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Ägyptische Geschichten

Richard Voß: Ägyptische Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
titleÄgyptische Geschichten
publisherMartin Maschler Verlag
yearo.J.
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Der ritterliche Sir John

1

In Kairo sah ich den alten Herrn zum erstenmal, und gleich fiel mir das Ritterliche seiner Erscheinung auf.

Ich befand mich auf der Terrasse des Hotel Continental. Vor mir, auf der Straße und dem Platz von Scharia Kâmel, spielte sich das Leben der orientalischen Großstadt ab wie die bunten Szenen eines Schauspiels. Es war ein Ausstattungsstück.

Das Geländer, neben dem ich in meinem bequemen Liegestuhle saß, schien die Brüstung einer Orchesterloge zu sein, und die Figuren des Märchenspiels: »Kairo, wie es lebt«, zogen in dichten Reihen an mir vorüber: Araber und Syrer, Nubier und Sudanesen. Vorüber zogen Hochzeiten und Begräbnisse, Pilgerkarawanen, Militärzüge und Fremdenhorden. Viele der Orientalen waren prachtvoll gekleidet, von dem Faltenwurf farbiger Seidenstoffe umhüllt, in hoheitsvoller Haltung, feierlichen Ganges.

Ich war in dieser Welt Neuling genug, um mein Vergnügen auch an den anderen zu finden, die ich bald als Schwärme menschlicher Schmeißfliegen erkennen und von mir abwehren mußte: alle die Händler mit den Waren ihres Wunderlandes. Im Laufe einer halben Stunde wurde mir auf der Terrasse des Hotel Continental angeboten: ein lebendiger Pelikan, eine lebendige Antilope, ein allerliebstes Äffchen und ein niedliches Ichneumon, von den ausgestopften Krokodilen und Kobraschlangen gar nicht zu reden. Dann wurde meine Aufmerksamkeit von Kairos Straßenfiguren abgelenkt.

Der Expreßzug von Alexandria war eingetroffen, und ein Strom nordischer Fremdlinge flutete im Glanze der ägyptischen Frühlingssonne über Treppe und Terrasse durch eine lebendige Mauer beutegieriger Dragomen in das schöne Hotel gegenüber dem tropischen Gartenpark von El-Ezbekijeh.

Immer noch schleppten sich die arabischen Hausdiener, in tiefes Blau und grelles Rot gekleidet, den weißen Turban vielfältig um das braune Haupt gewunden, mit den Massen des angekommenen Gepäcks; immer noch hielten schwerbeladene Wagen, trafen Gäste ein.

Die Herrschaft, die jetzt kam, mußte »etwas sehr Feines« sein. Kurier, Kammerdiener, Jungfer meldeten ihre Ankunft, und einer der Direktoren erwartete sie in der Eingangshalle. Neben diesem Herrn stand ein junger Offizier der englischen Garnison, eine jener hohen binsenschlanken Gestalten mit schmalem scharfgeschnittenem Gesicht, der Typus englischer Distinktion. In seiner fast zu kleidsamen Uniform sah der Jüngling prachtvoll aus.

Er hielt einen großen Strauß Marschall-Niel-Rosen, wollte also eine ankommende Dame begrüßen. Und dann geschah es, daß ich den alten Herrn zum ersten Male sah und daß er mir gleich das erstemal durch das außerordentlich Chevalereske seiner Erscheinung sowohl wie seines Wesens auffiel. Auch dieser edle Greis war ein Typus seines Vaterlands: Zoll für Zoll ein Grandseigneur jener merkwürdigen und machtvollen Nation, die in den Nilländern die eigentliche Herrscherin ist.

Eine junge bildschöne Dame begleitete den alten Herrn, zweifellos seine Tochter. Ihr galt der Rosengruß des hübschen Jungen. Dieser mußte die Bekanntschaft der Reizenden erst jetzt machen, denn er wurde ihr von dem alten Herrn, der ihn mit einem herzhaften Händedruck begrüßte, vorgestellt, so feierlich, als ob der Jüngling Audienz bei einer Souveränin erhielte. Eine Königin konnte von ihrem Hofmarschall nicht mit größerer Ehrfurcht behandelt werden, als das Fräulein von dem alten Herrn, der mir gleich beim ersten Sehen so ausnehmend gefiel.

Die junge Dame war sehr elegant, sehr distinguiert, und, wie gesagt, von großem Liebreiz. Aber sie flößte mir trotzdem keine Sympathie ein, wie das vom ersten Augenblick an bei ihrem ehrwürdigen Vater der Fall war.

Dann begaben sich die neuen Gäste in Begleitung des Offiziers und Direktors in das Hotel.

2

Beim Diner sah ich Vater und Tochter wieder. Sie saßen in meiner unmittelbaren Nähe und ich konnte zu beiden hinübersehen, ohne unhöflich zu erscheinen.

Es ist sonst nicht meine Art, mich um ein internationales Reisepublikum zu kümmern, suche und finde ich doch die Einsamkeit nirgends so sehr wie auf Reisen und in der Menge. Aber diese zwei Menschen erregten meine Teilnahme. Vielmehr, der alte Herr erregte sie mit seinem Wesen » ancien régime«, wie solches das Geschlecht von heute nicht kennt, und wie es, so fürchte ich, kein Geschlecht der Zukunft je wieder kennen wird – trotz aller unserer hohen geistigen und höchsten seelischen Kultur. Auch das fiel mir sogleich auf: in welchem Maße die junge Dame der neuen Generation angehörte. Das war gewiß ihr Recht, wie eben das Rücksichtslose und Selbstsüchtige die Natur dieser neuen Generation ist. Aber etwas weniger zeitgemäß unhöflich hätte sie die kavaliermäßige Art ihres Vaters immerhin aufnehmen können.

Wie der alte Herr Frack und weiße Krawatte trug, so erschien auch die Tochter in großer Toilette: in tief ausgeschnittener Robe und – seltsamerweise – mit prachtvollem Schmuck. Es waren Smaragden, deren Glanz die Alabasterweiße der Haut noch schneeiger leuchten ließ. Sie war wirklich schön! Auch das Gesicht blendend weiß, und das Haar von jenem glühenden Braunrot reifer Kastanien. Zu diesem mit raffinierter Kunst frisierten Haar machten die bernsteinfarbenen Augen in dem Weiß des Gesichts einen faszinierenden Eindruck. Für mich hatten sie jedoch einen Blick, der mir zu denken gab. Ebenso ein Zug um den Mund. Aber es waren Lippen von der Schönheit einer antiken Statue.

Nach dem Diner schlürfte ich in der mit orientalischen Teppichen belegten, mit behaglichen Plauderecken ausgestatteten »Hall« meinen »Türkischen«, rauchte dazu eine Zigarette und befand mich wiederum Vater und Tochter gegenüber, zu denen sich der Leutnant gesellte, in seiner koketten Galauniform ein Bild elastischer Kraft. Ich beobachtete die herzliche Weise, in welcher der alte Herr mit dem jungen Kriegsgott verkehrte; beobachtete, welchen Eindruck die fremdartige Schönheit der Tochter auf diesen machte, und wie das Fräulein ihm gegenüber einen andern, ganz andern Ton anschlug; Jugend und Jugend gehören eben zusammen. Vielleicht gab es im Grand Hotel Continental sehr bald ein Paar Verliebter, Verlobter. Ich hätte an den beiden jungen Menschenkindern meine Freude haben können, wäre nicht jener Blick der lichten Augen, nicht jener Zug um den reizenden Mund der Dame gewesen ...

Fortan sah ich die drei häufig beisammen. Der fashionabelste Dragoman Kairos war von dem Kurier engagiert worden, doch diente der elegante Araber lediglich als Dekoration; in Wahrheit machte der Leutnant den Cicerone. Ich traf die kleine Gesellschaft auf der Zitadelle, der stolzen englischen Beherrscherin des Nillandes sowohl wie seiner Hauptstadt; traf sie auf den Wüstenhöhen des Makkatam, von denen aus der Blick über Grüfte hinweg zu Grüften schweift: zu den Pyramiden von Abusir, Memphis und Gizeh am jenseitigen Nilufer, eine hochaufragende lange Kette, ein künstliches Felsengebirge. Ich begegnete den Dreien in den Totenstädten der Kalifen und Mamelucken, in den Gärten und auf den Sportplätzen von Gizereh; in Kairos Museen und Moscheen. Ich sah sie im Hotel Abend für Abend beisammen; der alte Herr beständig von gradezu wundervoller Haltung, die beiden Jungen rückhaltlos und rücksichtslos nur miteinander beschäftigt.

Da es zu meinen Eigenschaften gehört, auf Reisen im Hotel niemals die Namen der Gäste zu erfragen, erfuhr ich erst später und durch reinen Zufall, daß der ritterliche alte Herr Lord Soundso sei – allgemein »Sir John« genannt – und der schmucke Leutnant der Sohn eines verstorbenen Jugendfreundes seiner Lordschaft. Die junge Dame war nicht seine Tochter, sondern seine Gattin. Und ich erfuhr, daß sich das so ungleiche Paar auf der Hochzeitsreise befand.

Dieses zu hören, machte Eindruck auf mich.

3

Aber was kümmerten mich die fremden Menschen?

Die Menschen lehrten mich seit einem Lebensalter, mich nicht um sie zu kümmern. So oft ich diese weise Lehre nicht befolgte und mich als schlechter Schüler erwies, strafte es sich an mir und das häufig hart genug. Also wollte ich mich um diese drei mir vollkommen fremden Menschen nicht kümmern.

Und tat es doch wieder ...

Das heißt: um Sir John kümmerte ich mich. Lediglich um ihn! Der alte Herr hatte eben etwas gar zu Vornehmes und Chevalereskes. Wie aber konnte solch ritterlicher Greis eine junge Frau nehmen? Gerade diese Frau? Überhaupt eine Frau? Mit weißem Haar solche blühende Jugend sich zu eigen zu machen, vertrug sich nicht mit dem Begriff von großer Ritterlichkeit. Es mußte sich dabei um einen Preis handeln; wahrscheinlich um einen sehr hohen.

Es gab allerdings eine Leidenschaft, für welche Jahre und Alter nicht existieren. Für manchen Mann war es die Tragik seines Lebens, daß er die furchtbarste und verderblichste aller Gewalten erst kennen lernte, wenn sein Haupt bereits grau, sein Herz jedoch immer noch jung war. Das Ende mußte sehr bald kommen und konnte nur Verzweiflung sein. Übrigens besaß dieser alte Mann, den der Dämon gepackt hatte, etwas in seiner Erscheinung, das ihn über die Jahre hinaushob; und ich redete mir schließlich ein, daß selbst ein sehr junges Weib den königlichen Greis lieben könnte. Nur nicht dieses junge Weib.

Auf solche Weise versuchte ich, meiner Gewohnheit nach, mir das Unbegreifliche begreiflich zu machen, es zu entschuldigen, zu verzeihen. Denn auch das hatten die Menschen mich gelehrt: sie nicht zu richten. Und diese Lehre danke ich ihnen heute, wo ich selbst ein alter Mann bin, wie ich einer gütigen Gottheit für die beste aller Gaben dankbar bin ...

Waren mir also das junge Weib und der Adonis der englischen Garnison herzlich gleichgültig, so konnte ich doch nicht unterlassen, mich um den alten Herrn zu kümmern; ja, ich fing an, mich um ihn zu sorgen. Seinetwillen verwandelte sich denn auch meine anfängliche Gleichgültigkeit gegen das Paar sehr bald in lebhafte Abneigung, die allmählich entschiedene Feindseligkeit ward. Ich begann die beiden zu beobachten, als ob der seelische Ehebruch, den sie tagtäglich unter den Augen des Gatten begingen, mich selbst beträfe. Dagegen schien Sir John vollkommen ahnungslos und harmlos; und beständig blieb er vom Scheitel bis zur Sohle der »ritterliche« Sir John: der Ehrenkavalier einer jungen und schönen, einer tugendhaften, königlichen Frau.

Auch folgendes kränkte mich für ihn: daß im Hotel von den Gästen die Sache bemerkt und beklatscht wurde. Der alte Herr war eine viel zu majestätische Gestalt, die junge Frau zu ungewöhnlich schön und elegant und der Leutnant ein griechischer Ephebe in der Uniform eines englischen Kavallerieleutnants; so mußte denn wohl die Gruppe auffällig werden. Wenn Mylady und Mylord in Begleitung des Dritten den Speisesaal betraten – die Dame Abend für Abend in neuer raffinierter Toilette – so waren sie das Ziel aller Blicke. Es gab sogar Damen, die ungeniert ihr Lorgnon auf das interessante Trio richteten. Ich fühlte mich dadurch jedesmal in einer Weise verletzt, als ob mich die Sache allen Ernstes sehr nahe anginge.

Ich besinne mich nicht mehr, auf welche Weise das Gerücht bis zu mir drang, Mylady sei ein Fräulein aus guter, alter, aber völlig verarmter Familie gewesen, und der Lord habe sie bereits bei der Verlobung zur Universalerbin seines großen Vermögens gemacht. Das Höchste und Köstlichste, was der Mann seiner jungen Gattin geben konnte, war jedoch nicht der prachtvolle Familienschmuck, seines Hauses war nicht sein alter stolzer Name, sondern das war jenes feinste Wesen ehrfurchtsvoller Verehrung für die liebreizende Frau, deren väterlicher Freund und ergebener Ritter er mehr zu sein schien als ihr zärtlicher Gatte. In solchem verklärenden Lichte sah ich nachgerade das Verhältnis der beiden; und ich gestehe, daß ich alles tat, um es mir in diesem Schein zu erhalten.

Dann sollten die drei Menschen mir entschwinden: Sir John hatte eine der prächtigen Dahabijen für die Nilfahrt gemietet; schiffte sich mit seiner Gemahlin, mit Dragoman und Dienerschaft ein; fuhr stromaufwärts nach Assuan. Den Leutnant hielt sein Dienst in Kairo zurück, und er ließ sich im Hotel nicht mehr sehen. Wie von einer Last befreit, atmete ich auf; das Schicksal schien mit dem Hereinbrechen seiner Tragik zu zaudern.

4

Seitdem ich die drei aus dem Auge verloren hatte, traten sie mir auch nicht mehr sehr häufig vor die Seele; und allmählich verblaßten ihre Gestalten. Die Eindrücke von Land und Volk, uralter Kultur und Kunst waren denn doch machtvoller als die, welche ich am Nil von meiner reisenden Mitwelt empfing. Mir wurde in Ägypten die Offenbarung seiner tausendjährigen Rätsel zuteil, eine Erleuchtung, dafür ich erst in das Land hatte kommen müssen. Ich lernte den mystischen Strom kennen, und der Wüstenzauber umfing meinen Geist, so daß er vollständig in dem Bann der Grauen einflößenden Schönheit dieses Ozeans gelber Sandfluten und roter, berghoch aufsteigender Felsenwogen lag. Auch schliefen in den Wüstengräbern die Toten Ägyptens, die mich von den Lebenden fortzogen; und der tausend- und abertausendjährigen Grüfte waren zahllose ...

Ich verließ Kairo; verweilte einige wundersame Wochen in Luxor; schiffte mich auf einem der schönen Dampfer der Hamburg-Anglo-Amerika-Linie für die Wüstenstadt Assuan ein; verträumte auf der Elefanteninsel die Tage. Plötzlich sollte ich jenen fast vergessenen dreien wieder begegnen.

Es war eines Abends nach dem Diner im »Savoy«, als ich noch einen späten Spaziergang durch die Insel machte, die von dem Schimmer der Sterne wie von Mondschein beleuchtet war. In dem nubischen Dorfe, dessen aus Schlamm aufgemauerte Hütten an die Gärten des Palasthotels stoßen, herrschte bereits die Feierstille der Nacht, obgleich die meisten der männlichen Bewohner noch wachten. In ihre düstern Gewänder gehüllt, kauerten sie unter den Sykomoren, rings um den mächtigen Stamm, dessen schwarze Laubmassen sich auf die regungslosen Gestalten niedersenkten. Oder die Leute lagerten vor den Hütten auf den Schlafbänken. Genau ebenso wie die Nilbewohner noch heutigen Tages die heißen Nächte verbringen, auf genau ebensolchen schmalen Lagerstätten – sie bestanden aus Lehm und waren an die Hauswände angeklebt – schliefen Ägyptens Tote ihren ewigen Schlaf in den unterirdischen Felsengrüften der Wüste. Wie ich auf meinem nächtlichen Wege die Männer des Dorfes lang ausgestreckt liegen sah, genau ebenso sah ich auf meinen Wanderungen durch Ägyptens Totenreich auf schmalen Felsbänken in den Vorgemächern der Königsgrüfte Leichnam an Leichnam – Mumie an Mumie – gereiht.

Die Männer des Dorfes wachten noch. Aber sie schwiegen; regten sich nicht; glichen Gestorbenen ...

Ich entfloh der Versammlung dieser Schweigenden; gelangte durch ein düsteres Gassengewirr ins Freie, wo mir der schwüle Duft der Bohnenblüte entgegenschlug und ich die Musik der Schöpfbrunnen vernahm, die auf Elefantine auch nachts nicht verstummt. Von den weißen Blütenfeldern hinweg tauchte ich in die vom Sternenlicht matt erhellten Schatten der Palmenwälder. Lange schritt ich ungestraft unter den Baumkronen des Südens dahin, bis ich das Ufer erreichte, unweit der Stelle, wo sich der antike Nilmesser befindet.

Mir dicht zu Füßen fiel der Strand steil ab, so daß ich unmittelbar über dem Strom stand – unmittelbar über einer Dahabije, die an dem schönen Platz angelegt hatte. Es mußte erst heute abend geschehen sein; denn auf dem Hausboot wurde ein Fest gefeiert, wie solches nach glücklich erfolgter Ankunft am ersten Katarakt von dem jeweiligen Besitzer des Luxusschiffes den arabischen Bootsleuten gewöhnlich gegeben wird.

Wie die Dahabije eines der größten und elegantesten Nilboote war, gestaltete sich auch die Feier außerordentlich reich, zugleich phantastisch genug, um einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht angehören zu können.

Das ganze Boot erhob sich aus farbigen Flammen und ließ seinen bunten Schein weithin über die Fluten leuchten, bis zu den schwarzen Granitklippen inmitten der Wogen. Was auf dem Fahrzeug nicht eitel Glanz war, bestand aus orientalischen Teppichen, mit denen die Schiffswände umhüllt, der Fußboden bedeckt war. Auf dem Vorderdeck hatte der Dragoman ein baldachinartiges Zelt aufschlagen, Polster hinschaffen und Rosen aufhäufen lassen; und davor tanzten junge schlanke Araber in langen weißen Gewändern.

Jene drei schauten zu ...

Auch ich stand und schaute; schaute gerade in das Zelt hinein.

Mir schien, als läge auf dem Gesicht des alten Herrn ein mir fremder Ausdruck; als besäßen die beiden Jungen nicht mehr Gewalt genug über sich, ihre Leidenschaft zu verbergen. Vielleicht schien mir's nur so.

Der Tanz der braunen Jünglinge bestand lediglich in rhythmischen Bewegungen, wobei sie bald vorwärts, bald rückwärts schritten. Kaum, daß der Kreis, den sie bildeten, sich veränderte. In ihrer Mitte stand ihr gleichfalls jugendlicher Scheich. Dieser schlug die Handtrommel, was eine unsäglich eintönige, unsäglich schwermütige Musik gab. Seine Bewegungen waren langsam und feierlich; waren von vollendeter Schönheit.

Auf ein von ihrem Anführer gegebenes Zeichen klatschten die Tänzer in einer bestimmten Weise in die Hände und sangen dazu, unsäglich eintönig, unsäglich schwermütig. Sie hatten dabei die Mienen von Verzückten.

Plötzlich wurde das Fest gestört. Der alte Herr hatte sich erhoben und einige Schritte getan. Er wankte; stürzte zu Boden.

Ich war wohl der einzige, der die Ursache des Vorfalls beobachtete: ein Blick, den die Dame mit dem jungen Sohne des verstorbenen Freundes ihres Gatten getauscht hatte.

Es war nur ein Blick gewesen; aber er hatte die hoheitsvolle Gestalt des Greises wie ein Blitz zu Boden gestreckt ...

Ich blieb, bis Sir John sich erholte. Es geschah sehr bald. Ich hörte ihn sagen, es sei ein kleiner, durchaus belangloser Unfall gewesen, eine Art von Schwindel; hörte ihn bei seiner Gattin sich entschuldigen, sie unnötig erschreckt zu haben, wenn auch nur einen Augenblick. Und ich hörte ihn bitten, das schöne Fest sogleich fortzusetzen, er müsse sonst den nichtssagenden Anfall von Altersschwäche noch tiefer bedauern, hauptsächlich wegen Mylady, die vor Schreck erbleicht sei.

Das war die Dame durchaus nicht. Sie war im Gegenteil bei dem Unfall ihres ehrwürdigen Gatten vollkommen gelassen geblieben, vollkommen gleichgültig, wie mir schien. Wie durch Eingebung erkannte ich, daß auch Sir John dies wußte und daß er sich gerade deshalb so angelegentlich um Mylady bemühte, mehr als je in der Haltung eines Oberhofmarschalls seiner Souveränin gegenüber.

Das Fest nahm also seinen Fortgang ... Ich entfernte mich und hörte noch von weitem Musik und Gesang der jungen Araber, unsäglich eintönig, unsäglich schwermütig.

5

Jetzt war der alte Herr von neuem in meine ägyptischen Tage getreten, jetzt mußte ich mich von neuem um ihn kümmern und sorgen, ich mochte wollen oder nicht, und es mochte mich noch so sehr kränken, daß mein ritterlicher Sir John nicht aus Ritterlichkeit gegen die Dame unterlassen hatte, alt zu freien. Denn es kränkte mich für ihn. Das Sprichwort: »Alter schützt vor Torheit nicht«, – es hat für Leute in gewissen Jahren überhaupt etwas Anzügliches – war für meinen greisen Helden zwar sehr wahr, aber denn doch etwas zu unehrbietig. Denn ich gestehe gern, daß mir der Alte trotz seiner Torheit Ehrerbietung einflößte, nahezu Ehrfurcht: König Lear konnte seine Gestalt und sein Haupt gehabt haben; konnte von so viel Majestät umkleidet gewesen sein.

Der Zustand der drei Menschen, wie ich ihn gelegentlich des Nachtfestes auf der Dahabije erfahren hatte, erfüllte mein widerstrebendes Gemüt mit schweren Gedanken. Beständig sah ich in den Blicken der beiden Schuldigen die Flamme ihrer Leidenschaft unverhüllt auflodern; sah ich den alten Herrn sich plötzlich erheben, mit Anstrengung einige Schritte tun, hochaufgerichtet und totenbleich; sah ihn wanken und stürzen. Und ich sah die Lady dastehen mit einer Gelassenheit, einer Gleichgültigkeit, als sei ein Stuhl umgefallen; sah sie eine Bewegung machen, als wünsche sie nicht, daß jemand den hingefallenen Gegenstand aufhebe. Ich haßte das Weib. Dagegen begann sich in mir ein Gefühl für den Jüngling zu regen, denn ich fing an zu verstehen, daß seine Jugend dieser Verführerin erliegen mußte; und es war vielleicht bis dahin eine gute und reine Jugend gewesen: war er doch fast noch ein Knabe.

Nun, das Weib würde den Knaben zum Manne machen, zum Ehebrecher und Schurken an seines verstorbenen Vaters ehrwürdigem Jugendfreund, der ihm Vaterhände entgegengestreckt hatte; verderben an Seele und Leib würde das schöne schändliche Weib den schuldig Gewordenen ...

Wiederum begegnete ich den dreien überall. Sie bewohnten das prächtige Hausboot, erschienen jedoch abends häufig in Assuans vornehmen Hotels; denn Mylady wollte in der Wüste »große Welt« sehen. Ihr weißes Gesicht mit dem flammenden Haar und den bernsteingelben Augen, ihre extravaganten Toiletten und ihr königlicher Schmuck erregten auch in den Sälen des Savoy- und Katarakthotels Aufsehen.

Auch hier begannen die Gäste zu beobachten, zu verstehen, zu flüstern und zu skandalisieren. Von dem allen schien Sir John indessen nichts zu bemerken, nicht das mindeste. Je chevaleresker er jedoch den ersten Diener seiner hohen Gebieterin machte, um so mehr wurde er für das behaglich zuschauende Publikum dieser Tragödie zu der Balladengestalt des alten Königs mit der jungen Frau Königin und dem blondlockigen Pagen. Heimlich und öffentlich lächelte jeder über die Blindheit Mylords, die für solche Komödienfigur nun einmal obligatorisch ist. Immerhin konnte man die typische Geschichte am ersten Nilkatarakt nach einem guten Diner als gesellschaftliches Satyrspiel ein Weilchen mitansehen. Und wiederum war ich überzeugt, daß Sir John alles sah und wußte. Trotzdem duldete er, daß sein alter stolzer Name in jedermanns Mund war.

Und ich begegnete den dreien in Assuans Umgebungen, auf meiner traumhaften Palmeninsel, im Basar, am Nilufer und in der Wüste. Was wohl Mylady in der schrecklichen Herrlichkeit dieser größten aller Welten zu schaffen hatte?

Eines Abends gab das Katarakthotel ein Nachtfest. Da auf dem äußersten Südende von Elefantine ein Feuerwerk abgebrannt, Fluß, Klippeneilande und Wüstenufer durch griechische Feuer erleuchtet werden sollten, so ließ ich mich gleich nach dem Essen von der Palmeninsel nach dem Hotel übersetzen.

Bereits war der ehrwürdige Strom belebt von den Fahrzeugen der Eingeborenen; und allein das bot ein Schauspiel. Denn jeder Nachen bildete ein schwimmendes vielfarbiges winziges Eiland. Bunt erstrahlten die Dampfer der beiden Konkurrenzgesellschaften und die eingelaufenen Dahabijen unter einem funkelnden Sternenhimmel; bunt erglänzten die dunkeln Granitfelsen, was den gewaltigen, in den Strom geschleuderten Blöcken ein noch phantastischeres Aussehen gab. Sogar in den Kronen der Dattelpalmen, Lebbachakazien und Sykomoren hingen rote und gelbe, blaue und smaragdgrüne Wunderblumen.

Von allen Seiten erschallte rhythmisches Händeklatschen; Musik von Handtrommeln und Pfeifen; Gesang der Araber, unsäglich eintönig, unsäglich schwermütig.

Wenn die in Weiß und Blau gekleideten Gestalten mit den braunen Gesichtern in dem bunten Farbenspiel an mir vorüberglitten, glaubte ich wiederum eines jener Märchen zu erleben, die mir in glücklichen Kinderzeiten erzählt wurden ...

Bei den Strandklippen des Katarakthotels stieg ich ans Land, das hier die nubische Wüste ist, übersät mit Gräbern und bedeckt mit den Trümmern vieltausendjähriger Granitbrüche. Grabmale und Granitblöcke befanden sich unmittelbar neben einer der glänzendsten Fremdenherbergen des Fabellandes; und unmittelbar neben Gräbern und Trümmern bewegte sich eine kosmopolitische Reisegesellschaft, die Herren in Frack und weißer Krawatte, die Damen in Dinertoilette.

Ein Orchester spielte, und bis zu den Gräbern und den Trümmern war der öde Strand durch Lampions illuminiert. Dann begann drüben bei der Ruinenmasse der uralten Fürstenstadt Elefantine das Feuerwerk zu steigen.

Raketen, Sonnen, Flammenfontänen; rote, grüne und weiße bengalische Gluten auf den Ruinen und Klippen unter den Palmenkronen und an den Abhängen der Wüstenberge. Bis zu den weißen Kuppeln der Scheichgräber und den englischen Festungswerken auf den Höhen schlug die bunte Lichtflut empor.

Ich hatte mich von der Hotelgesellschaft entfernt und glücklich einen verborgenen Platz entdeckt, von dem aus ich in tiefer Einsamkeit das Flammenspiel betrachten konnte. Plötzlich entdeckte ich, daß ich nicht der einzige Flüchtling war. Ein schmerzlicher Seufzer machte mich auf meinen Gefährten aufmerksam.

Es war Sir John.

Er gewahrte mich nicht; schien nichts zu gewahren; schien sich in dem Fieber eines wütenden Seelenschmerzes zu befinden. Wie geistesabwesend stand er gegen einen Fels gelehnt, als suchte er einen Halt, um nicht zusammen zu brechen. Dann hörte ich ihn stammeln:

»Mein Name, mein Name! Sie soll meinen Namen nicht länger tragen! Sie soll – soll – soll nicht! Mein Name durch sie geschändet! Mein Name, mein Name!«

Ich schlich mich fort, um nicht noch mehr den Lauscher machen zu müssen ...

Als ich mich wieder einschiffte, sah ich auch die drei ein Boot besteigen, um nach ihrer Dahabije zurückzukehren. Sir John erlaubte nicht, daß seiner Gemahlin ein andrer als er behilflich sei, und reichte Mylady ritterlich seinen Arm.

6

Sehr bald nach der Festnacht traf ich die drei handelnden Personen des Dramas von neuem. Ich glaube, es war gleich am übernächsten Tag. Wir kannten uns gegenseitig vom Ansehen gut genug, gingen jedoch fremd aneinander vorüber. Bereits in Kairo hatte ich Sir John gegrüßt, ehrerbietig, fast ehrfurchtsvoll. Aber ich hatte nur vor dem alten Herrn meinen Hut gezogen; hatte unterlassen, Mylady meine Verbeugung zu machen. Der Blick, mit dem der Lord meine Höflichkeit gegen ihn ignorierte, hatte damals starken Eindruck auf mich gemacht. Ich durfte ihn daher nicht wieder grüßen, da ich mich auch jetzt nur vor ihm verneigt haben würde.

Ich ritt über die arabischen Friedhöfe auf der Karawanenstraße durch die Wüste nach Schellal, um mich zum so und so vielten Male nach Philä zu begeben. Den Rückweg nahm ich jedesmal nicht wieder durch die Wüste, sondern entweder längs des Nilufers zu Esel oder zu Boot durch den Katarakt. Heute wollte ich das letztere wählen.

Lord und Lady benutzten für die Wüstentour eines jener seltsamen Gefährte, dessen breite Radflächen das Einsinken in den tiefen Sand verhinderten. Sie fuhren vierspännig. Der Leutnant ritt ein Vollblut; und ich konnte nicht umhin, den schlanken jungen Reitersmann mit Wohlgefallen zu betrachten. Es war doch schade um ihn.

Da ich mein gutes Grautier nicht antreiben wollte und ich das atemlose Nebenherlaufen des Treibers nicht ausstehen konnte, so blieb ich hinter Wagen und Pferden weit zurück; doch fand ich die drei auf der Tempelinsel wieder, wo der Dragoman unter einem mitgeführten Wüstenzelt den Lunch servieren ließ, auf dem Dache des Isistempels, einem wahrhaft königlichen Platz, von dem aus die von den gestauten Nilfluten überschwemmten Heiligtümer prachtvoll zu überschauen waren; von den Säulen des Kiosks ragten nicht viel mehr als die Kapitäle aus den Wassern, und die Palmen tauchten aus der künstlich herbeigeführten Sündflut nur noch mit ihren Kronen auf, arme Ertränkte, Gemordete.

Die unter dem aufgespannten Zeltdach auf Teppichen frühstückende vornehme Gesellschaft scheuchte mich sehr bald wieder hinab. Ich irrte durch Säle und Hallen zu den Pylonen: vom Tempel des Harendotes zum Kaiser-Hadrians-Tor. Aber Fluten überall! Sie drangen in das Innere der Heiligtümer; leckten zu den Säulen und Mauern hinan; überschwemmten Treppen und Rampen. Den Wassern entstiegen die Gestalten von Göttern und Göttinnen, die mit ihren starren Gliedern sich nicht regen, vor dem Wogenandrang sich nicht retten konnten. Nun schienen sie mit steifen Armen um Hilfe zu winken. Aber alle die geheimnisvollen Zeichen – sie bedeckten ringsum jeden Stein – wurden ihnen nicht zu Zaubersprüchen, um sie vor dem Tode des Ertrinkens zu bewahren; auch Ägyptens »ewige« Götter mußten in ihren Tempeln auf Philä ein klägliches Ende nehmen, von den Christen ihnen bereitet, die bereits vor fast zweitausend Jahren mit der Wut von Fanatikern ihre Bildnisse von Säulen und Wänden abgeschlagen und ihre Heiligtümer zerstört hatten.

Ich entfloh dieser Götterdämmerung, diesem Göttertode ... Durch ein Klippengewirr, so kahl und grau, so zerrissen und trostlos, als sei der Nil hier der Styx, wand sich mein Nachen abwärts, dem Staudamm von Assuan zu. Meine nubischen Fährleute schwatzten nach Art dieser Wüstensöhne, daß es ein Geschrei, ein Gekreisch war. Zum ersten Male fand ich den Lärm nicht unerträglich, immerhin waren es in dieser gespenstischen Totenwelt Stimmen von Lebenden.

Auf den Riffen lagen goldige Bälle. Zu Hunderten leuchteten sie auf dem fahlen Gestein. Wären nicht ringsum die öden Felsenklippen gewesen, so hätte ich fabulieren können: Najaden entstiegen bei Sternenschimmer und Mondesglanz dem Gewässer. Sie schwangen sich auf die Klippen und spielten mit goldenen Bällen, die sie im Grauen des Tages zurückließen.

Es waren jedoch kleine wilde Kürbisse; und es war die wirkliche Welt, in der ich mich befand. Ranken und Blätter der Früchte verzehrte das Sonnenfeuer, so daß nur die goldgelben kleinen Kugeln übrig blieben, die strahlenden Kiesel an den wilden Gestaden ...

Aus der totenhaften Einsamkeit gelangte ich plötzlich zu einem gigantischen Werke von Menschenhand, nicht minder riesenhaft und nicht minder erstaunlich als die Kolosse der alten Ägypter. Nur, daß dieser Koloß den Menschen zum höchsten Heile gereicht und nicht einem furchtbaren Göttergeschlecht huldigt, welches um die Nöte der Sterblichen sich nicht kümmert, und hätte die ganze Menschheit aufgeschrieen in einem Todesschrei.

An dem cyklopischen Bauwerk der Nilsperre herrschte das Leben der Arbeit; denn immer noch höher sollte der hohe Felsendamm aufgeführt werden; immer noch gewaltiger das Gewaltige sich vollenden. Wie einstmals vor vielen Jahrtausenden menschlicher Wahn durch Völkerschaften von Sklaven in den Granitbrüchen ganze Gebirge in Tempel, Götterbilder und Obelisken verwandeln ließ, so beschäftigte jetzt menschliche Intelligenz Scharen von Arbeitern an der Erhöhung der Mauern, um für die dürren Felder Ägyptens noch größere befruchtende Wassermengen anzusammeln. Bewundernd schaute ich hin.

7

Über dem Staunen, was menschliche Arbeitskraft zu leisten vermag, vergaß ich den Jammer der Menschheit, der manchem neben jenem Titanen zwergenhaft klein erscheinen mag. Auch ich mußte daran erinnert werden.

Der Nachen, der mich von Philä zum Staudamm brachte, konnte nur bis dorthin gelangen und kehrte wieder zurück. Andre Fahrzeuge, die den Wirbeln des Katarakts standhalten konnten, nahmen jenseits der Sperre die Reisenden auf. Ihrer waren viele. Sie mußten daher in mehrere Boote verteilt werden. Der Neubauten wegen wurden die Passagiere eine kleine Strecke stromabwärts eingeschifft. Zuerst über Dämme und Schleusen, führte alsdann ein Pfad steile Klippen hinab. Es ging an Abgründen entlang, und unmittelbar zu Füßen hatte man die brausenden, brandenden Stromschnellen. Entweder mußte man schwindelfrei sein oder sich leiten lassen.

Erst als ich bereits geborgen im Nachen saß, bemerkte ich, daß die englische Reisegesellschaft, die auf dem Dache des Isistempels gefrühstückt hatte, sich in demselben Fahrzeuge befand nebst Dragoman und Kammerdiener. Sir John war jedoch nicht dabei. Nicht der Gatte, Freund und Herr. Wo mochte Sir John sein?

Dragoman und Kammerdiener schienen beunruhigt zu sein; nur diese! Und nur diese wollten auf den Lord warten. Aber die Passagiere drängten zur Abfahrt. Dragoman und Kammerdiener wollten wieder aussteigen, um nach Sir John zu sehen, als von diesem eine Botschaft kam: »Er habe sich unterwegs beim Staudamm aufgehalten und wolle das Riesenwerk besichtigen; werde mit einem andern Boote nachkommen: seine Gesellschaft solle ohne ihn abfahren. Auch Dragoman und Kammerdiener! Auch Dragoman und Kammerdiener sollten während der nicht ungefährlichen Fahrt den Katarakt hinab bei Mylady bleiben. Er wünsche es so.«

Also fuhr das Boot ohne Sir John ab, blieben Dragoman und Kammerdiener bei Mylady.

 

Wiederum war ich so töricht, mich um einen wildfremden Menschen zu kümmern, zu sorgen. Nicht allein das; ich ängstigte mich um ihn. Und wiederum fabulierte ich allerlei zusammen. Zum Glück war es nur fabuliert.

Ohne jede Sorge um den Zurückgebliebenen befanden sich Mylady und der schöne junge Herr. Für beide gab es weder eine Reisegesellschaft, noch die Wirbel und Klippen des Katarakts; gab es nicht die fast mystische Größe von Flußbett und Wüstenlandschaft. Sie unterhielten sich halblaut, flüsterten, lachten.

Plötzlich stießen einige der Damen einen Schreckensruf aus. Doch war nichts geschehen. Nur etwas Interessantes, Aufregendes, Schönes. Denn es war schön, wie die nackten schlanken braunen Leiber, an Holzstücke geklammert, durch die tosenden Strudel herangeschossen kamen; es war schön, wie sie hoch emporgeschleudert, tief hinabgerissen wurden. Und wieder empor und hinab.

Nubische Jünglinge trieben dieses Spiel mit dem Tode, um sich von den Reisenden »Bakschisch« zu erbetteln. Aufregend schön war's; und selbst Mylady schaute interessiert zu.

Aber das war kein Spiel mehr. Das war furchtbarste Wirklichkeit, war die Tragödie.

Des Dramas letzte Szene war's; und sie war Tod.

Fortgerissen von den wütenden Wirbeln ein Leichnam. Bis dicht an den Nachen voll Lebender getrieben ein Ertrunkener, als wollte er der wunderschönen Frau noch im Tod Ritterdienste erweisen.

Etwas verspätet langte Sir John doch noch bei seiner Gemahlin an. Zugleich etwas sehr bleich, und – und überhaupt etwas sehr seltsam.

Aber des Toten Antlitz zeigte eine Sieger-, eine Königsmiene.

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