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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

Indem Agathodämon diese letzten Worte sprach, ließ sich plötzlich eine liebliche Singstimme hören, deren reine Silbertöne, von dem schönsten Echo vervielfältigt, meine ganze Aufmerksamkeit nach dem Ort, woher sie zu kommen schienen, hinzog. Stelle dir vor, Timagenes, wie betroffen ich war, als ich auf einem der Felsen eine schöne Jünglingsgestalt erblickte, die sich selbst zu einem Orphischen Hymnus auf der Cither begleitete, und in ihrer Begeisterung nicht zu achten schien daß sie Zuhörer hatte. Eine Fülle von kunstlos lockigen blonden Haaren wallte, halb in der Morgenluft fliegend, um ihre weißen Schultern. Sowohl ihre Kleidung als ihr schlanker Wuchs und die rundlichen Formen ihrer Arme und Beine ließen das Auge ungewiß, ob man sie für den Sohn der Maja oder für eine der Oreaden dieses Gebirges halten sollte.

Als sie zu singen aufgehört hatte, warf ich einen staunenden Blick auf Agathodämon; und wie ich die Augen nach dem Felsen zurück drehte, war die Erscheinung verschwunden.

»Nun, Hegesias«, sagte der Alte lächelnd, »hast du alles gesehen, was mir in den Augen meiner Nachbarn, der Ziegenhirten, den Schein eines übernatürlichen Wesens gibt; und du kannst dir jetzt zum Teil selbst erklären, wie diese guten Leute, in ihrer abergläubischen Einfalt, ungewöhnliche Erscheinungen zu wunderbaren zu erheben wissen. Das junge Mädchen, das uns Wasser reichte, ist die Nymphe, von welcher sie dir gesprochen haben; und der Apollo, in dessen Gestalt ich selbst (wie dir einer sagte) zuweilen gesehen und gehört werde, ist ein schönes Weib von dreißig Jahren, die Mutter der kleinen Nymphe und die Gattin des wackern Mannes, den du dort hinter den Gebüschen mit dem Spaten in der Hand beschäftigst sehen kannst. Denn für dich, Hegesias, soll hier keine Täuschung sein. Dieser Mann war in meinem väterlichen Hause als Sklave geboren, und diente mir, sobald er jemand zu dienen fähig war. Er ist einer der besten Menschen, die ich kenne, und hat mich mit einer seltnen Anhänglichkeit auf einigen der Reisen begleitet, die einen großen Teil meines Lebens wegnahmen. Als ich nach vielen Jahren zurück kam, um einige Zeit in meinem Vaterlande zuzubringen, belohnte ich seine Treue, indem ich seine Liebe zu einem in unserm Hause gebornen Mädchen begünstigte, welches von meiner Mutter selbst eine feinere Erziehung, und die Ausbildung der Naturgaben, wovon du nur eben eine Probe hörtest, erhalten hatte. Ich verheiratete sie mit ihm, und schenkte ihnen die Freiheit, ohne mich sogleich von ihnen zu trennen. Er begleitete mich noch auf verschiedenen neuen Reisen; und als ich mich endlich entschloß, den Rest meiner Tage in gänzlicher Verborgenheit auszuleben, konnt ich ihn nicht verhindern, mir mit seinem Weibe und ihrer Tochter in diese Einsiedelei zu folgen, wo sie sich alle drei beeifern, für meine ziemlich mäßigen Bedürfnisse zu sorgen, und alles mögliche zu tun, um mich in die angenehme Täuschung zu setzen, als ob mein Leben im Elysium schon angegangen sei. Sie hangen an mir wie an einem geliebten Vater, und ich lebe mit ihnen wie unter meinen Kindern. Sie wissen sich so gefällig in meine Eigenheiten zu schicken, und verstehen mich so gut, daß ich kaum der Sprache nötig habe, um ihnen meine Wünsche zu erkennen zu geben. Der alte Kymon, der (wie du siehest) noch ein rüstiger Mann ist, besorgt den Garten, dessen Gemüse und Früchte, nebst der Milch etlicher Ziegen, uns eine leichte und gesunde Nahrung geben. Das Wenige, was uns sonst noch nötig ist, weiß er aus der nächsten Stadt herbei zu schaffen, ohne daß jemands Aufmerksamkeit dadurch erregt wird. Die Hirten, die, den Sommer über, diese Berge beweiden, halten ihn für den Einwohner eines benachbarten Dorfes, und sehen ihn zu selten, um sich genauer nach ihm zu erkundigen; indessen er durch seinen Neffen, der einer aus ihrem Mittel ist, so viel von ihnen auskundschaftet, als es bedarf, sie in dem Wahne zu erhalten, die Spitze des Gebirges werde von einem guten Dämon bewohnt, dessen Nähe ihnen Segen bringe; eine Täuschung, die ihnen unschädlich ist, und mir vor den Folgen ihres Vorwitzes Sicherheit gewährt. – In allem diesem wirst du viel Grillenhaftes finden, lieber Hegesias; und in der Tat muß man mit meiner ganzen Lebensgeschichte bekannt sein, um gelinder davon zu urteilen.«

»Das einzige, was ich noch nicht begreife«, versetzte ich, »ist, wie du in dieser Einöde die Abwechslungen der Witterung aushalten, und dich gegen die Unfreundlichkeit des Winters verwahren kannst.«

»Dafür«, erwiderte er, »ist von langem her gesorgt. Der ehemalige Eigentümer dieses Berges war der vertrauteste meiner Freunde, und es wurde schon vor vielen Jahren unter uns verabredet, daß ich, sobald ich urteilen würde daß es Zeit sei, diese Einöde zum Aufenthalt wählen wollte. Er ließ eine zu diesem Zweck überflüssig bequeme Wohnung in einen dieser Felsen hauen, und alles darin so einrichten, daß es mir an keiner Gemächlichkeit fehlt, die in meinen Jahren zum Leben unentbehrlich ist. Die Höhe, in welcher ich hier wohne, ist sehr mäßig, und die Felsen, die dieses enge Tal einschließen, verwahren es vor den Winden der rauhen Jahrszeit. Mein Freund ist nicht mehr; aber sein Sohn (der einzige, der um unser Geheimnis weiß) hat die Gesinnungen seines Vaters für mich geerbt. Er hat, dem letzten Willen desselben zu Folge, sogar das Eigentum dieses ganzen Berges an meinen freigelaßnen Kymon abgetreten, wiewohl er, um meine Verborgenheit desto besser zu begünstigen, eingewilligt hat, so lang' ich lebe, den Namen des Eigentümers zu tragen. Kurz, wir haben alle mögliche Vorsicht gebraucht, um der Welt ein Geheimnis daraus zu machen, was aus einem Manne geworden sei, der beinahe ein Jahrhundert durch ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.«

Agathodämon schien voraus gesehen zu haben, daß diese letzten Worte auch meine Aufmerksamkeit auf ihn verdoppeln würden. Denn indem ich meine Augen mit einem forschenden Blick auf ihn heften wollte, blitzten mir die seinigen so mächtig und Ehrfurcht gebietend entgegen, daß ich sie sogleich wieder zu senken genötigt war. Der Ausruf »welch ein wunderbares Wesen bist du?« schwebte mir schon auf den Lippen: aber auch diesen hielt eine Scheu, von welcher ich nicht Meister werden konnte, zurück. Gleichwohl war diese Scheu mit einer so sonderbaren Art von Anmutung vermischt, daß ich mich nicht erwehren konnte, meinen Mund auf seine hagere Hand zu drücken, und diesen unfreiwilligen Ausdruck des Gefühls, das er mir einflößte, mit einigen abgebrochenen Worten zu begleiten, die ihn besser, als die zierlichste Rede, dessen, was in meinem Gemüte vorging, verständigten.

Nach einer kleinen Stille fing er wieder an: »Du bist vielleicht nicht neugieriger zu wissen wer ich bin, als ich geneigt bin, mich dir ohne Zurückhaltung zu offenbaren. Es ist eine Art von Bedürfnis für mich; aber ich würde mir die Befriedigung desselben versagen, wenn ich nicht einen andern Bewegungsgrund hätte, der, wiewohl sich vielleicht die Eitelkeit auch hinter ihn versteckt, dem ungeachtet wichtig genug ist meine Entschließung zu bestimmen. Mein Leben hat zu viel Aufsehens gemacht, als daß ich erwarten könnte, der Nachwelt unbekannt, mit dem großen Haufen der Sterblichen den Strom der Vergessenheit hinab zu rinnen. Ich kenne mehr als Einen, der meine Geschichte schreiben, und sie sehr unrichtig schreiben wird, wenn er auch kein Wort mehr sagt, als was er selbst gesehen und gehört zu haben glaubt. Meine wahre Geschichte könnte der Welt vielleicht nützlich werden: verfälscht oder in ein täuschendes Licht gestellt, kann sie nicht anders als Schaden tun. Warum also sollte ich dem Gefühl widerstehen, das dir mein Herz beim ersten Blick aufgetan hat, und nicht einen Mann von reiner gesunder Seele, wie ich in dir zu erkennen glaube, zum Verwahrer des Geheimnisses meines rätselhaften Lebens machen? Denn ein Rätsel war es, und, wie ich gestehen muß, bloß darum, weil ich wollte daß es nicht begriffen werden sollte. Die Ursachen, warum ich es wollte, sind nicht mehr; ich habe meine Rolle ausgespielt – und du, Hegesias, (setzte er hinzu, indem er meine Hand ergriff und drückte) du sollst der Erste sein, dem ich mich so zeigen will, wie ich mich selbst sehe.«

Er sprach dies mit einem Ton und Ausdruck von Wahrheit in seinem ganzen Wesen, daß ich, von den mannigfaltigen und sonderbaren Gefühlen, die er in mir aufregte, überwältigt, im Begriff war mich ihm zu Füßen zu werfen; aber er hielt mich noch zurück, schloß mich in seine Arme, und sagte: »Für jetzt kein Wort weiter von dieser Sache! Du bist gerührt; laß uns von andern Dingen sprechen.« Und damit nahm er mich bei der Hand, und führte mich durch die verschiedenen Abteilungen seiner Pflanzung nach seiner Wohnung. »Kannst du dich«, setzte er hinzu, mit Pythagorischer Diät behelfen, wie ich einem Manne von deiner Profession zutrauen darf, so verweile einige Tage bei mir: ich müßte mich sehr irren, wenn sie dir länger vorkommen sollten, als die Stunden, die du bei den Ziegenhirten zugebracht hast.«

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