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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Ich sagte, Christus habe keine vollständige Vorschrift dessen, was seine Nachfolger für wahr anzunehmen hätten, kein eigentliches Glaubensformular hinterlassen. Alles war bei ihm praktisch, nichts Spekulation: es kam darauf an, den Willen des Vaters, den er als bekannt voraussetzte, wirklich zu tun; Gott über alles, die Menschen als sich selbst zu lieben; nicht spitzfindige Untersuchungen über das Wesen Gottes und über den ersten Grund und die äußersten Grenzen des Rechts und der Pflicht anzustellen. Von diesem Wege haben die Christianer ziemlich bald angefangen sich zu entfernen, und ich höre, daß sie sich wegen Verschiedenheit der Meinungen über Dinge, worüber vernünftige Menschen gar keine Meinung haben, bereits in mehrere Sekten gespaltet haben, die einander wechselsweise für irrgläubig erklären, und mit großer Bitterkeit verdammen und verfolgen. Einige von ihnen, die sich, weil sie von den übersinnlichen und göttlichen Dingen mehr als andre wissen wollen, Gnostiker nennen, haben bereits die Fragen, was Christus eigentlich sei? wie und in wie fern er Gottes Sohn sei? ob nur der erste unter den Erschaffnen, oder wirklicher Gott? usw. auf eine Art zur Sprache gebracht, die leicht voraus sehen läßt, daß die Streitigkeiten und Spaltungen, welche sich über diese und eine Menge ähnlicher Fragen, wozu es ihnen an Stoff nicht fehlt, erheben werden, nicht eher aufhören können, bis eine große Staatsrevolution die höchste Gewalt in die Hände der Christianer gelegt, und eine der streitenden Parteien es in ihre Macht bekommen haben wird, die übrigen mit Hülfe des weltlichen Arms zu unterdrücken. Je mehr Anhänger das Christentum unter den subtilen, von Alters her sophistischen und disputiersüchtigen Griechen gewinnt, desto mehr wird dieser vorwitzige Geist der Spekulation über unbestimmbare und unbegreifliche Dinge, die Wut recht zu behalten, und die Anmaßung andere zu unsrer Meinung zu nötigen, unter diesen Leuten überhand nehmen, so daß die Bruderliebe unter dem Gezänk über die Glaubenslehren oft sehr ins Gedränge kommen wird. Denn das schlimmste ist, daß sie – aus Verwirrung dessen, was ihr Stifter bei dem Worte Glauben dachte, mit dem Begriff, den sie damit verbinden – jeden Irrtum in Glaubenssachen für verdammlich, und die Beharrlichkeit bei einer Überzeugung, die ihnen irrig scheint, für ein sakrilegisches Verbrechen erklären, welches sie, sobald sie die Macht dazu haben, aufs strengste zu bestrafen nicht ermangeln werden. Das Unheil, das durch diese schwerlich jemals beizulegenden Fehden zwischen Rechtgläubigkeit und Irrgläubigkeit dereinst über die Christliche Welt kommen wird, ist unübersehbar. Je größer die Autorität ihrer Aufseher und Lehrer alsdann sein wird, desto schrecklicher wird diese bisher nie gekannte Pest wüten; und wenn dann noch vollends schwachsinnige oder tyrannische Fürsten auf den unglücklichen Einfall kommen sollten, sich in diese heillosen Händel zu mischen und Partei zu nehmen, so würde man nur zu oft, um einer spitzfindigen Distinktion, oder um eines beiden Parteien unverständlichen Wortes willen, Ströme Bluts fließen, und blühende Städte und Provinzen, von heiligen Bürgerkriegen verheert, Gott und seinem Christ zu Ehren in Einöden verwandelt sehen.

Ich wünsche, daß meine Phantasie diese Greuel der Zukunft um vieles übertrieben haben möge: aber ich sehe nur zu große Ursache das Gegenteil zu besorgen, wenn ich bedenke, zu welchem Grade von Ansehen, Einfluß und Macht die künftige Priesterschaft der Christianer sich empor zu schwingen wissen wird. Denn, glaube mir, Priester werden sie haben, wie sie Tempel haben werden; wiewohl weder diese noch jene dem Sinn und Zweck ihres Meisters gemäß sind. Die ganze Anlage zu einer künftigen Hierarchie ist bereits in den verschiedenen Abstufungen der gegenwärtigen Vorsteher und Diener ihrer Ekklesien sichtbar. Schon jetzt ist die Ehrfurcht vor den Aufsehern (Episkopen), und der Glaube an die Heiligkeit, Unfehlbarkeit und geistliche Gewalt dieser vermeinten Stellvertreter des Herrn beinahe grenzenlos. Was wird erst werden, wenn unter einem zum Christentum sich bekennenden Autokrator die allgemeine Ekklesia über das Reich der Dämonen (die alte Religion und ihre Anhänger) triumphiert haben wird? Sollten sie sich wohl alsdann, wenn die Umstände ihnen nur einiger Maßen günstig sind, an den Schlüsseln des Himmelreichs, die ihnen (ihrem Vorgeben nach) anvertraut sind, genügen lassen, und sich derselben nicht vielmehr, zu größrer Ehre Gottes, klüglich zu bedienen wissen, um, so viel möglich, alle Gewalt im Himmel und auf Erden an sich zu ziehen? – Wenn du den Priestergeist kennst, so denke hiervon – was du kannst: so viel bleibt immer gewiß, daß, das alte Ägyptische und Jüdische Priestertum ausgenommen, kein anderes, zu einem so hohen Ziel zu gelangen, größere Vorteile in Händen gehabt hat, als das Christliche. Denke dir nun noch, zu allem Überfluß, einen Kaiser, der die Unterstützung der Christianer gegen eine noch nicht ganz unterdrückte Gegenpartei nötig hat, oder vor Verlangen brennt, ihnen seine Dankbarkeit für bereits geleistete treue Dienste zu zeigen, und sie – zu noch größern aufzumuntern; oder einen andern Fürsten, der für nötig hält, der Macht der Großen seines Reichs durch Vergrößerung des Ansehens und der Einkünfte des Priestertums ein Gegengewicht zu geben: so wirst du um so leichter begreifen, wie es möglich wäre, daß die künftigen Nachfolger dieser Aufseher, die gegenwärtig noch eine sehr demütige Rolle spielen und nur für die Diener der Diener Gottes angesehen sein wollen, dereinst eine sehr vornehme Figur in dieser von den Christianern jetzt so sehr verachteten und mit Füßen getretenen Welt machen könnten. Doch sie bedürfen solcher günstigen Zufälle von außen nicht einmal; ihre geistliche Gewalt, der goldene Schlüssel des Himmels und der eiserne der Hölle, die in ihren Händen sind, die Macht Sünden zu vergeben oder vorzubehalten, das Recht zu entscheiden was man glauben soll und lehren darf, die unumschränkteste Herrschaft über den Verstand und die Gemüter der Gläubigen, das Recht die Vernunft schweigen zu heißen, und ihre Entscheidungen dem Gewissen selbst bei Strafe zeitlicher und ewiger Verdammnis aufzudrängen, – wahrlich, wer im Besitz einer solchen Macht steht, – einer Macht, die ihm durch alles was dem Volke heilig ist garantiert wird, und die ihm der größte Monarch sogar nicht streitig zu machen wagt, – der kann was er will, und man ist ihm noch Preis und Dank schuldig, wenn er sich seiner Übermacht mit einiger Mäßigung bedient.

Sollte es wohl in der menschlichen Natur sein, wenn man das Ziel so nahe vor sich sieht, freiwillig stehen zu bleiben? Ich denke, nein. Mein Genius müßte mich sehr betrügen, oder die Priester der Christianer werden unsern Nachkommen dereinst etwas zeigen, was die Welt noch nie gesehen hat: – einen Priester, der gleichsam der sichtbare Gott auf Erden ist; vor dem alle Völker mit ihren Fürsten die Kniee beugen; der sich, kraft seines Oberpriestertums, der wirklichen Oberherrschaft über den Erdboden und den Ozean (was in gewissem Sinne mehr sagt, als im Himmel und auf Erden) anmaßt, und dem sie, wenigstens von einem großen Teile des menschlichen Geschlechts, zugestanden wird; der Könige einsetzt und absetzt, große Reiche nimmt und gibt wem er will; kurz, und um alles auf einmal zu sagen, der sogar über seine geistlichen Brüder und Söhne, die übrigen Aufseher und Priester, eine eben so unumschränkte Gewalt ausübt, als über die gemeinen Menschen.

Sollte mich meine Einbildungskraft auch hierin über die Grenzen des Möglichen führen? Das wolle der Himmel! Denn in Wahrheit, wenn ich recht diviniere, so stehen der Menschheit von dieser Christlichen Theokratie – die gewiß das Reich Gottes nicht ist – unbeschreibliche Übel aller Art bevor. Eine so grenzenlose Macht, eine so übermenschliche Würde kann kein Sterblicher weder ertragen noch behaupten. Welche Verbrechen, welche Greuel würde der Mißbrauch einer solchen Gewalt, – wie viele Verwirrung im bürgerlichen Leben, welche auf Tod und Leben kämpfende Faktionen, welche heilige Kriege würde die notwendig von Zeit zu Zeit ausbrechende Ungeduld der Monarchen, ein so unleidliches Joch zu tragen, in der Christlichen Welt nach sich ziehen! Und zu welcher tiefen Sklaverei müßte unter der willkürlichen Oberherrschaft eines Priesters, der in dieser und jener Welt verdammen könnte, der menschliche Geist, dessen Element Freiheit ist, nach und nach herunter sinken!

Wenn ich mich nun vollends in die Folgen, die das alles für die Moralität der künftigen Christianer haben wird, einlassen wollte, welche traurige Gemälde hätte ich dir noch aufzustellen! welche Verdunklung der klärsten Begriffe des allgemeinen Menschenverstandes! welche Zerrüttung des moralischen Sinnes! welche Vermengung des Heiligen mit dem Profanen! Du würdest Wahrheit als Irrtum und Verbrechen bestraft, verderbliche Grundirrtümer zu unzweifelhaften Wahrheiten erhoben, die Vernunft unter die Füße des blinden Glaubens getreten, Laster zu Tugend, Verbrechen zu verdienstlichen Handlungen, Wahnsinn und Aberwitz zu Gegenständen der öffentlichen Verehrung gestempelt sehen, und deine Augen mit Ekel und Unwillen von dem häßlichen Anblick wegwenden. Aber es mag an diesem Wenigen genug sein. –«

Ich. »Dieses Wenige ist sehr viel, bester Apollonius, und du hast mir darin einen reichhaltigen Stoff zum Nachdenken auf mein ganzes Leben gegeben.«

Apollonius. »Ich werde dir die Sache vielleicht über alle Grenzen der Wahrscheinlichkeit zu treiben scheinen; – aber ich halte es nicht für unmöglich, oder vielmehr ich traue es dem leidenschaftlichen, die Folgen wenig berechnenden Eifer der Christianischen Priesterschaft zu, daß sie – künftig, wenn ihre Zeit gekommen sein wird, teils aus Gefälligkeit gegen die Vorurteile und Gewohnheiten der neubekehrten oder herbeizulockenden Abgötter, teils um ihrem eigenen Gottesdienst mehr Anziehendes für Sinne und Einbildungskraft zu geben, und es den Ethnikern (wie sie uns nennen) durch die Menge und den Pomp ihrer Feste und feierlichen Aufzüge noch zuvorzutun, teils um ihr eigenes Ansehen und ihre Gewalt über die Gemüter des Volks noch mehr zu befestigen, – sogar den Dämonism und Magism – d. i. gerade das, was Christus zu zerstören gekommen war – unter einer neuen, ihrem Lehrbegriff angepaßten Gestalt und Einkleidung, in das Christentum wieder einzuführen fähig sein könnten. Die abergläubische Verehrung, die sie schon jetzt den Gebeinen ihrer so genannten Märtyrer erweisen, macht es mir sehr begreiflich, wie sie stufenweise mit der Zeit endlich so weit gehen könnten, den Monarchen des Himmels mit einem Hofstaat von Heiligen aus ihrem Mittel zu umgeben, ihre Tempel mit den Bildern dieser neuen Art von Schutzgöttern anzufüllen, und, um dem Monarchen selbst nicht mit ihren Bitten und Gelübden beschwerlich zu fallen, sie an seine vermeinten Minister und Höflinge, und zuletzt sogar an ihre Bilder, als eine Art magischer, mit den unsichtbaren Urbildern im Himmel korrespondierender Talismane, zu richten, diese Bilder mit Votivtafeln zum Dank der durch sie empfangnen wunderbaren Gnaden zu behängen, und, mit Einem Wort, alle die abergläubischen Ungereimtheiten, die den dämonistischen Religionen zum Vorwurf gereichen, in den Schoß der ihrigen zurück zu rufen.

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