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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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VI.

Angenommen, daß die Umgestaltung des primitiven Christentums in eine ausschließlich herrschende Volks- und Staatsreligion künftig, wenn auch erst nach mehrern Jahrhunderten, die Folgen haben werde, die ich voraus sehe, so mußt du mich freilich in einem sehr auffallenden Widerspruche mit mir selbst finden, wenn du meine Weissagungen mit meiner Behauptung, der unzerstörbaren innern Vortrefflichkeit des Christlichen Instituts und seiner wohltätigen Einwirkung auf alle künftige Zeiten, zusammen hältst. Indessen ist dieser Widerspruch bloß anscheinend, und wird bald verschwinden, wenn wir uns eine Übersicht der Sache aus dem einzigen Gesichtspunkte, woraus sie richtig gesehen werden kann, verschafft haben werden.

Alle die Übel, wovon so eben die Rede war, sind Folgen der Umbildung des ursprünglichen Christentums zu einer künstlich organisierten Volksreligion. Aber Volksreligion muß es schlechterdings werden, wenn es, als Veranstaltung zur Verbesserung des sittlichen Zustandes der Welt, einen seiner wichtigsten und nächsten Zwecke erfüllen, wenn durch dasselbe die durchaus unkräftig und verächtlich gewordene polytheistische Staatsreligion abgetan, und der herabgewürdigten, entnervten, in der gröbsten Sinnlichkeit versunknen Menschheit ein neuer Schwung und neue moralische Lebenskraft gegeben werden soll. Das letztere bewirkt es in seiner Maße schon jetzt, und der gute Einfluß, den die Rechtschaffenheit, Sittenreinheit und häusliche Tugend der Christianer auf die übrige Volksmasse hat, wird in seiner immer zunehmenden Ausbreitung sichtbar werden: dagegen aber ist es auch Natur der Sache, daß diese Ausbreitung selbst, wiewohl zu jenem großen Zweck notwendig, der Sittenreinheit Schaden tun, und das Christentum überhaupt, sobald es die Gestalt und Verfassung einer öffentlichen Staatsreligion erhalten haben wird, seine erste Lauterkeit in der Maße verlieren muß, wie seine Bekenner – die sich jetzt bloß als Fremdlinge und einem bessern Leben zueilende Pilger in der Welt betrachten – immer tiefer in die mancherlei Verhältnisse, Angelegenheiten, Sorgen und Kollisionen des bürgerlichen und politischen Lebens hinein gezogen werden. Nicht zu gedenken, wie viel es nur allein durch den Umstand verlieren muß, daß in der Epoke, die wir als künftig voraussetzen, eine Menge Menschen aus unlautern Bewegungsgründen und Absichten zu der herrschenden Partei übergehen, und, indem sie die Zahl der Bekenner des Christentums vermehren, einen Sauerteig in dasselbe mischen werden, der die ganze Masse verderben wird.

Nächst diesem kommt hier noch der wesentliche Unterschied in Betrachtung, der zwischen dieser neuen Religion und der alten polytheistischen verwaltet. Diese letztere hatte mit dem innern Menschen, mit Erleuchtung des Verstandes und Reinigung des Herzens, nichts zu tun: die Christliche hingegen wird auch dann, wenn sie sich zu einer öffentlichen Staatsreligion organisiert, immer noch auf das Wesentliche des ersten Instituts, auf Stärke und Reinheit des Glaubens und Heiligkeit des Lebens, Anspruch machen; nur freilich mit dem Unterschied, daß jene in leere Formeln, diese in äußerliche Übungen, und bei denen, die es aufrichtig und ernstlich meinen, in Aberglauben und Schwärmerei sich verwandeln werden. Eine Staatsreligion, die einer Anzahl von hundertundzwanzig bis –dreißig Millionen Menschen zur ersten bürgerlichen Pflicht macht, sich als Bürger eines unsichtbaren Reichs Gottes zu betrachten, und durch Rechtgläubigkeit und Heiligkeit, als die einzigen Bedingungen einer ewigen Höllenpein zu entgehen, sich den Eingang in ein künftiges Leben voller Wonne und Herrlichkeit zu verschaffen, eine solche Staatsreligion muß freilich eine ganz neue, zuvor unerhörte, von keinem Gesetzgeber jemals nur geträumte oder geahnete Ordnung der Dinge hervorbringen; eine Ordnung, die zwar, insofern sie die ganze bisherige Welt, so zu sagen, auf den Kopf stellt, Unheil genug anrichten, aber gleichwohl, weil sie eine große sittliche Verbesserung der Menschheit bezweckt, und (wiewohl auf eine noch sehr unvollkommne Art) bewirkt, immer ein starker Schritt vorwärts sein, und künftigen zweckmäßigern Einrichtungen den Weg bahnen wird. Von dieser neuen Ordnung der Dinge aber ist die Hierarchie, die ich der künftigen Christlichen Welt weissage, eine so notwendige Bedingung, daß ich mir jene ohne diese gar nicht denken kann. Wie groß und mannigfaltig also auch die mit dieser Hierarchie verbundenen Übel sein mögen, und wenn sie sogar selbst ein Übel wäre, so ist sie ein notwendiges Übel: ohne sie könnte weder die neue Ordnung der Dinge, noch die Organisierung des Christentums zu einer öffentlichen Volksreligion, noch die Abschaffung des alten Götterdienstes, jemals zu Stande kommen. Indessen sehe ich auch nicht, warum eine Priesterregierung an sich schlimmer als eine andre sein sollte; und in der Tat scheint das schlimmste, was von ihr gesagt werden kann, nur alsdann Statt zu finden, wenn sie sich (wie in dem künftigen Christlichen Reiche wahrscheinlich der Fall sein wird) dem bereits im Besitz der höchsten Gewalt stehenden Regenten an die Seite setzt, und einen Staat im Staat ausmacht. Denn wiewohl die so genannten Aufseher der Christianer das Ansehen werden haben wollen, als ob ihr Regiment bloß geistlich sei, und die Staatsbürger, nur insofern sie auch Bürger des himmlischen Reichs sind, ihrer Gerichtsbarkeit unterworfen seien: so sind doch die Verhältnisse dieser, in einer und eben derselben Person vereinigten, ungleichartigen Bürgerschaften so verwickelt, daß die Grenzen der beiden Gerichtsbarkeiten fast immer zusammen fließen, und also häufige Kollisionen der geistlichen und weltlichen Gewalthaber unvermeidlich sein werden; da es denn nicht fehlen kann, daß, so lange die neue Volksreligion noch mit ihrer ganzen Energie auf die Gemüter wirkt, die Popularität der erstern ihnen nicht ein Übergewicht geben sollte, dessen sie sich nicht immer mit Mäßigung bedienen werden.

Wie groß aber auch der Mißbrauch sein mag, den die künftige Christliche Hierarchie und Theokratie von ihrem Übergewichte machen kann und wird, so sehe ich doch im Schoß der nächst kommenden Jahrhunderte eine Weltbegebenheit reifen, die ohne dasselbe die größte Kalamität sein würde, die das menschliche Geschlecht je betroffen hat.

Es fällt einem nachdenkenden Beobachter der Zeit nur zu sehr in die Augen, daß das Römische Reich sich seinem Verfall nähert, und daß die größten Teils noch unpolicierten barbarischen Völker, die den Norden von Europa und Asien inne haben, sich immer näher an uns andrängen, und immer mehr über uns gewinnen. Etliche kluge und tapfre Regenten werden dem reißenden Strom Einhalt tun; aber auch nur zu bald werden auf sie folgende wahnsinnige Tyrannen, oder schwache und übel beratene Fürsten, den Umsturz des aus so vielerlei Ursachen nicht länger haltbaren Kolosses beschleunigen. Die schönsten Provinzen von Europa, Asien und Afrika werden nach und nach von jenen rohen Skythischen, Gotischen und Germanischen Horden überschwemmt werden. Alles wird dem unwiderstehlichen Eindringen dieser neuen Titanen weichen müssen, gegen deren gewaltige, rauhe, aber von unverdorbenem Blute geschwellte Riesenkörper und Herkulische Naturen die mutlosen, von Weichlichkeit und Ausschweifungen aller Art entmannten Römer sich selbst wie Heuschrecken vorkommen werden. Die Eroberer werden von den Ländern der Schwächlinge Besitz nehmen, und sie mit einem neuen, kraftvollen und dauerhaften Geschlecht von Menschen anfüllen, durch welche (was jetzt am meisten not war) vorerst der physische Teil der Menschheit wieder hergestellt werden wird. Aber diese Barbaren sind größten Teils noch bloße Naturmenschen, wild und ungebändigt, wie die Tiere der ungeheuern Wälder und Gebirge, aus denen sie hervorbrechen, ohne Künste, ohne Wissenschaft, sogar ohne die Elemente von beiden, mit Einem Worte, Menschen, wie diejenigen waren, die von unsern ältesten Gesetzgebern und Religionsstiftern in bürgerliche Gesellschaften vereinigt und humanisiert wurden. Wer wird nun den schönsten Teil des Erdbodens, die so viele Jahrhunderte durch Polizei, Künste, Wissenschaften, Gewerbe, Handlung und Schiffahrt angebaute, gebildete und verschönerte Welt, von den alles zerstörenden und zertretenden Fäusten und Fersen dieser Wilden retten? Was ehemals geschah, wird auch jetzt geschehen. Das Einzige, was solchen ungeschlachten Erdensöhnen imponieren kann, die Religion, ehemals die Stifterin der Humanität, wird jetzt ihre Retterin sein. Glücklicher Weise ist die neue Volksreligion der rohen Fassungskraft dieser sinnlichen Menschen eben so angemessen, als sie geschickt ist, ihre Wildheit zu zähmen, und sie allmählich das Joch der sittlichen Disziplin dulden zu lehren. Reiner und geistiger würde sie ihnen unverständlich und unbrauchbar sein; gerade so, wie sie dann sein wird, ist sie was sie sein muß, um mit Erfolg auf solche Menschen zu wirken. Aber Jahrhunderte werden vorbei gehen, bis diese in ungezügelter Freiheit von Krieg und Raub zu leben gewohnten Barbaren ihren alten Gewohnheiten entsagen, und sich in die Verhältnisse und Pflichten, Vorstellungsweisen und Sitten des bürgerlichen Gesellschaftsstandes fügen gelernt haben werden; Jahrhunderte, bis ihre Fürsten und Edeln den Künsten des Friedens die gebührende Achtung zu erweisen, ihren ungestümen Soldatentrotz durch Klugheit zu mildern, und ihres neuen Reichtums und Wohlstandes in Ruhe, mit Würde, Mäßigung und Geschmack zu genießen, gebildet genug sein; Jahrhunderte, bis sie in der großen Kunst, einen Staat zu regieren und blühend zu machen, nur einige Fortschritte getan haben werden. Wer wird, in dieser Zeit einer fast allgemeinen Zerrüttung und Verwilderung, der Ohnmacht der Gesetze, der Roheit und Unwissenheit der Regenten, der Vernichtung oder Stockung aller Federn, Gewichte und Räder der Staatsmaschinen zu Hülfe kommen? Wer dürfte sich zum Beschützer der Völker, zum Handhaber der Ordnung, zum Vormünder, und, wo es not tut, zum Richter und Zuchtmeister der Könige aufwerfen, und wer vermöchte es, als eben diese Hierarchie, die wir, von einer andern Seite betrachtet, so viel Unheil stiften sahen? In der Tat wird in diesen Zeiten sie allein im Besitz der Mittel sein, sich um die Menschheit ein so großes Verdienst zu machen, und du wirst mir gerne glauben, daß es ihr, wiewohl nicht aus den reinsten Bewegungsgründen, am Willen dazu nicht fehlen wird. Ohne sie würde der policierteste Teil der Welt in eine vielleicht ewige Verwilderung versinken. Sie und ihre Priesterschaft allein werden die aus den Ruinen des Römerreichs hervorgehenden neuen Staaten mit Gesetzgebern und Gesetzauslegern, Räten, Richtern, Lehrern, Ärzten, usw. versehen; sie allein die Reste der Künste und Wissenschaften des Altertums, die dem Fanatism ihrer eignen Vorfahren entgingen, jetzt den Klauen der Barbarei entreißen, und zum Gebrauch einer bessern Zeit aufbewahren. Und wer anders, als ein mit der höchsten Gewalt im Himmel und auf Erden bekleideter, und von der allgemeinen Meinung mit unendlich furchtbarern Blitzen als unser armer Jupiter bewaffneter Oberpriester, hätte Ansehen genug, in so stürmischen Zeiten den Völkern von Zeit zu Zeit einige Ruhe, den Gesetzen und Verträgen einige Achtung, den Personen und ihrem Eigentum einige Sicherheit zu verschaffen, mächtige Verbrecher zur Strafe zu ziehen, und das gesellschaftliche Band unter dem unaufhörlichen Zusammenstoß unbändiger Leidenschaften, die alles mit der Schärfe des Schwerts zu entscheiden gewohnt sind, vor gänzlicher Auflösung zu bewahren?

Du siehst hieraus wenigstens die Möglichkeit, daß eine Zeit eintreten könne, wo die künftige Priester-Theokratie der Christianer, wie weit sie sich auch von dem Zweck und Sinn des primitiven Instituts zu entfernen scheint, durch die Kunst, ›den Stoff und die Formen desselben zur Nahrung eines neuen Aberglaubens, und diesen Aberglauben zu einem allgewaltigen Hebel ihres eigenen Ansehens und Einflusses zu machen‹, der Welt wohltätig werden könnte, und daß, in diesem Fall, die Summe der Übel, die durch sie verhindert oder erleichtert, und des positiven Guten, das durch sie bewirkt wurde, alles Böse, was sie stiften oder veranlassen kann, weit übersteigen würde.

Wenn ich richtig im Buche des Schicksals gelesen habe, so wird diese Zeit wirklich kommen; aber sie wird auch wieder ein Ende nehmen. Die Priesterregierung wird aufhören den Christlichen Völkern unentbehrlich zu sein; der Druck ihres Mißbrauchs wird endlich unerträglich werden; alles wird gegen sie aufstehen, und die Menschheit ihre Fesseln so lange schütteln bis sie abfallen. Ihr Jahrhunderte lang gefangen gehaltner Geist wird seine Kräfte wieder versuchen; neue Erfindungen und Entdeckungen werden vielleicht einen höhern Grad von Kultur und Aufklärung befördern, als das menschliche Geschlecht noch nie erreicht hat; diese Aufklärung wird sich wahrscheinlich auch über den Christianism verbreiten; seine Geschichte, seine wahren oder vorgeblichen Urkunden, seine vielfachen Verbildungen und Verunstaltungen, was an ihm wesentlich, und was bloß zufällig, lokal und temporär ist, wird einer scharfen aber unbefangenen Untersuchung unterworfen, und sein Jahrhunderte lang verkannter Geist schon allein dadurch wieder erkannt werden, daß man ihn von den alten Judaismen, in die er eingewindelt war, völlig los wickeln, und, da ihm doch zum Wirken ein Organ unentbehrlich ist, ihn eine allgemein verständliche Sprache reden lassen wird.

Doch – ich bin des Weissagens müde, lieber Hegesias, und werde, wiewohl etwas spät, gewahr, daß ich deine Geduld bereits auf eine zu starke Probe gesetzt habe. Es ist eine Schwachheit, die das hohe Alter mit der ersten Jugend gemein hat, daß wir nicht aufhören können, wenn wir von einem Gegenstande sprechen, der ein großes Interesse hat, und ich leugne nicht, daß ich in meinen schönen Traum, von dem, was die so humane, so herzerfreuende und herzerhebende, von aller Schwärmerei so reine praktische Theosophie jenes in seiner Art einzigen Lehrers der Menschheit sein und wirken müßte, wenn sie, ohne Einmischung fremdartiger Zusätze, zur allgemeinen Religion des Menschengeschlechts erhoben werden könnte, – vielleicht ein wenig mehr verliebt bin, als einem weisen Mann in meinen Jahren ziemt. Es ist Zeit aufzuhören. Laß mich also nur dies Einzige noch hinzu setzen: Eben deswegen, weil jene Theosophie, in ihrer lautersten Reinheit gedacht, das höchste Ideal der moralischen Güte und Vollkommenheit der menschlichen Natur ist, kann ihre heilsame Einwirkung auf das tiefverderbte Menschengeschlecht nicht anders als langsam, und, aus einem niedrigen Gesichtskreise betrachtet, fast unmerklich sein. Aber sie ist auf die Dauer eines unsterblichen Geschlechts berechnet, auf eine Folge von Zeiten, in welcher vielleicht ein Jahrtausend nicht mehr als im Leben der Sterblichen ein einzelner Tag ist. Der Zeitpunkt, wo sie ihre ganze Wirkung getan haben wird, gleicht vielleicht dem Mittelpunkt im unendlichen Zirkel des Hermes, und rückt immer weiter zurück, je mehr wir uns ihm nähern. Genug, daß wir nun ohne Aufhören vorwärts schreiten, und von der Zeit an, da dies Licht über die Menschheit aufgegangen sein wird, ein wirklicher Rückfall in die alte Finsternis nicht mehr möglich ist.«

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