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Ägyptische Geschichten

Richard Voß: Ägyptische Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
titleÄgyptische Geschichten
publisherMartin Maschler Verlag
yearo.J.
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Der Rächer von Philä

1

In den Ruinen des Isistempels auf der Nilinsel Philä lebten viele Generationen der Ibn-Ahmad. Wie die braunen Sperber, die seit Jahrtausenden die entgötterten Heiligtümer bewohnten und das tiefe Schweigen der Stätte mit ihrem heiseren Schrei unterbrachen, so hatten die Ibn-Ahmad – der Name bedeutet Sohn des Ahmad – in dem »Kaiser-Hadrians-Bau« sich eingenistet, und durch lange Zeiten waren es allein ihre Stimmen, die mit denen des Raubgevögels sich mischten. Denn lange Zeiten hindurch lagen die Ruinen in wüstenöder Einsamkeit, bis Philä – es geschah im achtzehnten Jahrhundert – gewissermaßen neu entdeckt und von Ägypten-Reisenden aufgesucht ward.

Anfangs waren solche Fremdenbesuche nur selten. Als jedoch Napoleon bei den Pyramiden von Gizeh über die Mameluken einen Pyrrhussieg erfocht, drangen französische Soldaten bis über den ersten Katarakt und gelangten auch zu der wundersamsten Tempelstätte der Welt. Die Ibn-Ahmad, Mann, Weib und Kind, stellten sich den Eindringlingen entgegen. Sie verteidigten ihre zerstörte Götterburg mit der Leidenschaft von Fanatikern, wurden überwältigt und samt und sonders niedergemetzelt, Mann, Weib und Kind.

Dem Blutbad entkam nur ein einziger des Hauses: ein Knabe. Er war in höchster Not über den Fluß geschickt worden, um nomadisierende Beduinen zu Hilfe zu rufen; denn die Bewohner der nächsten nubischen Ortschaften waren beim Nahen des Feindes feige geflohen. Da der kleine Bote keinem der ziehenden Wüstenstämme begegnete, eilte er heimwärts, um mit den Seinen zu kämpfen, mit den Seinen zu sterben; hatte doch schon das Kind eine Seele, die in wildem Haß ebenso heiß erglühen konnte wie in leidenschaftlicher Liebe. Der wütende Haß galt den Fremden, die heiße Liebe dagegen seiner Heimat, einer Inselscholle mit einer Ruinenstätte.

Ohne von den Franzosen erspäht zu werden, schwamm der Knabe über den Fluß. Bei einem dichten Tamariskengebüsch kroch er ans Land, und sah –

Ihm gerade gegenüber, auf dem breiten Rande einer hohen Mauer unmittelbar über dem Nil, standen aufgereiht die Ibn-Ahmad, Mann, Weib und Kind. Sie hatten den Hals entblößt und hielten den Nacken gebeugt. Ein Franzose, nicht ein Krieger, sondern ein Henker, schritt von einem zum andern; schlug mit dem Säbel ein Haupt nach dem andern herunter, jedes Haupt mit einem einzigen Hieb.

Sie standen regungslos; taten keinen Laut. Regungslos und stumm ließ einer nach dem andern sich abschlachten, Mann, Weib und Kind.

Auf der einen Seite der Mauer rollte das Haupt des Opfers wie eine Kugel herab in den Fluß hinein; auf der andern Seite fiel, auf den Granit laut aufschlagend, der Rumpf in den Tempelhof nieder ...

Die Franzosen ließen an einer Innenwand des großen Pylonen vom Isistempel eine Gedenktafel an ihren ägyptischen Feldzug zurück; und zurück blieben von ihren Taten in einem Knabenherzen eine blutige Erinnerung und der Haß gegen die Fremden, gegen alle Fremden.

Diese Erinnerung und dieser Haß, nebst einer leidenschaftlichen Heimatliebe, bildeten fortan den Familienbesitz der Ibn-Ahmad, forterbend von Vater und Sohn auf Enkel und Enkelkind.

2

Jener wütende Haß und jene heiße Liebe waren übrigens nicht mehr des Hauses kostbarstes, sondern nahezu einziges Gut. Denn die Söhne eines jeden Ahmad – diesen Namen führten sämtliche männliche Mitglieder des alten Geschlechts – waren Sakkas: Wasserträger; und von allen armseligen Gewerben des ägyptischen Volks gibt es kein armseligeres.

In einem riesigen aus Eselshaut verfertigten Beutel bringt der Sakkas das Nilwasser in die umliegenden Fellachendörfer, oder er schleppt es zu den auf den Wüstenbergen zerstreut liegenden Hütten empor. Mit der hohlen Hand spült er das Wasser in den Ledersack, füllt ihn, verschließt ihn, ladet ihn auf den Rücken, trägt ihn dann häufig bis in weite Entfernungen. Dabei stützt er sich auf einen niedrigen Stecken aus syrischem Eschenholz. Tief gebückt schleicht er unter seiner Last dahin, wie von ihrer Schwere erdrückt. Es ist fast, als kröche er. Nähert er sich einer Behausung, so stößt er einen Ruf aus, der wie ein Klageschrei tönt: »Ya' owwad Allah!« – »Gott lohne mir!«

Denn der Lohn der Menschen für eine vom Nilufer im Sonnenbrand durch die Wüste die Felsen hinaufgeschleppte Eselshaut voll Wassers beträgt wenige Pfennige. Also muß ein armer Sakkas den Lohn für seine mühselige Erdenarbeit wohl oder übel vom Himmel erwarten; und diese Arbeit dauert von den Knabenjahren bis ins graue Alter hinein – sollte ihm ein gütiger Gott nicht den königlichen Lohn eines frühen Todes bescheren.

Die Ibn-Ahmad von Philä waren starke schöne Leute. Sie hätten leicht ein besseres Leben führen und einen einträglicheren Beruf ergreifen können: in dem nahen Assuan als Verkäufer oder Handwerker oder Kameltreiber. Aber sie hätten alsdann ihre Tempelinsel verlassen müssen, was kein echter Sohn eines Ahmad jemals getan. Galt doch diesem Philä mit seinen hochragenden Ruinen und wüsten Schutthaufen, seinen Dattelpalmen und Lotosbäumen als das Herrlichste auf Erden, und der Nil, der an dem schmalen Eilande aufrauschend vorüberfloß, heiliger als einem Christen der Jordanstrom.

Also blieben die Söhne eines jeden Ahmad armselige Wasserträger. Aber sie verblieben dafür in ihrer Heimat, die in einer Scholle und einigen Trümmern bestand. Freilich war Philä zugleich Ägyptens Kleinod, das Kronjuwel des alten Pharaonenlandes, welches mit dem Golde seiner Wüsten, dem Purpur seiner Abendgluten alle Majestät des Himmels und der Erde umfließt ...

In dem letzten Jahrzehnt des kürzlich vergangenen Jahrhunderts ward in Assuan von Mekkapilgern die Pest eingeschleppt. Sie forderte in der von Palmen überschatteten Wüstenstadt Hekatomben von Opfern; drang in die Wüsten Arabiens und Libyens; gelangte in die Fellachendörfer am Katarakt und auf die heilige Insel. Dort wütete die Seuche wie eine Furie – wie damals die Franzosen gewütet hatten – und ließ von dem ganzen Stamm nur einen einzigen übrig.

In einem Teile der Ruinen – sie bedeckten das Eiland von einem Ende bis zum andern – in dem sogenannten »Kiosk«, hatten die Lebenden die Toten begraben, solange sie selbst noch nicht Sterbende waren. Für die letzten Verblichenen gab es keine Totengräber mehr; gab es nur noch einen Totenwächter: einen Knaben, fast noch ein Kind. Er kauerte neben den letzten Gestorbenen und scheuchte von ihren Leichnamen durch wildes Geschrei die kreisenden Geier so lange fort, bis er einen zufällig vorüberschiffenden Fischer anrufen konnte.

Dieser fuhr ans Land; fand den Knaben bei den Verwesenden; entsetzte sich und floh. Nach einiger Zeit kehrte er jedoch mit einem andern zurück. Die Männer verscharrten die Pestleichen und wollten den Verwaisten aus Barmherzigkeit mit sich nehmen. Der Knabe weigerte sich jedoch, den guten Leuten zu folgen; weigerte sich mit solcher Heftigkeit, daß sie ihn zurücklassen mußten. Sicher würde die Pest auch den letzten der Ahmadssöhne befallen und hinraffen: bereits nach wenigen Tagen konnten die Barmherzigen wiederkommen, um für diesen letzten das Grab zu graben. Aber sie kamen nicht wieder.

3

Der letzte Ahmadssohn blieb nicht nur am Leben sondern gedieh an Seele und Leib. Zur Nahrung dienten ihm die Früchte der Dattelpalmen, deren schlanke Stämme zwischen den Tempelsäulen aufstrebten und die ihre Kronen über den geborstenen Mauern erhoben. In den kühlen Monaten wucherten wilde Kürbisse im Gestein; der Nil war voller Fische und die Luft voller Vögel. Für jene warf der kleine Ahmad die Angelschnur aus, und für die Vogeljagd verfertigte er aus Palmenbast Schleudern, die er mit großem Geschick zu schwingen verstand. Was er an Kleidung bedurfte, hatten für ihn die Toten reichlich zurückgelassen. So wuchs der Knabe zum Jüngling heran, einer der Stärksten und Stattlichsten seines Geschlechts.

Und einer der Leidenschaftlichsten ... Ja, es war, als sei die Leidenschaft einer ganzen Generation in ihm verkörpert.

Als echter Ahmadssohn empfand er bereits den Haß gegen die Fremden, gegen die Feinde – sie waren überdies Ungläubige! – da er noch unter dem Mutterherzen lag; an der Mutterbrust ward der Haß genährt.

Das Abschlachten aller Söhne und Töchter des Stammes durch die Eindringlinge war das Märchen gewesen, das seine Mutter wieder und wieder ihm raunte, sein Vater wieder und wieder ihm berichtete, seine Geschwister sich schaudernd wieder und wieder erzählten.

Die Tempelmauer über dem Nil zeigte auf ihrem lichten Grund dunkle Flecken, Streifen, Rinnsale. Sie wurden dem Kinde, da dieses die Dinge kaum unterscheiden konnte, von Vater, Mutter und Geschwistern gewiesen: die Spuren des mörderisch vergossenen Blutes der Seinen; und ehe der Knabe noch seine ersten schwankenden Schritte tat, führte man ihn zu jener Granittafel der siegreichen Feinde in der Pylonenwand.

Die Inschrift war einem der gewaltigen Blöcke eingegraben, die den alten Ägyptern als Bausteine dienten. Um die Schrift zu entfernen, hätte der ganze Pylon eingerissen werden müssen, und dieser bestand in einem hohen Turm, auf Felsen gegründet, aus Felsen errichtet. Die Ibn-Ahmad hätten die Inschrift ausmeißeln und so verlöschen können; es war jedoch Familiengebot, keine Hand dürfe je an die Schrift rühren! Sie sei nicht die Gedenkschrift eines triumphierenden Feindes, sondern die von blutgierigen Mördern. Darum müßte sie bestehen bleiben. Wenn die Ahmadskinder sie auch nicht lesen konnten, so sollten sie doch die Lettern sehen und sie beständig vor Augen haben, beständig in der Seele tragen, auf daß von Geschlecht zu Geschlecht der Haß sich vererbe. Nicht nur der Haß, sondern auch die Begierde nach Rache ...

Die fremden Eindringlinge –

Bereits vor Ausbruch der Pest gelangten ihrer viele ins Wüstenland und auf die Tempelinsel: Franzosen, Engländer, Deutsche. Die Ahmadfamilie war nicht imstande, die einzelnen Völkerschaften, die da kamen, zu unterscheiden. Für sie waren alle ein Volk; waren alle Eindringlinge, Fremde, Feinde; Todfeinde ihrer Heimat und ihres allerheiligsten Glaubens. Denn – es gab nur einen Gott: »La ilahah ill' allah!«

Der Fremden und Feinde wurden von Jahr zu Jahr mehr. Sie kamen von Assuan her auf Kamelen durch die Wüste und ließen sich vom jenseitigen Ufer übersetzen; sie kamen auf Nachen, Segelschiffen und Dampfjachten durch die Wirbel des Katarakts stromaufwärts. Alle diese landeten auf Philä, durchstreiften die Ruinen und lärmten; blieben stundenlang, halbe Tage lang; scheuchten den einsamen jungen Tempelwächter in dichtes Buschwerk und unterirdische geheimnisvolle Gewölbe, zu denen die verhaßten Spürer den Eingang nicht fanden.

Ahmad hätte den Horden entfliehen, die Insel verlassen können – die Heimat aufgeben müssen. Also blieb er.

Er liebte zu heiß, und er haßte zu heiß. Wenn er in seinem Versteck die Fremden lärmen hörte, von seinem Dickicht aus sie erspähte, so nährte das seinen Haß, wie Öl die Flamme hoch auflodern macht.

Wie aber sollte er diesen Haß jemals stillen können? Und er war doch sein Leben geworden, fast mehr noch als seine Liebe ...

Jedes Jahr, während der Sommergluten, stieg der Nil. Das Steigen des Nils war das große Ereignis des Jahres. Die wenigen Fellahs freilich, die oberhalb des ersten Katarakts in aufgemauerten Schlammhöhlen ihr erbärmliches Dasein fristeten, dieses Volk der Mühseligen empfing von dem reichen Segen der Nilüberschwemmung nicht einen Hauch. Oberhalb des Katarakts bestanden die Ufer in solchem tausendfältig zersplittertem, kahlem und wüstem Klippengewirr, daß kein Wunderwasser dem öden Gestein auch nur einen Grashalm hätte entsprießen lassen. Trotzdem beobachteten auch diese von jeder Fruchtbarkeit für ewig Ausgeschlossenen das alljährliche Steigen des Nils in fieberhafter Erregung.

Stieg der Nil, so erreichten seine Gewässer den Rand des Mauerwalls, der den heiligen Bezirk von der Flut schied und zugleich vor ihr schützte. Höher stieg der Fluß nicht. Mitunter kam es vor, daß eine von der Faust der Zeit dem mächtigen Gemäuer eingeschlagene Bresche eine schnell verrinnende und wieder versiegende Welle einließ.

Plötzlich erfüllte ein dunkles Gerücht die Gegend und drang auch bis zu dem letzten der Ahmadssöhne ... Fremde kämen an den ersten Katarakt: weiße Männer, die nicht an Allah und seinen großen Propheten glaubten, also Gottes und seines Verkündigers Todfeinde waren. Sie kämen als Zerstörer, Vernichter. Hundert und aberhundert Arbeiter brächten sie mit sich: Europäer, Araber, Nubier und Sudanesen. Die Söhne des eigenen Landes hielten sich zu den Feinden des Landes.

Und sie kamen. Auf zahlreichen Fahrzeugen schifften sie stromaufwärts. Sie führten mit sich Maschinen und Werkzeuge; führten mit sich Mengen eines geheimnisvollen furchtbaren Stoffes, womit sie die Felsen sprengen wollten. Die gesprengten Felsmassen sollten in den Nil gewälzt und zu berghohen Mauern aufgetürmt werden mit hundert eisernen Toren darin, jedes Tor wie ein Tempeleingang so hoch und breit.

Die berghohe hausdicke Mauer sollte die Nilfluten dämmen, so daß aus dem Strom ein See ward. Durch die geöffneten Tore sollte sich der Fluß die Kataraktfelsen hinabwälzen, so oft es den Fremden beliebte, die Wassermengen zu entsenden.

Sie waren die Herren des Nils und des Landes; sie beherrschten das Land; sie konnten geschehen lassen, daß das Land ohne Wasser blieb, daß das Land verdurstete, seine Bewohner verschmachten mußten; sie machten die Felsengestade des heiligen Stroms zu einer einzigen riesigen Tafel, darauf sie über das ganze Ägyptenland hinschrieben: » Wir, die Fremden, die Christen, sind Ägyptens Könige. Uns seid ihr untertänig

Und die Engländer begannen das Riesenwerk der Zeit, den Staudamm von Assuan, zu bauen.

4

Inzwischen hatte der letzte Ahmadssohn den Beruf seiner Väter angetreten. Seinem Wühlen in Haß, seinem Schwelgen in Träumereien von einer an den Feinden geübten Blutrache hatte sich der Jüngling endlich entrissen und war Wasserträger, »Sakkas«, geworden, einer der Armseligsten aller Armseligen an den Ufern des Nils.

Ein Scheich der bei dem Staudamm angestellten Arbeiter wollte auch ihn für das Werk der Fremden anwerben. Nahm er an, so konnte er auf seiner geliebten Heimatinsel ruhig weiterhausen; denn bis zu den Sprengungen in den Granitbrüchen war es nachbarlich nahe. Als der schlaue Araber Ahmad seine Vorschläge machte, fuhr der leidenschaftliche Jüngling wild auf: den Fremden sollte er dienen? Den Vernichtern seines Geschlechts; den Feinden seines Landes und Glaubens; den Christen? Und Ahmad blieb Sakkas.

Vom ersten Tagesgrauen bis zum Anbruch der Nacht füllte er am jenseitigen Ufer seine schwärzliche Eselshaut. Mit der Hand spülte er das Wasser mühsam ein, bis die Haut voll und prall war; lud sie sich auf; ergriff den kurzen Stecken und begann seine Wanderung: selbst er, der Junge und Starke, tief gebeugt unter der Last.

Er wanderte nach el-Bab und nach Bellal; wanderte von Hütte zu Hütte; mußte Fels auf, Fels ab klimmen. Denn ringsum war die Welt braunes und graues, tausendfältig zerrissenes spitzes Gestein, mit tiefen Rinnsalen, die gelber und roter Wüstensand füllte. Bisweilen ragte aus den kahlen Klippen eine Palme auf, oder ein mißfarbenes Strauchwerk mit stachlichten Blättern und weißlichen Blüten unterbrach die trostlose Einförmigkeit.

Die Wüstensonne brannte auf ihn herab, und Wüstenstaub hüllte ihn ein, das Einzige, was jemals den Himmel verdunkelte: das einzige Gewölk dieser Welt ewiger Strahlen.

Ahmad lebte elend wie alle Sakkas – wie alle Ahmadssöhne seit Generationen gelebt hatten. Nur war er ein schweigsamer Wasserträger. Wenn alle Sakkas den Hüttenbewohnern ihre Ankunft durch den Ruf ihrer Gilde anzeigten: »Ya' owwad Allah!« – »Gott lohne mir!« – so blieb Ahmad stumm. Nicht einmal Gotteslohn wollte er für seine Sklavenarbeit fordern: nicht den Lohn eines Gottes, der duldete, daß die Fremden ins Land kamen, die Feinde Gottes im Lande regierten. Aber es geschah, daß Ahmad über seinen Gott und dessen großen Propheten ergrimmte, weil sie es duldeten ...

Das einzig Gute seines mühseligen Berufes wäre für ihn gewesen, wenn er dadurch den Fremden hätte entgehen können. Auf Philä mied er sie fortan. Denn er verließ die Insel vor Tagesanbruch und kehrte erst bei Nacht zurück. Bei seiner Rückkehr empfand er dann jedesmal: sie waren dagewesen, und er fühlte durch ihre bloße Anwesenheit seine Heimatscholle geschändet, die längst götterlosen Tempel von neuem entweiht.

Des Jahres und seines Amtes qualvollste Zeit waren die heißen Monate. Doch blieb während derselben Philä von Fremden frei; es wäre daher für Ahmad des Jahres beste Zeit gewesen. Aber die übermütigen Eindringlinge saßen indessen nun einmal fest im Lande: alle jene, die am Katarakt die Felsenwälle durch die Wirbel des Nil zogen, damit der Fluß zum See werden sollte. Stromauf und stromab, wimmelten beide Wüstenufer von den neuen Herren und ihren Heerscharen. Hätte Ahmad die Vergangenheit seines Vaterlandes gekannt, so hätte er sich vorstellen können, daß die Zeiten der Pharaonen zurückgekehrt wären, und in den Granitfelsen der Arabischen Wüste wieder Obelisken und Kolosse gebrochen würden. Nur widerhallte jetzt die Öde von dem Donner der Sprengungen. Aber das Durcheinander nackter brauner und schwarzer Leiber in dem purpurfarbenen Wüstengebirge glich den Zeiten Königs Menes und des dritten Thutmosis, des großen Ramses und der Ptolemäer. »Damals Sklaven an ihren Leibern, sind sie in ihren Seelen Sklaven geblieben« – hätte der Ahmadssohn voller Verachtung denken können ...

Jahre vergingen. Quer durch den Nil begann am Katarakt ein künstlicher Felsenwall dem Fluß zu entsteigen. Zahlreiche Schachte führten hinein, durchbrachen ihn: Tor an Tor – Schleuse an Schleuse. Wie an dem einen Nilufer für die Arbeiter eine weitläufige Barackenstadt mit Magazinen und Lokalen entstanden war, so erhob sich allmählich an dem anderen Strande die Stadt der fremden Ingenieure und Beamten: weiße Villen, Klubhäuser, Basare, Palmenwälder, Gärten, Gemüsefelder, Spiel- und Sportplätze.

Der Wasserträger von Philä hörte von allem, und alles diente dazu, seinen Haß zu reizen, sein Rachegelüst zu steigern. Er nahm kein Weib; denn er wollte in seinem Leben nicht die Liebe, nicht das Glück haben. Liebelos, glücklos wollte er einzig seinem Haß leben, der lebenslang ohne Stillung sein würde: gab es doch dafür nicht die Möglichkeit einer Erfüllung.

Er fuhr fort, mit seinem Gott – es gab nur einen Gott! – zu trotzen und zu hadern; denn es war ein Gott, der die Feinde seines Glaubens Herren in Ägypten sein und bleiben ließ und der ihm den Weg zur Rache, zur Sühne nicht zeigte.

In den nächsten nubischen Dörfern befanden sich Moscheen, kaum besser als gekuppelte Lehmhütten. Immerhin wurden auch sie von Allah bewohnt, und die Gläubigen konnten sich auf den Matten aus Palmenblättern anbetend niederwerfen, das Gesicht gegen den heiligen Osten gekehrt. Sie konnten in strenger Verrichtung aller Vorschriften Trost finden für den Jammer ihres Lebens, das von Geburt an bis zum Tode Elend und Not war; konnten das Haupt bald so, bald so wenden; die Hände jetzt aufwärts, jetzt abwärts strecken; konnten mit tiefer Verneigung die vier Engel der vier Himmelsrichtungen grüßen; konnten mit der Stirn den Boden berühren und darin Trost, Hilfe, Befreiung von Erdenqual finden.

In seinem Groll gegen Gott versagte sich Ahmad selbst die Gnaden eines inbrünstigen Gebets in der Einsamkeit und niemals besuchte er die Moschee; achtete niemals der Aufforderung des Mueddin, Gott zu dienen; wurde mehr und mehr von einer einzigen Empfindung erfüllt – wurde mehr und mehr ein unglücklicher Mensch und ein schlechter Muselmann.

Und die Zeit verging.

5

Die Arbeit der Fremden war getan: vollendet war der Staudamm von Assuan!

Bevor dem Werke die Weihe gegeben ward – das Fest würde eine Feier menschlicher Intelligenz sein – sollte es in Kraft treten. Versucht sollte werden, ob das gigantische Werk gelungen sei.

Als Ahmad eines Tages seine Eselshaut mit Nilwasser füllen wollte, gewahrte er ein auffälliges Steigen des Flusses. Es war jedoch die Jahreszeit, wo der Wasserstand am niedrigsten, das Nilland also am trockensten war; wo das ganze Land in brauner trostloser Dürre dalag, selbst das üppige Fruchtland an beiden Ufern zur Wüste ward, die sich von den Felsengebirgen Arabiens und Libyens herabgewälzt zu haben schien, als wollte sie ganz Ägypten verschlingen.

Und plötzlich dieses wundersame Anschwellen der Wasser!

Was an beiden Ufern an armseligem Volk hauste, lief zusammen; stand und starrte; schrie durcheinander; erhob ein Getöse, als bräche der Feind herein. Der Feind war es auch. Es waren die Fremden, war der Fremden Werk ...

Ahmad schöpfte kein Wasser mehr. Er begab sich zurück auf sein Eiland, das um diese glühende Jahreszeit von den verhaßten Gästen verschont blieb. Vor dem Portikus des Hadriantempels, darin sich die Behausung der Ibn-Ahmad befand, kauerte er auf dem hohen Mauerrand nieder, an der nämlichen Stelle, wo seinem Stamme die Untat zugefügt worden war. Von hier aus beobachtete er das Steigen der Nilflut. Es schien, als belaure er das Heranrücken des Todfeindes selbst.

Regungslos saß er den ganzen Tag, die ganze Nacht. Und noch einen zweiten Tag, noch eine zweite Nacht.

Die Wasser stiegen. Hoch und höher schwoll der Fluß; nah und näher rückten des Feindes Heerscharen, die Wellen des Nils, des heiligen Nils, des großen Segenspenders. Ägyptens Schöpfer, Erhalter und Wohltäter selbst hatte sich mit Ägyptens Vergewaltigern verbunden und ihr Werk geweiht.

Auf Philä befand sich noch aus uralten Zeiten, aus jenen von Ahmad nicht auszudenkenden Zeiten, wo auf der Insel die ersten Tempelbauten entstanden waren, an dem hoch ummauerten Uferrande ein »Nilmesser«. Ahmad kannte seit seinen Kinderjahren jeden Grad, bis zu dem der Fluß bei der alljährlichen Anschwellung stieg, kannte genau die höchste Höhe des Wasserstands.

Diese höchste Höhe wurde bei dem Steigen zu solcher ungewohnten, solcher unmöglichen Jahreszeit von der Flut auch jetzt erreicht. Und – noch immer nahm das Anschwellen kein Ende: der Nil stieg und stieg und stieg ...

Von den Ufern gellte das Geheul des wild erregten Volkes hinüber zu dem einsamen Wächter, der kauernd an seinem Platz blieb, bis die Flut seine Füße umspülte. Und er blieb auch, als sie über die von dem Blut der Seinen befleckte Mauer strömte, hinein in das Innere der Tempel, der Hallen, der Säle, der Sanktuarien und geheimnisvollen Gemächer. Erst dann ließ er sich von den Wassern vertreiben.

Die Flut drang in seine Behausung, drang in jeden Raum, füllte jeden Raum. Und noch immer stieg sie, stieg und stieg.

Sie kroch Treppen und Rampen hinan, klimmte zu Mauern und Säulen empor. In Wasser standen die gewaltigen Pylonen, in Wasser die Palmen, in Wasser die ganze erhabene Ruinenwelt, der ganze Inselbezirk.

Und die Flut stieg und stieg und stieg.
Philä, das herrliche, das heilige, versank.

Ahmad wurde durch die Flut aus seiner Heimat vertrieben; heimatlos irrte er umher. Von dem Ufer der arabischen Wüste aus sah er nach Philä hinüber, nach den Dächern der Tempel und Pylonen, nach den Kapitälen der Säulen, den Kronen der Palmen. Mehr war von Philä nicht zu sehen.

Tagelang tat er nichts anderes, als umher zu irren und hinüber zu starren, wo seine Heimat einstmals gewesen.

Er blieb ohne Speise und Trank; blieb ohne Schlaf und Ruhe. Er schien sich selbst zerstören zu wollen, wie die Fremden Philä zerstörten.

Zum Schatten jenes Ahmadssohnes geworden, der einst ein schöner starker Jüngling gewesen, ließ er die Sommersonne der Wüste auf sein Haupt scheinen und fühlte nicht, daß der himmlische Brand sein Hirn versengte, es verzehrte wie der Schmerz um Philä sein Herz.

6

Seinen Durst brauchte er nicht zu stillen: mochte er verschmachten! Aber erst, wenn sein Durst nach Rache gestillt war. Der Wahnsinn gab ihm das Mittel ein.

Während der Jahre des Bauens und Sprengens hatte er die Gewalt des Dynamits kennen gelernt; sie schleuderte Felsen in die Luft, als würfe ein spielendes Kind Steinchen in die Höhe. Oft genug hörte er die Leute von der furchtbaren Kraft des fremden Sprengstoffs erzählen; oft genug ereigneten sich damit Unglücksfälle, bei denen der unvorsichtige Minierer um sein Leben kam. Zugleich fügte er dem Werk bedeutenden Schaden zu, stiftete Unheil.

Ahmad wollte dem Feinde Schaden zufügen. Er wollte Unheil stiften. Töten wollte er und selbst dabei umkommen. Was galt ihm sein Leben?

Er wußte, wo der Sprengstoff lagerte: auf einer fast unzugänglichen Klippe inmitten des Stroms. Bevor er zum Mörder und Selbstmörder wurde, wollte er Dieb werden. Seinen Raub wollte er dann bergen, bis die Fremden ihr großes Siegesfest feierten. Dann wollte er das Gestohlene nehmen, in den Saal sich einschleichen und diesen mit allen seinen schwelgenden, jubelnden Gästen in die Luft sprengen. Das gäbe alsdann eine Feier!

In einer Nacht, in welcher der den Wüstensand aufwirbelnde Chamasin den Sternenhimmel durch Staubgewölk verdunkelte, begab sich Ahmad an den Nil hinunter. Er schob sein Fahrzeug ins Wasser; stieß vom Land; schiffte hinaus auf den weiten See, zu dem der Fluß angeschwollen war. Erst nachdem die Augen des Fährmanns an die Dunkelheit sich gewöhnt hatten, konnte er sich zurechtfinden; bildete doch die künstliche Nilüberschwemmung eine vollkommen neue Umgebung.

Der Wüstensturm peitschte das Wasser, daß es in hohen Wellen aufschlug und der kühne Schiffer Mühe hatte, die Richtung einzuhalten. Jeden Augenblick konnte sein schwaches Boot an einem Riff zerschellen, und er mußte ein Labyrinth von Felsen durchfahren; noch ehe er seine Rache ausführte, konnte der Weg, der ihn zur Erfüllung führen sollte, sein Todesweg werden. Aber, als stünde er unter dem Schutz seines Gottes – und Allah war der alleinige Gott – erreichte er glücklich sein Ziel. Er landete trotz Finsternis und Sturm an der einzig möglichen Stelle; erklomm die Felsspitze, erbrach das Magazin; beging den Raub und kehrte lebend wieder zurück.

Nun harrte er der großen Stunde.

 

In dem Augenblick, da Ahmads wirrer Geist den Racheplan faßte, ward er wieder ein frommer Muslim: hielt er doch die Eingebung seines Wahns für die Offenbarung seines Gottes, der durch sie zu ihm sprach. In einer Moschee war er indessen noch immer nicht gewesen, da er die Menschen mehr als je scheute. Aber so oft die Zeit der Gebete kam, tat er das Obergewand von sich; legte es, wo er gerade sich befand, auf die Erde; kniete darauf nieder; neigte und beugte sich; berührte mit seiner Stirn den Boden; wandte sein von Leidenschaft entstelltes Antlitz – wandte seine durch Haß verwirrte Seele der Gottheit zu und verrichtete alle Zeremonien seines Glaubens mit wütender Inbrunst. Wundersam gestärkt erhob er sich.

An dem Tage nun, der sein letzter sein sollte, begab sich Ahmad vor Anbruch der Nacht nach el-Bab und in die Moschee; trat er wieder heraus, so war es Zeit, sein Sprenggeschoß zu nehmen und den Todesweg anzutreten, von dem ihn dieses Mal kein Wunder zurückkehren lassen würde. Er hatte erfahren, daß sich die Fremden in einem wahren Siegestaumel befänden; daß viele große Herren darunter wären; daß er mehr als dreihundert seiner Rache opfern könnte. Er wollte ihr Leben seinem Gott darbringen und das seine dazu.

Gerade, als er das Dorf betrat, erschien auf dem Rundgang des Minaretts der Mueddin und sang nach allen vier Himmelsrichtungen seine Aufforderung zur Andacht in den glühenden Wüstenabend hinaus. Ahmad ging in den Hof und zum Brunnen; machte die gebotenen Waschungen; wartete, bis alle Beter sich entfernt hatten; schlich, von niemand gesehen, als letzter zu seinem Gott.

Der Rächer von Philä betete. Es waren jedoch nicht die vorgeschriebenen Formeln, sondern in der Verzückung, darin die Erfüllung seiner Rache – die Nähe seines eigenen Endes – alle seine Lebensgeister versetzte, begann er, anstatt nach dem Ritual zu seinem Gott zu beten, zu diesem frei zu sprechen; und er sprach mit wachsender wilder Inbrunst, bis er die Empfindung seiner selbst, das Bewußtsein der Welt und aller Wirklichkeit vollständig verlor.

Er lag in einem Winkel des Heiligtums lang ausgestreckt, das Gesicht auf den Boden gepreßt, mit geschlossenen Augen. Mit lauter, heftiger Stimme sprach er zu seinem Gott. Plötzlich glaubte er, daß Allah ihn höre und gegenwärtig sei. In der Ekstase, die ihn ergriff, richtete er sich jäh auf, um Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, was keinem Muselmann jemals geschehen war: kannte doch kein Muselmann auch nur ein blasses Abbild seines Gottes ...

Es war tiefe Nacht. Aber für sein inneres Auge erhellte sich die Finsternis durch einen unirdischen Schein, in dem die weiße Wand ihm gegenüber plötzlich aufleuchtete. Inmitten der Glorie erschien eine hohe Gestalt im Strahlengewand. Alles an dieser Erscheinung war Glanz, Glanz ihre Miene, Glanz ihr Lächeln, Glanz ihr Blick.

Dem Verzückten war, als vernähme er die Stimme seines Gottes. Und der Gott sprach zu ihm.

Wie von oben herab hörte der Muselmann eine leise milde Stimme sagen: » Mein ist die Rache

Da erkannte Ahmad, daß er betrogen ward und ein falscher Gott ihm erschienen sei. Er schrie gräßlich auf, sprang in die Höhe, wollte davonstürzen: hinaus und fort, um das Werk seiner Rache zu vollziehen; denn –

Die Rache war sein!

 

Ahmad konnte nicht hinaus: die Moschee war verschlossen. Stundenlang mußte er zu seinem Gott gesprochen haben, länger als die halbe Nacht.

Bereits dämmerte der Morgen auf und erfüllte das Gotteshaus aus Schlamm und Lehm mit Rosenröte und Himmelsglanz.

Ahmad raste gegen die verschlossene Pforte, raste vergeblich.

Seine Rache mußte er dem falschen Gott überlassen.

 

Als der Mueddin das Heiligtum Allahs, welcher der alleinige Gott war, öffnete, fand er darin eingeschlossen einen armen Wahnsinnigen.

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