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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Siebentes Buch

I.

Ich erwachte mit den ersten Strahlen, welche die aufgehende Sonne durch das leicht umlaubte Fenster in mein kleines Schlafgemach spielen ließ; aber der erste Gedanke, der mit mir erwachte, fiel mir so schwer auf die Brust, daß ich mich nicht erwehren konnte, mich von ihm zu erleichtern, indem ich ihn laut werden ließ. »Und so ist denn dies der letzte Tag«, rief ich, »der mir unter diesen seltnen Menschen zu leben vergönnt ist, den unvergeßlichsten, die ich jemals sehen werde, wenn ich auch Nestors Jahre dreifach erlebte! – Wie schön geht er über mir auf! und wie traurig wird er mir untergehen! – Aber worüber klage ich? Was für ein Recht hätte ich mehr zu verlangen? War es nicht Glücks genug, daß ein Zufall, dessen ich mich nie versehen konnte, mich diesen, allen andern Sterblichen unzugangbaren, Ort finden ließ? daß der merkwürdigste Mann dieses Jahrhunderts mich, einen namenlosen unbedeutenden Fremdling, so freundlich aufnahm, mir so schnell gewogen wurde, sich mir so traulich mitteilte, mich sogar zum Bewahrer der verborgensten Geheimnisse seines ewig denkwürdigen Lebens machte? – Welch einen Schatz trage ich mit mir von hinnen! Was brauche ich für mein ganzes künftiges Leben, als die Erinnerung an diese drei Tage, um meinen Geist heiter und tätig, mein Herz warm, meinen Mut hoch, und mein Vertrauen auf die Natur und mich selbst lebendig zu erhalten! – ›Die Natur hat mir meine ganze Bestimmung gegeben, da sie mich zum Menschen machte: was könnt ich edleres und größeres zu sein verlangen? – Sei so frei und tätig, so groß und gut, als du als Mensch durch dich selbst sein kannst!‹ – Sagtest du das nicht, göttlicher Apollonius, du mein wahrer guter Dämon? – Du sollst es mir nicht vergeblich gesagt haben!«

Unter diesen Selbstgesprächen ging ich ins Freie hervor, und durchwanderte, aufmerksam auf den geringsten Umstand, nochmals alle mir schon bekannten Gänge, Plätze, Pflanzungen, Lustwäldchen, Lauben und Grotten dieses stillen und lieblichen, wiewohl enge beschränkten Vorelysiums, wie Apollonius selbst es nannte; an jedem Platze, wo meine horchende Seele an den Lippen des ehrwürdigen Greises hing, setzte ich mich nieder, und rief alles, was er mir gesagt hatte, in mein Gedächtnis zurück, froh und zufrieden mit mir selbst, daß mir beinahe keines seiner Worte entfallen war. Als ich bei der Quelle am Lorbeerwäldchen ankam, sah ich den wackern Kymon mit seinem schönen Weibe und der jungen Melitta nahe bei der Wohnung im Garten beschäftigt. Sie schienen mich nicht gewahr zu werden, und ich widerstand dem Verlangen mich ihnen zu nähern, um alle meine Gedanken auf den Gegenstand zu versammeln, worüber Apollonius mich diesen Morgen ins klare setzen wollte. Was er mir von den Christianern bereits entdeckt hatte, und die großen Dinge, die ein so tief sehender Geist der Welt von ihnen prophezeite, machten mir diese Sekte, die ich vor so kurzer Zeit keiner Aufmerksamkeit wert schätzte, jetzt so wichtig, daß ich die Stunde unsrer Zusammenkunft mit Ungeduld erwartete.

Apollonius erschien um seine gewöhnliche Zeit; aber ein mehr als gewöhnlicher Ernst lag, wie mich deuchte, auf seiner hohen, sonst immer unbewölkten Stirne. Ein freundlicher Sonnenblick schien sich über sie zu verbreiten, da er mich ihm entgegen eilen sah. Er reichte mir die Hand, und sagte: er wolle mich an einen Platz führen, der mir noch unbekannt sei, und sich am besten zur Szene unsrer bevorstehenden Unterhaltung schicken werde. Ich folgte ihm auf einem schmalen, zwischen den Felsen sich allmählich hinauf windenden, durch Gesträuch und Buschwerk versteckten Fußpfad, auf einen kleinen ebnen Platz, wo wir von drei Seiten nichts als Meer und Himmel vor und um uns sahen; eine Aussicht, die durch Vereinigung des höchst Erhabenen mit dem höchst Einfachen ein Gefühl in der Seele erweckt, das mit keinem andern verglichen werden kann. Ein leicht bedeckter Himmel und eine erfrischende Seeluft sicherten uns vor der Sonnenhitze, und eine tief in den Felsen gehauene Blende bot uns eine dicht bemooste Bank an, auf der wir uns niederließen.

»Ich habe mich eines doppelten Versprechens gegen dich zu entledigen, Hegesias«, sagte Apollonius: »dich mit dem Geist und der innern Verfassung der Christianer näher bekannt zu machen, und dir meine Gedanken und Vermutungen über das, was künftig aus ihnen werden muß, und über die große Revolution, die der Römischen Welt und der Menschheit überhaupt durch sie bevorsteht, etwas ausführlich mitzuteilen.

Aber bevor die Rede von den Jüngern ist, solltest du billig den Meister kennen; und dies ist hier um so nötiger, da der Unterschied zwischen jenen und diesem so groß zu sein scheint, daß man weder von dem Institut auf den Stifter, noch von dem Stifter auf das Institut, ohne Gefahr sich zu täuschen, schließen darf. Unglücklicher Weise befinden wir uns, was die Geschichte dieses merkwürdigen Mannes betrifft, wiewohl seit seinem Tode noch nicht viel über sechzig Jahre verflossen sind, beinahe in dem nämlichen Falle, wie mit Hermes, Zoroaster, Orpheus, Minos, Phoroneus, und andern der ältesten Gesetzgeber und Religionenstifter: was man uns davon sagt, ist mit zu vielem Wunderbaren und Unglaublichen durchwebt, um nüchterne Menschen zu befriedigen; und was wir am liebsten wissen möchten, was uns den Schlüssel zu allem andern gäbe, ist gerade das, was man uns vorenthält. Die verschiedenen Sekten, in welche die Christianer sich bereits geteilt haben, tragen sich mit einer großen Menge so genannter guter Botschaften, worin die wundervollen Umstände der Geburt, des Lebens und des Todes ihres Meisters, mit einer beträchtlichen Anzahl seiner Reden und Taten, bald kürzer, bald umständlicher erzählt werden. Die meisten dieser Bücher führen den Namen von Verfassern an der Stirne, welche sich für Augenzeugen, aber zugleich für vertraute Freunde und Anhänger, zum Teil für nahe Verwandte desselben geben, und schon dieses Umstands wegen nicht als ganz unbefangen betrachtet werden können. Überhaupt fehlt diesen Erzählungen, wiewohl ihnen nicht alle Glaubwürdigkeit abzusprechen ist, doch sehr viel von dem, was von einer zuverlässigen Urkunde gefordert wird, und dem Schreiber einer wahren Geschichte das Zutrauen der Leser erwirbt. Sie sind im gemeinsten Märchenton erzählt, mit Widersprüchen und unglaublichen, zum Teil schlechterdings unmöglichen Wunderdingen angefüllt, und verraten fast auf allen Blättern den größten Mangel an Geistesbildung und an Kenntnissen, die bei uns keinem Menschen von einiger Erziehung fehlen: auch finden sich in den Reden, die dem großen Propheten in den Mund gelegt werden, viele ganz unverständliche Dinge, und manches, was er, dem Charakter seines Geistes und Herzens nach, unmöglich gesagt haben kann. Mit Einem Wort, ich weiß dir von diesen Anekdoten-Sammlungen keinen richtigern Begriff zu geben, als wenn ich dich versichre, daß sie im Sinn und Geschmack meines Freundes Damis geschrieben sind; drei oder vier ausgenommen, die aus mehrern Rücksichten Aufmerksamkeit verdienen; wiewohl mir auch an diesen die Merkmale von Verfälschungen und Einschiebseln unverkennbar scheinen. Es ist kein Zweifel, daß die Christianer, wenn dereinst Eine von den vielen Sekten, in welche sie sich seit einiger Zeit gespaltet, alle übrigen verschlungen haben wird, eine allgemeine Musterung mit diesen guten Botschaften vornehmen, und Reines vom Unreinen, Wahres vom Verfälschten oder Eingeschobenen zu unterscheiden suchen werden. Wie schwer diese Arbeit sein dürfte, und ob sie, in einer Zeit von Einem oder mehrern Jahrhunderten nach dem Tode des Meisters, überall möglich sein werde, lasse ich an seinen Ort gestellt; aber bis dahin, und wahrscheinlich auch dann wie jetzt, wird jeder, dem an Wahrheit gelegen ist, am sichersten gehen, wenn er diese Prüfung und Scheidung selbst vornimmt. Ich wenigstens, nachdem ich die Geduld gehabt, mehr als funfzig dieser so genannten Evangelien zu durchlesen, fand, um mich an einem der besten Sterblichen, die je gelebt haben, nicht eben so schwer als an der Wahrheit überhaupt zu versündigen, kein anderes Mittel, als alles Wunderbare, Übernatürliche und Unverständliche, zugleich mit den Widersprüchen und handgreiflichen Ungereimtheiten, auf die Seite zu legen, und mich bloß an das rein Menschliche, Verständliche, Konsequente und unmittelbar zu meinem Wahrheitssinn und Herzen Sprechende zu halten.«

Ich. »Müssen wir dies doch schon mit unsern alten Philosophen tun, wenn wir uns nicht von den Anekdotenjägern und Kompilatoren ihrer Meinungen, Reden und Taten die ungereimtesten Märlein aufheften und uns am Ende weis machen lassen wollen, daß unsre hellsten Köpfe die größten Narren, Gecken und Windbeutel der Nation gewesen seien. – Doch, verzeih daß ich dich unterbreche. – Und was fandest du, nachdem du diese Scheidung vorgenommen hattest?«

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