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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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III.

Daß die Verdorbenheit der Sitten, und ihre Quelle, das Verderbnis des Herzens, die Gleichgültigkeit gegen das, was wahr und recht ist, die Verachtung alles dessen, was unsern Vorfahren heilig war, die über alle Grenzen der Mäßigung und der Natur selbst getriebene Wut nach tierischen Befriedigungen, der Egoism, der sich alles erlaubt und alles an sich zu ziehen sucht, und seine natürlichste Folge, ein durchgängiger Mangel an Humanität bei der größten Verfeinerung des Äußerlichen, unter den Großen und Reichen, und eine zu jedem Bubenstück bereitwillige Ruchlosigkeit bei dem größten Hang zum Aberglauben und Dämonism, unter dem gemeinen Volke – daß diese bis ins innerste Mark der Menschheit eingedrungene moralische Verdorbenheit zu unsern Zeiten in der ganzen zivilisierten Welt auf einen fürchterlichen Grad gestiegen sei, ist eine traurige Tatsache, die kein verständiger Mensch zu leugnen begehren wird. Was soll endlich aus einem solchen Zustande werden? ist eine Frage, wobei jeden nicht ganz gefühllosen Menschen ein Schauder überfällt. Wie kann geholfen werden? ist eine andere Frage, die auch den weisesten Mann in Verlegenheit setzt.

Die Gesetze und die Polizei, kaum noch vermögend das Ganze einiger Maßen zusammen zu halten, haben keine Kraft, diesen Übeln Einhalt zu tun, geschweige sie von Grund aus zu heilen. Selbst der beste Regent kann dem immer weiter und tiefer um sich fressenden Schaden nur mildernde und unsichere topische Mittel entgegen setzen.

Was die Philosophen, die seit vier bis fünf Jahrhunderten an der Verbesserung, Aufklärung und Veredlung der Menschen arbeiten oder zu arbeiten vorgeben, ausgerichtet haben, liegt am Tage. Ihr Wirkungskreis erstreckt sich nur auf eine verhältnismäßig sehr kleine Anzahl, und das beste, was sie bei dieser bisher gewirkt haben, geht selten über eine gewisse Verfeinerung und Abglättung des Verstandes und der Sitten hinaus. Wer durch sie besser wird, war vorher schon gut, und von einer durch Philosophie gewirkten eigentlichen Bekehrung oder Sinnesänderung ist nur ein einziges Beispiel bekannt. Nichts davon zu sagen, wie viel Schaden sie durch ihre Sophisterei und Meteoropolie angerichtet, immer bleibt gewiß, daß sie auf die niedrigern Volksklassen, d. i. auf den unendlich größern Teil der Menschen, entweder gar keine, oder eine verkehrte Wirkung tun. Bedenke, Hegesias, daß unter den hundertundzwanzig Millionen Menschen, die, nach dem geringsten Anschlag, das Römische Reich bewohnen, wenigstens achtzig Millionen Sklaven sind, die das Gesetz zwar der Vernunftrechte entsetzt hat, aber der menschlichen Natur nicht ganz berauben konnte, und die eben darum, weil ihnen nicht erlaubt ist Menschen zu sein, die verderbteste, schamloseste Klasse der Anthropomorphen ausmachen. Bedenke, daß diese so tief herabgewürdigten Halbmenschen in jedem Hause zur Familie gehören; daß die Freigebornen unter ihnen leben und ihre erste Bildung von ihnen erhalten; daß dem Herren und der Frau des Hauses alles über sie erlaubt ist, und daß sie ihr höchstes Ziel, die Mittelstufe zwischen Knechtschaft und Freiheit, gewöhnlich nur durch lasterhafte Gefälligkeit gegen die Leidenschaften – oder schlauen Mißbrauch der Schwachheiten – ihrer Gebieter erkaufen können: bedenke nur dies einzige, und du wirst das tiefe sittliche Verderben der zahlreichsten Volksklassen sehr begreiflich finden, und dich nicht wundern, daß die bisherigen Weltaufklärer und Sittenverbesserer diesem Übel nicht zu helfen vermochten.

Es bleibt also nichts übrig, als das Einzige, was beinahe auf alle Menschen, aber am stärksten auf die rohern, wenig gebildeten, unterdrückten, und, wenn sie ja noch fühlen, sich unglücklich fühlenden Klassen, wirken kann, die Religion. – Aber was für heilsame Einflüsse zu einer sittlichen Verbesserung, die nur durch Sinnesänderung bewirkt werden kann, dürfen wir uns von einer veralteten, durch die unsittlichste Mythologie profanierten, beinahe alles moralischen Gebrauchs beraubten, und auf bloße alt hergebrachte Zeremonien, heuchlerische Grimassen, und ungereimte, oder gar durch die Änderung der Zeiten und Sitten schandbar gewordene Gebräuche herabgesetzten polytheistischen Religion versprechen? – Ich will nicht wiederholen, was ich in unserm gestrigen Gespräch über diesen Gegenstand bereits gesagt habe. Unsre alte Volks- und Staatsreligion hatte unstreitig in der Zeit, für welche sie paßte, eine schöne Seite; aber daß wir uns mit dem, was davon übrig ist, nicht länger behelfen können, ist schon lange unter allen gesunden Köpfen ausgemacht.

Wenn irgend ein religiöser Volksglaube einen sittlichen Wert haben soll, so muß es den Menschen, die ihm zugetan sind, Religion sein, das verbotene Böse zu unterlassen und das Gute auch ungeboten zu tun. Dies war es, wozu unsre ältesten Gesetzgeber den Aberglauben der wilden oder halb wilden Menschen benutzten, die das ungewohnte Joch der bürgerlichen Verfassung tragen lernen sollten. Ihr politischer Bau ruhte größten Teils auf diesem Grunde. Seitdem die Furcht vor Jupiter, dem Rächer, verschwunden ist, seitdem kein Mörder die Schlangengeißeln der Erinnyen mehr auf seinem Rücken fühlt, seitdem unsre Götter bloße Bildsäulen sind, und sogar unsre Knaben des Tartarus und Pyriphlegethon spotten, sehen wir einen Pfeiler dieses Gebäudes nach dem andern einsinken. Ich bekenne dir offenherzig, Hegesias, daß ich mir selbst, mit meinen wohlgemeinten Kunstgriffen, eine solche Religion wieder in Ansehen zu bringen und ihr eine sittliche Tendenz zu geben, zuweilen lächerlich vorkomme.

Wir sind nun auf dem Standpunkte, aus welchem der Glaube und das Institut der Christianer gesehen und beurteilt werden muß.

Wenn wir, unter welcher Benennung es sei, ein selbstständiges Prinzip der physischen und moralischen Ordnung im Weltall annehmen, – ein Glaube, womit die besten Menschen von jeher sich so gern beruhiget und getröstet haben, – so kann die Idee einer Veranstaltung, um die beinahe gänzlich erloschene moralische Lebenskraft im Menschengeschlechte wieder anzufachen, keinem Vernünftigen anders als konsequent erscheinen.

Vorausgesetzt also, daß eine solche Veranstaltung in unsern Zeiten (wo sie mehr als jemals nötig war) wirklich habe getroffen werden sollen, laß uns sehen, wie das Mittel zu Erzielung jenes Zwecks, und die Person, die zum Hauptwerkzeug dazu am tauglichsten wäre, beschaffen sein müßte.

Was das Mittel betrifft, so müßte es, vermöge unsrer vorausgeschickten Bedingungen, von solcher Art sein, daß es hauptsächlich auf den größten und am meisten verwahrlosten Haufen wirken könnte; es müßte für alle seine moralischen Bedürfnisse zureichen, und, indem es in diesen beinahe zur Tierheit herabgewürdigten Menschen die verkannte oder verlorne Würde unsrer Natur wieder herstellte, sie zugleich für alle Entbehrungen, Mühseligkeiten und Drangsale, denen ihre Lage im Stande der Gesellschaft sie unterwirft, ihrem eigenen Gefühl nach reichlich entschädigen.

Die Person, aus deren Hand die Welt diese Wohltat empfangen sollte, müßte – da die Aufhebung der unbrauchbar gewordenen dämonistischen und magischen Religionen und Mysterien einer der vornehmsten Zwecke der Veranstaltung, wovon die Rede ist, wäre – aus einem Volke genommen werden, welches sich von jeher durch eine mit Magie und Dämonisterei unverträgliche monotheistische Religion von allen übrigen Völkern unterschieden hätte. Es müßte ein Mann von ungewöhnlichen Naturgaben, von sanftem und herzgewinnendem, aber zugleich unerschütterlich festem Charakter, und von untadeligem Wandel sein. Er müßte von Jugend an einen so entschiedenen Beruf zu dem Werke, wozu er bestimmt wäre, in sich fühlen, daß er selbst in seine göttliche Sendung nicht den geringsten Zweifel setzte. Je lebendiger und inniger sein Gottesgefühl, je unbedingter und heroischer sein Glaube an einen allmächtigen Beistand, je rein menschlicher das Verhältnis wäre, worin er sich selbst und die Menschheit überhaupt mit der Gottheit dächte, – desto geschickter würde er zu Ausführung des großen Werkes sein.

Meine so eben von dem Koryphäen der Christianer gemachte Abschilderung schwebt dir noch zu frisch vor den Augen, als daß ich erst zu beweisen nötig hätte, daß alle diese Eigenschaften sich in Ihm beisammen fanden. Wenn man einen Sterblichen, der mit einem so hohen und anhaltenden Enthusiasmus begabt ist, daß er sich selbst und alles gleichsam nur in Gott sieht, einen Gottmenschen nennen könnte, so hätte wohl noch niemand diese Benennung so sehr verdient wie Er.

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