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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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VI.

Wir kamen bei dem wackern Kymon vorbei, der eben beschäftigt war einige Rankengewächse zu stängeln. »Hier bringe ich dir den Fremden, den du mir in verwichener Nacht ankündigtest«, sagte der Greis, und machte mir dadurch mit zwei Worten begreiflich, wie er zur Kenntnis meines Namens gekommen war. Nun führte er mich unter eine große Laube von Weinreben, die das Vorhaus seiner Wohnung ausmachte. Wir ließen uns auf Bänke nieder, die, wie es schien, kurz zuvor mit frischen Rosenblättern bestreut worden waren. Wir unterhielten uns von allerlei, bis das Gespräch unvermerkt auf die große Geneigtheit der Menschen geriet, zu glauben was sie nicht wissen können, und wovon sie sogar sich einen Begriff zu machen unfähig sind. Ich behauptete, daß dies ein wirkliches Bedürfnis unsrer Natur sei; daß der Unzulänglichkeit unsrer Vernunft dadurch nachgeholfen werde, und daß insonderheit der Glaube eines das Ganze umfassenden und beseelenden Geistes, und einer allgemeinen Weltregierung, ja, in Ermangelung eines bessern Begriffs, sogar der Dämonismus, der sich diese Regierung als unter Viele verteilt vorstellt, das einzige sei, was die Leidenschaften roher Menschen zähmen, und dem gebildeten die Bürde der unzähligen Übel und Drangsale des Lebens erträglicher machen könne.

Agathodämon hörte alles, was ich über diesen Gemeinplatz vorbrachte, mit vieler Gefälligkeit an; und als ich fertig war, sagte er: »Ich bin nicht nur, was den großen Haufen der Menschen betrifft, deiner Meinung; ich gestehe dir sogar zu, daß der Hang zum Glauben eine allgemeine Schwachheit der Menschen ist. Aber anstatt, wie du, sie als eine Wohltat der Natur anzusehen, betrachte ich sie vielmehr als einen geheimen Feind, den wir in unserm Busen tragen, und dem wir, anstatt ihn zu nähren und zu pflegen, vielmehr, so viel nur immer möglich, alle Nahrung zu entziehen suchen sollten. Bedenke, lieber Hegesias, (fuhr er mit etwas verstärktem Tone der Stimme fort, da er mich über diese Rede stutzen sah) bedenke, daß der größte Teil der Übel und Drangsale, gegen welche du im Glauben eine Stütze findest, ohne ihn gar nicht vorhanden wäre. Denn auch Aberglauben ist Glauben; und wenn wir nicht jenem, sondern bloß einem von der Vernunft selbst gebilligten Glauben, wohltätige Einflüsse auf das menschliche Gemüt zuschreiben wollen, wie so gar unbedeutend ist das Gute, das dieser getan haben mag, gegen die unermeßliche Summe der Übel, welche jener über das menschliche Geschlecht gebracht hat! Sehen wir nicht bei allen Völkern und zu allen Zeiten Vernunft und Sittlichkeit durch Aberglauben verfinstert und gefesselt? Und hat er uns etwa darum weniger Böses zugefügt, weil ihm ein dunkles Gefühl zum Grunde liegt, welches, durch Vernunft erleuchtet, gereinigt und geleitet, ein mächtiger Antrieb zur Tugend und ein fester Grund der Ruhe und Hoffnung für gute Menschen werden kann? Ist es nicht jenes vielgestaltige Ungeheuer, welches, von uralten Zeiten her, das Joch der religiösen und politischen Sklaverei über den Nacken der Menschheit geworfen, ihre edelsten Kräfte gelähmt, ihrem freien Fortschritt zur Ausbildung und Vollendung unübersteigliche Hindernisse entgegen getürmt hat? Alles Jammers ohne Maß und Ziel nicht zu gedenken, welchen er durch die schändliche Gleisnerei, die übermütige Herrschsucht, den unersättlichen Geiz und die wütende Unduldsamkeit seiner Priester über einzelne Menschen, Länder und Zeiträume aufgehäuft hat. Zufällige Umstände führten mich frühzeitig auf diese Betrachtungen. Ich erkannte die Gefahr, in einem dunkeln, auf allen Seiten mit Klippen und Abgründen umgebenen Irrgang zu suchen, was ich auf einem vom hellsten Sonnenlicht bestrahlten Wege viel sichrer und gewisser erlangen konnte, und von dieser Zeit an machte ich mirs zu einer meiner ersten Pflichten, dem Hang zum Glauben eben so ernstlich zu widerstehen, als ich dem Hang zur Wollust widerstand; wiewohl ichs einem Aristipp nicht hätte ableugnen können, daß dieser letztere, durch Vernunft veredelt, geläutert und gemäßigt, glücklich organisierte und unter besonders günstigen Gestirnen (wie man zu sagen pflegt) geborne Menschen auf einem sehr angenehmen Wege zu einem nicht gemeinen Grade von sittlicher Vollkommenheit, innerer Harmonie, Zufriedenheit und Lebensgenuß führen könne. Warum, sagte ich zu mir selbst, sollt ich auf gefahrvollen Umwegen suchen, was ich ohne Gefahr viel näher haben kann? Wenn der Hang zum Glauben auch keinen andern Nachteil hätte, ist es nicht genug, daß er unvermerkt die Nerven des Geistes abspannt? daß seine narkotische Kraft die Vernunft einschläfert? daß wir, wenn wir seinem Einfluß Raum geben, uns beruhigen, wo wir forschen, leiden, wo wir tätig sein, hoffen, wo wir fürchten, uns ergeben, wo wir widerstehen sollten?«

»Aber (fiel ich ein) gibt es nicht so viele Fälle im Leben, wo wir mit allem unserm Forschen nichts heraus bringen, mit aller unsrer Tätigkeit nichts ausrichten, und gezwungen sind zu leiden was nicht zu ändern ist? Welch ein elender Tröster ist in solchen Fällen das Gefühl der eisernen Notwendigkeit, unsern Hals unter die zermalmende Gewalt eines blinden Verhängnisses beugen zu müssen – gegen den Glauben, daß Weisheit und Güte alle unsre Schicksale angeordnet habe, und jeder einzelne Mißklang sich im Ganzen in die reinste Harmonie auflöse!«

»Ohne Zweifel«, antwortete er, »hat derjenigen der unter einem schweren Leiden in diesem Glauben Trost und Linderung findet, viel vor dem voraus, der seinem gepeinigten Gefühle keinen weichern Pfühl, als ein eisernes Schicksal, unterzulegen hat. Indessen möchte ich mich doch auf dein eigenes Bewußtsein berufen, ob der Gedanke, ›die Mißklänge, die jetzt mein Ohr zerreißen, werden in eine Harmonie, die ich nicht höre, aufgelöst‹, – ob dieser Gedanke, so lange mein Ohr gepeinigt wird, eine sonderliche Wirkung tun kann? Auch wüßte ich nicht, was du einem Leidenden antworten wolltest, der dich versicherte: dies sei es eben was ihn am empfindlichsten schmerze, daß er unter einer milden und weisen Regierung leiden müsse. Von einem anerkannten Tyrannen gequält zu werden, würde weniger unerträglich sein; oder vielmehr, wir sind nun einmal so organisiert, daß unser Gefühl den, der uns peinigt, immer einen Tyrannen nennen wird. Findest du nicht auch, (setzte er in einem halb scherzhaften Ton hinzu) es sei schwer, das unmittelbare Gefühl, daß uns übel ist, durch den Glauben, daß uns wohl sei, zu übertäuben?«

»Mehr als schwer, sogar unmöglich«, erwiderte ich beinahe zu ernsthaft, »wenn der Mensch nichts als ein Tier wäre; aber –«

»Hier wars, wo ich dich erwartete«, rief der Alte. »Aber – sagst du? – Erkläre dich!«

»Du hast mich verstanden, Agathodämon.«

»Das habe ich, und wir sind also nahe dabei, einander beide zu verstehen. Da dem Menschen etwas im Busen schlägt, das dem Sinnengefühl das Gegengewicht halten kann, und Böses und Gutes nach einer ganz andern Regel beurteilt – Gut, Hegesias! ich weiß was du daraus folgern willst; aber laß mich die Periode nach meinem Sinne vollenden, und das wahre Resultat aus deinen Vordersätzen ziehen. Der Mensch, über welchen die Vernunft so viel Macht hat als ihr zukommt, wozu sollte er die Täuschungen der Einbildungskraft und eines Glaubens, der seinem innern Gefühle Gewalt antut, vonnöten haben? Wozu ein erbettelter und ungewisser fremder Beistand, wo unsre eigne Kraft völlig hinreicht, sobald wir uns ihrer gehörig bewußt sind, und uns nicht, durch unzeitiges Verzagen an uns selbst, aus unserm Vorteil setzen? Oder nenne mir einen Fall, wo es nicht in unsrer Macht stände, jedem Eindruck der Sinne, jedem Reiz und Drang der Begier, bloß dadurch hinlänglichen Widerstand zu tun, daß wir widerstehen wollen? Laß uns nicht an unsrer Kraft verzweifeln, ehe wir versucht haben wie weit sie gehen kann, und zu welchem Grade wir sie durch unablässige Übung, oder, da wo es not ist, durch ungewöhnliche Anstrengung, erhöhen können! Gewiß, Hegesias, ist es unsre eigne Schuld, daß wir nicht ganz andere Menschen sind; und ich bin völlig überzeugt, daß die Neigung zum Glauben, die der weichlichen Trägheit unsrer sinnlichen Natur so wohl zustatten kommt, keine der geringsten Ursachen ist, warum der Mensch bisher so weit hinter dem zurück geblieben ist, was er sein könnte und müßte, wenn es ihm etwas ein- für allemal ausgemachtes wäre, daß er alle seine Hülfsquellen in sich selbst zu suchen habe.«

»Es kommt mich hart an (versetzte ich) einer meiner Lieblingsideen zu entsagen. Auch bekenne ich dir, Agathodämon, daß sie durch das, was du bisher gegen sie vorgebracht hast, noch nicht erschüttert worden ist, wiewohl ich nicht von mir erhalten kann, mich hierüber näher zu erklären.«

»Wie? Ohne dichs anfechten zu lassen, (sagte Agathodämon mit einem ironischen Blick) ob du nicht dadurch den Verdacht bei mir erweckest, du scheuest dich nur deinen Liebling dem Licht auszusetzen, damit seine blöde Seite nicht zum Vorschein komme?«

»Ich gestehe, der Argwohn wäre nicht ganz ohne Schein«, erwiderte ich. »Indessen geschieht es doch, die Wahrheit zu sagen, bloß aus eben dem Zartgefühl, weswegen ein sehr warmer Liebhaber nicht gern zu einem kalten Zuhörer von seiner Geliebten spricht.«

»Wenn es nur dies ist, Hegesias«, sagte er, »so finden wir in der Folge wohl noch Gelegenheit, zu deiner Geliebten zurück zu kommen. Denn auch ich habe – wie du vielleicht schon hättest merken können – noch nicht alles gesagt, was ich über diesen Gegenstand zu sagen habe.«

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