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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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VII.

Mit diesen Worten erhob sich Apollonius von seinem Sitz, und führte mich auf einer sehr gemächlichen Art von Wendeltreppe, die durch die Felsen gehauen war, von der hohen Szene unsers Morgengesprächs herab; und da zeigte sichs, daß wir am Eingang einer bedeckten Rebenlaube waren, die nach der Hinterseite seiner Wohnung führte. Indem wir uns dahin begaben, sagte er zu mir: »Du verlässest uns diesen Abend, Hegesias, und wir werden uns vielleicht nie wieder sehen. Ich wünsche, daß du befriedigt von uns scheidest, und dich noch am Abend deines Lebens mit reinem Vergnügen deines kurzen Aufenthaltes im Agathodämonium, als eines schönen Traumgesichtes, erinnern mögest. Hast du noch etwas auf dem Herzen, Lieber, dessen du dich gern entladen möchtest, so rede frei. Mich dünkt, ich sehe eine Frage auf deinen Lippen, die von einem Zartgefühl zurück gehalten wird, das ich an dir liebe, wiewohl es dich nicht verhindern soll, ganz offen gegen mich zu sein.«

»O Apollonius«, rief ich mit einem sanft schaudernden Gefühl von Bewunderung und Liebe, »konnte der Wundermann, von dem du mich diesen Morgen unterhieltest, auch so wie du in den Seelen lesen?«

Apollonius. »Er konnt es, und seine Geschichte gibt davon mehrere Beispiele. Aber das war es nicht, was du mich fragen wolltest. Ich will dir eine kleine Verlegenheit ersparen. Nicht wahr, du kannst den Apollonius, der in unsrer ersten Unterredung den Hang zum Glauben für eine Schwachheit der menschlichen Natur, die mit Ernst bekämpft werden müsse, erklärte, und darauf bestand, daß der Mensch nur in so fern der Vollkommenheit nahe kommen könne, als er alle seine Hülfsquellen in sich selber suche, – und den Apollonius, der dir heute von dem jetzt noch sehr verkannten und mit Unrecht verachteten Institut der Christianer als von einer Anstalt zum Heil der Welt, und von seinem Stifter als einem Wohltäter der Menschheit sprach, nicht in Übereinstimmung mit einander bringen? Du möchtest den bindenden Begriff kennen, der zwei so widersprechend scheinende Urteile in mir vereiniget? Mit Einem Worte, du würdest nicht ganz befriediget von hinnen gehen, wenn du nicht wüßtest, was du dir von der Religion des Apollonius für eine Vorstellung machen sollst? – Hab ich es erraten, Hegesias?«

Mein Erröten und ein dankender Blick war alles, was ich ihm zu antworten vermochte.

»Was den ersten Punkt betrifft«, fuhr er fort, »so denke ich, mich über den Grund, warum ich den Hang zum Glauben für eine Schwachheit der menschlichen Natur halte, schon so deutlich erklärt zu haben, daß du keiner weitern Auslegung mehr nötig haben kannst, wenn du dich meiner Rede noch erinnerst.«

Ich. »Mir ist keines deiner Worte entfallen, Apollonius.«

Apollonius. »Der Schwache und Lahme bedarf einer Stütze oder Krücke, – und welcher Mensch ist in keinem Zeitpunkte seines ganzen Lebens schwach? In diesem Fall ist es gut, eine Krücke zu haben, an der man gehen kann; gleichwohl ist es unleugbar besser, ohne Krücke gehen zu können.

Was den zweiten Punkt betrifft, so sprach ich dir von der Person des merkwürdigsten Mannes unsrer Zeit, von seiner Theosophie und von seinem Institut, ohne Rücksicht auf das, was ein Demokritus, Aristoteles oder Karneades gegen seine Geschichte oder Lehre etwa einwenden könnte, bloß als ein Mensch, den alles Menschliche nahe angeht, und den keine Art von Vorurteil hindert, gegen jedermann gerecht und billig zu sein: von der Person, wie es dem Begriff gemäß war, der sich mir aus dem ganzen Zusammenhang der über ihn erhaltenen Nachrichten (ihre Wahrheit vorausgesetzt) meinem Verstand aufgedrungen hat; von seiner Theosophie und Lebensweisheit, als einem auf den allgemeinen Wahrheitssinn gegründeten, sehr konsequenten Inbegriff von Überzeugungen und Gesinnungen, die jeden Menschen, in welchem sie lebendig sind, zu einem bessern Menschen machen, als er ohne sie wäre; und von seinem Institut, als einer sehr zweckmäßigen Anstalt, diese Überzeugungen und Gesinnungen unter den Menschen zu verbreiten und so viel möglich allgemein zu machen. Daß ich dadurch weder dir noch mir etwas zumuten wollte, das unsrer Freiheit zu nahe träte, versteht sich von selbst. Jeder selbstständige Mensch hat seine eigene individuelle Geistesform; auch der außerordentliche Sterbliche, von dem die Rede war, hatte die seinige; und gewiß könnte der schwerlich von Schwärmerei frei gesprochen werden, der sich ihn so buchstäblich zum Muster nähme, daß er darüber seine eigene Form verlöre. Meiner Vorstellungsart nach, könnte ihm einer sehr unähnlich scheinen, der im Grunde mehr mit ihm gemein hätte, als ein anderer, der jeden Tritt mit sklavischer Ängstlichkeit in einen seiner Fußstapfen setzte. Übrigens gab ich dir von meinen Urteilen und Vermutungen immer die Gründe an, und die Sache ist jetzt in deinen Händen.

Nun ist noch die schwerste Frage übrig, lieber Hegesias, – du möchtest auch den Gott des Apollonius kennen. – Was soll, oder was kann ich dir sagen? Welche Sprache hat Worte, sich darüber auszudrücken? Was du von mir zu wissen verlangst, ist das Geheimnis der Natur, das unaussprechliche Wort ihrer heiligsten Mysterien, auf denen ein Schleier liegt, den noch kein Sterblicher aufgedeckt hat. Von Jugend an bemühte ich mich, zu diesem unzugangbaren Licht eine Öffnung zu finden. Ich durchforschte alle Meinungen und Systeme der Denker, und es wurde immer dunkler um mich her. Ich überließ mich der Einbildungskraft, und erkannte gar bald ihre magischen Täuschungen. Ich hatte Augenblicke, wo ich fühlte ohne zu glauben, andere, wo ich glaubte ohne zu fühlen, unzählige, wo ich keines von beiden bedurfte. Ich habe nun sechsundneunzig Jahre hinter mir, und will dir sagen, wohin ich gekommen bin. Die grenzenlose Natur, die ewige Ordnung und Harmonie der Dinge, das, was diese Masse der ungleichartigsten Erscheinungen außer mir zusammen hält und in ein unergründliches Ganzes innigst verwebt und vereinigt, und das, was die unermeßliche Masse von Empfindungen, Ideen, Trieben und Gesinnungen in mir zusammen hält, und in einem sich selbst unerforschlichen Ich zu Einem Ganzen zu verbinden strebt – alle diese helldunkeln geistigen Anschauungen fallen, wenn ich, tief in mich selbst gekehrt, jede derselben einzeln betrachten will, plötzlich in einander; das unendliche Eins verschlingt Raum und Zeit; alles was war, was ist und was sein wird, zerfließt in den einzigen Akt eines einzigen ewigen Augenblicks, und ich verliere mich darin, wie Kymon gestern sagte, gleich einem Wassertropfen im uferlosen Ozean. – Aber bald öffnen sich meine Augen wieder, und glücklicher Weise finde ich mich wieder in meinem angebornen beschränkten Vaterland, Himmel und Erde; ich sehe wieder das allerfreuende Licht, und die allernährende Erde; die schönen Horen mit ihrem wimmelnden Gefolge von Tagen und Stunden tanzen wieder um mich her; das allgemeine Leben der Natur drängt sich wieder warm an mein Herz, ich webe in allem was webt, und fühle mich in allem was atmet; die Phantasie schließt ihre unsichtbare Zauberwelt wieder vor mir auf; die Unsterblichen nahen sich meinem Geiste, und mit süßem Schauern umfaßt mich die Gegenwart des allgemeinen Genius der Natur, des liebenden, versorgenden Allvaters, oder wie der beschränkte Sinn der Sterblichen den Unnennbaren immer nennen mag, und ich bin – mit Einem Worte, wieder was ich sein soll, ein Mensch, gut und glücklich, und verlange nicht mehr zu sein als ich sein kann und soll.

Erinnere dich in dreißig oder vierzig Jahren dessen wieder, was ich jetzt sagte, und du wirst mich besser verstehen als jetzt; denn nun hab ich dir nichts mehr zu sagen, was des Hörens wert wäre.«

Mit diesen Worten drückte er mir die Hand und verließ mich; und ich eilte, von so vielem Stoff zum Denken gepreßt, auf eine der nächsten Anhöhen, um – wieder zu Atem zu kommen.

Die schöne und gute Terpsinoe hatte beim Abschiedsmahl, ohne Zweifel mit Vorwissen ihres Herren, die Gesetze der Pythagorischen Küche, seinem Gaste zu Ehren, merklich überschritten. Apollonius, der es nicht zu bemerken schien, zeigte mir hingegen durch seine Aufmerksamkeit, mich zu unterhalten und zu zerstreuen, daß ihm der Kampf, den es mir kostete, meine Wehmut unter einen Schein von Heiterkeit und Ruhe zu verbergen, nicht unbemerkt blieb. Er fragte nach verschiedenen Personen in Cydonia, die er ehemals gekannt hatte, brachte mich unvermerkt auf meine Kunst, und verwickelte mich in ein so interessantes Gespräch über den Einfluß des Gemüts und sogar des Willens auf den Gang und die Besserung oder Verschlimmerung vieler, wo nicht der meisten, Krankheiten, daß es ihm ziemlich gelang, mich von dem Gedanken der Trennung abzulenken und mir zu einer männlichem Stimmung zu verhelfen.

Endlich kam die Stunde des Scheidens. Apollonius begleitete mich bis an die Grenze seines kleinen Elysiums, wo Kymon mich bereits erwartete. Ich heftete einen letzten Blick auf den göttlichen Greis, einen Blick, der sein Bild auf ewig in meine Seele grub, und konnte mich im Drang meiner Gefühle nicht enthalten, mich ihm zu Füßen werfen zu wollen: aber er zog mich mit beiden Armen empor, drückte mich an seine Brust, und hielt mich so einige Augenblicke fest an sich geschlossen. Nun trat er einen Schritt zurück, stand auf einmal wieder gleich einem höhern Wesen vor mir da, ergriff meine Hand, schüttelte sie mit einem warmen Druck, und sagte mit gerührter aber gesetzter Stimme: »Lebe wohl, Hegesias!« – Mir war als ob mit diesem Lebewohl eine Kraft in mich dränge, die mich nie wieder verlassen würde. Ich stand einen Augenblick wie außer mir; aber als ich mich selbst wieder fand, sah ich ihn nicht mehr; ein dichtes Gebüsche hatte ihn meinen Augen entzogen. Ich fiel dem guten Kymon schweigend um den Hals, und ließ den Gefühlen, die mein Herz schwellten, freien Lauf, während Terpsinoe und ihre Tochter mir ein süß rührendes Lebewohl von der Spitze eines nahen Felsens zusangen.

Kymon führte mich nun auf einem ihm allein bekannten kürzern Pfad aus dem Gebirge, und begleitete mich bis zu einem wenige Stunden von Cydonia gelegenen Meierhof, der dem anfangs erwähnten Freunde seines Herren zugehörte, wo ich, auf seine Empfehlung, eine Nachtherberge fand, und freundlich aufgenommen wurde. Kymon kehrte noch in der Nacht zu seinem Herren zurück, nachdem er mir versprochen hatte, die guten Ziegenhirten meinethalben zu beruhigen, und wir trennten uns von einander, wie Freunde, die sich wieder zu sehen hoffen.

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