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Ägyptische Geschichten

Richard Voß: Ägyptische Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
titleÄgyptische Geschichten
publisherMartin Maschler Verlag
yearo.J.
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Das Große

1

Gizeh, Mena-house, im Januar

... Ich soll seit längerer Zeit leidend sein – nur etwas leidend. Trotzdem schickte man mich in Begleitung eines Arztes nach Ägypten. Meine Kameraden auf der Universität und bei der Garde nannten mich »dekadent«. Sie meinten es spottend. Trotzdem imponierte ich einigen von ihnen als großer Ästhet. Im ganzen mochten sie mich gut leiden. Sie verziehen mir sogar, daß ich mich von ihren Weibern und Trinkgelagen fernhielt. Ich sei im ganzen ein guter Junge, meinten sie, und ließen mich meiner einsamen Wege gehen.

Dann aber wurde ich »leidend«; und als ich letzte Woche in Berlin auf dem Anhalter Bahnhof in den Südexpreß stieg, kamen von Potsdam viele herübergefahren, um ihren dekadenten Ästheten nach Ägypten abdampfen zu sehen. Sie waren ungeheuer lustig; neckten mich weidlich ob meiner »femininen« Reiseausrüstung; taten mir noch allerlei Liebes an, und als sich der Zug in Bewegung setzte, riefen sie mir ein donnerndes »Auf Wiedersehen« nach. Einige riefen es allerdings mit einem eigentümlichen Ausdruck, einem eigentümlichen Gesicht. Weshalb wohl? Weil ich »etwas leidend« sein soll? Vielleicht rührt mein sogenanntes Leiden von meiner Lebensweise her, welche schließlich mehr die eines Asketen als eines Dekadenten ist. Askese aber, wie ich sie übe, ist lediglich ein Sich-enthalten von allem Häßlichen, ein Genießen alles Schönen; und ein solches gleicht einem Wandeln unter Palmen, was der Mensch bekanntlich nicht ungestraft tut – wie uns sogar »klassisch« beglaubigt ward ...

Nach dem Abschied von den Kameraden kam das Scheiden von meiner Mutter auf Schloß Stegen. Das war weniger heiter. Meine schöne feine Mutter sieht in mir – nicht einen Dekadenten, nicht einen modernen Ästheten, sondern nur ihren Sohn. Nebenbei hält sie mich in törichter Mutterliebe für eine Art von Dichter, für einen ganz kleinen, immerhin aber doch ...

Ein Dichter.

So oft ich das Wort nur denke, durchschauert es mich. Das Wort hat für mich einen Klang wie von oben herab; und bei dem, was vom Himmel, also von der Gottheit ist, fassen Schauer den Menschen. Das ist alles Mysterium. Und das Höchste alles Hohen ist Dichter sein – was ich Dichter nenne ...

 

Der Abschied von meiner Mutter war – wie er eben ist, wenn eine überzärtliche, überbesorgte Mutter von ihrem einzigen Sohn scheidet, der etwas leidend sein soll – »nur etwas leidend« – und der ohne sie in ein fremdes Land gehen muß. Denn meine wunderschöne und wunderfeine Mutter kann mich nicht begleiten; hat sie doch noch ein Kind, welches nicht nur etwas leidend, sondern sehr krank ist, so gut wie hoffnungslos, schlimmer als sterbend. Mein blutjunges holdseliges Schwesterlein Lia wird wohl in einem sogenannten Sanatorium für Nervenkranke untergebracht werden müssen. Bis das entschieden ist, kann meine Mutter von ihrer Tochter nicht weichen; und will sie noch immer nicht glauben, daß es bereits entschieden ist: die Grafen von Stegen sind in Gottesnamen ein sehr altes, ein zu altes Geschlecht. Das müssen wir Letzten unseres Stammes eben büßen. Wäre ich mehr als nur etwas leidend, so – wäre es gut, wenn ich als letzter Graf Stegen aus dieser wunderschönen Welt ginge. Diese große neue Zeit bedarf eines gesunden neuen Geschlechts. Nicht einmal sehen durfte ich meine Schwester, und wenn ich im Frühling wiederkomme –

2

Da ich noch ein kleiner Knabe war, schwatzte ich viel davon, einmal etwas »Großes« erleben zu wollen. Ich stellte mir darunter etwas Ungeheuerliches vor; etwas, das nicht von der Erde, sondern »von dem Himmel« wäre; etwas, das der Mensch also nicht ertragen könnte. Es zermalmt den Menschen, löst ihn auf; der Mensch zerfließt in Glorie und Glanz: Bei dem »Großen«.

Wenn ich als kleiner Knabe von diesem geheimnisvollen Etwas plauderte, als sei es eine Blume oder ein bunter Kieselstein, so ergriff mich heiße Sehnsucht nach fernen Küsten jenseits blauender Meere, nach erwärmten Buchten und Ländern voll ewigen Sonnenscheins, voll ewiger Schönheit. Dieses Wunderland soll ich nun erreicht haben:

Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet.
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.
Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

Über eine blauende See führte mich das Schiff her, an den Küsten Italiens und Griechenlands vorüber. Ich bin nur ein kleiner Gardeleutnant – der freilich ein großer Dekadent und Ästhet sein soll – werde nur von einer anbetenden, den Sohn mit ihrem eigenen Glorienschein verklärenden Mutter für etwas Besonderes gehalten; aber das Land der Griechen suche auch ich »Moderner« seit langem mit der Seele. Jetzt schauten es meine Augen.

Anders ist es, ganz anders, als meine Sehnsucht sich träumen ließ. Eine wilde Gebirgswelt mit einem himmelhoch aufschlagenden Meer von eisigen Gipfeln tauchte vor mir aus dem Azur der Wogen empor. Nichts als Fels und Fels. Und dieses in einem nordischen Winter starrende Klippenland war die Wiege der Schönheit. Denn in Griechenland ward sie geboren, um von Hellas aus die Welt zu ihrem Tempel zu machen.

Kaum waren die weißen Gipfel wieder versunken, als ein grauer Tag anbrach mit Sturm und jagendem Gewölk. Nur mühsam, nach stundenlangem Warten, konnte das Schiff in den Hafen von Alexandria einlaufen: Ägyptens Gestade schienen die Küsten Hollands zu sein, bei Nebeldunst und Wintersturm.

Ich bin nur leidend; und das nur »etwas«. Wäre ich wirklich krank und langte an solchem Tage hier an in dem Lande, welches mir Heilung und neues Leben bringen soll, so müßte diese Landung im Hafen von Alexandria gleich einem Miserere sein: gleich einem Totenamt.

Gerade als ich so dachte, hatte ich ein Schauspiel, dessen Bild nun in mir ist und nicht wieder weichen will ...

Neben unserem Schiffe lag ein anderer großer Dampfer, dessen Passagiere zugleich mit uns an Land gingen, an einen häßlichen Kai, darüber Regen und Sturm fegten, wimmelnd von widrigem braunem Volk, welches schrie, heulte, sich wie rasend gebärdete.

Inmitten des Getümmels sah ich das holde Kind; denn ein Kind ist es noch. Wie des Jairus Töchterlein lag es mit geschlossenen Augen und wurde gleich einer Aufgebahrten durch die wimmelnde, drängende, heulende Menge getragen. Es war jedoch nicht tot. Meine götterlose Seele dankte der Gottheit, als ich das liebliche Geschöpf sah und erkannte, daß es lebte.

Aber es war krank, sehr krank, vielleicht todkrank. Und es hoffte von diesem Wunderlande Hilfe, Heilung, Rettung – Leben. Seine Mutter hoffte. Denn das Kind hatte seine Mutter bei sich.

Welch ein Gesicht; welch ein Blick!

Da schlug das Töchterlein die Augen auf; sah seine Mutter an; lächelte. Und es lächelte die Mutter.

Werde ich dieses Lächeln von Mutter und Tochter jemals vergessen können? ... Ich will es nicht wieder vergessen. Es soll in mir bleiben und in mir wirken wie ein Gebet der göttlichen Liebe.

3

Die Reise griff mich an, liebe Mutter. Wie konnte sie das? Freilich griff sie mich nur etwas an – wie ich ja nur etwas leidend bin. Eigentlich ist es ein Unding, daß ich leidend sein soll. Unnatur ist's. Jugend muß gesund sein; strahlend wie ein Maienmorgen; glücklich wie ein Mensch ohne Schuld. Jugend muß sich als Unsterblichkeit dünken können. Ach, und das todkranke Mägdlein –

Ich vergaß zu berichten, daß die menschliche Meute der Araber auf dem Kai von Alexandria bei dem Anblick des todblassen holdseligen Geschöpfs plötzlich in ihrem Geheul verstummte. Plötzlich ward es still. Unter feierlichem Schweigen wurden Mutter und Tochter nach dem Zuge geleitet; derartig magisch wirkte der Anblick von Jairi Töchterlein, wie ich das liebliche Wesen taufte, auf ein Volk von Halbwilden. Wie sollte ich also nicht noch immer unter dem Eindruck stehen? Und immer wiederholte ich mir, des kranken Kindes gedenkend, die göttlichen Worte: »Mägdlein, ich sage dir, stehe auf!«

Ich möcht es der Mutter zurufen, deren Blick und Lächeln ich nicht vergessen kann ...

Vielleicht ist es dieses kleine Erlebnis, welches mich angriff. Immerhin sollte ich großer Junge mich schämen, nicht mit Leib und Seele gesunde, strahlende, glückliche Jugend zu sein, durchdrungen von einem Gefühl der Unsterblichkeit.

 

»Mena-House« ist ein Haus in der Wüste. Obgleich das Hotel erst am Rande der Libyschen Wüste liegt; dort, wo die letzten Bäume stehen, der letzte Grashalm grünt, befindet man sich in Mena-house gleichsam inmitten jenes Reichs, das ich noch nicht kenne, das mich noch erschreckt, das für mich etwas Geheimnisvolles, Mystisches, Schreckliches ist – die Wüste.

Ich sollte sagen: Mena-house liegt unter dem Wüstenrand. Denn unmittelbar neben dem Hotel, das eigentlich ein Sanatorium ist, steigt steil und hoch eine gelbe Sandwelle auf. Man muß also zur Wüste emporsteigen.

Unsere Zimmer befinden sich im höchsten Stockwerk nach Südwest gewendet, der Wüste zugekehrt. Wenn ich mich am frühen Morgen im Bette aufrichte, so erblicke ich die große Pyramide. Ich sehe sie jeden frühen Morgen im Schimmer blaßroter Rosen. Noch begriff ich nicht, daß dieser Felsengipfel von Menschen aufgetürmt ward und ein Grab sein soll.

Freilich ein Königs-, ein Pharaonengrab ... Das Wahnwitzigste, was römischer Cäsarenwahnsinn je ersinnen konnte, ist nüchterner blöder Verstand im Vergleich zu dem Götterbewußtsein, das diese toten Herrscher in ihrem Leben erfüllen mußte. Aber ihr Gotteswahn war so titanisch und übermenschlich, daß er – eben göttlich gewesen.

In dem Innern dieser über dem Sand der Wüste aufgetürmten Felsenpyramide befindet sich nur soviel Raum, wie ein Toter im Grabe einnehmen kann. Das gab eine wahrhaft königliche Einsamkeit im Tode ...

Mein weiser und gütiger Arzt erlaubt mir noch immer nicht, das Zimmer zu verlassen, eine höchst unnötige Vorsicht, die ich über mich ergehen lasse, weil ich darin liebevolle Sorge erkenne, und weil der freundliche Mann mich an Stelle meiner Mutter begleitet. Gehorche ich ihm, so bin ich ein gehorsamer Sohn. Ein großes zwanzigjähriges Kind bin ich, wenn ich an meine wunderfeine Mutter denke; will gar nichts anderes als Kind sein ...

Die Fenster unseres Wohnzimmers stehen weit offen; vor den offenen Fenstern ruhe ich in meinem geradezu »dekadent« behaglichen Liegestuhl; lasse mich von der Sonne Ägyptens bestrahlen; lasse die Wüstenluft über mich hinwehen; staune hinaus auf einen Palmenwald unter dem Wüstenrande; staune hinauf zu der goldgelben Wüstenwoge und jener glanzvollen Felsenspitze, die ein Königsgrab ist.

Hinter dem einen Gipfel ragt ein zweiter, ein dritter empor; und man sagt mir, dort drüben reihe sich Pyramide an Pyramide – Königsgrab an Königsgrab.

Und dann der Sphinx –

Von meinem Fensterplatz aus kann ich den Koloß nicht erblicken, von dem ich schon raunen hörte, da ich noch ein Knabe war, der einstmals Großes erleben wollte: »das« Große.

Ob es wohl einmal kommt? Wann? Und was es dann wohl sein wird?

Erste Liebe soll etwas Großes sein; Taten sind etwas Großes; Arbeit ist es. Und etwas Großes ist es um die Sehnsucht des Menschen.

Erste Liebe habe ich noch nicht erlebt; große Taten habe ich noch nicht getan, und ich habe noch nicht gearbeitet. Von allem Großen kenne ich nur die Sehnsucht.

Ich erlebe sie; erlebe sie jeden Tag, jede Stunde. Sie ist jedoch nicht »das« Große.

Dieses ist nur ein einziges.

Was? Was?

Wie jung ich bin!

Ich betrüge meinen guten Arzt; betrüge also meine liebe Mutter.

Heimlich lese ich. Ich lese jene Gedichte, die ich nicht lesen darf. Ein Jüngling schrieb sie, der das Leben nicht ertrug; der eigenmächtig aus dem Leben schied, in dem Glanz eines Seraphs von der dunklen Erde dahinging. So jung er war, empfand schon der Knabe des Lebens ganzen Jammer; wurde davon gepackt, dadurch entgeistert, vernichtet.

Ihm gab ein Gott zu sagen, was er litt; er war ein Dichter! Dieser feine Knabe, der sich den blutigen Todeskuß auf die bleiche Stirn unter den lichten Locken drückte und als welke Menschenknospe in seines Lebens Frühling ins Grab sank.

Ich bin etwas leidend; wurde deshalb nach Ägypten geschickt und lese angesichts des majestätischen Totenfeldes der Libyschen Wüste heimlich die nachgelassenen Gedichte des jungen Grafen Kalckreuth, die ein einziger Hymnus auf den Tod sind.

Ich lese und erkenne, daß der Tod schön sein kann. Und ich erkenne, daß dieser Jüngling sterben mußte. Trotz der blutigen Todeswunde auf seiner Stirn starb er in Schönheit; denn er starb in Reinheit, die des Menschen höchste Sehnsucht ist.

4

Mena-house, im Februar.

Ich bin wohl; fühle mich stark. Jung fühle ich mich – »unsterblich jung«, wie es heißt. War ich wirklich etwas leidend, daß meine Mutter sich um mich sorgen mußte, so tat dieses Wunderland ein Wunder an mir; denn ich bin gesund, stark, jung!

Unbegreiflich, wie mein weiser Arzt und Mentor noch immer so vorsichtig mit mir sein kann. Welche übertriebene Ängstlichkeit! Meine liebe Mutter hätte sie freilich genau ebenso. Deshalb ertrage ich sie. Lediglich deshalb.

Ich gehe viel in die Wüste, und würde in der Wüste leben, wären die Fremdenhorden nicht. Sie überschwemmen diese Wildnis voll Majestät. Ihre Fluten steigen den Wüstenrand empor; erklimmen die Pyramiden; umbranden den Sphinx. Und es ist grade der Sphinx, in dessen Anblick ich meine Tage verbringen will.

Um der widrigen Menge zu entgehen, stehe ich in erster Frühe auf und schleiche hinaus. Denn ich muß diese frühen Wege so heimlich tun, wie ich jene Gedichte heimlich lesen muß, die mir mehr und mehr zu Offenbarungen werden. Ich möchte weinen über dieses zertrümmerte edle Gefäß einer Dichterseele; ich könnte jauchzen, weil es für uns seinen Inhalt zurückließ, wenn dieser auch des Lebens ganzer Jammer ist.

Achtzehn Jahre war der Knabe alt, als er hinging, wohin seine Sehnsucht stand. Und er konnte bereits des Lebens ganzen Jammer empfinden; konnte den ganzen Jammer schon sagen ...

In dem Purpurschein des Frühlingsmorgens liege ich ausgestreckt im Sande der Wüste vor dem Sphinx; starre dem Fabelwesen, das einen König darstellt, Mensch und Tier zugleich, zugleich Dämon und Gott, in das zertrümmerte entstellte Antlitz, und denke – denke – denke –

Wenn den lang hingelagerten gelben gewaltigen Leib die Morgenröte umfließt, wenn ein unirdischer Schein das Haupt berührt, alsdann im Osten, dem Steinbild gerade gegenüber, die Sonne über der arabischen Wüste aufgeht und ihre ersten Strahlen den Ewigen treffen, so ist mir's, als müßte der Sphinx jener andere Wüstenkoloß sein, der bei Sonnenaufgang zu klingen, zu singen beginnt.

Was würde seine Sprache sein? Was würde der Sphinx von Gizeh sagen können? Von sechs Jahrtausenden; von all den Geschlechtern jener Zeiten; von Völkerschicksalen; von einer Weltgeschichte, die zugleich Geschichte der Menschheit wäre. Und diese ist von Ewigkeit zu Ewigkeit Liebe und Haß, Kampf und Sieg, Werden und Vergehen.

Es läßt sich nicht ausdenken ... Aber ich weiß jetzt, weshalb der Sphinx in der Libyschen Wüste so starr und steinern, so ewig stumm bleibt. Man muß dem Koloß nur oft bei Morgengrauen ins Antlitz schauen.

 

Von dem Leiden, davon ich befallen gewesen sein soll, blieb eine kleine Schwäche zurück. Sie ist jedoch rein seelischer Natur; und sie besteht in einer Art von Feigheit. Denn Feigheit ist diese Flucht vor der Wirklichkeit, auf der ich mich jetzt beständig befinde.

Ich möchte gar zu gern über des Jairi Töchterlein erfahren: wo es ist, wie es sich befindet? Denn da es nicht tot ist – nicht tot sein kann und darf – so muß es irgendwo sein, muß es ihm irgendwie ergehen. Ich brenne darauf, zu fragen, zu hören, und finde dazu nicht den Mut, bin feige.

Und der Herr sprach ja doch: »Ich sage euch, das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.«

Dennoch wage ich nicht, die Frage zu tun.

 

Meine frühen Schleichwege wurden entdeckt und mir untersagt. Da ich nun aber jeden Tag dem Sphinx ins Gesicht schauen muß, da die Abende in Ägypten für einen, der etwas leidend war, gefährlich sein sollen – selbst, wenn er bereits wieder gesund ist, so mußte ich einen Ort entdecken, wo ich am Tage, ohne die internationale Völkermenge zum Zeugen zu haben, meinen sechstausendjährigen Freund betrachten kann. Diesen Ort fand ich heute.

Er liegt nicht so nahe, daß ich meine Augen in den steinernen Blick des Uralten senken könnte; und ich muß aus einer Wüstenfalte, einer Senkung, zu ihm emporschauen. Aber die Stätte ist wundersam: ein arabischer Friedhof in der Wüste, nahe bei der zweiten Pyramide, nahe beim Sphinx.

In dem gelben Sand reihen sich die langen, schmalen, gewölbten Sarkophage mit den kurzen Zinnen zu Häupten und zu Füßen des Begrabenen; eine greise Sykomore mit breitem Wipfel erhebt sich wie eine dunkle Kuppel inmitten des Totenackers, und eine einzelne Palme ragt auf, einer einsamen Säule gleich. Sonst ringsum Sand und Wüste; ringsum Schweigen und Erhabenheit, eine Größe, die Grauen erwecken könnte, die mich mit Entzücken erfüllt.

Unter diesen Toten in der Wüste fühle ich so recht meine Jugend, mein Leben. Hörst du es, liebe Mutter?

 

Vollmond.

Aus Kairo ziehen Völkerschaften nach Mena-house, um die Pyramiden und den Sphinx bei Vollmond zu sehen. Viele dinieren im Hotel. Alsdann geht es zu Fuß, zu Kamel und Esel den Wüstenrand hinauf. Alle Weltsprachen werden gehört. Die Beduinen schwärmen noch ärger als am Tage nach Opfern aus.

Ich bin eingeschlossen in meinem Zimmer; sitze ohne Licht; schreibe ohne Licht; schaue stundenlang auf die Wüste.

Sie ist nicht weiß im Mondschein; ist nicht Silber, sondern –

Was ist die Wüste bei Vollmond?

Ein Zauber, ein Wunder! Sie ist das Wunderbarste in dieser Wunderwelt.

In der Farbe blasser Zentifolien erglänzt sie bei Vollmondschein; in der Farbe blasser Zentifolien steigen die Pyramiden auf.

Das sehe ich von meinem Zimmer aus. Aber ich sehe nicht den Sphinx, und ich muß den in der Unnahbarkeit eines Gottes ruhenden Koloß mit dem Löwenleib und dem Menschenantlitz schauen, wenn diese blasse Rosenröte ihn umfließt.

Läßt mich mein sonst so guter und kluger Arzt in die Nachtluft nicht hinaus, so tu' ich's heimlich um Mitternacht, wenn der Mond am höchsten steht, sein Glanz am leuchtendsten ist.

 

Das war – – Ein Erlebnis war's!

Nur ich in der nächtlichen, in der leuchtenden Wüste. Ich mutterseelenallein.

Ich umschritt die große Pyramide; kam zu der des Chefren, zu der des Mykerinos; kam zum Sphinx.

Auf weitem Umwege gelangte ich zu meinem mystischen Freunde.

Es war noch nicht » das« Große, das ich einmal erleben werde, einmal erleben muß; es war jedoch Größe: In der Wüste, bei Pyramiden und Sphinx, in der Vollmondnacht ich winziges Menschlein, mutterseelenallein.

Wie kann er nur so rosig leuchten? Um das Erhabenste, das Furchtbarste; um das, was Grauen erregt, fließt der zarteste, der lieblichste Schein, eine sanfte Glorie, wie sie die gen Himmel auffahrende heilige Jungfrau umschimmern könnte.

Die Gräber der Pharaonen müssen sich den rosigen Schleier gefallen lassen. Das muß auch der Sphinx. Er läßt es an sich geschehen mit einer Miene –

Der Sphinx hatte in dieser Vollmondnacht einen Ausdruck, als sei er der Gott Moloch und hielte die ganze Menschheit unter seinen grausamen Klauen, um die ganze Menschheit lebendigen Leibes zu zerfleischen.

 

Der nächtliche Wüstengang bekam mir nicht sonderlich. Wie kann das nur sein? Bei solchem leichten Unwohlsein in einem Lande, einer Luft, die Sterbende am Leben erhält?

Allerdings sind die Nächte kühl; können nordisch kalt sein, und das nach einem glühend heißen Tage. Ich blieb nämlich bis zum Morgengrauen vor dem Sphinx hingelagert, der mir Armseligen sein Geheimnis nicht anvertrauen, sein Rätsel nicht lösen will. Dabei muß ich immer wieder und wieder denken, wie das sein müßte, wenn er plötzlich zu seufzen, zu stammeln, zu sprechen begänne?

Götterdämmerung, Weltuntergang, Ende der Menschheit müßte es sein ...

Diese Nacht will ich vorsichtiger sein, weniger weit gehen, weniger lange ausbleiben.

 

Des Jairus Töchterlein –

Ich wußte es ja. Das Kind war nicht tot, sondern es schlief.

Ich sah das Kind wieder.

Es war in Kairo sehr krank gewesen, und es sieht noch immer aus, als habe der schwarze Engel des Herrn seine Stirn bereits mit einem Hauche berührt. Aber es ist gar hold. So lieblich ist dieses vom Hauch des Todes berührte Kind, wie ich nichts Lieblicheres kenne. Ich muß bei seinem Anblick an eine weiße Lilie denken. Eine Marienlilie ist es, an die das Kind mich erinnert.

Sechzehn Jahr ist es alt ...

 

Wo ich das Kind wiedersah?

Bei dem Sphinx. Nicht etwa oben, wo die tosenden Menschenströme den Uralten und ewig Schweigenden umfluten, sondern unten in der Wüstenfalte, wo die Toten ruhen. Dort begegneten wir zwei lebenden, den Tag grüßenden jungen Menschenkinder einander.

Ihre Mutter begleitete sie.

 

Man sollte jede Mutter, die um ein geliebtes Kind einen Dolch im Herzen trägt, zur Mater dolorosa erklären; sollte die Schmerzensreiche auf einen Thron setzen; sie mit Glorie krönen, ihr einen Lilienstengel in die Hand geben; Rosen vor ihr ausstreuen; Hymnen vor ihr singen und ihren Kult feiern: den Kult aller Mütter! Denn es gibt keine liebende und leidende Mutter, die nicht Madonna wäre; und die man nicht grüßen müßte: »Heilig, heilig bist du!«

Was aber ist es mit dieser Mutter? ... Das Mägdlein schlief ja doch nur. Und dennoch – ihr Blick spricht noch immer Todesangst aus, und – bei diesem Blick, der heimlich, ganz heimlich ist, den nur ich sehe – und bei diesem Blick voller Todesangst lächelt ihr Mund.

Weil das Kind immer noch etwas schwach ist, wurde sie von Mena-house aus in einer Sänfte in die Wüste getragen. Die Menschenhorden vertrieben es von dort oben; sie erblickte unter sich den Garten der Toten in der gelben Wüste mit dem schwarzen Sykomorenbaum und der einsamen Palme, und wünschte dort unten zu rasten. Dort unten aber war ich, der einzige Mensch. Ich lag lang ausgestreckt im weichen warmen Sande; erhob mich bei der Ankunft der Fremden; wollte mich schleunigst entfernen, erkannte Mutter und Kind. Ich grüßte sie. Meine Miene und mein Blick müssen zu der Mutter gesprochen haben; denn sie redete mich an.

Jetzt kennen wir uns, und jetzt –

Ja, und jetzt treffen wir uns täglich unter dem Sykomorenbaum bei den einsamen Toten in der Wüste.

5

In dem Sykomorenbaum nisten Wildtauben. Ihr verliebtes Gurren durchtönt das dunkle Geäst, es ist die Stimme dieses Friedhofs, die Stimme der Wüste. Bis zum Sphinx hinauf müssen die girrenden Laute klingen.

Zu dem Taubengesang plaudert das Kind; und was es plaudert, ist holdeste Weisheit ...

Ich liege im weichen warmen Sande; über mir wölben sich die Zweige der Sykomore wie ein Baldachin aus düsterm Sammet; vor mir reihen sich Gräber und Grüfte. Und Gräber und Grüfte dort oben! Hier unten sind es die letzten Ruhestätten armseliger Fellahs aus den nächsten Dörfern; dort oben die der Pharaonen. Aus Lehmschlamm erhöhte, spärlich übertünchte Leichenkammern hier, sind es dort die Pyramiden von Gizeh ...

Ich liege, schaue und lausche; lausche auf das Gurren der verliebten Vögel, deren metallisch glänzendes Gefieder durch das schwarze Laub leuchtet; lausche auf das zwitschernde Plaudern des Kindes.

Es spricht zu mir von Dingen, von denen ich bis dahin nicht wußte, daß ein Kindermund sie sprechen, eine Kinderseele sie empfinden könne. Wie Verkündigungen hören sie sich an von diesem Mägdlein, welches nicht tot war, sondern schlief, Verkündigungen eines Lebens und eines Glückes, nicht von dieser Welt.

Von der Tochter hinweg schaue ich auf die Mutter. Sie sitzt auf einer im Wüstensande halb begrabenen Gruft, das feine Haupt gegen die Zinne gesunken, in den schmalen blassen Händen die weißen Lilien, die ich ihr jeden Tag bringe. Denn die Lilie ist ihre Blume: die bleiche Blume der Mutter mit dem Dolch im Herzen.

Auch jetzt noch mit dem Dolch im Herzen, obgleich ihr Kind plaudert und lächelt. Und – es lächelt auch jetzt noch die Mutter über die kleine Weisheit sowohl, wie über den, der so andachtsvoll zuhört. Ob sie wohl weiß, daß ich meine Hände falten und beten möchte?

Nicht beten für mich: beten für Mutter und Kind ...

Außer den Beduinen, die mit den Damen kommen und der Kammerfrau, sind wir gewöhnlich zu viert; denn gewöhnlich begleitet mich mein viel zu vorsichtiger, viel zu ängstlicher Arzt. Er tut dies erst seit einiger Zeit, als ob ich seit einiger Zeit seiner Nähe, seine Hilfe bedürfe. Aber er sagt mir, er käme nicht meinetwillen, sondern wegen des Kindes. Heute nun fand ich das Herz, an ihn eine Frage zu richten: »Ist das Nymphlein denn noch immer nicht genesen?«

»Nicht ganz.«

»Nicht ›ganz‹ genesen soll ja wohl auch ich sein?«

»Das sagte ich nicht.«

»Sie denken es aber, zeigen es. Sie denken und zeigen es beständig; denn beständig sind Sie um mich in Sorge.«

»Das bilden Sie sich ein.«

»Das ist so.«

»Wenn es so wäre, so wissen Sie, was ich Ihrer Mutter versprach.«

»Meiner Mutter ...«

Mit diesem einen Wort zwingt mich der Mann zu allem, bezwingt er mich in allem. Beständig siegt das eine Wort über mich: über meine Jugend, meine Gesundheit, meine Kraft, die dieses Land und diese Sonne mir wiedergaben. Es scheint mir hohe Zeit, mich durch das magische Wort von dem Mann nicht länger knechten zu lassen.

 

Heute fragte ich ihn wieder, was dem Kinde eigentlich fehle? Denn immer wieder versteht er, mit der Antwort mir zu entschlüpfen; und ich will es wissen. Er erwiderte leichthin: »Die liebe Kleine ist etwas leidend.«

Ich rief: »Etwas leidend war ich auch. Wenigstens ward es behauptet. Schlimmer als mit mir steht es also auch nicht mit dem Fräulein?«

»Nicht schlimmer.«

»Und doch begleiten Sie mich um ihretwillen; sorgen Sie sich um ihretwillen? Und des Kindes Mutter? Sehen Sie, o sehen Sie doch die Todesangst in ihrem Blick! ... Was ist es mit der kleinen Ava? Was ist es mit mir?«

»Sie beide müssen sich schonen.«

»Nur uns schonen? Nichts als uns schonen?«

»Nichts.«

»Versichern Sie es mir? Schwören Sie es mir?«

»Gewiß.«

»Ich darf also ruhig sein?«

»Ganz ruhig.«

»Nicht ruhig über mich; nur ruhig über das Kind?«

»Ganz, ganz ruhig.«

Also bin ich's.

Zu viert lagerten wir unter den Gräbern und den breitschattenden schwarzen Sykomorenwipfeln. Aber es ist, als wären wir nur zu zweit! Nur Ava und ich.

Es ist; als spräche sie nur zu mir, als lauschte nur ich ihrer lieblichen Weisheit.

Bisweilen plaudere jetzt ich, und sie ist's, die zuhört.

Ich lasse vor ihrem inneren Blick das Totenfeld von Gizeh aus dem Sande der Wüste erstehen, wie es einstmals war: alle die Königsgräber der Pyramiden von ihren blinkenden gewaltigen Platten umkleidet; alle die prächtigen Totentempel vor den Grüften; alle die weiten Totenstätten der Fürsten, Großen, Priester, Feldherren, Hofstaaten, Gefolgschaften der Pharaonen, demütig hingestreckt zu Füßen ihrer gestorbenen Herrscher.

Vom Sphinx plaudere ich dem Kinde, dem Symbol höchster gottgleicher Königsmacht: als Löwe mit dem Antlitz des Pharaonen lagernd vor seinem Felsengrab dort drüben. Ich erzähle von jenem anderen Pharao, der – es geschah nach Jahrtausenden – ermüdet von der Jagd bei diesem Steinbilde rastete, das bereits damals bis zum Haupt vom Sand der Wüste begraben lag. Der König, der zu jener Zeit nur eines Königs Sohn und der Erbe des Thrones nicht war, schlief ein bei dem verschütteten Koloß und hatte einen Traum, darin der Sphinx zu ihm sprach: »Grabe mich aus meiner Wüstengruft, sobald du König sein wirst.«

Im Traum erwiderte der Königssohn: »Wie kann ich König werden?«

Aber der Sphinx sprach wieder: »Sobald du König sein wirst, gedenke mein und grabe mich aus.«

Und der vierte Thutmosis ließ, da er durch eine wundersame Fügung König geworden war, den Sphinx von Gizeh aus seinem tausendjährigen Grabe befreien ...

Und ich plaudere zu Ava von der Stadt des großen Sonnengottes, die dort unten lag, mächtig und prächtig; plaudere zu dem Kinde Weltgeschichte, als ob es Märchen wären; lasse vor des Nymphleins innerem Auge Völker vergehen und Reiche entstehen: hier, an dieser selbigen Stätte! Und auch an dieser selbigen Stätte führe ich des Mägdleins Seele in die Schlacht, die Napoleon Bonaparte bei den Pyramiden von Gizeh und dem Sphinx gegen die Mamelucken lieferte, über welche er einen blutigen Pyrrhussieg erfocht ... Der Feldherr steht vor dem Sphinx, schaut ihm ins Auge; steht lange, schaut lange; wendet sich schweigend ab; schreitet schweigend hinweg über Leichname und Verwundete; schreitet schweigend durch die Wüste, die sein dämonischer Ehrgeiz blutrot gefärbt; schreitet hinab zu dem uralten Sykomorenbaum; streckt darunter sich aus; greift in die Brusttasche seines Rockes; zieht daraus ein vergriffenes Büchlein hervor; liest darin.

Liest unter diesem selbigen Sykomorenbaume im »Werther« ...

Das Kind hört mir zu. Den »Werther« kennt es noch nicht.

Unter dem Sykomorenbaum erzähle ich Ava von Werthers Liebe und Leiden; unter den Gräbern vernimmt die Holde aus meinem Munde Werthers Liebestod.

 

Wie bleich das Kind heute wieder war! Wie weißer Marmor! Wie die Marienlilien in ihrer Mutter Hand.

Es lächelte mir jedoch zu.

 

Wieder Vollmond.

Ava und ich bitten und betteln, man soll uns den Vollmond in der Wüste – soll uns das Rosenwunder der Wüste erleben lassen, davon ich Ava erzählte.

Mein kluger und guter Arzt schüttelt den Kopf. Wir großen Kinder jammern laut und empören uns wider die Tyrannei. Was soll das heißen? Wir sind nicht mehr krank. Jung sind wir; jung wie Frühlingsblumen, wie Maiengrün. Wir wollen die heilige Schönheit der Erde schauen; wollen in Erdenschönheit uns baden; und der Erde allerhöchste Schönheit ist die Wüste bei Vollmond.

Der Arzt beharrt bei seinem Verbot. Da sagt ihre Mutter: »Lassen Sie die beiden Kinder das Große erleben.«

Wie ihre Mutter das sagt!

Und – das »Große« ...

 

Wohl bemerkte ich den Blick, den die beiden miteinander tauschten; doch verstand ich nicht des Blickes Sinn. Wozu auch verstehen? Diese Nacht werden »die beiden Kinder« den rosigen Wüstenzauber erleben, und sie werden wie Kinder glücklich sein.

Glücklich sein. – Es mag nicht das Größte im Menschenleben sein, und ist gewiß nicht »das« Große; aber es ist doch wohl das Schönste, Menschlichste; ist die Offenbarung der Gottheit.

Glück und –

Und Liebe.

Ich sage es leise, ganz leise.

 

Wir haben es erlebt ...

Aber unser Glück war still. Wie eine Andacht war's. Wir hätten dem Glück unseres Lebens in dieser Mondnacht in der Wüste ein Grab graben können – so erhaben feierlich war uns Kindern zumut. Auf das Grab unseres Glücks wären alsdann himmlische Rosen herabgesunken.

Solche Stunden erlebt zu haben – ob das das Leben nicht wert ist?

Was soll nach dieser Stunde noch kommen? ... Was kann danach noch kommen?

Ich versuche, es zu denken; und meine Gedanken verwirren sich.

Mutter! Liebe Mutter! Wärst du bei mir, Mutter!

Dein Sohn, dein Kind ruft nach dir.

Mutter!

6

Mena-house, April.

Das Mägdlein schläft nicht, sondern ist tot. Das Kind ist tot!

Lange Zeit konnte ich nicht schreiben.

 

Ehe Ava starb, ehe sie für die Ewigkeit einschlief, von keinem Gott mehr zu wecken ... Ehe die Liebliche die wunderschöne Erde verließ, der Engel des Lichts wieder zu Licht wurde ... Als ich die bleiche Menschenblüte unter der Sykomore das letztemal sah, ohne zu wissen, ohne zu ahnen –

Aber ich wollte von dem Kinde noch etwas aufschreiben.

Was war's doch gleich?

Ach ja. Es war das.

Ich hatte der Reizenden mein Geheimnis anvertraut. Ich meine jenen kindlichen Knabentraum von dem Großen, welches ich einmal erleben sollte – einmal erleben würde – und welches ich » das« Große nannte.

Wir hatten beide darüber gelächelt. Bei jenem allerletzten Male sagte mir Ava: »Ich weiß jetzt, was es ist.«

»Was was ist?«

»› Das Große‹.«

»Das wissen Sie?«

»Ja.«

»Also was ist es? ... Die Liebe?«

»Nein, o nein.«

»Was sonst?«

»Das Sterben.«

Ich rief: »Kleine Ava! ... Liebe kleine Ava!«

»Das Sterben, solange der Mensch jung ist, rein und gut.«

Da sagte ich's ihr: »Du wirst immer rein und gut sein, kleine Ava; darfst also leben. Leben mußt du! Denn du mußt beglücken. Als Lichtgeist mußt du hinschweben über die dunkle Erde durch den Jammer des Lebens. Strahlen müssen von dir ausgehen; verklären mußt du die Welt. Wie also könnte für dich Sterben das Große bedeuten? Fühlst du das nicht? Fühlst du nicht, daß du nicht sterben darfst? Nicht darfst! Du kannst uns doch nicht allein zurücklassen im Dunkeln?«

Das Kind aber lächelte und sprach ... Doch wiederholte es nur seine Worte: »Jung sterben. Solange der Mensch rein ist und gut.«

Drei Tage darauf hatte meine erste und meine letzte heilige Liebe das Große erlebt.

 

Ich bin recht schwach.

Das kommt von dem Schmerz, weil das Kind von mir ging. Es soll wie eine Statue aus weißem Marmor dagelegen sein, in Marienlilien eingehüllt.

Sie ließen es mich nicht sehen; sie ließen mich nicht zu der Eingeschlafenen; nur meine Lilien durfte ich der Schlummernden mitgeben in die Ewigkeit.

Sie schläft von meinen weißen Blumen umkleidet, von meiner lichten Liebe umhüllt.

 

Was ist es nur mit mir?

Ich bin schwach, so sehr schwach.

Sie müssen mich hintragen zu dem Sykomorenbaum – wie sie Ava hintragen mußten.

Was ist es nur mit mir?

 

Schwach, so schwach.

Meine Mutter wird kommen.

Sie sollen mich zu dem Sykomorenbaum hintragen.

 

Avas Mutter war bei mir.

In ihrem schwarzen Kleide, ihrem schwarzen Schleier trat sie zu mir, so weiß im Gesicht, wie das Kleid gewesen war; weiße Blumen in der Hand.

Es waren Narzissen.

Meine Lieblingsblumen.

Das Kind hatte ihr auf dem Sterbebett aufgetragen, mir die Blumen zu bringen.

Mit ihrem letzten Gruß; und –

Ja, und daß es mich sehr lieb gehabt hätte.

 

Ihre Mutter hatte noch immer jenes wundersame unirdische Lächeln. Auch jetzt noch.

Es war die Verklärung, die von der Verklärten ausgeht für alle die, die sie liebten.

Auch ich muß jetzt dieses letzte Lächeln haben.

 

Ich weiß es jetzt. Ich weiß, daß auch ich das Große erleben werde.

Bald, bald.

Ihre Mutter bereitete mich darauf vor – da meine liebe Mutter noch nicht bei mir ist.

Das Kind wußte, daß auch ich das Große erleben würde; und es bat seine Mutter, alsdann bei mir zu sein.

Denn es müßte bald kommen.

Bald, bald!

Ich warte darauf.

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