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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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IV.

Während Agathodämon sich über die Dämonen, seine Geschlechtsverwandten, so offenherzig gegen mich heraus ließ, ging etwas in mir vor, das ich dir zu gestehen erröten würde, wenn es nicht eine Schwachheit wäre, die ich vermutlich mit dem größten Teile der Menschen, wo nicht mit allen, gemein habe. Ich hatte nämlich über das Kapitel von den Dämonen schon lange ungefähr eben so gedacht, wie dieser Einsiedler; und dennoch war es mir unangenehm, mich in der Hoffnung, daß er meine Meinung vielmehr widerlegen als bekräftigen werde, getäuscht zu finden. Denn wie wenig Ursache wir auch haben zu hoffen, daß wir über Dinge dieser Art jemals weiter kommen könnten, als, mit Sokrates, zu wissen daß wir nichts davon wissen: so regt sich doch bei jeder Gelegenheit ein leiser instinktartiger Wunsch in uns, von Personen, die sich uns als außerordentliche Menschen ankündigen, etwas befriedigenderes zu erfahren, als jene gelehrte Unwissenheit, womit wir uns, ungern genug, behelfen müssen.

Ich konnte mich also nicht enthalten, – als Agathodämon (vermutlich um seine Brust ein wenig ruhen zu lassen) eine Pause machte – in einem beinahe mißmutigen Tone die Frage zu tun: »Sollte denn der Umstand, daß wir uns die Dämonen nicht wohl anders als unter menschlichen Formen vorstellen können, hinlänglich sein, ihr Dasein außer unsrer Vorstellung zweifelhaft zu machen?«

»Wenn du mich bisher verstanden hast«, versetzte er lächelnd, »so kannst du dir diese Frage mit wenigem Nachdenken selbst beantworten.«

»Deine Meinung ist also«, erwiderte ich, »daß sie in der Tat keine andere Existenz haben, als die sie durch die Gesänge der Dichter, den Meißel der Bildhauer, und den Glauben des Volks erhalten?«

»Wenn dir das noch zweifelhaft scheint, Hegesias, so laß doch sehen, wie sie sich uns auf eine andere Art offenbaren könnten. Gesetzt, Jupiter oder die goldne Aphrodite, seine Tochter, wollten dich so, daß keinem Zweifel Raum übrig bliebe, von ihrem Dasein überzeugen: so könnten sie es doch wohl nicht anders, als wie es deine Natur zuläßt, bewerkstelligen? also auf eben dieselbe Weise, wie du und ich und alle andre Menschen, vermöge unsrer Natur, von dem Dasein irgend eines Dinges außer uns gewiß werden? nämlich vermittelst des äußerlichen Sinnes, durch den unmittelbaren Eindruck, den sie auf eines oder mehrere Organe desselben machen müßten. Setze also, Zevs erschiene dir unter der Gestalt eines Stiers oder Schwans, so wurdest du nicht ihn sondern einen Stier oder Schwan sehen; und wie könntest du – oder wie hätten Europa und Leda, denen dieses Abenteuer wirklich begegnet sein soll, auf den Einfall kommen können, den Vater der Götter unter dieser Maske zu suchen? Eben dasselbe würde geschehen, wenn Zevs oder Aphrodite sich dir unter menschlicher Gestalt zeigten: du würdest Menschen sehen, nicht Götter. Wolltest du sagen, sie könnten ihre Erscheinung durch Umstände und Eindrücke auszeichnen, wodurch sie notwendig als wirkliche Dämonen erscheinen müßten: so würde ich dich fragen, wie sie das anfangen sollten, wofern sie nicht das Unmögliche tun, und dem Menschen neue bisher unbekannte Sinnenwerkzeuge, oder Empfänglichkeit für Erscheinungen, die außerhalb des Kreises ihrer Anschauung liegen, geben können? Gesetzt, Jupiter zeige sich dir in der ganzen Majestät, womit ihn Homer und Phidias umgeben, auf einer Donnerwolke sitzend, die Rechte mit Blitzen bewaffnet, und den göttlichen Adler zu seinen Füßen: was hättest du da gesehen, als ein Bild, das dir Dichter und Maler oft genug vorgemalt haben, um es deiner Einbildungskraft einzuprägen? und wie könntest du je gewiß werden, daß es nicht diese, sondern wirklich der äußere Sinn sei, der dir eine so ungewöhnliche Erscheinung darstellt? Laß es aber auch sein, daß sie deinem körperlichen Auge wirklich widerfahren wäre: so würdest du darum nicht mehr noch weniger, als einen mit Blitzen bewaffneten Menschen, nicht den Gott auf der Donnerwolke gesehen haben; und der wirkliche Jupiter hätte in dieser Gestalt keine andre Eindrücke auf dich machen können, als die Schranken, die er selbst seiner Kraft durch seine scheinbare Vermenschlichung gesetzt hätte, zugelassen haben würden; das heißt, weder mehr noch weniger als denselben Eindruck, den eine erhabene Menschengestalt in dem besagten Jupiters-Kostüm auf die natürlich disponierten Organen eines Menschen machen kann. Meine Behauptung behielte also ihre volle Kraft. Was auch die Dämonen an sich sein mögen, uns können sie weiter nichts als idealisierte Menschen sein; eine göttlichere Gestalt, als die menschliche, gesehen oder erfunden zu haben, hat sich meines Wissens noch kein Sterblicher gerühmt.

Ich habe bisher nur von der Gestalt der Dämonen gesprochen. Sollte sichs etwa mit ihrer innern Form, insofern sie als geistige, denkende und handelnde Wesen gedacht werden, anders verhalten? Wird nicht auch da die Menschen-Natur der notwendige Typus bleiben müssen, an welchen wir, wenn wir uns das Göttliche in ihnen vorstellen wollen, schlechterdings gebunden sind? Wir können ihnen keine andern Erkenntnisvermögen beilegen als die unsrigen, keine andere Vernunft als die unsrige, keine sittliche Vollkommenheit und Größe, die nicht auch einem Menschen erreichbar wäre: denn wie könnten wir ihnen etwas beilegen, wovon wir keine Vorstellung haben? Nie hat daher ein Gott etwas gesagt, was sein Priester nicht eben so wohl hätte sagen können; nie etwas so edles und gutes getan, was ein Mensch nicht auch tun könnte, oder schon getan hätte. Nur zu oft sind die Götter bloße Drahtpuppen ihrer Priester; und der Musenführer Apollo selbst macht, bekannter Maßen, schlechte Verse, wenn die Pythia, die ihm ihren Mund leihen, oder der Poet, der ihr Orakel auf der Stelle versifizieren muß, keine guten zu machen gelernt hat. Eben daher ist auch, wie ich schon bemerkte, der Grad von Sittlichkeit, wozu sich die Menschen auf den verschiedenen Stufen der Kultur nach und nach erhoben haben, von jeher der Maßstab des sittlichen Charakters der Götter gewesen: und wenn wir jetzt anständigere Begriffe von den unsrigen hegen als in den Homerischen Zeiten im Schwange gingen; wenn jedermann, der auf Erziehung Anspruch macht, sich die Götter entweder als personifizierte Naturkräfte und Tugenden, oder als vergötterte Menschen, die wegen großer Verdienste um das menschliche Geschlecht nach ihrem Tode zu Schutzgeistern desselben erhoben worden, oder als weise Regenten der menschlichen Dinge und gerechte Austeiler der Belohnungen und Strafen, die der Tugend und dem Verbrechen gebühren, vorstellt; so ist es bloß die Philosophie, die über diesen Punkt die Begriffe der höhern Stände und Klassen veredelt hat.

Das Vermögen Wunderdinge zu tun ist in der Tat das einzige, worin die Dämonen etwas voraus zu haben scheinen könnten, wenn wir ihnen nicht unsere Zauberer und Taschenspieler entgegen zu stellen hätten, die das alles durch Kunst zuwege bringen, was man jenen als ein Vorrecht ihrer höhern Natur zuzuschreiben pflegt. Denn bekannter Maßen machen unsre Chaldäer und Magier Anspruch darauf, sich unsichtbar machen und in jede beliebige Gestalt verwandeln zu können; sie gebieten den Elementen, erregen Stürme, ziehen den Mond auf die Erde herab, rufen die Toten aus ihren Gräbern hervor, sehen das Zukünftige, können zu gleicher Zeit an mehr als Einem Orte sein, und was dergleichen mehr ist. Ja, wenn man ihnen glaubt, so besitzen sie das Geheimnis, sich sogar die Dämonen selbst zu unterwerfen: eine Behauptung, wodurch sie meine Meinung von den letztern nicht wenig unterstützen. Denn gewiß können die nicht mehr als Menschen sein, die einen Menschen für ihren Meister erkennen müssen.

Und nun«, setzte der Unbekannte hinzu, »glaube ich mich hinlänglich darüber erklärt zu haben, was ich mit meiner Behauptung über die Natur der Wesen, die man unter dem allgemeinen Namen der Dämonen zu begreifen pflegt, sagen wollte. Oder hast du vielleicht noch etwas zu erinnern?«

»Da ich in den großen Mysterien zu Eleusis eingeweiht bin«, versetzte ich, »so darf weder diese Behauptung, noch dein Beisatz, daß es in unsrer Macht stehe zu werden was sie waren, etwas befremdendes für mich haben. Gleichwohl muß ich dir gestehen, ich kann mich nicht ohne Mühe dazu bequemen, daß dies Alles sein soll, was wir von den höhern Wesen wissen, deren Dasein ein geheimnisvoller Instinkt uns zu glauben nötigt.«

»Und was könntest du denn mehr verlangen?« erwiderte jener. »In das Geheimnis der Natur selbst einzudringen, ist uns verwehrt. Der Kreis der Menschheit ist nun einmal unser Anteil, und der Umfang, worin alle unsre Ansprüche eingeschlossen sind. Sobald wir uns über ihn versteigen wollen, finden wir uns mit einem undurchdringlichen Dunkel umgeben; oder das Licht selbst, das uns dann entgegen strömt, ist so blendend, daß es für Augen wie die unsrigen zur dichtesten Finsternis wird. Aber o daß wir die Würde unsrer eignen Natur erkennen möchten! es ganz durchschauen und immer gegenwärtig haben möchten, daß der Mensch nichts größers kennt noch kennen soll als sich selbst; daß er alles, was er zu seiner Vollständigkeit bedarf, in sich finden kann, und daß seinem ewigen Wachstum an Kraft und Vollkommenheit keine andere Grenze gesetzt ist, als die wesentliche Form seiner eignen Natur, über welche er sich eben so wenig hinaus denken als hinaus dehnen kann, er müßte sich denn nur ins unendliche – Nichts ausdehnen wollen.«

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