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Ägyptische Geschichten

Richard Voß: Ägyptische Geschichten - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorRichard Voß
titleÄgyptische Geschichten
publisherMartin Maschler Verlag
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Die Sperre der Rhodopis

Eine Legende

Einige Hellenen meinen, die Pyramide des Mykerinos rühre von einer Hetäre Rhodopis her, was ein Irrtum ist. Sie wissen offenbar gar nicht, wer Rhodopis war, sonst würden sie ihr den Bau einer solchen Pyramide nicht zuschreiben, die doch geradezu unzählige Tausende von Talenten kostete. Außerdem lebte Rhodopis zur Zeit des Königs Amasis, aber nicht zur Zeit des Königs Mykerinos, also viele Generationen später als dieser Erbauer der Pyramide.

Sie kam nach Ägypten durch den Samier Hanthes, der sie als Buhldirne dahin mitnahm. Ein Mann aus Mytilene, Charaxos, ein Bruder der Dichterin Sappho, kaufte sie um einen hohen Preis los. So war Rhodopis nun frei. Sie blieb in Ägypten, und weil sie sehr schön war, erwarb sie sich ein großes Vermögen. Rhodopis nämlich wollte, um sich selber ein Denkmal zu schaffen, ein Weihgeschenk nach Delphi stiften, auf das noch niemand verfallen und das noch in keinem Tempel zu sehen wäre. Sie ließ daher eine Menge Spieße machen, so groß, um einen Ochsen daran zu braten, und so viele, wie sich von dem zehnten Teil ihres Vermögens herstellen ließen. Diese sandte sie nach Delphi. Sie liegen dort noch jetzt beieinander, hinter dem Altar, den die Chier gestiftet haben, dem Tempel gerade gegenüber ... Die Hetären in Neuthrakien (von wo Rhodopis stammte) sind meist sehr schön. Die, von der wir hier sprechen, ist so berühmt geworden, daß jeder Hellene den Namen Rhodopis kennt.

Herodot 11. 134-135

 

»Nach einer anmutigen Geschichte, die Strabon (XVI, 1808) und auch Aelion ( Var. hist. XI, 1133) bewahrt haben, entführte ein Adler der badenden Rhodopis eine Sandale, trug sie zu König Psametik und ließ sie in dessen Schoß fallen. Der König, überrascht durch das wunderbare Geschenk, befahl, die Herrin der Sandale, die den lieblichsten Fuß ahnen ließ, im ganzen Lande zu suchen, und erhob die endlich Gefundene zu seiner Gemahlin.«

 

Professor Georg Karo in Athen.

So schrieben alte und neue Autoren über jene Frau, deren Schönheit einem Wunder gleichkam, die durch ihre Schönheit ewigen Ruhm genoß, gleich jener Phryne, deren Marmorbildnis der große Praxiteles in dem heiligen Bezirk des Delphischen Apolls aufstellen durfte, und das nicht nur darum, weil es ein Werk von Griechenlands größtem Bildhauer war, sondern auch wegen der göttlichen Schönheit des enthüllten Geheimnisses hellenischer Frauenherrlichkeit, die selbst die strenge Gerechtigkeit von Athens Richtern bestach.

Dem Erzähler dieser Legende wurde jedoch am Nilstrom durch einen in einem Thebanischen Grabe aufgefundenen Papyrus ein anderer, ganz anderer Bericht der Geschichte jenes wunderschönen Weibes zuteil.

 

1

Eines Frühlingstags bewegte sich über den Isthmus von Korinth ein Zug, der eine Fürstin mit sich zu führen schien. Denn nur eine solche konnte mit so vieler Pracht durch das Land ziehen.

Hellenische Jünglinge und Jungfrauen in lichten Festgewändern, mit roten und blauen, gelben und grünen Mänteln angetan, begleiteten die stolze Frau. Sie lag lang ausgestreckt auf einer mit Goldwerk, kostbaren Teppichen und Polstern aus Syrus verzierten Tragbahre, war in schleierartige meergrüne Gewänder gekleidet, durch die ihr weißer Leib wie ein göttliches Mysterium schimmerte, und mit einem Kranz purpurfarbener Veilchen gekrönt.

Auch ihr Gefolge – es bestand aus lauter jungen, schönen Menschen – kränzten Frühlingsblumen, blutrote Anemonen, weiße Narzissen und goldgelbe Tazetten.

Einige dieser Geschmückten spielten die sanfte Laute und schlugen die bacchische Zimbel; andre sangen dazu. Es waren Hymnen auf die Schönheit ihrer Herrin, der nur die der Göttin der Liebe gleichkam.

Die Schönheit der Rhodopis kannte und rühmte ganz Hellas, ganz Hellas war stolz auf seine große Hetäre. Noch war den Griechen kein Phidias und kein Praxiteles geboren, um der Herrlichkeit dieser Frau in Marmor von Paros Ewigkeit zu verleihen. Aber Dichter eiferten, sie unsterblich zu machen; und von dem schönheitstrunkenen Volk der Hellenen wurden der Liebeskönigin schier göttliche Ehren erwiesen.

Wo Rhodopis ihr goldiges Haar, ihre meergrünen Augen, ihr weißes Antlitz und den Alabasterglanz ihres Leibes leuchten ließ, strömte das Volk zusammen, als käme Aphrodite selbst aus olympischen Höhen zu den Geschöpfen der Tiefe niedergestiegen.

Wer ihre Gunst gewinnen wollte, mußte große Dinge vollbringen, die dem Land zum Ruhm, dem Volk zum Heil gereichten. Unter Helden und Dichtern, Philosophen und Volksbeglückern wählte sie ihren Günstling. Die Schätze, die ihr zu Füßen gelegt wurden, nahm sie an und verwandte sie zum größten Teile zum Schmuck Athens; stiftete davon Götterbildnisse in Marmor und Erz, oder ließ für die öffentlichen Lesehallen die Werke der Dichter aufzeichnen.

Es hieß von ihr, daß sie diese Werke auswendig wisse. Sie war eine Meisterin des Spiels und Gesangs, tanzte wie die göttliche Terpsichore selbst und disputierte mit den Weisen des Landes. Trotzdem sollten ihre Küsse Offenbarungen der großen Göttin sein ...

Rhodopis stammte aus Thrakien. Sie war eine Sklavin des Jadmon von Samos gewesen – dieser Mann besaß auch den Fabeldichter Aesop zu eigen –, wurde von Charaxas, einem Bruder der Dichterin Sappho, freigekauft und befand sich jetzt auf einer Reise, die eine Pilgerfahrt war, nach Griechenlands höchstem Heiligtum, dem Tempel des Apollon Pythion zu Delphi unter dem von Schnee und Eis starrenden Gipfel des Parnassos.

 

2

Den Isthmus von Korinth beschatteten tiefe Waldungen uralter Fichten mit breiten smaragdgrünen Wipfeln und mit roten Stämmen, die bei Sonnenuntergang wie lodernde Flammen aufstiegen. Die Meerstürme hatten die Stämme gebeugt und vielfach gekrümmt, hatten die Wipfel gepeitscht und zerzaust.

Falken und Adler kreisten über der Wildnis. Aber zu der wonnigen Jahreszeit, in welcher die schönste Frau Griechenlands die von Schauern erfüllten Wälder mit ihrem fröhlichen Gefolge durchzog, war die wilde Einsamkeit voller Frühlingslieblichkeit. Den rauhen Felsboden bedeckte ein bunter Teppich von Zistusrosen in weißer, rosiger und purpurfarbener Blütenpracht, daraus die Pinien als feierliche Säulen aufstiegen. Während einer Rast pflückten die Jünglinge wahre Mengen der Lenzeskinder, und die Jungfrauen flochten daraus Gewinde, mit denen sie Sänfte und Gestalt der holden Herrin umschlangen ...

Als die Geschmückten, die so jung und strahlend waren wie der Frühlingstag selbst, die hohe Landenge überquert hatten, stiegen sie zu den Ufern eines andern Meeres hinab, woselbst die Stadt der Herakliden unter ihrem gewaltigen Burgfels sich ausdehnte, leuchtend von Tempeln und Prachtbauten.

Auf Akrokorinth deutend, meinte die schöne Hetäre mit feinem Lächeln: »Seht ihr den Glanz auf dem grauen Gipfel? Er leuchtet weithin über Land und Meer: das Heiligtum der sidonischen Astarte. Wie dort oben ihr Tempel, strahlt die Liebe über die Völker der Erde. Herrscherin ist sie der Welt.«

Einer der Jünglinge rief aus: »Herrscherin der Welt bist du! Du solltest die fremde Aphrodite besuchen, anstatt den delphischen Gott. Korinth, das für die Großen der Erde den köstlichen Purpur bereitet, sollte mit seinem königlichen Schimmer dich einhüllen, Königin der Schönheit und der Liebe, die du bist. Ich hörte erzählen, nicht die Städte des üppigen Asiens wären Tempel aller Liebesfreuden; das wäre Korinth unter dem Heiligtum der großen Göttin Astarte. Halte dort triumphierenden Einzug.«

Rhodopis blickte ernsthaft auf den kühnen Sprecher; sprach ernsthaft: »Ich wandle andre Wege, die höher führen, zu einer andern Gottheit empor, aus deren Mund ich mein Schicksal erfahren will: Apollon Pythion soll es mir sagen. Und wie mir der Gott durch seine Priesterin verkünden läßt, so wird es geschehen.«

Da klagten die Jungfrauen: »Wissen ist dem Menschen verderblich. Geliebte Herrin, dir leuchtet dort oben die große Göttin – schreite nicht den Pfad des Verderbens zu jenen eisigen Gipfeln empor.«

Sie wiesen auf eine schneeige schreckliche Zackenwand, die soeben vor den Reisenden im Glanz des wolkenlosen Äthers auftauchte, mehr einer himmlischen Erscheinung gleich als der Wirklichkeit: der Parnassos mit den gewaltigen Felsenpyramiden der Phädriaden!

Emporschauend erwiderte Rhodopis leise: »Ihr alle kennt nicht eines.«

»Was ist das? Sage es uns.«

»Die Sehnsucht ist es nach den Göttern, nach dem Guten, die Sehnsucht nach oben.«

 

3

Ein zweites Meer überschiffte die wunderschöne Frau mit dem leuchtenden Antlitz und Haar, um alsdann ein zweites Mal auf der heiligen Straße durch das Frühlingsland zu ziehen, durch rote und blaue und gelbe Blütengärten, als wären hier, am Meeresgestade, zu Füßen des Götterberges, von himmelhohen Gipfeln, wilden Wänden und schauervollen Schluchten umschlossen, die Gefilde der Seligen.

Aus dieser das Frühlingsfest feiernden Natur trat die Straße in hochstämmigen Ölwald, dessen Schimmer einem Silbergewölk glich, vom Schneegipfel des Parnassos niedergesunken; nicht Apoll, sondern Pallas Athene schien das Land geweiht. Völkerschaften bewegten sich auf der Straße nach Delphi, als sei sie die Hauptstraße eines Weltreichs, und es gab kein Land der bekannten Erde, welches nicht seine Boten und Pilger zu der berühmtesten Orakelstätte der Erde entsandte. Die Herrscher und Großen aller Reiche kamen in eigener erhabener Person, den Gott zu befragen und dessen Antwort durch den Mund der heiligen Jungfrau zu empfangen.

Es gab zu Delphi keine Könige; aller Könige König war der drachentötende delphische Gott.

Und es kamen die Priesterschaften anderer Götter gezogen, auch solche, die nicht zu den Göttern Griechenlands beteten, und auch sie huldigten der einen allwissenden Gottheit und beugten sich ihr.

Der Erde Herrscher und ganze Völkerschaften brachten Weihgeschenke zu dem Heiligtum hoch über dem Abgrund der Phädriaden, goldene Dreifüße und andre kostbare Tempelgeräte, Schmuck und Kleinodien, Gemälde und Statuen großer Meister, Altäre und Ehrensäulen. Jeder Staat, jede Stadt besaß in Delphi ein eigenes Schatzhaus; Völker aus Marmor, Erz und Elfenbein führten die Völker in die Alpenwildnis empor. Allein schon, daß der Gott die Aufstellung der Spenden in seinem Bezirke gewährte, galt als göttliche Gnade, um welche Reiche, Provinzen und Städte aller Weltteile flehten. So erstreckte sich des Gottes Macht in Wahrheit über die Erde.

Selbst inmitten des Gewühls erregte der Zug der Rhodopis Aufsehen, ihre Schönheit staunende Bewunderung. Die Menge bildete für sie eine Gasse und rief ihr begeistert zu: »Schöne! O du Schöne! Gesegnet der Leib, der dich empfing und gebar! Glückselig der Mann, dem du in Liebe dich neigst.«

Die begeisterte Menge bewarf sie mit Blüten, streute auf dem Weg Öllaub vor ihr aus, huldigte ihrer Frauenherrlichkeit.

Unmittelbar nach den bunten Blumengefilden und den silbrigen Olivenhainen begann die Felsenwildnis. Steil führte die Straße hinan durch wüstes Geröll und das Klippengewirr von Bergstürzen; Erdbeben von Jahrtausenden hatten von den Gipfeln Blöcke gerissen und in die Tiefe geschleudert. Bald hörte alle Vegetation auf; kaum, daß in dem öden Gestein ein Grashalm gedieh.

Durch diese Wüsten, die Steile empor, hatte jedes Stück Marmor geführt werden müssen, daraus das Heiligtum Apollons erbaut worden. Und es war dort droben eine Tempelstadt, war dort droben der gemeine Fels in Marmor verwandelt. Die gemeine Scholle trug Gold, und unsterbliche Kunstwerke entstiegen dem Boden.

Es war Abend, als Rhodopis mit den Ihren in Krissa anlangte, jener Stadt an der Grenze des heiligen Bezirks, wohin Orestes, der unselige Sohn des Agamemnon und der Klytämnestra, nach der Ausfahrt seines Vaters in den Trojanischen Krieg von seiner Mutter des Buhlen willen verbannt worden war. Zu Krissa geschah es, daß der Sohn den Mord seines Vaters durch die eigene Mutter erfuhr; von Krissa aus zog er mit dem Freunde nach Mykenä – dort drüben stiegen Mykenäs Burgfelsen auf! – um den Vatermord an der Mutter und deren Buhlen zu rächen.

Ihn rief Elektra, die Schwester ...

In Krissa ließ die Frau, welche die Schönheit jener Helena besaß, für sich und ihr Gefolge die Zelte aufschlagen, um nächsten Tages den Gott nach ihrem Schicksal zu fragen.

Auch Orestes hatte in Delphi ein Orakel empfangen, das Wahrheit geworden.

 

4

»Rein von Herzen betritt den Tempel des lauteren Gottes,
Wenn dir der heilige Quell eben die Glieder benetzt.
Gutem Pilger genügt ein Tropfen; aber dem Bösen
Wüsche das Weltmeer selbst nicht die Verschuldung hinweg.«

Rhodopis ließ ihr gesamtes Gefolge in Krissa zurück: allein wollte sie die letzte Station ihrer Wallfahrt tun, zu Fuß, noch vor dem ersten Tagesgrauen beim verblassenden Leuchten der Sterne, so recht als Pilgerin, wenn sie sich auch nicht als Sünderin und Büßerin fühlte; hätte sich dann doch Aphrodite selbst, die große Göttin, sündig fühlen und nach dem Heiligtum Apollos als Büßerin wallen müssen.

Furchtbar war das letzte Stück Wegs zum Tempelbezirk, grauenerregend die Wildnis. Die schöne Hetäre, die alle Größe empfand, bestaunte die Gottheit, welche die Menschheit zwang, unter diesen drohenden Gipfeln und schauervollen Wänden, an diesen von Dämonen bewohnten Schluchten und Abgründen ein Tempelreich erstehen zu lassen, wie die Welt kein zweites besaß; ringsum nichts als Fels und Fels, kahle Klippen und schreckliche Schründe, als sei hier hoch oben der Eingang in den Hades und der weiße Strom in der schwarzen Tiefe der Acheron.

Da die zarte Frau des Gehens ungewohnt war, so erreichte sie mit wunden Füßen den heiligen Bezirk. Sie schritt an den hohen Toren vorüber, schritt die mit Zinnen besetzten Mauern der kyklopischen Umwallung entlang, unmittelbar am Rande des Abgrundes dahin. Die nämliche Straße war's, die der junge Ödipus gezogen war, dem Vatermorde und seinem Verhängnis entgegen ...

Während der Morgen aufglühte und himmlischer Purpur auf die grausen Häupter der Felsenriesen herabsank, gelangte Rhodopis zu einer Schlucht, von allem Grausen einer menschenfeindlichen Natur umwittert. Ein Platanenbaum wuchs am Eingang; in den Fels gehauene Stufen führten hinein. Geheimnisvoll raunend und rauschend floß daraus ein silberheller Quell hervor. Blutrot, grellgelb, purpurfarben stiegen die Wände himmelan.

Es war die Schlucht der Phädriaden, die zu Stein geworden lodernden Flammen glichen; und es war der kastalische Quell:

»Wenn dir der heilige Quell eben die Glieder benetzt ...«

Ehe dieses geschehen war, durfte die Pilgerin das Haus Apolls nicht betreten.

Rhodopis grüßte den Platanenbaum – ihn hatte König Agamemnon gepflanzt! – hob ihr Gewand; stieg die Felsentreppe empor, betrat die Schlucht, die über dem Quell gleich einer feierlichen Kuppel sich wölbte.

Des frühen Morgens wegen war der heilige Wasserstrahl von Pilgern noch unbesucht. Er ergoß sich in ein Becken aus durchsichtigem Alabaster, und ringsum war der wie von Blut überrieselte Fels mit smaragdgrünen, federartig zarten Nymphenfarren bekleidet, daß die wilde Stätte fast lieblich war.

Mystische Dämmerung herrschte in der Grotte, in welche die Morgenröte einen unirdischen Schein warf.

Rhodopis entkleidete sich, tauchte ihre Glieder in das entsühnende Naß, stieg daraus wieder empor in einer Götterpracht des Leibes, als wäre sie in Wahrheit die Schaumgeborene selbst, und hüllte sich in einen amethystfarbenen, mit kleinen Rubinen durchwirkten Schleier.

Da hörte sie sich von einer feierlichen Frauenstimme angesprochen: »Ich grüße dich, du von der Gottheit Geliebte. Denn nur eine solche kann mit so göttlicher Schönheit begabt sein.«

Rhodopis schaute auf, aber vergeblich suchte ihr Blick die Frau, deren Stimme einen Ton hatte, wie die Griechin zuvor niemals gehört. Es überlief sie bei dem tiefen, dunklen Wohllaut der Unsichtbaren; und die Stimme schien aus dem Felsen zu ihr zu reden.

Die Stimme sprach weiter:

»Wer du auch seist, du wirst Königin sein, du seligste unter den Weibern. Denn Seligkeiten gehen aus von dir, und wo du weilst, wird die Welt zum Elysium. Dennoch – hüte dich, hüte dich, hüte dich!«

Schrecklich klang die dreifache Warnung der Unsichtbaren, auf die Rhodopis gesenkten Hauptes lauschte, in tiefster Seele ergriffen, als redete zu ihr ein Gott.

In so demütiger Stellung verharrte sie eine lange Weile; wagte nicht, sich zu regen, wagte nicht zu fragen, vor welchem Unheil sie sich hüten sollte; wagte nicht zu bitten, der wundersame Klang möge noch einmal ertönen – die Felsenwände der Phädriaden noch einmal Sprache gewinnen. Doch blieb es still und stumm.

Bebend warf sie ihr Mantelgewand über und entwich von dem heiligen Ort.

Hüten sollte sie sich – sich hüten, hüten ... Der Gott würde ihr verkünden, vor welchem Geschick, welcher Gefahr.

Als ihre eiligen Schritte verhallt waren, löste sich aus dem düstern Hintergrunde der Grotte eine Gestalt, von Kopf bis zu Füßen in flammendrote Schleier gehüllt, daß es war, als hätte sich eine der feuerfarbenen Felsenklippen durch Zauber in ein Menschengebild verwandelt und gespenstisch sich belebt.

Die Gestalt bewegte sich, schritt. Es war eine Frau. Diese Frau hatte ein Antlitz, als sei sie von den Toten erstanden, hatte einen Blick, als hätte sie den Jammer der ganzen Menschheit geschaut – nicht nur geschaut, sondern an sich selber erlebt. Ein Jammer war's, daran die Frau starb, langsam, qualvoll zugrunde ging.

Sie schritt, als wären ihre Füße gefesselt, ihr ganzer Leib von Ketten umwunden. Plötzlich blieb sie stehen, hob beide Arme, hob ihr totenhaftes Haupt, stöhnte auf, daß es wie ein Sterbelaut klang.

Dann schien der Fels für sie sich zu öffnen, eine geheime Pforte sprang auf, ein geheimer Gang zeigte sich.

Die wie in Gluten lodernde Frauengestalt trat ein und der Fels schloß sich hinter Apolls höchster Priesterin, die göttliche Ehren genoß und die die unseligste aller Menschenfrauen war. Denn sie durfte wohl Prophetin und Pythia sein, aber niemals liebendes, wiedergeliebtes, glückseliges Weib.

 

5

In dem Allerheiligsten des delphischen Apollontempels verkündete die Pythia das Orakel des Gottes ...

Die Verkündigungsstätte war in die glanzvollen Hallen aus schwarzem geglättetem Granit eingebaut, der wie Stahl glänzte und gleißte. Sie hatte eine hohe Pforte aus düsterm Erz; ward sie aufgetan, so geschah es mit dumpfem Donnerton. Aus schwarzglänzendem Granit bestand der Fußboden des Sanktuariums. Ein schmaler Spalt tat sich darin auf, über dem ein goldener Thronsessel errichtet stand. Seine Lehnen stützten Sphinxe, deren Menschengesichter einen grausamen, unerbittlichen Ausdruck hatten. Hohe Dreifüße aus rötlichem Golde umgaben die Kluft. Blaue Dämpfe quollen auf. Sie wallten hin und her, schienen Gestalt anzunehmen, Wesen zu werden. In den Schalen, welche die Dreifüße trugen, brannte Räucherwerk. Es strömte fremdartige Wohlgerüche aus, so betäubend stark, daß sie die Sinne umnebelten, daß sie von Sinnen bringen konnten.

Über dem Felsenspalt, auf dem goldenen Thron, saß die Pythia in feuerfarbenem Gewand, das Haupt von feuerfarbenen Schleiern verhüllt. Die blauen Dämpfe umwallten sie gleich einem Gewölk, darin ihre Gestalt bisweilen wie eine lodernde Flamme erschien. Mit den wirbelnden Dünsten der Unterwelt mischten sich die Dünste des brennenden Weihrauchs ...

Die Prophetin war in mystischen Schlummer versunken. Wenn sie einem der Sterblichen den Spruch des Gottes verkündete, so ertönte ferne, geheimnisvolle Musik unsichtbarer Lautenspieler, so erschallte ferner, geheimnisvoller Gesang eines unsichtbaren Knabenchors. Rollend und grollend schoben sich die Flügel der erzenen Pforte auseinander; der Sterbliche durfte auf die Schwelle treten – nur auf die Schwelle! – durfte von dort aus die Priesterin schauen in den Weihrauchnebeln und ihre Stimme vernehmen, durch die der Gott zu ihm sprach.

Er hörte und fühlte, wie seine Gedanken sich verwirrten, seine Glieder schwer wurden, seine Sinne schwanden, die Erde ihm entwich.

Er schwankte, taumelte, stürzte – wurde von unsichtbaren Armen gefaßt, umfangen und fortgezogen.

Mit Donnergetöse schlug die Pforte hinter ihm zu ... Erst in einer lichten Vorhalle des Tempels fand er sich wieder als Lebender, die Seele voll des Gottes und in allen Tiefen erschüttert.

Was der Gott durch die Pythia zu ihm gesprochen hatte, wußte er nicht mehr; des Tempels Priesterschaft übergab ihm den Orakelspruch in bleiches Wachs eingegraben. So erfuhr er in dunklen Worten Ratschläge, Weissagungen, Wissen; erfuhr er, was eine andre gütige Gottheit den suchenden und irrenden, den in Schuld verfallenen und nach Erlösung von der Schuld verlangenden Geschlechtern der Irdischen voller Mitleid verbarg.

Und es konnte geschehen, daß der Mensch erst durch Apolls Orakelspruch sein Schicksal erlitt und in Schuld und Unglück verfiel: die Gottheit wußte, wozu auch das dem Menschen dienlich sein konnte.

 

Für Rhodopis barst die eherne Platte, die den Eingang zum Allerheiligsten verschloß, krachend auseinander. Sie tat einen Schritt vor – nur einen Schritt – denn schon benahmen die ihr entgegenströmenden Dämpfe ihr den Atem, drohten die schweren Düfte sie zu betäuben. Wie im Traum, mit schwindendem Bewußtsein, vernahm sie himmlische Melodien und Gesänge aus weiten weiten Fernen zu ihr dringen, vernahm sie eine Frauenstimme, deren Ton wie der Klang einer Glocke aus Erz war, und die sie schon einmal gehört hatte, an diesem Morgen, in purpurner heiliger Frühe.

Alsdann wußte sie nichts mehr von sich.

 

Der zum Leben wieder Erwachten überbrachte ein junger Priester die von einer Silberkapsel umschlossene Wachstafel, darauf das Orakel geschrieben war. Der Jüngling, der schlank und schön war, mußte sich Gewalt antun, der Herrlichen nicht zu Füßen zu stürzen und den Saum ihres Gewandes zu küssen. Verworrenen Sinnes, als hätte er eine Göttin geschaut, schwankte er beiseite und schlich davon ...

Nach Krissa zurückgekehrt, scheuchte Rhodopis ihre Jungfrauen aus dem Zelt, öffnete das leuchtende Gefäß und las die göttliche Schrift.

Es stand aber geschrieben:

»Du, die du wallest zur Gottheit beim heiligen Quell am Parnassos
Vertausche das Land der götterliebenden Griechen
Mit jenem dir fremden und fernen am Ufer des Stromes,
Des Ursprung erst findet in spätesten Zeiten ein Sohn der Barbaren;
Des Stromes, der Reiche erschafft und erhält, Gesetze erteilend
Zum Heile der Völker. Dort heische dir köstliche Opfer
Aus lauterem Golde – so leuchtet, o Weib, deine Schönheit!
Was nur Königinnen erlaubt, sei dir, Spenderin wonniger Freuden,
Von der Gottheit gewährt. Doch berühre kein Mann mehr die Lippe,
Die Selige macht; sie glühe fortan unberührbar.
Alsdann nur empfängt der Bruder der keuschen Diana,
Die mit glanzvollen Speeren gesegnete Fluren durchstreifet,
Die Gabe der hehren Hetäre ... Irdischen Wonnen entsagend,
Lebe unsterblich dein Name im Heiligtume Apollons!«

Rhodopis las und las und las ... Darauf versank ihr Geist in einen Abgrund, aus dem es kein Emporkommen gab.

So verweilte sie einsam einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Dann erhob sie sich, verschloß die Worte des Gottes in ihre silberne Umhüllung, öffnete die Tür, trat aus der Kammer und sprach zu den geängstigten, sie ungestüm umdrängenden Jünglingen und Jungfrauen mit einem Antlitz, als hätte es der Gott mit seinen Lippen berührt: »Mir ward zu Delphi große Botschaft zuteil. Apollon Pythion sei bedankt und gepriesen ... Rüstet den Aufbruch!«

 

6

Die jungen und vornehmen Ägypter von Heliopolis, der Stadt des Sonnengottes der Nilvölker – die Griechen nannten sie die Stadt des Apollon Helios – befanden sich seit einiger Zeit in leidenschaftlicher Erregung. Ursache davon war ein junges Weib aus Thrakien von solcher außerordentlichen Schönheit, daß sie nicht von der Erde zu sein schien.

Der Ruf der Herrlichkeit dieser Frau war ihr über das Meer als Herold vorausgegangen, wie Lüfte eine Siegesnachricht aufnehmen und von Land zu Land, von Volk zu Volk tragen. Auch hörte Ägyptens Jugend: »Sie ist eine Hetäre. Doch ist sie eine Hetäre ganz besonderer Art.«

Der, welcher so aussagte, wurde umringt und stürmisch befragt: »Welcher Art?«

»Ihr werdet ja sehen.«

»Wir werden ihr Gold geben, Mengen Goldes; werden ihr in der Stadt einen Palast, bei Memphis ein Landhaus bauen lassen. Auch kann sie neben dem Tempel der holden Hathor ein Heiligtum erhalten. Doch soll sie dafür in dem nur uns, ihren Priestern, zugänglichen Allerheiligsten hüllenlos als Götterbild thronen.«

»Soll sie? ... Nun, ihr werdet ja sehen.«

Und sie sahen!

Sie sahen Rhodopis! –

Gold brachten sie ihr, ganze »Mengen« Goldes. Schätze und Kleinodien häuften sie vor ihr auf, wollten Paläste und Landhäuser für sie bauen, einen Tempel für sie errichten und darin ihren Altar aufstellen lassen, der göttlichen Schönheit des Weibes geweiht.

Aber Rhodopis erwies sich wahrlich als eine Hetäre von ganz besonderer Art. Sie verschmähte Gold und Juwelen, Paläste und Landhäuser, Huldigung und Anbetung. Ja – nachdem sie eine kleine Weile in einer Vorstadt der prächtigen Residenz des strahlenden Gottes gelebt hatte, entließ sie ihre Jungfrauen, alle ihre Jungfrauen; schenkte ihren Sklavinnen die Freiheit, sandte sämtliche Dienerinnen trotz ihrer flehentlichen Bitten und lauten Wehklagen nach Griechenland zurück und entwich in die Wüste, dorthin, wo die Grüfte großer Ägypter lagen, unweit der Gräber der Pharaonen, der Pyramiden des Cheops, Chefren und Mykerinos.

An dem Platz, den sie sich wählte, erhob sich ein Sykomorenbaum, von dem die Leute von Heliopolis erzählten, er sei bereits von Anfang aller Dinge dagestanden und werde bis zum Ende aller Dinge dort stehen! Unter dem gewaltigen Wipfel dieses ehrwürdigen Baumriesen erbaute sich die wunderliche Heilige eine Hütte aus Palmzweigen. Alle Pracht und allen Schmuck tat sie von sich und kleidete sich in ein langes Schleiergewand aus grobem dunkelblauem Linnen, welches ihr herrliches Antlitz bis zu den Augen verhüllte. Unter dem silberhellen Stamm der Sykomore, auf dem gelbroten Sande der Wüste befand sich über Tag ihre Lagerstätte, eine selbstverfertigte braune Matte aus Palmbast, und von den herbschmeckenden Früchten des Baumes ernährte sie sich. Ihr einziger Weg galt dem Nil, dessen Wasser sie in eine Amphore füllte. Sie trug das schlanke Gefäß frei auf dem Haupt und schritt mit über der Brust gekreuzten Armen, wie Königinnen schreiten.

Sie sprach mit niemand, gab auf keine Frage Antwort, schien durch einen bösen Zauber plötzlich stumm geworden zu sein ...

Aber die Menschen ließen nicht ab von ihr; Männer und Jünglinge begehrten sie nach wie vor mit wahnsinniger Leidenschaft, zu der ihre Schönheit sie entflammte, obgleich von dieser jetzt nur noch die Augen zu sehen waren, ihre großen, weit offenen wunderbaren Augen, die die Farbe des Meeres und den Glanz von Ägyptens ewig wolkenlosem Himmel hatten. Es kam vor, daß Männer und Jünglinge aus Liebe zu der Verschleierten in wirklichen Wahnsinn verfielen. Oder sie verübten vor ihren Augen Selbstmord.

Aber nichts bewegte Rhodopis, als sei sie in Wahrheit ein Götterbild, ebenso fühllos wie ein solches ...

Einmal kam zu der Sykomore ein Jüngling, fast noch ein Knabe, einer armen Witwe einziger Sohn. Er kam am frühen Morgen und blieb bis zum späten Abend, kauerte in scheuer Entfernung im Wüstensand und schaute unverwandt nach dem Baum – unverwandt nach dem strahlenden Augenpaar hinüber.

Auch am nächsten Morgen erschien der hübsche Junge und blieb auch dieses Mal bis lange nach Sonnenuntergang. Und kam immer wieder, immer wieder. So trieb es dieser Liebende durch Wochen und Monate.

Er sprach niemals, schaute nur unverwandt zu der Verhüllten hinüber, in den geheimnisvollen Glanz ihrer Augen.

Eines Tages aber näherte er sich ihr, legte eine blaue Lotusblume vor ihr nieder, in deren Kelch eine Goldmünze leuchtete, die geringste, die es im Lande gab. Sie glänzte in dem Blütenkelch wie ein goldener Tautropfen.

Da begab es sich, daß Rhodopis für den guten Jungen, der einer armen Witwe einziger Sohn war, ihren Schleier hob und ihn anlächelte.

 

7

Der Jüngling eilte durch die Straßen der strahlenden Stadt des Sonnengottes mit dem Gesicht eines Verzückten. Man fragte ihn: »Was geschah dir?«

Er erwiderte: »Rhodopis, das hehrste und schönste Weib der Welt, hob für mich den Schleier und lächelte mir zu.«

»Dir, dem Ärmsten der Armen, dem Niedrigsten der Niedrigen?«

»Mir, dem Glücklichsten der Glücklichen!«

»Sie, die den Sohn des Pharao, die den Pharao selber keines Blickes würdigen würde, sollte dir ihre Gunst geschenkt haben?«

»Ihre Gunst war ihr Lächeln.«

»Womit zahltest du solche Gnade der großen Hetäre? Legtest du ihr das größte und herrlichste Reich der Welt, Ägypten, zu Füßen?«

Der Jüngling gab errötend den Spöttern zur Antwort: »Ich brachte der Wunderschönen eine blaue Lotusblume, in deren Kelch ich ein Goldstücklein tat.«

»Ein Goldstücklein?«

»Es war alles, was ich besaß.«

»Und Rhodopis nahm deine Blume und dein Gold?«

»Hob ihren Schleier und lächelte mich an ... Hathor, die große Göttin der Liebe, kann nicht holdseliger lächeln.«

Das wundersame Begebnis unter dem alten Sykomorenbaum in der libyschen Wüste verbreitete sich durch Heliopolis wie von den Winden getragen. Auf Straßen und Plätzen, in Häusern und Tempeln flüsterten die Jünglinge der Großen und Reichen einander zu: »Hast du gehört? Für eine blaue Lotusblume und ein armseliges Goldstücklein lächelte Rhodopis einem Bettler zu. Hast du das gehört?«

Die ganze liebeglühende Jugend der Ammonstadt geriet von neuem in höchste Erregung. Die Jünglinge aber sprachen untereinander: »Was sollen wir tun, damit auch uns das Lächeln der Wunderbaren zuteil werde?«

Einer der vielen rief: »Laßt uns ihr goldene Rosen darbringen und in den Kelch einer jeden Rose eine köstliche Perle legen.«

Da jubelten alle und riefen durcheinander: »Laßt uns der Göttlichen goldene Rosen darbringen, in deren Kelchen köstlicher Morgentau perlt. Alsdann wird sie uns nicht nur anlächeln, sondern auch küssen. Die Göttin verlangt Blumenopfer.«

Nach einiger Zeit strömte die goldene Jugend von Heliopolis hinaus in die Wüste zu dem Sykomorenbaum. Sie hatten golddurchwirkte Festgewänder angelegt, trugen Kränze aus goldenen Rosen gewunden, und in jeder Blume schimmerte eine Perle, wie solche herrlicher selbst die Frau des Pharao nicht hatte.

Als sie in der Wüste anlangten und den dunkel schattenden Baumriesen erreichten, lag Rhodopis wie gewöhnlich auf ihrer Matte unter der Sykomore und schaute in das Leuchten der sonnendurchfluteten Wüste hinaus. An ihrer Brust steckte über ihrem blauen Schleiergewand wie ein königliches Schmuckstück eine welke blaue Lotusblume, und neben ihr, auf einem Sykomorenblatt, lag eine winzige Goldmünze.

Die Jünglinge traten kecklich hinzu, nahmen die goldenen Rosenkränze vom Haupt, legten sie wie eine Reihe von Kronen rings um das Lager, harrten, daß Rhodopis für sie ihren Schleier heben und sie anlächeln würde, vielleicht den einen oder den andern sogar küssen.

Aber Rhodopis hob ihren Schleier nicht ...

Irgendeiner der bitter Enttäuschten verfiel alsdann darauf, auch nur mit einer blauen Lotusblume und einem Goldstücklein sich einzustellen, nachdem Rhodopis die goldenen Kränze und Perlen unter Pestkranke und Aussätzige verteilt hatte. Für das winzige Blumenopfer, ihrer Schönheit dargebracht, wie man einem Bettler ein Almosen reicht, dankte Rhodopis dem Spender wiederum durch ein Heben ihres Schleiertuchs und ein holdseliges Lächeln.

Nun geschah das Seltsame, daß es in Heliopolis bald keinen Greis, Mann, Jüngling, Knaben mehr gab, der nicht in die Wüste ging, um der Fleisch gewordenen Göttin der Schönheit eine blaue Lotusblume und ein Goldstücklein darzubringen, um dafür ihre lächelnden Lippen und Augen schauen zu dürfen.

Auf diese Weise sammelte Rhodopis im Laufe der Jahre einen Königsschatz, ohne daß je eines Mannes Lippen die ihren berührt hätten und sie dem Gebote Apollons ungehorsam geworden wäre.

Sie, die eine Hetäre gewesen, durfte nun in Griechenlands höchstem Heiligtum ein Weihgeschenk stiften, sonderbarster Art, wie kein Griechengott jemals empfangen hatte; denn sie ließ alles für ihr Lächeln empfangenes Gold einschmelzen und zu langen Speeren umgießen, wie solche Apolls Schwester, der ewig keuschen Diana, zu eigen waren.

Es waren der Speere aber mehr als fünfzig.

 

8

Rhodopis verließ den alten Sykomorenbaum in der libyschen Wüste, unter dessen feierlicher Wölbung sie aus einem jungen, in Schönheit prangenden Weibe eine Matrone geworden war, von solcher Hoheit, wie die Welt keine zweite gesehen.

Ihre Seele war von vielem Lächeln todmüde geworden.

Mit mehr als fünfzig der vornehmsten Jünglinge aus der Stadt des großen glanzvollen Gottes verließ sie Heliopolis und Ägypten.

Jeder der jungen Leute trug einen goldenen Speer.

An der Stelle, wo sich in späterer Zeit die Stadt des großen und glanzvollen Alexanders erheben sollte, schiffte die seltsame Schar mit ihrer Führerin sich ein. An Kreta vorüber, vorüber an dem lieblichen Eiland des göttlichen Dulders Odysseus, vorüber an der wilden Klippe, von der herab sich die Dichterin Sappho in das blaue Ionische Meer warf, gelangte das Fahrzeug der Ägypter in das Korinthische Meer. Von Akrokorinths hoher Felsenwarte herab grüßte die Heimkehrende den strahlenden Tempel der Samischen Astarte, zu der einstmals die große Hetäre die Wallfahrt nicht hatte unternehmen wollen, und die durch den delphischen Gott dafür Rache genommen – solcher Art konnte der Orakelspruch aus dem Munde der Pythia gedeutet werden. Aber ruhigen Blicks und Herzens schaute Rhodopis empor ...

Als ihr Fahrzeug in der erwärmten Bucht landete, zu welcher der Schneegipfel des Parnassos herabglänzte, die Wände der Phädriaden herab flammten, begehrte sie den weiten und mühsamen Weg nach Delphi hinauf zu Fuß zurückzulegen.

Wiederum war Frühling. Als der Zug der ägyptischen Jünglinge die Auen und Olivenhaine durchschritt, machte er inmitten der Blütengefilde Halt. Die frohen Knaben legten ihre Speere ab, pflückten von den Blumenmengen, flochten bunte Gewinde aus blauen Lilien, roten Anemonen und gelben Sternblumen, umwanden damit ihre friedlichen Waffen und kränzten sich selber die heiteren Stirnen.

So war es auch damals auf dem korinthischen Isthmus geschehen ... Als das Gefolge der hehren Frauengestalt auch diese festlich schmücken wollte, wehrte Rhodopis mit müdem Lächeln ab. Auch trug sie ihr blaues feierliches Faltengewand. Doch hatte sie den Schleier von sich getan, so daß jedes Auge ihre welkende Herrlichkeit schauen konnte.

Weiter wallte der absonderliche Pilgerzug, durch die Auen, durch die Haine, die Felsenstraße hinauf, höher und höher, tiefer und tiefer in Öde und Wildnis hinein.

Wiederum schritt Rhodopis bei morgendlichem Sternenschimmer am heiligen Bezirk vorüber, einsam zum kastalischen Quell, entkleidete sich in der vom ersten Tagesgrauen erfüllten Wölbung der feuerfarbenen Felswände, tauchte ihren immer noch in Alabasterglanz leuchtenden Leib in die heiligen Wasser, stieg daraus hervor, der frommen Sage nach entsühnt und geweiht.

Aber keine geheimnisvolle Frauenstimme sprach zu ihr – Pythia, die Hohepriesterin und höchste Verkünderin des Gottes, blieb stumm.

Auch lauschte Rhodopis nicht, ob ihr aus dem Fels eine Stimme erklingen würde; sie war zu müde, um selbst auf eine Gottesstimme zu lauschen ...

An einer der vornehmsten Stellen des heiligen Bezirks, zwischen Tempel und Opferaltar, wurde das Weihgeschenk der Frau, die eine Hetäre gewesen, in feierlicher Prozession hingeführt und aufgestellt. Nahe dabei gönnte ein späteres Priestergeschlecht der Statue der Phryne des Praxiteles den Platz.

Als Rhodopis den Spruch Apollons erfüllt hatte, wollte sie den Gott besuchen, nicht in seinem in Gold und Marmorglanz strahlenden Tempel, sondern auf dem von Schnee und Eis umstarrten Gipfel seines Berges.

Aller flehentlichen Warnungen ungeachtet, trat sie führerlos die Parnaßbesteigung an; mutterseelenallein wollte sie zu dem Gott kommen.

Dieser ließ sie jedoch nicht wieder hinab in die Welt und zu den Menschen; Apollon muß die große Sünderin, die eine große Büßerin geworden war, von dem Gipfel seines Berges in seinen Himmel emporgeführt haben! Denn trotz angstvollen und eifrigen Suchens wurde ihr Leichnam niemals gefunden.

Die Hetäre ward eine Gottesbraut.

 

Nach vielen hundert Jahren zog auf einer Eselin eine holdselige Frau mit ihrem alternden Gatten und einem lieblichen Knaben durch die libysche Wüste.

Das Elternpaar und der Säugling kamen aus dem Lande der Juden und befanden sich auf der Flucht vor einem grausamen König, der alle Knäblein seines Reiches töten ließ.

Eines Abends gelangten die Fliehenden zu der Stadt Heliopolis, woselbst sich die gewaltigen Felsengrüfte toter Pharaonen befanden.

Das Ehepaar war vom Sonnenbrand der Wüste zum Umsinken erschöpft. Nur das Knäblein, das an der Mutterbrust lag, hatte ein Lächeln, das jeden, der es sah, mit einem ganz unirdischen Glücksgefühl durchströmte.

Unter einer uralten Sykomore wollten sie Rast halten, denn sie scheuten die strahlende Stadt des Sonnengottes und das tosende Menschengewühl.

Der Gatte hob sein junges Weib von dem geduldigen Langohr und schickte sich an, unter den Zweigen des ehrwürdigen Baumes für die Seinen das Lager zu bereiten.

Da sprach ein zufällig vorübergehendes Weib zu dem Manne: »Wähle für die Frau und den Knaben – wie ist doch das Kind so hold! – einen andern Ruheplatz. Denn wisse: unter diesem Sykomorenbaum hat einstmals, vor vielen hundert Jahren, ein arges Weib gehaust, welches den Männern Zaubertränke eingab, so daß sie von Sinnen kamen vor Liebesbrunst. Entweiche daher mit deinem Weibe und dem Knäblein von dieser Stätte; sie ist verdammt.«

Und Joseph wollte sein Weib Maria und den Knaben Jesus wieder auf die müde Eselin setzen und weiterziehen.

Da machte das Kind ein Mäulchen, als wenn es weinen wollte, und langte von der Brust der Mutter nach einer wundersamen blauen Blume, die neben dem greisen Stamm wie durch ein Wunder plötzlich erwuchs.

Da blieben die Wüstenwanderer im Schatten des schönen Baumes, was das Knäblein mit hellem Jauchzen, die gute Eselin aber mit jenem Laute begrüßte, der wie Gebrüll eines Löwen klingt.

 

Der uralte Sykomorenbaum steht noch heute bei der Ruinenstätte von Heliopolis und ist ein großes Heiligtum geworden, zu dem in frommem Glauben Tausende pilgern, vornehmlich Frauen, zärtliche Jungfrauen, liebende Gattinnen, glückselige heilige Mütter.

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