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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Apollonius. »Soll ich dirs gestehen, Hegesias? – Auf den ersten Anblick scheint eine so auffallende Ähnlichkeit zwischen diesem jüdischen Religions- und Sittenverbesserer und – dem Manne, den du vor dir siehest, obzuwalten, daß ich selbst einige Augenblicke davon getäuscht wurde. Aber bei genauer und unbefangener Vergleichung fand ich einen sehr großen und sehr zum Vorteil des Ersten auffallenden Unterschied. – In der Tat läßt sich dieser in seiner Art einzige Mann mit keinem unsrer Weisen, selbst nicht mit Pythagoras oder Sokrates, vergleichen, ohne daß entweder ihm oder diesen Unrecht geschieht. Der jüdische Weise scheint neben den unsrigen ein Mann aus einer andern Welt zu sein; und es läßt sich mit gutem Grunde behaupten, daß er nur unter seiner Nation werden konnte, was er war. Du erinnerst dich, daß ich gestern sagte: er sei das, was ich schien, wirklich gewesen. Ich setze hinzu: er glaubte auch der zu sein, für den er sich gab; er wollte nicht täuschen, und wurde jemand durch ihn getäuscht, so war ers selbst vorher; denn in der Tat scheint der Erfolg seinen ersten Erwartungen nicht entsprochen zu haben. Wie groß war schon durch dies allein der Unterschied zwischen mir und ihm! Ich sage dir wohl nichts neues, indem ich gestehe, daß ich nicht an die Götter glaubte, deren Dienst ich reinigen wollte, und denen ich wieder zu ihrem alten Ansehen zu verhelfen suchte. Ich wußte sehr wohl, da ich mich für ihren Gesandten ausgab, daß sie mich nicht gesandt hatten. Meine Andacht zu Jupiter, Apollo und Äskulap, zu den Kabiren, zur Göttermutter und zu der Ephesischen Diana, der geheime Umgang, den ich mit höhern Wesen zu pflegen scheinen wollte, die Mirakel, die ich tat, alles das war absichtliche Täuschung, die der Zweck allein rechtfertigen sollte. Er hingegen trug den Gott, von welchem er sich gesandt glaubte, in seinem Busen. Nenn es immerhin Enthusiasm; genug es war kein geheuchelter: sein Gott lebte und webte in ihm, sprach aus ihm, wirkte durch ihn, war der herrschende Gedanke seiner Seele, der Gegenstand seiner innigsten Anhänglichkeit, seines lebendigsten Zutrauens, sein Bewegungsgrund, sein Zweck, sein Mittel. Was er tat, glaubte er durch Gott bloß um Gottes willen zu tun, und ich bin versichert, daß er eben dadurch viel wunderbares tat; wiewohl nicht zu zweifeln ist, daß ihm das Gerücht und seine Geschichtschreiber in diesem Punkt eben so viele Dienste getan haben mögen als mir. Sein Verhältnis zu seinem Gott war so zart und innig, daß er sich ihn nicht anders als seinen Vater denken konnte; denn er fühlte sich selbst als seinen Sohn, und der unbedingte Gehorsam, die gänzliche Ergebung, das alle Proben aushaltende Vertrauen, das ihn selbst im Tod am Kreuze nicht verließ, sind Gefühle und Gesinnungen eines Sohns, wie es wohl vor ihm noch keinen gegeben hat, für einen über alles geliebten Vater. Den Willen seines Vaters zu tun, das Geschäft, wozu er von ihm in die Welt gesandt zu sein glaubte, mit Eifer und Treue auszurichten, war das einzige, was er suchte, und wofür er allein lebte. Alles andre war ihm nichts; er begehrte nichts und fürchtete nichts, dachte nie an sich selbst, hatte keinen selbsterfundenen Plan auszuführen, noch für die Mittel dazu zu sorgen, sondern überließ dies demjenigen, dem er, als sein bloßes Werkzeug, mit dem Gehorsam eines treuen Knechts und mit dem teilnehmenden Eifer eines liebenden Sohnes diente.

Es ist wirklich interessant, in einigen der besagten Bücher – deren Verfassern es mehr an Vermögen ihren Meister zu verstehen, und sich bis zu der Höhe, worauf er stand, zu erheben, als an gutem Willen gefehlt zu haben scheint – mitten durch den Nebel ihrer dumpfsinnigen Darstellung zu sehen, wie der alte beschränkte Begriff der Juden von einem strengen, eifersüchtigen, launenvollen, aber für sie parteiischen, ihnen ausschließlich gewogenen, und in einem besondern Bunde mit ihnen stehenden Nationalgott, und seiner irdischen Oberherrschaft über sein erwähltes Volk, sich in dieser schönen, liebevollen Seele zu dem so viel würdigern, reinern und humanern Begriff eines allgemeinen Vaters der Menschen, und eines Allen offen stehenden Reichs Gottes, läuterte. In dieses Reich nicht nur seine leiblichen Stammverwandten, die Juden, sondern alle Völker der Erde einzuladen, dazu glaubte er in die Welt gekommen zu sein. Nichts kann einem irdischen Reich und dem, was die Menschen darin suchen, mehr entgegen gesetzt sein, als sein Begriff von diesem Reiche Gottes, dessen unsichtbarer Beherrscher nur über Herzen regiert, nur einen Dienst des Herzens fordert, nur im Geist angebetet sein will, und seinen Untertanen nur geistige Güter verspricht. Den Willen Gottes zu tun, der durch Vernunft und Gewissen jedem Menschen kund wird, ist nach ihm die erste Pflicht der Genossen dieses Reichs, die alle andern in sich schließt. Sie sind alle frei, denn sie gehorchen nur ihrem Vater, und ihr Gehorsam ist munter, freudig und unbedingt, weil er aus Liebe und Vertrauen kommt; sie sind, als Kinder eben desselben Vaters, alle gleich, und zu allem, was ihres Vaters ist, gleich berechtigt; und in dem einzigen Wort Liebe sind alle ihre wechselseitigen Pflichten enthalten. Sie lieben Gott über alles; aber sie können ihm diese Liebe nur dadurch beweisen, daß sie ihn in seinen Kindern, ihren Brüdern, lieben.

Was bedürfte es mehr als diese reine, kindlich einfältige Sinnesart, um allgemeine Harmonie und Glückseligkeit auf ewig zu gründen, und die Erde zu einem Himmel, ihre Bewohner zu den Engeln dieses Himmels zu machen? – Aber wie weit sind die Menschen, die wir um uns sehen, von dieser Sinnesart entfernt! Wie wenig läßt sie sich mit ihren selbstsüchtigen Begriffen, Maximen, Neigungen, Leidenschaften, Bestrebungen und Zwecken vereinbaren! – Sinnesänderung also, gänzliche Umschaffung des Innern ist, seiner Lehre zu Folge, bei allen, die jenes göttlichen Sinnes noch ermangeln, die einzige, aber unerläßliche Bedingung, unter welcher ins Reich Gottes, worein nichts Unreines eingehen kann, zu gelangen möglich ist. Der sinnliche, verderbte, ungöttliche Mensch, der eben dadurch (einer Morgenländischen Vorstellungsart nach) ein Sklave der bösen Geister, ein unseliger Genoß des Reichs der Finsternis ist, muß also durch diese gänzliche Reinigung seines Herzens zu einem neuen, geistigen, göttlichen Menschen, zu einem Kinde des Lichts gleichsam wiedergeboren werden, bevor er am Reiche des Lichts Anteil haben kann.

Dies, lieber Hegesias, ist das Wesentlichste, was ich von der Lehre des Jesus von Nazareth, den die Christianer für ihren Meister und Herren erkennen, aus den ältesten Nachrichten seiner Anhänger herausgebracht habe. Du siehest (denke ich) von selbst, wie leicht sich das alles in die Pythagorische und Platonische, ja sogar in die Sokratische oder Epiktetische Sprache übersetzen ließe; wie ungezwungen aus diesen äußerst einfachen Begriffen und Grundsätzen eine vollständige, dem Fassungsvermögen aller, auch der ungelehrtesten, Menschen angemessene Lebensphilosophie sich entwickeln läßt, und wie weit der Mann, der die ganze Theorie dessen, was jeder Mensch zu Erfüllung seiner moralischen Bestimmung und zum Aufstreben nach dem höchsten Gipfel menschlicher und geistiger Vollkommenheit vonnöten hat, auf so kindlich einfältige Prinzipien zurück führte, uns andere mühselige Verbesserer und Veredler der Menschheit, so viel unser sind, hinter sich gelassen hat.«

Ich. »Nur, bester Apollonius, sehe ich auch, daß diese einfache, diese allen zarten, unverdorbenen, liebevollen, und zu einer gewissen hohen Schwärmerei geneigten Seelen so angemeßne Lebensphilosophie etwas noch zehnmal persönlicheres ist, als dein Pythagorischer Orden, und daß, wie klein auch das Häufchen jener guten kindlichen Seelen sein mag, dennoch, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Anzahl der Weltmenschen, die sich auf diese Art wiedergebären zu lassen geneigt sein möchten, noch ungleich geringer ausfallen, und also das Gute, das der so hoch von dir gepriesene Jüdische Theurg mit seiner Lehre stiften kann, auf ein unendlich kleines hinaus laufen dürfte.«

Apollonius. »Erlaube, daß ich dir die Antwort auf diesen Einwurf noch eine Weile schuldig bleibe. Sie wird sich an der rechten Stelle von selbst einfinden. Für jetzt habe ich, eh ich von dem Lehrer zu den Jüngern übergehe, noch ein paar Bemerkungen über jenen zu machen.

Fürs Erste überzeugt mich eine unbefangene Betrachtung aller Nachrichten, die ich von diesem außerordentlichen Manne auftreiben konnte, daß es keineswegs seine Absicht war, der Stifter einer neuen politischen oder mit dem Staat in gesetzmäßigen Beziehungen stehenden Religion zu sein. Im Gegenteil, seine Lehre, und das Beispiel seines rein moralischen Verhältnisses zu Gott und Menschen, zweckt augenscheinlich dahin ab, alle unter den Menschen bestehende Religionen zwar nicht geradezu zu bekämpfen oder abzuschaffen, aber doch so unnötig und überflüssig zu machen, daß sie von selbst aufhören und aus der Welt verschwinden müßten. Eine einzige, in sieben kurze Bitten zusammen gedrängte Gebetsformel ausgenommen (aus welcher sich seine ganze Lehre ziemlich ungezwungen entwickeln ließe), findet sich nirgends das geringste von ihm, das einer Vorschrift dessen, was seine Anhänger zu glauben oder nicht zu glauben hätten, ähnlich sähe, insofern glauben und für wahr annehmen gleichbedeutende Ausdrücke sind. Was Er glauben nennt, ist eine auf inniges Gefühl gegründete Gesinnung des Gemüts, mit einer geistig sinnlichen Vorstellung verbunden, welche eher Anschauung als räsonierter Begriff zu nennen ist; mit Einem Worte, nicht Begreifen, sondern Ergreifen dessen, was nicht begriffen werden kann noch soll. Er setzt alle unter den Juden von ihren Urvätern her im Schwange gehende Begriffe, ja sogar verschiedene Meinungen und Vorstellungsarten voraus, welche sich (wie es scheint) erst nach ihrer Deportation in die Provinzen des Assyrischen und Persischen Reichs Eingang bei ihnen verschafften, dergleichen z. B. der Glaube guter und böser Geister und unmittelbarer Einwirkungen derselben auf die Menschen ist; kurz, er bequemt sich in allem, was den großen Zweck seiner geglaubten Sendung nicht wesentlich angeht, zu popularen Begriffen und Redensarten, läßt alles, was bloße Spekulation ist, an seinen Ort gestellt, und nimmt nur dann den kategorischen Ton eines unfehlbaren und von Gott bevollmächtigten Propheten an, wenn er Vorurteile, Irrtümer oder Laster bestreitet, die mit dem Geist der Liebe Gottes und der Menschen, und mit der Lauterkeit des Herzens, welche gleichsam das Element dieses Geistes ist, schlechterdings unvereinbar sind.

Zweitens, deucht mich auch, man könne nicht von ihm sagen, daß er der Stifter eines geheimen religiösen oder asketischen Ordens gewesen sei. Man sieht nirgends in seiner Geschichte, daß er es mit seinen Anhängern darauf angelegt, oder die zu einem solchen Institut nötigen Anstalten gemacht hätte. Noch viel weniger kann ein billiger Verdacht auf ihn fallen, als ob er mit dem festen Glauben und Bewußtsein, daß Er der von den spätern jüdischen Propheten vorher verkündigte und von den Juden mit Ungeduld erwartete Messias sei, irgend einen politischen Zweck verbunden habe; denn dazu hätte er sich ganz anders benehmen, und sowohl gegen das Volk als die in hohem Ansehen bei demselben stehende pharisäische Sekte eine ganz andere Rolle spielen müssen. Überhaupt, wiewohl die Begierde ihn reden zu hören und der Ruf der Wunder, die er verrichte, unter dem wunderlustigsten Volke der Welt immer viel neugierige und müßige Leute um ihn her versammelte, so war doch die Zahl seiner eigentlichen Jünger und Freunde nicht beträchtlich, und die zwölf besonders Ausgewählten, die er fast immer um sich hatte, (großen Teils seine Blutsverwandte) scheinen zwar gutwillige und ihm herzlich ergebene, aber ungelehrte, dumpfsinnige, und zu weit aussehenden politischen Zwecken, wofern er deren gehabt hätte, ganz unbrauchbare Leute gewesen zu sein.

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