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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Aber es kam noch ein Umstand hinzu, der seiner innerlichen Überzeugung, daß er von Gott unmittelbar zum Heil der Welt unter die Menschen gesandt sei, ein mächtiges Gewicht von außen zulegte. Die alten Propheten der Juden, die bei diesem Volke für unmittelbar von Gott getriebene Verkündiger seines Willens galten, hatten ihrem Volke, in den Zeiten seiner tiefsten Demütigung, einen künftigen Erlöser und Wiederhersteller des Reichs Davids, aus dem Geschlechte dieses größten ihrer ehemaligen kleinen Könige, vorher verkündigt, der, als unmittelbarer Repräsentant ihres Gottes, alle Völker der Erde unter seinem gerechten und friedsamen Zepter vereinigen, aller Fehde und Not ein Ende machen, und den lieblichen Traum der goldnen Zeit, womit das Menschengeschlecht die Gefühle seiner gegenwärtigen Beschwerden und Leiden von jeher so gern eingeschläfert hat, auf dem ganzen Erdboden realisieren werde. Sie hatten ihre Gemälde von diesem allgemeinen Reich Gottes mit den prächtigsten und reizendsten Farben der Dichtkunst ausgemalt, und (wenigstens nach der Meinung der Juden) die Person des zukünftigen Weltbefreiers durch eine Menge besonderer Züge und Umstände seines Charakters und Lebens bezeichnet, ja sogar die Zeit seiner Erscheinung ziemlich genau angegeben. Diese Zeit schien nun herbei gekommen zu sein, und wurde von vielen, die mehr als andre sich auf die Ankunft des Gottgesandten zu freuen Ursache hatten, mit Sehnsucht erwartet. Sonderbarer Weise trafen so viele von den geweissageten Kennzeichen dieses Messias in der Person Jesus von Nazareth zusammen, daß er sich (wie es scheint) verbunden glaubte, auch diejenigen zu erfüllen, die von seiner Willkür abhingen. Überhaupt war in den Auslegungen der prophetischen Stellen, die auf den gehofften Weltbeglücker bezogen wurden, viel ungewisses und willkürliches; auch lassen diese Weissagungen, zusammen genommen, den Leser im Zweifel, ob das angekündigte Reich Gottes bloß von einem figürlichen geistigen Reiche der Wahrheit, Unschuld und Liebe, oder von Verbindung desselben mit einer sichtbaren Universalmonarchie zu verstehen sei. Jesus selbst scheint hierüber nicht völlig gewiß gewesen zu sein; aber da er keinen andern Willen haben wollte als seines Vaters, überließ er diesem die Leitung und Ausführung der Sache mit unbedingtem Vertrauen, und hielt sich selbst in den Grenzen des Amtes und der Verrichtungen, die ihm die Propheten vorgezeichnet hatten; daher auch seine grimmigsten Feinde, als sie ihn bei dem Römischen Unterstatthalter als einen Empörer, der sich zum König der Juden habe aufwerfen wollen, anklagten, so wenig zum Beweis dieser Beschuldigung aufbringen konnten, daß jener sich zu wiederholten Malen von seiner Unschuld überzeugt erklärte. Indessen scheint doch, da er von dem bösen Willen der Priester und Pharisäer gegen ihn immer stärkere Proben erhielt, und den Ausgang leicht vorher sehen konnte, kurze Zeit vor seiner Hinrichtung der Gedanke in ihm lebendig geworden zu sein, daß zu Erfüllung alles dessen, was von ihm geweissagt sei, eine zweimalige Erscheinung auf Erden, und also, nachdem er die Verrichtungen der ersten vollbracht, noch eine zweite nötig sei, um auch das sichtbare Reich Gottes, nach gänzlicher Zerstörung des Reichs der bösen Geister, auf Erden aufzurichten. Hieraus erklären sich verschiedene seiner auffallendsten Reden in den letzten Tagen seines Lebens, und man begreift um so leichter, wie er wirklich geglaubt habe, daß ihn Gott von den Toten erwecken, und dann auch das übrige, was von ihm geschrieben stehe, an ihm erfüllen werde. Dieser Glaube erhielt seinen Mut in der letzten schweren Probe, worauf er gesetzt wurde. Er benahm sich vor dem großen Rat der Juden und im Richthause des Römischen Prokurators mit Würde, Klugheit und Standhaftigkeit, und ertrug die grausamsten Mißhandlungen mit bewundernswürdiger Geduld und Ergebung; denn auch diese waren von ihm geschrieben, auch diese mußte der Messias leiden, und dadurch eben machte er den Beweis, daß er der Messias sei, vollständig, wenn er sich dem Willen seines Vaters, der ihm diese Prüfung auferlegte, mit stillem Gehorsam untergab. Nur am Kreuz scheint ihn endlich, im Augenblick der äußersten Krafterschöpfung, dieser Glaube – nicht an Gott, sondern an sich selbst – verlassen zu haben; und wiewohl kurz darauf, da er den Augenblick der Trennung der Seele vom Leibe zu fühlen glaubte, sein schönes Verhältnis zu Gott als seinem Vater sich wieder herstellte, so läßt doch sein letztes Wort mehr auf unbedingte Hingebung, als auf Gewißheit, daß das, was wirklich erfolgte, erfolgen werde, schließen.

Wie dem aber auch sei, so viel ist unleugbar, daß dieser Erfolg das ganze Schicksal des Christianism entschied. Wäre der Stifter desselben am Kreuze gestorben, ohne, nach seinem Versprechen, wieder aus dem Grabe aufzustehen, so würde sein angefangenes Werk, das nun durch andere fortgesetzt werden mußte, zugleich mit ihm gestorben sein, und in kurzem kaum eine Spur zurück gelassen haben. Seine Anhänger und Vertrauten hatten schon mit der letzten Katastrophe seines Lebens, nicht ihn zu lieben, aber an ihn zu glauben aufgehört. Sie hatten einen ganz andern Ausgang erwartet. – ›Wir hofften, (so läßt einer der Evangelisten sie selbst in ihrer Einfalt sagen) wir hofften, er wäre der, der unsre Nation in Freiheit setzen sollte; aber unsre Hohenpriester und Vorgesetzten haben ihn zum Tode verurteilt und gekreuziget.‹ – Alle ihre Hoffnungen und Aussichten, als seine nächsten Blutsfreunde und getreuen Anhänger ein glänzendes Glück in seinem Reiche zu machen, waren nun dahin; sie blieben nun was sie gewesen waren, arme verachtete Galiläische Fischersleute, auf die man spottend mit den Fingern wies, und die sich vor den Feinden ihres unglücklichen Meisters nicht sorgfältig genug verbergen konnten. Wie herzlich sie ihn auch betrauerten, seinen Kredit hatte er bei ihnen verloren; sein Tod am Kreuz hatte ihnen alle Nüchternheit des gemeinen Menschenverstandes wiedergegeben, die der gewöhnliche Zustand der Leute ihrer Gattung ist. Sie glaubten zwar nicht, daß er sie vorsätzlich habe täuschen wollen; aber sie glaubten, er habe sich selbst getäuscht; und daß er, nachdem es so weit mit ihm gekommen, vom Tode wieder auferstehen werde, kam ihnen so wenig in den Sinn, daß sie den Bericht der Weiber, denen der Auferstandene zuerst erschienen war, für Märlein hielten.

Indessen war er wirklich auferstanden, und zwar – was zur vollen Wirkung des Wunders schlechterdings notwendig war – indem er selbst und jedermann gewiß zu sein glaubte, daß er gestorben sei. Die Folgen dieses außerordentlichen Ereignisses waren notwendig von der größten Wichtigkeit für ihn selbst und die Seinigen. Der erstorbene Glaube der Letztern an ihn lebte nicht nur, sobald sie sich überzeugt hatten, daß Er lebe, auf einmal wieder auf; er bekam nun eine Festigkeit und Stärke, die von keinem Zweifel mehr angefochten, von keinen Vernunftgründen geschwächt, von keiner Furcht, Verfolgung noch Marter überwältigt werden konnte. Nun erst waren sie gewiß, daß der, den Gott von den Toten erweckt hatte, wirklich der vorher verkündigte Messias und Gottes Sohn sei; und das herrliche unvergängliche Reich, das er stiften werde, wie gering auch noch der Anschein dazu war, stand schon vor ihren Augen da. Der Auferweckte (der ohne Zweifel die Kürze der Zeit, die er noch benutzen mußte, fühlte) eilte, sie zu dem Geschäfte, wozu er sie nun förmlich berief, vorzubereiten. Da er jetzt selbst über den Zweck seiner Sendung mehr als jemals im klaren war, benahm er ihnen (was er schon ehemals, wiewohl fruchtlos, getan hatte) ihre irrigen jüdischen Vorstellungen von dem Reiche Gottes, in welches sie nicht mehr die Juden allein, sondern alle Völker in seinem Namen einladen sollten; erklärte ihnen den Sinn der darauf bezogenen Weissagungen, und belehrte sie über die wahre Beschaffenheit dieses Reichs und seiner Bürger, ohne ihnen doch die Hoffnung einer sichtbaren Theokratie auf Erden, an welcher sie so stark hingen, zu benehmen, wiewohl er die Erfüllung derselben auf eine unbestimmte Zeit hinaus setzte. Man läßt ihn noch verschiedenes sagen, dessen Echtheit mir ziemlich verdächtig ist; aber das Wesentliche des Auftrags, den die so genannten Apostel von ihm erhielten, – alle Menschen zur Wiederkehr zu Gott, oder zur Buße und Sinnesänderung, zum Glauben an ihn als den Gesandten Gottes, und zu einem seiner Lehre gemäßen unsträflichen Leben zu rufen, und ihnen unter dieser Bedingung die Vergebung ihrer Sünden und die Teilnehmung an allen himmlischen und ewigen Gütern, wozu sie als Gottes Kinder berechtiget seien, anzukündigen, – stimmt mit dem Begriff, den ich dir von dem Eigentümlichen seiner Lehre und seines persönlichen Charakters gegeben habe, zu wohl überein, um einem Zweifel Raum zu lassen, daß sie diesen Auftrag nicht wirklich von ihm empfangen haben sollten. Dahin gehört auch, wie mich dünkt, die Gewalt, die er ihnen über die bösen Geister gab, die Macht durch den Glauben an ihn Wunder zu tun, und das Versprechen, ihnen seinen Geist zu senden und unsichtbar immer bei ihnen zu sein bis ans Ende der Welt.«

Ich. »Ich bekenne unverhohlen, daß meine Philosophie sich an diese Begriffe, wenn es Begriffe sind, oder an diese Sprache, wenn es nur Sprache ist, nicht recht gewöhnen kann. Aber deine Meinung ist ja auch nur, mich mit den Christianern bekannt, nicht mich selbst zum Christianer zu machen, und diese Absicht ist bereits ziemlich erreicht.«

Apollonius. »Daran sollt ich beinahe zweifeln; aber es wird sich geben, wenn wir erst zur Übersicht des Ganzen gelangt sind.«

Ich. »Vorher erlaube mir nur Eine Frage. Was wurde aus dem Auferstandenen, nachdem er von den Seinigen Abschied genommen hatte?«

Apollonius. »Das ist mehr als ich beantworten kann. Die gemeine Meinung der Christianer ist, er sei vor ihren Augen auf einer Wolke gen Himmel gefahren.«

Ich. »In einer Ode laß ich das gelten; aber prosaisch von der Sache zu reden, –«

Apollonius. »Gib dich zufrieden, daß ich nicht mehr davon weiß, als zwei Evangelienschreiber, die bei seinem Abschied zugegen waren, und weder dieser, noch irgend einer andern Art, wie er sich den Augen der Seinigen entzogen habe, mit einem Worte gedenken.«

Ich. »Verzeih! Ich fühle daß meine Frage nicht zur Sache gehört. Weiß doch die Welt auch nicht, was aus Dir geworden sei, und trägt sich darüber mit den seltsamsten Sagen.«

Apollonius. »Genug, sein Lauf war vollendet – und von Ihm hab ich dir nichts weiter zu sagen. Daß ich nur der Wahrheit Zeugnis gab, da ich sagte: › Er sei der Mann wirklich gewesen, der Ich zu sein scheinen wollte‹, glaube ich hinlänglich dargetan zu haben. Laß uns nun sehen, wie es zuging, daß das Samenkorn, das er in die Erde legte, so schnell zu einem Baum empor wuchs.

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