaben konnte, und machte, daß ich mit meiner Inot fortkam. Wenn ich wieder in die Gräberberge muß, gehe ich nicht allein. Was soll ich nur seiner Mutter sagen, wenn sie mich heute nach ihrem Sohn frägt?«

Die Dorfleute kauerten auf den Gassen in langen Reihen am Boden, mit dem Rücken gegen die Lehmmauern ihrer Häuser gelehnt, unter den Kronen der Dattelpalmen. Sie gerieten in heftige Erregung, denn es konnte ganz Kurna zum Unheil gereichen, wenn einer aus Kurna unter die mordende Macht eines Werwolfs oder sonst eines Grabgeistes geriet. Die Weiber hoben ein Geschrei an, das zum Gekreisch ward. Etliche von ihnen standen auf, um die grausige Kunde der Mutter des Opfers gespenstischer Mächte zu überbringen, und bald folgten andre dem Beispiel. Schließlich wuchs die Gruppe zu einer Schar schwarzgewandeter Gestalten an. Verhüllten Hauptes, mit lang nachschleppenden Schleiertüchern, zogen sie unter gellenden Jammertönen der Hütte der Witwe zu. Sie stellten sich vor der Hofmauer auf, hoben beide Arme, streckten sie mit leidenschaftlicher Gebärde steif aus, begannen pathetischen Tones:

»Mutter des Sahib! O du Arme und Ärmste!

»Den jungen Gatten tötete dir die ewige Sonne, daß du dein Herz in die Nacht deines Grames versenken mußtest.

»Mit heiligen Schmerzen gebarst du dem Gestorbenen seinen Sohn, Mutter des Sahib. Siehe, er wuchs heran wie ein junger Palmbaum, das Gestirn deiner Dunkelheit. Dein Alter sollte er schützen wie die Kronen der Bäume Gottes das Dach deiner Hütte. Ein junges Weib sollte unter seinem Schatten wohnen und die Turteltauben den Säugling am Herzen der Mutter in Schlaf singen.

»Wehe! Jetzt welkt der junge Baum deines Lebens.

»Wehe, o wehe, Mutter, du Arme und Ärmste. Auch dein junger Sohn wird von dir fortziehen nach Westen, wo die Gestorbenen wohnen.

»Nach Westen, nach Westen!«

Das ganze Dorf schien widerzuhallen von dem nämlichen wilden Klageruf um einen Toten, der schon vor tausend und abertausend Jahren das Land am heiligen Strom zwischen den beiden Wüsten durchgellt hatte: »Nach Westen, nach Westen!«

Von dem Hause der Witwe wandte sich die Schar der Klageweiber ab, mit dem Antlitz dem Tale der Könige zu, das in seinem Opalglanz das Fruchtland nach Westen begrenzte, das schönste Wüstengebirge Ägyptens und zugleich das grauenvollste der Erde, eine einzige unendliche Katakombe ...

Sahibs Mutter trat aus der Hütte. Mit der Haltung einer Fürstin fragte sie: »Ist Sahib, mein Sohn, tot?«

Da sagten es ihr die Weiber unter heftigen Gebärden, mit Geheul: »Ein Werwolf hat deines Sohnes Geist angefressen, ein Gespenst seine Seele zernagt. Noch lebt dein Sohn. Aber dein Sohn muß sterben. Die Gestorbenen in den Felsengräbern der Wüste ziehen deinen Sohn zu sich hinunter. Du Arme, o du Ärmste!«

»Sterben ...«

Von dem Dach des Nachbarhauses tönte das Wort wie ein erstickter Seufzer herab. Niemand hörte die leise, schmerzliche Frauenstimme; niemand sah das junge, holdselige Mädchenantlitz, das eine Miene hatte, als sei von den schreienden Weibern verkündet worden, ›Daira, die Tochter armer Fellahs aus Kurna, des reichen Mohammed Braut, müsse sterben – noch blütenjung und ohne geliebt worden zu sein, just wie die arme Königin Makere, von einem reichen Handelsmann ihres Liebreizes willen begehrt und an diesen verkauft.‹

Aber sie selbst sollte lieben: »Einen andern«. Also war die kleine Daira doch nicht so unglücklich, wie die große Königin in ihrem glorreichen Herrscherleben gewesen, gekrönt mit beiden Kronen Ägyptens, der weißen und der roten ...

Hinter den Blattwedeln der Palmen verborgen, wohnte Sahibs kleine Freundin der schreienden Beratung der erregten Weiber bei. Wenn den Sohn der Witwe etwas von dem bösen Zauber befreien, etwas ihn retten konnte, so konnte das nur durch ein Wunder geschehen. Denn nur ein solches war mächtig genug, den Bann gespenstischer Gewalten zu brechen. Was für ein Wunder aber war es? Schon einmal hatte das Kind raunen hören, daß für den Verzauberten ein andrer Mensch sich opfern müsse. Es durfte nicht Mutter und nicht Freund sein. Auch nicht Braut und Geliebte. Nur ein junges reines Weib, das eine heimliche Liebe im Herzen trug, war imstande, das große Wunder an dem einem schrecklichen Tode Verfallenen zu vollziehen. Diese mußte vorher eine Probe ihrer Liebe ablegen; denn ihre Liebe sollte den Tod bezwingen. Zu der löwenköpfigen, schrecklichen Sechmet von Karnak mußte die Jungfrau gehen, mutterseelenallein und des Nachts. Inmitten der Tempelruinen von Karnak befand sich ein Teich, den viele hundert Steinbilder der Göttin umstanden. Hier mußte das Mägdlein harren, bis diese selber erschien, als Werwölfin, die auf Menschenraub ausging. Mit drei Tropfen ihres Blutes konnte die Todesmutige das Gespenst, damit dieses ihr kein Leides antat, verscheuchen, und sie mußte das Blut aus ihrer jungen Brust rinnen lassen, an der Stelle, wo ihr unschuldiges Herz schlug.

War das heilige Blutopfer dargebracht, so durfte die Liebende für den Geliebten ihr Leben hingeben, erst dann. In einer Sommernacht, in welcher der volle Mond gerade über dem Tale der Könige stand, mußte sie vor dem Grabe, in dem der Geist der mordenden Verzauberin umging, diesen erwarten und anflehen, ihre Seele statt der andern zu nehmen. Das Gespenst hatte sich der Jungfrau Bitte zu fügen; denn ihre Liebe war stärker als der Tod.

So hatte es die Gottheit bestimmt ...

Sahibs Mutter stand unbeweglich. Jetzt hob sie beide Arme, streckte sie hoch über ihrem Haupte empor und klagte die Gottheit an, welche nicht Mutterliebe die machtvollste sein ließ, da sie doch die heiligste war. Dann ließ sie die Arme sinken, sprach laut und ruhig mit versteinerter Miene:

»Also muß mein Sohn sterben. Denn es hilft ihm nicht, wenn ich, seine Mutter, mich für ihn opfere, und es gibt auf Erden kein anderes Wesen, welches sein Leben für ihn hingeben würde. Mein junger Sohn, folge meinem Gatten und klage mich bei diesem an, weil ich keine bessere Mutter sein durfte. Ich werde fortan allein sein.«

Sie trat zurück, schloß die Türe, kauerte sich in den Sand des Hofes, auf dessen Mauer die Wiege ihres Sohnes stand, blieb regungslos und lauschte auf das Gurren der Turteltauben, die in den Kronen der Palmen nisteten. Der Liebesgesang der zierlichen Vögel hatte einst ihren kleinen Sohn in Schlaf gelullt. Jetzt mußte ihr Sohn sterben.

»Er soll leben!«

Und das blasse Gesichtchen der heimlich Liebenden leuchtete auf in einer Verklärung, als habe ihr Herz eine göttliche Botschaft empfangen.

9

Es nahten die sommerlichen Tage, während welcher das Nilvolk bereits in den Zeiten seines sagenhaften Ursprungs die Feste des heiligen Stromes feierte. Wie es noch heute in seinen Lehmhütten unter Palmen und Sykomoren haust, noch heute mittels Schadufs und Sakije seine Äcker bewässert, noch heute seine Toten in der Wüste begräbt und zum Zeichen der Trauer Haupt und Antlitz bestäubt – genau in diesem Sinne begeht es noch heute in einer Sommernacht die mystische Feier des »göttlichen Tropfens«.

Dieser göttliche Tropfen war eine Träne der Isis, geweint um den Tod ihres von seinem Bruder gemordeten Gatten Osiris. Die Träne der Witwe fiel in den Nil. Als die göttliche Schmerzenszähre in den Fluß sank, begann dieser anzuschwellen. Er stieg und stieg. Und der Nil trat über seine Ufer, stieg höher und höher, überschwemmte das Land, flutete bis zu den Sanddünen und Felsenbergen seiner Wüsten, verwandelte die Gefilde in eine unendliche Wasserflut, daraus die Tempel und Paläste, die Dämme und Dörfer, die Kronen der Palmen und der Sykomoren inselgleich aufragten. Sanken die Wasser, so ließen sie ein köstlich gedüngtes, wunderbar befruchtetes Fruchtland zurück.

Die Träne der Isis war es, die Ägyptens grünendes, blühendes Land schuf, das reichste der Erde, und niemals kam von einer Träne solche Segensflut über ein Volk. Also feierte das Nilvolk noch heute die Nacht, in welcher eine Göttin gleich einem Menschenweibe den toten Gatten beweinte ...

Durch die Gassen von Kurna zogen die Kinder. Sie trugen langstielige, goldgelbe Wasserlilien in den Händen, und die Mädchen hatten sich mit blaßblauem Lotus bekränzt; war doch die Lilie die Blume Oberägyptens, und mit Lotus schmückten sich einstmals Göttinnen und Königinnen. Mit einem Spruch, so alt wie das Volk, sagten die Kinder Kurnas »Lele-en-Muktu« an. Sie sangen die uralten Worte in der uralten Weise, die Menschen einladend, die Nacht des Tropfens am Nilufer zuzubringen, nicht um zu weinen, sondern um zu feiern und sich zu freuen; denn jetzt schwoll Ägyptens Fluß, jetzt quoll Ägyptens Segen, kam die Zeit der Erfüllung.

Also rüsteten sich die Dorfleute zu dem größten Feste des Jahres, Kopten und Mohammedaner. In einer Winternacht ward zu Bethlehem der Heiland geboren, und drüben im Osten lag das Grab des göttlichen Propheten. Aber der Nil war dem Volke Ägyptens, Kopten und Mohammedanern, noch mehr zum Heile geworden. Darum war das Nilfest aller Feste heiligstes und zugleich freudigstes. So wollte es Allah und so nicht minder der Gott, der seinen eingeborenen Sohn auf die Welt sandte, um für diese am Kreuz sein Leben zu lassen.

Nachdem die Dorfkinder die heilige Nilnacht singend angesagt hatten, sammelten sie trockene Palmblätter, trugen die dürren Wedel zum Ufer und häuften sie über flachen Steinen zu Herdfeuern auf. Auch Matten breiteten sie auf dem weichen, schimmernden Ufersand aus. Das alles verrichteten sie unter feierlichem Gesang, zu dem die Handtrommel geschlagen und auf der langen Rohrflöte geblasen ward. Es gab einen Heidenlärm.

Inzwischen schlachteten die Männer den festlichen Hammel, dessen Blut sie nach allen Himmelsrichtungen aussprengten, wobei sie sich bis zur Erde verneigten und geheimnisvolle Worte raunten, als begingen sie einen mystischen Opferdienst. Das geschlachtete Tier wurde mit starkduftenden Kräutern gefüllt und an einen hölzernen Spieß befestigt, um am Strande über den Feuern gebraten zu werden; die Hausfrauen aber bereiteten aus Weizenmehl und Honig einen Brotteig, der gären mußte. Die runden, flachen Kuchen legten sie in der Nacht vor dem Feste auf das Dach des Hauses; je höher der Teig aufging, um so größer das Glück, das dem Hause bevorstand ...

Sahibs Mutter bereitete nicht den prophetischen Teig; für sie gab es auf Erden kein Glück mehr. Ihr Gatte war jung gestorben und ihr Sohn würde jung sterben. Dann blieb sie mutterseelenallein. Auch sie wollte in der nächsten Nacht zum Ufer gehen. An einer einsamen Stelle, dicht am Flusse, wollte sie niederkauern und weinen. Ihre schmerzlichen Muttertränen sollten in den Strom fallen. Dieser sollte von ihren Muttertränen anschwellen; sollte hoch und höher steigen, über die Ufer treten und das Land überschwemmen bis zu der Wüste, die ihrem Sohn den Tod brachte.

An dem Morgen vor der Festnacht trat Daira, die junge Braut, in die Hütte der Witwe. Sie trug ein dunkelblaues Festgewand, das an Hals und Schultern buntgestickt war, lange dunkelblaue Kopftücher und Geschmeide aus purem Gold, ein Geschenk ihres reichen Bräutigams, eines bereits alternden Mannes, dessen drittes Weib das holde Kind werden sollte.

An der Tür blieb die Geschmückte stehen. Matt lehnte sie gegen den Pfosten, eine Menschenblume, deren Seele die Flamme eines großen Leides verzehrte. Ihre Augen brannten wie im Fieber. Sie hatten zuviel geweint und waren jetzt tränenlos.

Ohne die Verlobte anzusehen, sagte Sahibs Mutter: »Deine Eltern kneteten den Teig, machten die Brote und legten sie auf das Dach unter den himmlischen Sternen. Weißt du, ob der Teig aufging?«

Ihr wurde erwidert:

»Herrlich ging er auf. Meine Mutter kam diesen frühen Morgen zu mir und frohlockte, mein Glück würde groß und glanzvoll sein. So oft sie schon vor der Festnacht den Teig bereitet, hätte er dem Hause nicht solches Glück geweissagt. Das ganze Dorf weiß es bereits.«

Die kauernde Frau sagte mit harter Stimme: »Deine Mutter hat es besser als ich, die ich nichts Schlechtes gegen Gott und Menschen beging. Es ist eine ungerechte Welt. Vielleicht ist es gut für meinen Sohn, daß er vor mir in die Erde zu seinem Vater geht. Du aber trage dein Glück, wie du dein goldenes Geschmeide trägst, und tanze diese Nacht am Fluß den Tanz seliger Bräute.«

»O Mutter!«

»Wie heißest du mich?«

»Liebe Mutter, ich sandte deinem Sohn Botschaft ins Gräbertal.«

»Botschaft dem Kranken, dem Sterbenden? Was willst du von ihm?«

»Ich ließ ihn bitten, zu seiner Mutter zu kommen, die um ihn trauert, als sei er bereits ein Gestorbener.«

Nach einer Weile sprach die Regungslose, als redete sie zu sich selbst: »Ich wollte zu ihm gehen; wollte ihn mit mir fortnehmen, damit er sein Ende in seines Vaters Haus erwarte und seinen letzten Seufzer seiner Mutter vernähme. Aber als ich zum Eingang des Tales kam, ließen mich die Geister der Toten nicht hinein. Ich stand und stand; und wenn ich weiter schreiten wollte, konnte ich nicht. Auch dort erwies sich meine Mutterliebe nicht machtvoll genug; es muß eine andre Liebe sein, die bis zu meinem Sohn dringen kann. Ich stand und stand und streckte nach meinem Sohn beide Arme aus, und rief meines Sohnes Namen, bis die Sonne sank. Er hörte jedoch die Mutterstimme nicht, und ich mußte meine ausgestreckten Arme wieder sinken lassen. Zurückweichen mußte ich von der Pforte des Gräbertals. Seitdem weiß ich, daß mein Sohn ein Verlorener ist. Auf deine Botschaft wird er nicht hören. Wie sollte er wohl? Was kümmert er sich um dich?«

Daira sprach der Mutter nach: »Was kümmert er sich um mich? ... Ich ließ ihm sagen, daß ich in einer Woche des reichen Mohammeds Frau würde, und daß ich ihn vorher noch einmal sehen müßte; ich müßte ihn etwas fragen.«

»Du ihn fragen? Meinen Sohn?«

»Und ihm sagen, daß seine Mutter für ihn ihr Leben hingeben möchte.«

»Was hilft es ihm? ... Aber daß du glaubst, er könnte kommen, weil du ihm eine Botschaft schicktest! Wer bist denn du? Was weiß er von dir? Was kümmert er sich um dich, du hübsches, geputztes Ding? Richte du dein Hochzeitskleid und lasse deine Mutter die Hochzeitskuchen backen, wenn ich für meinen toten Sohn die Grabgerichte bereite und die Jünglinge des Dorfes zum Leichenschmaus lade.«

Dabei machte sie eine Bewegung, als wiese sie die Braut des reichen Mannes hinaus. Darauf vergrub sie ihr Gesicht in beide Hände und saß wieder starr wie ein Steinbild.

Die Mutter hatte nicht zu ihrem Sohne kommen können; der Geist, der ihres Sohnes Leben verzehrte, ließ sie nicht zu ihm. Es mußte eine andre Liebe sein, als Mutterliebe war, die doch die heiligste, also die machtvollste Liebe sein sollte.

Es war dieser Gedanke, der Sahibs Mutter den Sinn verwirrte und das Herz zerriß ...

An beiden Ufern des Nils wurde alsdann die heilige Nacht des Tropfens gefeiert. Die Feuer säumten den Fluß mit einem Flammenkranz, dessen Widerschein auf den dunkeln Wassern schwamm, zugleich mit dem glanzvollen Sternenhimmel Ägyptens. Es war, als sei der Nil stromauf und stromab mit Mengen glühender Lotus, den Blumen der Isis, bedeckt.

Musik und Gesang des Volks war die Stimme der Weihenacht, eine tieftraurige Stimme, voll Schwermut und Sehnsucht wie die Seele des Volkes.

An den Feuern wurden die Festspeisen bereitet, die geschlachteten Hammel gebraten und die süßen, weissagenden Weizenkuchen gebacken. Dann begann die Jugend den Tanz. In den Kreis der Zuschauer traten Jünglinge. Sie hielten in beiden Händen hoch über sich einen bekränzten Stab und bewegten sich langsam, langsam, bald vorwärts, bald rückwärts nach dem feierlichen Rhythmus der Klänge der Handtrommeln und Flöten.

Dem Tanze der Jünglinge sollte der »Reigen der Bräute« folgen, als plötzlich unter den Dorfleuten eine allgemeine Bewegung entstand.

Sahib von Kurna, der Sohn der Witwe und Wächter der Königsgräber von Biban el Meluk, erschien plötzlich bei den Feuern am Strande.

Mitten in der Nacht hatte er seinen Posten verlassen und war zum Flusse gekommen, um das Fest der göttlichen Träne mitzufeiern. Aber alle traten von ihm zurück, wichen ihm aus, den die Geister der Grüfte gezeichnet hatten, der den Toten verfallen war. In dem fahlen Gesicht glühte aus hohlen Augen ein verzehrendes Fieber. Das Gesicht eines Sterbenden war's.

Sahib kümmerte sich nicht um das Aufsehen, das sein Erscheinen inmitten des Festes verursachte. Nach Daira, der Braut des reichen Mannes, schaute er aus. In ihrem schönen Gewande und dem Goldschmuck schritt ihm das Mädchen entgegen, daß alle es sehen konnten. Aber nur mit den Augen grüßte sie ihn. Es war ein Blick voll erstickten Jammers, voll erstickter Liebe. Doch Sahib verstand nicht die stumme Sprache.

Die beiden standen wie in tiefer Einsamkeit einander gegenüber. Eine Welle schwiegen sie. Das Mädchen sprach zuerst: »Also kommst du doch auf meine Bitte?«

»Ich kam nicht, weil du nach mir schicktest.«

»Nicht darum?«

»Nein.«

»Weshalb kamst du denn?«

»Ich muß dir etwas sagen.«

»Mir?«

Und sie lächelte.

»Nur dir. Ich weiß selbst nicht, weshalb ich es gerade nur dir sagen muß. Nicht einmal meiner Mutter kann ich es sagen.«

Die kleine Daira stand vor ihm und lächelte. Aber auch sie wußte nicht, weshalb er es gerade ihr sagen mußte, mitten in der Nacht des Tropfens, die eine heilige war, heilig durch den Gram eines liebenden Weibes.

Wiederum schwiegen die beiden jungen Menschenkinder, bis die Lächelnde leise bat: »Also sage mir's.«

Da vertraute Sahib dem Mädchen, das ihn nicht kümmerte, sein großes Geheimnis an. In der grauenvollen Einsamkeit der Katakomben konnte er es nicht länger in seiner Brust verschließen. Er flüsterte der Braut des fremden Mannes zu: »Die tote Königin Makere. Du weißt doch?«

»Ich weiß. Sie ist's, deren Geist dich verzaubert hat, die dich verzehrt, die dich zu sich hinabziehen wird. O, ich weiß.«

Nun lächelte sie nicht mehr.

»Und du weißt, daß keine Menschenseele ihr Grab kennt. Sie liegt im Tal der Könige unter allen den Königen begraben, doch niemand weiß den Ort.«

»Ach, laß die tote Königin Makere. Sie ist eine Werwölfin.«

Ohne darauf zu achten, todbleichen Gesichts, glühenden Auges verriet der Wächter der Königsgräber der Freundin:

»Ich fand ihr Grab. Daira, o Daira, denke doch nur, ich fand ihr Grab

Ein Erschauern ihrer ganzen zarten Gestalt war Dairas Antwort. Sahib aber erzählte ihr flüsternd, wie er das Grab der Königin entdeckt hatte:

»Da war eine Schlange, eine von den heiligen Königsschlangen. Die Schlange zeigte mir das Grab. Ich fiel hinab, tief, tief. Und ich wußte nichts von mir. Als ich erwachte, lag ich in einem schwarzen Abgrund. Dennoch fürchtete ich mich nicht. Ich wußte, es sei ihr Grab. Ganz plötzlich wußte ich's, als hätte mir's die Schlange gesagt.

»Ich hatte mein Licht bei mir und konnte es anzünden ... Daira, o Daira – auch vor dem Geist der toten Königin fürchtete ich mich nicht; und ich war doch der erste Mensch, der nach über viertausend Jahren zu ihr hinabgestiegen kam; denn vor über viertausend Jahren soll sie bereits gestorben und begraben sein.

»Denke doch nur! Und ich war seitdem der erste Mensch!

»In dem Sande erkannte ich die Fußspuren des letzten Menschen, der hier gegangen war. Sie führte aus dem Grabe hinaus. Es war die Fußspur des Arbeiters, der den Eingang zur Gruft verschlossen hatte.

»Denke doch nur! Noch die Fußspur! Nach über viertausend Jahren!

»Nun war ich drunten, und suchte den Sarkophag, und mußte lange suchen.

»Es sind Gänge und Kammern und Säle, und wieder Gänge und Kammern und Säle. Und immer tiefer und tiefer ging es hinab. Aber die Wände sind nicht bunt bemalt, wie doch sonst in den Gräbern. Nirgends ein Bildnis der Königin Makere. Auch in ihrem Grabe nirgends ein Bildnis!

»Nur ihr Name stand auf dem Stein geschrieben. Du weißt, daß ich ihren Namen lesen kann ... Das weißt du doch?«

»Ja, ja. Erzähle, Sahib! Erzähle!«

»Die Kammern sind voller Mumien. Hundert Tote und mehr! Ein Leichnam liegt neben dem andern. Lange Reihen von Leichnamen sind's. Es werden ihre Diener und Dienerinnen sein. Also lag sie doch nicht allein die ganze lange Zeit über. Mich freut's, daß sie nicht allein lag.«

»Wie sie dich verzaubert hat. Sahib, o Sahib!«

Auch jetzt beachtete er den Schmerzenslaut nicht. Er hörte ihn kaum, fuhr fort, flüsternd zu sprechen, beständig mit seinem fieberglühenden Blick:

»Ich mußte noch tiefer hinunter, finstere Schachte hinab. Ich fand die Spuren, wo man ihren Sarg hinabgelassen hatte, und ich folgte ihnen.

»In einem ganz engen Kämmerlein stand der Sarg. Darauf war unter vielen andern Zeichen ihr Name geschrieben: ›Königin Makere‹.«

Bebend sagte Daira: »Saß ihr Geist auf ihrem Sarg? Sahst du sie? Denn du weißt doch, daß ihr Geist aus ihrem Sarg heraussteigen und als Werwölfin umgehen kann? Sahib, o Sahib, sahst du den Geist der toten Königin Makere, der dir das Blut aussaugt, der dir das Leben nimmt? ... Ach, so sprich doch!«

Da sagte er ihr mit zuckenden Lippen, daß er den Geist nicht gesehen habe, daß er jedoch nicht eher ruhen werde, bis er ihn gesehen, daß er nachts, anstatt die Königsgräber zu bewachen, in das Grab der Königin hinabsteige, um ihrem Geist zu begegnen.

Er müsse es tun; er könne nicht anders. Nacht für Nacht ziehe es ihn hinunter. Es sei gewiß ein Zauber; aber – er könne und könne nicht anders.

»Wo liegt das Grab?«

Er beschrieb es ihr genau; denn sie wollte es genau wissen. Dann fragte sie ihn ein zweites Mal: »Und du mußtest kommen, um es mir zu sagen?«

»Ich mußte.«

»Und nur mir?«

»Nur dir.«

»Sahib, o Sahib ... Weißt du, daß ich den reichen Mohammed heiraten soll?«

»Den Mann mit dem großen Baumwollenfeld und mehr als hundert Dattelpalmen. Ich weiß.«

»Ja, ich soll eine reiche Frau werden.«

»Wann?«

»Sobald der Fluß anfängt zu steigen.«

»Du wirst eine glückliche Frau sein, da du eine reiche Frau werden sollst.«

»Ja. Eine glückliche Frau.«

»Lebe also wohl.«

»Lebe wohl.«

»Nur dir sagte ich's. Kein andrer darf wissen, daß ich das Grab der Königin Makere fand.«

»Kein andrer.«

»Sie öffnen es sonst, nehmen sie aus dem Sarge und bringen sie fort; und –«

»Und, Sahib?«

»Und sie soll mir allein gehören; denn ich gehöre ihr allein.«

»Ja. Sie hat Gewalt über dich.«

»Das ist nun einmal nicht anders.«

»Lebe also wohl ... Höre!«

»Was?«

»Willst du deine Mutter nicht sehen?«

»Meine Mutter?«

»Sie trauert um dich, als hätte die Königin Makere dich bereits zu sich hinabgeholt ... Was sagst du?«

»Ich kann meiner Mutter nicht helfen.«

»Geh zu ihr; bleibe bei ihr; tröste sie. Lebe, lebe, lebe! Sahib, o Sahib! ... Ach, so höre mich doch!«

»Grüße meine Mutter von mir. Ich muß zur Königin gehen.«

Kaum wissend, was er sprach, flüsterte er:

»Und wird sie auf den Mund geküßt,
Sie noch im Tode selig ist ...«

»Sahib!«

Er hörte nicht. Ohne auf den leisen Wehruf zu achten, ging er durch die Reihen der Dorfleute, die voller Scheu vor dem Gezeichneten zurückwichen. Dann mußte Daira den »Reigen der Bräute« beginnen.

10

Und so half es dem bräutlichen Kinde nichts, es mußte das heilige Opfer vollziehen, mußte sein Leben für das des Geliebten lassen, mußte den Liebestod sterben ...

Daira zögerte nicht länger. In der ersten Nacht nach der des göttlichen Tropfens stand sie heimlich vom Lager auf, legte das Schleiertuch an und tat sämtliche Amulette wider böse Gewalten von sich: wollte sie doch den bösen Gewalten verfallen.

Sie ging zum Fluß, löste am Ufer einen Nachen, bestieg das Boot, ruderte an das jenseitige Ufer, um in den Tempelruinen von Karnak die Probe ihrer Stärke zu bestehen – wie die Weiber von Kurna auf der Gasse Sahibs Mutter gesagt hatten, daß es geschehen müßte; und sie wollte alles erfüllen.

Nun schritt sie unter den hohen Palmen dahin. Die Blattwedel schwankten im Nachtwind, und ihre Schatten bewegten sich auf dem vom Mond beschienenen Boden gleich schwarzen Ungetümen, die von allen Seiten auf die Einsame zukrochen. Schwärme von Fledermäusen und große weiße Eulen umflatterten sie lautlosen Fluges. Die Wildnis erhob ihre nächtliche Stimme, geheimnisvolle Laute, im gellenden Aufschrei das totenhafte Schweigen unterbrechend: ein Wüstenwolf beschlich im nächsten Dorf ein verirrtes Lamm oder Zicklein.

Daira trat aus dem Palmenwald. Riesenhaft stieg es vor ihr auf, vom Sternenschein umflossen, gewaltige Mauern, Türme, Säulen, Steinbilder – unweltlich, wie nicht von Menschenhänden geschaffen, sondern von Giganten für Götter mit Riesenleibern.

Zu beiden Seiten der breiten Straße lagerten Tiergestalten, gleichfalls übermächtig groß und nicht wie von dieser Welt. Tier lagerte neben Tier. Zwischen den Tatzen hielten sie Menschen, als wollten sie sie zerfleischen. Grausam, blutgierig, unersättlich, war der Ausdruck der starren Häupter.

Daira wanderte und wanderte. Sie schritt durch Tore und Höfe; schritt von Tempel zu Tempel, von Halle zu Halle. Der wie durch ein Naturereignis durcheinandergeschleuderten Blöcke, der Trümmerfelder, geborstenen Mauern, gestürzten Säulen, zersplitterten Kolosse schien kein Ende zu sein; die ganze Welt schien in Ruinen und Trümmer verwandelt. Und der himmlische Schein der Gestirne überflutete die rötlichen und bräunlichen Massen, welche nicht geborstenem und gebrochenem Mauerwerk, sondern Steinbrüchen und Felsstürzen glichen.

Und wiederum Sphinxalleen, die wiederum zu Ruinenfeldern führten ...

Nach langer, grauenvoller Wanderung erreichte das todesmutige Mägdlein den Ort, den die Weiber als die Stätte bezeichnet hatten, wo sie auf die Ankunft der Königin der Geister, der schrecklichen Göttin Sechmet warten mußte. Erst, wenn sie diese geschaut und drei Tropfen ihres Blutes geopfert hatte, ohne von ihr entgeistert worden zu sein, war sie imstande, für den Geliebten das Leben zu lassen ...

Daira befand sich über dem Ufer eines Sees, der in Gestalt der Mondsichel eine wüste Trümmerstätte umfloß. Blasse Tamariskenbäume säumten das Ufer und ließen die zarten Zweige tief herabhängen in die regungslose Flut, darauf das Spiegelbild der Gestirne herniedergesunken war. Gleich kleinen Inseln schwammen Felder bläulichen Lotus auf dem ruhenden Gewässer. Der Anblick des Teiches wäre lieblich gewesen, hätte Daira nicht etwas erblickt, das sie mit Entsetzen erfüllte.

Rings um den See eine Versammlung schwarzer, steinerner Gestalten. Es waren junge Frauen mit Leibern fein wie Lilienstengel. Aber furchtbar waren die Häupter: alle die zarten Frauenwesen trugen Löwenköpfe!

Scharen solcher Fabelgeschöpfe umstanden den Tempelsee, hundert und aberhundert. Jede der Löwenköpfigen thronte in der nämlichen steifen Haltung, beide Arme eng an die schmalen, zusammengepreßten Glieder geschlossen; jede zeigte denselben grausamen, blutgierigen, unersättlichen Ausdruck, wie die Sphinxe ihn hatten. Viele steckten noch bis zum Oberkörper in dem fahlen Sand, daraus sie sich zu erheben schienen in ihrer starren Haltung; andre waren von den Staubmassen bis zu den Füßen herab befreit. Alle diese glichen aus ihren Grüften auferstandenen Fabelwesen.

So standen sie beim Schimmer der Sterne über den schweigsamen Wassern und schienen, gleich der einzigen Lebenden, der Ankunft ihrer Herrin zu harren, der schrecklichen Sechmet, die einstmals eine große Göttin gewesen, und jetzt als Werwölfin ein ewiges Leben besaß.

Daira wartete. Sie hatte ihre junge Brust entblößt, sie dem Glanz des nächtlichen Himmels entgegengehalten, und ein kleines, scharfes Messer auf die Kniee gelegt, bereit, mit dem Stahl über ihrem Herzen einzuschneiden, um ihr Blut fließen zu lassen.

Inmitten der Schar jener furchtbaren Schemen kauerte das Kind in dem Sand über dem Teich und harrte des Gräßlichen, das da kommen sollte.

Aber anstatt Gebete und Beschwörungen zu stammeln, flüsterte sie einen Namen, immerfort nur einen Namen: »Sahib! Sahib! Sahib!«

Und sie wartete.

Während sie wartete, vernahm sie das Gebell der Hunde, welche die Hütten der nahen Dörfer bewachten. Ihrer mußten Meuten sein, und sie schienen aus Furcht vor der umgehenden Werwölfin dieses höllische Geheul und Gewinsel anzuheben. Inzwischen tönte der klagende Ruf der weißen Eulen, als ob ein gequältes Kind weinte oder ein in seinem Horst erwachter Raubvogel einen weithinschallenden Schrei ausstieße.

Und Daira wartete, halb entgeistert vor Grauen.

Sie konnte nicht anders: beständig mußte sie die entsetzlichen Steinbilder anstarren, jeden Augenblick gewärtig, sie würden sich beleben, sich erheben, ihre Leiber und Füße aus dem Sande ziehen, auf sie zuschreiten und sie in ihre Mitte nehmen. Und ihrer waren Hunderte und Hunderte!

Hunderte von gierigen Lippen würden das Blut trinken, das sie für den Geliebten vergießen wollte.

 

Eine schwere Ermattung überfiel die Harrende. Um nicht in Betäubung und Bewußtlosigkeit zu versinken, murmelte sie beständig den wunderwirkenden Namen des Geliebten. Da schien's ihr, als ob die Erwartete käme. Die Legionen der Regungslosen erwachten zu einem gespenstischen Dasein. Von allen Seiten erhoben sich die binsenschlanken, nackten Gestalten, Hunderte und Hunderte und Hunderte! Denen, die noch bis zur Brust oder bis zum Knie im Sand steckten, halfen die andern, sich zu befreien. Es war, als spie der gelbe Wüstensand eine Heerschar schwarzer Frauenleiber aus.

Am grausigsten waren jene, die zertrümmerte Gliedmaßen, zerfetzte Körper, zerspaltene Häupter und nur noch halbe Gesichter hatten. Denn auch diese Fürchterlichen lebten. Sie ordneten sich zum Zuge, um der Gebieterin entgegenzuwallen.

Sie kam!

Ihr Leib war wie eine Linie so schmal, und ihr Haupt das eines Ungetüms, wie die Erde keines trug.

Blut rieselte aus ihrem Rachen; Blut floß an ihr nieder; in Blut schien sie sich gebadet zu haben.

Es war frisch vergossenes Menschenblut, dessen Dunst die Mordende umgab wie ein purpurner Dampf.

Und nun kam das Gräßlichste. Alle die Hunderte von löwenköpfigen Frauenleibern begannen sich um die Herrin im Tanze zu drehen, einen Reigen begannen sie! Inmitten stand die bluttriefende Königin. Und rings um sie ein Gewimmel tierischer Menschengestalten, ein wirrer Knäuel von sich beugenden und sich neigenden Leibern, steif aufgestreckten Armen, bacchantisch in den Nacken geworfenen Häuptern.

Lautlos war's. Selbst das Angstgeheul der Hunde war verstummt.

Sie drehten und wanden und schwangen sich, eine Orgie von Geistern, die mit Menschenaugen zu schauen den Tod gab.

 

Daira aber lebte.

Die kühle Morgenluft weckte sie.

Aus ihrer entblößten Brust, gerade über ihrem Herzen, perlten drei große dunkle Blutstropfen.

Die Göttin hatte ihr Opfer angenommen: sie war ausersehen, für den Geliebten das Opfer zu vollziehen.

11

Eine Vollmondnacht war's.

Nicht weiß, nicht »silbern« leuchteten die Felsen im Tale der Könige, sondern in einem magischen Glanz von zartester Rosenröte stiegen die wilden Wände auf, Gipfel, Grate, Klippen und Klüfte. Jede Schlucht und Kluft ward erfüllt von dem überirdischen Schimmer. Er schien in dem Innern der Wüstenberge zu glühen und aus den Spalten emporzuquellen, als ginge von den toten Königsleibern der Glanz ihrer Majestät aus ihren unterirdischen Mausoleen hervor ...

Sahib hütete die Grüfte, stand Schildwache vor den Todespalästen von Ägyptens Heerscharen. Die Eingänge von mehr als fünfzig Königsgräbern mußte er bewachen. Jenseits der strahlenden Felsenzinnen ruhten die Königinnen, die Prinzen und Prinzessinnen mit ihren Hofstaaten und Dienerschaften, und jene ganze vielfach durchklüftete Bergkette, die zwischen beiden königlichen Nekropolen sich erstreckte, war von Gräbern durchhöhlt, einer »Honigwabe« gleich.

»Nach Westen, nach Westen!
O Königin, da du nach Westen gehst, um dich klagen selbst die Götter.
Nach Westen, nach Westen!«

Es war dies eine Strophe aus einem Totenliede, welches bereits bei dem Begräbnis der Königin Makere gesungen ward. Während Sahib auf die nächtlichen Stimmen der Wüste lauschte, auf das belfernde Bellen der Schakale und das heisere Gekläff der Wölfe, die zur Tränke nach dem Nil schlichen, summte er die Worte vor sich hin, damit ihm die Zeit schneller verstrich. Es sollte eine große Stunde für ihn kommen. Wenn in dieser Sommernacht der Mond gerade über dem Felsenspalt stand, darin sich die Gruft der Königin befand, würde er hingehen und am Eingang des Grabes, den er offen gelassen hatte, würde er den Geist der Königin finden, die ihren unsterblichen Leib in dem Vollmondschein badete. Nur in einer einzigen Nacht des Jahres konnte der Mond gerade über der Kluft stehen, und diese an Wundern reiche Nacht war heute gekommen.

Wie würde sie aussehen? Welche Gestalt würde sie annehmen? Mit welchem Antlitz ihm erscheinen? Ihrem Geist stand frei, die Gestalt zu wählen. Sie konnte in aller goldenen Herrlichkeit als Königin sich verkörpern, konnte ein weißer Nachtvogel, eine heilige Schlange sein – eine Werwölfin und schreckliche Unholdin. Aber schauen mußte er sie!

Er hatte versucht, mittels einer eisernen Stange den Granitdeckel ihres Sarkophages zu heben, um ihren einbalsamierten Leichnam zu sehen, doch nicht in die feinste Ritze des stahlharten Gesteins hatte er sein spitzes Werkzeug einzwängen können. Und schauen mußte er sie! Da war ihm zum Glück eingefallen, daß sie, wenn er den Grabeingang nicht verschloß, in jener Vollmondnacht dem Sarkophage entsteigen und aus dem Mausoleum hervorgehen werde. Also würde er sie sehen; und dann: »Wenn er sie auf den Mund geküßt« –

Vielleicht starb er an ihrem Anblick, ihrem Kuß ... Was lag ihm daran? Dann würde seine Sehnsucht gestillt sein: im Tode. Es mußte wohl so sein, wie die Leute sagten; er war von Kindheit an einem Zauber verfallen.

Seine Mutter, deren einziger Sohn er war ... Auch seiner Mutter konnte er nicht helfen. Überdies beweinte sie ihn bereits als einen Gestorbenen, wie ihm am Fest des göttlichen Tropfens die kleine Daira gesagt hatte.

Die kleine Daira. Als er sie in der geweihten Nacht nach geraumer Zeit am Nilufer wiedergesehen, war sie ihm vollständig verändert erschienen. Fein und zart war sie von jeher gewesen; aber doch nicht so wundersam fein und zart. Auch ihr Gesicht war nicht mehr das des kleinen, dummen Mädchens. Denn dumm war es von ihr gewesen, ihn aus großen, staunenden Augen beständig anzustarren. Schön war die kleine Daira geworden, die schon damals dem Bildnis der Königin Makere geglichen hatte, geradezu wundersam schön. In den Ausdruck ihrer Züge, ihren Blick war etwas für ihn ganz Neues und Fremdes gekommen. Er wußte nicht, was; wußte nur ... Was eigentlich? Daß sie eben nicht mehr die kleine Daira von Kurna war. Eine Braut war sie, des reichen Mannes Braut, bald des reichen Mannes Frau ...

Mit welcher Stimme sie am Ufer des Nils zu ihm gesprochen, und wie sie ihn dabei angesehen hatte!

Alle waren vor ihm zurückgewichen, als sei er von einer Seuche befallen. Nur sie nicht. Sobald sie ihn gesehen hatte, war sie ihm entgegengegangen und war bei ihm geblieben, völlig unbekümmert, was die Leute von Kurna davon dachten – was ihr Verlobter davon denken würde, der reiche Mohammed, der sie sich erhandelt hatte.

Er war ein glücklicher Mann. Nicht wegen seiner weiten Äcker, seiner Zuckerrohr- und Reisfelder, auch nicht wegen seiner Wälder von Dattelpalmen, sondern wegen der kleinen, dummen, wunderhübschen und seelenguten Daira, die sein Weib werden sollte, und das schon in den allernächsten Tagen.

Er hatte ihr gewünscht, glücklich zu sein; und er wußte doch –

Was wußte er?

Daß sie einen andern lieben sollte.

Wen?

Er wußte es nicht; erriet es nicht; wußte und erriet es wirklich nicht.

»Nach Westen, nach Westen!
Ziehe nach Westen, o Königin!
Selbst die Götter weinen, wenn du nach Westen ziehst ...«

Sahib wollte sich auf die große Stunde vorbereiten, der er entgegenwachte, und – er mußte an die Braut des reichen Mannes denken, an ihr Gesicht, ihre Stimme, ihren Blick. Es konnte seine Todesstunde werden, und seine Gedanken, die nur der Königin Makere und ihrem baldigen Erscheinen gelten sollten, schweiften beständig von dieser ab, hin zu der zarten feinen Mädchengestalt, der er am Ufer des Nils wie in tiefer Einsamkeit gegenübergestanden, während um sie beide der Lärm des Festes toste. Auch das war wie Zauber ... Doch nun mußte er seine gespannte Aufmerksamkeit auf den Mond lenken, welche Bahn das himmlische Gestirn zog, und wann sein Goldglanz dem Spalt mit dem Grabe der Königin sich näherte.

Bald kam die Stunde!

 

Was war das?

Im Tale, unmittelbar unter seiner Hütte, schlüpfte etwas durch den Schimmer, etwas Dunkles, Verhülltes. Es huschte herbei, schlich vorüber, war verschwunden.

Da es kein Mensch sein konnte, so mußte es ein Wolf gewesen sein, oder –

Oder irgendein unirdisches Wesen.

»Nach Westen, nach Westen!
Bald ziehst du nach Westen!
Keine Seele wird um dich trauern, wenn du nach Westen ziehst.
Nach Westen, o Sahib, Sohn deiner Mutter, nach Westen!«

Ohne es zu wissen, sang er sich selbst das Sterbelied; ohne es zu wissen, summte er den Namen seiner Mutter. Aber er dachte während seines letzten Gesanges an das Nachbarkind, und daß dieses um ihn trauern würde.

Auch um ihn trauern als »glückliche Frau« des steinreichen Mohammed ...

Jetzt war es Zeit.

Fürchtete er sich? Überkam ihn im letzten Augenblick ein Grauen?

Nein. Er sollte etwas Unmenschliches erleben, sollte eine Geistererscheinung haben, sollte einer Toten ins Antlitz schauen, einer Toten, vor länger als vier Jahrtausenden gestorben und begraben. Nein. Er empfand weder Furcht noch Grauen, empfand nur eines: eine übermächtige, unwiderstehliche Sehnsucht nach dem Anblick, der sein Leben erfüllen sollte.

Er stieg hinab.

 

Gerade über dem Spalt stand der Mond. Sein Licht füllte die Enge mit unirdischem Schein. Wie eitel Glanz und Glorie erhoben sich über dem Gewirr der ockergelben Sanddünen die rosigen Klippen und goldig angehauchten Wände.

Der Eingang zur Gruft der Königin war freigelegt und daneben, inmitten all des Glänzens und Gleißens, des Funkelns und Flimmerns kauerte eine feine Gestalt, der Geist der toten Königin Makere!

Wie es alsdann kam – Sahib wußte es nicht, wußte es niemals. Es kam eben. Plötzlich hielt er die feine Gestalt in seinen Armen, plötzlich preßte er die Zitternde an sich, plötzlich schlugen zwei junge, sehnsüchtige Herzen gegeneinander, suchten und fanden sich die Lippen zweier glücklicher, zweier seliger Menschen.

Fanden sich in wonniger Sommermondnacht, im Tal der Toten, an einem offenen Grabe, unter Legionen und aber Legionen tausendjähriger Gestorbener:

Er küßte sie auf Wang' und Mund:
Er küßte sein Herz und ihres gesund ...

Nach Osten, nach Osten!

In wonniger Frühe, die über die gelben Wüstenberge eine sanfte Morgenröte warf, zogen die beiden Vereinigten der Sonne entgegen. Sie ging mit himmlischen Strahlen über ihrem Leben auf.

In Kurna aber gab es eine Erregung, als ob der Nil eine Woche vor seiner ihm durch die Schöpfung bestimmten Zeit über die Ufer träte. Als das junge Paar in das Dorf seinen Einzug hielt, liefen die Leute zusammen; umdrängten es, schrieen und lärmten wie eine Schar von Besessenen.

Die beiden brauchten es gar nicht erst zu sagen – die Dorfleute sahen es ihren verklärten Blicken, ihren leuchtenden Mienen an, daß der böse Zauber von beiden gewichen war und ein guter, holder Zauber ihre Seelen umfing, die heilige Weihe der Liebe und des Glücks.

Eine Schar Weiber stürzte zur Hütte von Sahibs Mutter, holte die bereits um einen gestorbenen Sohn Trauernde mit Triumphgeschrei heraus und führte sie den Liebenden, dem Lebenden entgegen.

Und dann? Ja, und dann – gab es beim Steigen des Nil in Kurna Fest über Fest. Der steinreiche alternde Mohammed heiratete schleunigst eine steinreiche alternde Witwe, und der junge arme Sahib und die kleine arme Daira feierten eine Hochzeit, als ob nicht nur sie, sondern ganz Kurna Hochzeit hielte – natürlich nur die Jungen, Verliebten, Glücklichen.

Vor der toten Königin Makere hatte der junge Ehemann fortan zeitlebens Frieden; denn er behauptete zeitlebens, er könne die lebende Makere nach Herzenslust küssen und kosen; denn die holdselige Majestät des ur-uralten Theben hatte sich in seine liebe, liebliche Hausfrau verwandelt ...

Das vieltausendjährige Grab jener großen Königin, die sich das Volk zu einer rührenden Sagengestalt verkörpert hatte, wurde von seinem ersten Entdecker wieder sorgsam verschüttet, eifersüchtig verborgen, aber später von einem fremden Forscher neu aufgefunden. Man öffnete den Sarkophag, fand darin den Leichnam, schaffte die Königsmumie nach Ägyptens Hauptstadt, in dessen Museum nun aller Augen die »junge, holde, arme Königin Makere« beschauen – mit ihren Blicken die Tote entweihen können. Die Menge der Besucher aller Nationen erblickt ein verdorrtes braunes Antlitz, in dem man noch immer – nach über viertausend Jahren – die Spuren einstmaliger Schönheit erkennt.

Der toten Königin zu Füßen ruht eine winzige Mumie, das Kind, bei dessen Geburt die Frau starb, die nicht geliebt worden sein – nicht geliebt haben sollte.

Sie ruhe in Frieden.

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