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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

Dies, lieber Hegesias, ist das Wesentlichste, was ich von dem Ursprung und der innern Verfassung der Christianer bisher zu erfahren Gelegenheit hatte. Wie viel auch zur Vollständigkeit daran fehlen mag, so ist es doch mehr als hinlänglich, dir zu zeigen, wie sehr sie sich von allen übrigen Menschen, die in ihrer Sprache verachtungsweise unter dem Namen Welt begriffen werden, unterscheiden. Denn du wirst aus meiner Erzählung bemerkt haben, daß sie für alles, was an ihnen charakteristisch ist, entweder neue Wörter oder neue Bedeutungen der alten erfunden, und sich überhaupt an eine Menge sonderbarer figürlicher Redensarten gewöhnt haben, welche zusammen genommen eine eigene Sprache ausmachen, die den Profanen ohne einen besondern Schlüssel unverständlich ist, und weit mehr, als man meinen sollte, zur Befestigung und Ausbreitung ihrer Sekte beiträgt. Und nun sage mir, was meinst du, was, bei so bewandten Sachen, aus diesen Leuten werden, oder (um mich in ihrer Manier auszudrücken) was dieser Baum für Früchte bringen wird?«

Ich. »Wenn du selbst, ehrwürdiger Apollonius, mir deine Meinung davon nicht bereits zu erkennen gegeben hättest, so würde ich sagen, daß ich wenig oder nichts von ihnen erwarte. Da sie im Lauf von sechzig Jahren, ohne es selbst zu merken, schon so weit von dem Pfade ihres ersten Führers abgekommen sind, wie weit werden sie sich erst in fünf oder sechs Generationen von ihm verirret haben! Je zahlreicher die Sekte wird, desto mehr muß die Einfalt und Lauterkeit ihrer ersten Glieder abnehmen; je mehr ihr Institut an Form gewinnt, desto weniger wird es von dem Geiste des Urhebers übrig behalten. Formulare, Symbole und Gebräuche abgerechnet, werden ihre Nachkommen unvermerkt wieder werden wie andere Menschen, und in weniger als zweihundert Jahren dürfte leicht von den ersten Christianern nichts als der Name übrig sein. So, dünkt mich, bringt es die Natur der Sache, oder vielmehr die menschliche Natur mit sich, die über jedes ihr entgegen strebendes Institut mit der Zeit immer die Oberhand behält. Wenn also unsre Priester und Obrigkeiten nur so weise sind, von diesen guten frommen Schwärmern und ihren harmlosen theurgischen Mysterien keine Kenntnis zu nehmen – was von der natürlichen Toleranz des Polytheism billig zu erwarten ist –, so müßte, sollt ich denken, auch diese Schwärmerei das Schicksal aller übrigen haben, und man wird von den Christianern in vierzig bis funfzig Olympiaden nicht mehr reden hören, als von den Orphikern oder den ehemaligen Therapeuten in Ägypten, deren Institut mir (im Vorbeigehen zu sagen) dem Christianischen so ähnlich scheint, daß es ihm wohl gar zum Muster gedient haben könnte. Aber, wie gesagt, in diesem, wie in allem andern, wird dein Urteil mir immer mehr gelten als mein eigenes.«

Apollonius. »Nicht so, Freund Hegesias! Die menschlichen Dinge können und sollen von mehr als Einer Seite betrachtet werden. Es ist, denke ich, viel Wahres in der Vorstellung, die du dir von der zunehmenden Abartung der Christianer machst; nur die Folgerung, die du daraus ziehst, scheint mir unrichtig zu sein. Höre die Gründe, warum ich über diesen Punkt anders denke. Ohne Zweifel kam die Gleichgültigkeit des Polytheism gegen alle Arten von Religionen, die sich mit ihm vertragen, anfangs den Christianern sehr zustatten, und würde ihnen noch ferner zum Schirme dienen, wenn sie nicht die Obrigkeit durch ihren Ungehorsam gegen das Verbot geheimer Zusammenkünfte, und die Priester durch ihre Unduldsamkeit gegen den noch herrschenden Götterdienst, wider sich aufreizten, und sich dadurch von Zeit zu Zeit wohl verdiente Bestrafungen zuzögen, die in ihrer Sprache Verfolgungen heißen, aber, im Ganzen genommen, bisher von geringer Bedeutung und noch geringerer Wirkung gewesen sind. Indessen ist nicht zu leugnen, daß gewöhnlich allenthalben, wo die kaiserlichen Befehlshaber und Beamten so klug und menschlich sind, durch die Finger zu sehen, und die Angeber vielmehr abzuschrecken als zu begünstigen, auch die Christianer an ihrem Teile sich ziemlich ruhig zu verhalten pflegen, und, nach dem weisen Rat ihres Meisters, Schlangenklugheit mit Taubeneinfalt zu paaren suchen. Auf der andern Seite ist mehr als wahrscheinlich, daß die Halcyonischen Tage, die das bevorstehende Jahrhundert unter der Regierung Trajans und seiner ersten Nachfolger zu erwarten hat, der Ausbreitung dieser neuen Religion (die aus den vorangeführten Ursachen notwendig immer schneller und weiter um sich greifen muß) günstig sein werden. Aber die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge wird, in längerer oder kürzerer Frist, wieder Tyrannen, oder schwache, wollüstige und der Weltregierung nicht gewachsne Fürsten auf den Thron der Cäsarn setzen. Das ungeheure Römerreich nähert sich unvermerkt seinem Verfall, und muß zuletzt unter seiner eigenen Last zusammen stürzen. Glaubst du, daß die Christianer, die indessen zu mehrern Millionen angewachsen sind, müßige Zuschauer dabei abgeben werden? Ich glaub es nicht. Ihre Religion, die, je weiter sie sich von dem milden, humanen Enthusiasm des Stifters entfernt, desto mehr von dem ausschließlichen unduldsamen Fanatism des alten Judentums in sich aufnimmt, wird ihnen dann zugleich das Ziel ihrer Bestrebungen zeigen, und die Mittel es zu erreichen in die Hand geben. Der Christ (so sagen sie schon jetzt) ist in die Welt gekommen, die Feinde Gottes, die bösen Geister, die sich von den betörten Menschen auf dem ganzen Erdboden als Götter anbeten lassen, zu bekämpfen, ihre Werke zu zerstören, und das Reich Gottes und seines Gesandten auf den Trümmern des ihrigen zu errichten. Jeder, der sich zu ihm bekennt, ist ein Kämpfer in diesem heiligen Kriege. Glücklich, wer die Zeit des Triumphs erleben wird; noch glücklicher, wer sein Leben für die Sache Gottes aufopfert. Der Krieg, in den sie angeworben sind, ist ein Vertilgungskrieg, und muß sich also, da der Allmächtige auf ihrer Seite ist, oder vielmehr seine eigene Sache durch sie führt, notwendig mit dem Untergang seiner Feinde endigen. Heißt dies, in unsre Sprache übersetzt, etwas anders als: die Christianer dürfen und werden nicht eher ruhen, bis ihre Religion die allein herrschende ist, und den Polytheism gänzlich verschlungen hat? – Aber wie könnte dies jemals geschehen, so lange die Abgötter im Besitz der höchsten Gewalt im Staate bleiben, die Gesetze den Götzendienst und seine Priester mit ihrer ganzen Macht schützen, und der Kaiser selbst der oberste Priester Jupiters ist? – Die höchste Gewalt muß also über lang oder kurz, es koste was es wolle, in die Hände der Christianer gespielt werden, – und, glaube mir, Hegesias, so wenig es auch jetzt noch das Ansehen hat, daß sie mit so großen Dingen umgehen, dies ist schon jetzt das wahre Geheimnis, das eigentliche unaussprechliche Wort ihrer Mystagogen, deren große Mehrheit, bei aller ihrer anscheinenden Demut, und bei aller Verachtung der irdischen Dinge, mit welcher sie jetzt ihren Stolz befriedigen, die Zeit kaum erwarten kann, da der Triumph ihrer Partei sie in den Besitz des Ansehens, der Einkünfte und der reichen Tempelgüter unsrer Priester setzen wird. Diese Zeit wird kommen, Hegesias; ich sehe sie im Geist; ich glaube sogar einen Teil der Umstände, welche sie herbei führen werden, vorher zu sehen: und wenn ich mich auch hierin täuschte, in dem Haupterfolg kann ich mich nicht täuschen; dafür bürgt mir der mächtige Genius, der das Christentum gegen seine Feinde und Freunde schützt, der es nie unterliegen lassen, sondern gerade dann, wenn es seinem Untergang am nächsten zu sein scheint, gleich seinem Stifter wieder erwecken, und in reinerm Glanz als jemals über die Menschheit, die es zu veredeln und zu beglücken bestimmt ist, aufgehen lassen wird.

Aber durch wie viele Veränderungen, Umwandlungen, Verbildungen und Entweihungen, durch welche Stürme, Gefahren, Erschütterungen und Katastrophen wird es gehen, bis es seine ganze Bestimmung erfüllt hat, wenn es anders in der unendlichen Folge der Zeiten einen solchen Punkt gibt! Von wie vielem Unheil und Jammer, von welchen Verbrechen und Greueln wird es bald die Veranlassung, bald der Vorwand, bald der Deckmantel sein! Wie oft wird der Kurzsichtige sein wohltätiges Licht von der dicksten Finsternis verschlungen sehen! Wie tief wird es oft unter sich selbst herunter gesunken zu sein, und seinen großen Zweck gänzlich verfehlt zu haben scheinen!

Es war (wie du sehr richtig bemerkt hast) unmöglich, daß der ursprüngliche Geist des Christianism, indem er von Christus selbst in seine unmittelbaren Anhänger, von diesen in die ersten Gemeinen, und so immer weiter von den Juden zu den polytheistischen Völkern, und von der ersten Generation zur zweiten und dritten überging, nicht unvermerkt von seiner Lauterkeit hätte verlieren sollen. Das Göttlichste wird menschlich, sobald es sich Menschen mitteilt; und die aufrichtigste Sinnesänderung kann einen verderbten Menschen nicht so gänzlich umschaffen, daß nicht eine Anlage zu neuer Verderbnis übrig bleibe. Es war leicht, zu einem neubekehrten Syrer, Asiaten, Griechen, Römer, Gallier usw. und, unter allen diesen so verschiedenen Völkern, zu einem Sklaven, Freigelaßnen, oder Freigebornen von niedrigeren oder höherm Stande, schlechter oder besser erzogen, mehr oder weniger gebildet oder verbildet, mit mehr oder weniger natürlicher Anlage zu einer edlen Sinnesart, mit mehr oder minder hartnäckigen Vorurteilen und bösen Gewohnheiten behaftet, – es war ein leichtes, zu allen diesen so ungleichartigen Menschen zu sagen: › Seid gesinnt wie Christus gesinnt war.‹ Um gesinnt zu sein wie Er, müßte man er selbst sein. Wer es unternahm, seinen göttlichen Sinn, seine einfältig erhabene Theosophie, seinen Glauben, seine Liebe, seine reinen anspruchlosen Tugenden in solche Menschen zu verpflanzen, glich einem Gärtner, der die Früchte eines reichen Bodens und einer glühenden Sonne unter einem kalten Himmel in einem undankbaren Boden erziehen will: sie werden gar bald aus der Art schlagen, und, wo es auch am besten gelingt, doch nie zu der Güte und Vollkommenheit derjenigen gelangen, die in ihrem angebornen Klima reiften; sie werden diesen mehr oder weniger an Gestalt, Farbe, Geruch und Geschmack ähneln, aber an Geist und Kraft immer weit unter ihnen bleiben. – Doch dabei wollen wir uns, da es Natur der Sache ist, nicht länger aufhalten. Die Umgestaltung des primitiven Christentums zu einer ausschließlich herrschenden Volks- und Staatsreligion wird noch besondere, zuvor unbekannte Übel teils herbei führen, teils zur Begleitung haben, die mir für eine Reihe künftiger Jahrhunderte eine traurige Aussicht geben. Das menschliche Geschlecht, zu dessen Befreiung Christus erschienen war, wird von seinen vorgeblichen Bevollmächtigten in neue Fesseln geschlagen werden. Statt des Lichts, das über die Welt aufgehen sollte, wird sich eine fast allgemeine langwierige Finsternis über sie verbreiten, und statt der Humanität, zu welcher die ausgearteten Menschen gleichsam wiedergeboren werden sollten, werden sie in eine noch größere Barbarei und Verwilderung zurück fallen, als die, woraus unsre alten Gesetzgeber unsre Voreltern gezogen haben. Aber gegen alle diese Übel trägt das Christentum auch Heilkräfte in seinem Schoße, die immer, so oft es Zeit sein wird, ihre Wirkung tun, und das, was ich von der wohltätigen Tendenz und unzerstörbaren Natur desselben gesagt habe, rechtfertigen werden.

Ich hätte Tage lang zu reden, wenn ich dir hierüber alles sagen wollte, was mich ein durch so lange Beobachtung der menschlichen Dinge geschärftes Divinationsvermögen mit einer Art von Gewißheit voraus sehen läßt. Es sei also zur Probe an folgendem genug.

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