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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

Die Sonne war indessen untergegangen, und wir kehrten nach der Wohnung zurück. Bevor wir uns zur Ruhe begaben, setzte sich Apollonius mit mir unter die Rebenlaube, um seiner täglichen Gewohnheit nach, durch Anhörung eines die Sinne zur Ruhe stimmenden Gesangs, sich einen wohltätigen Schlummer zu verschaffen. Kymon hatte sich von uns getrennt, um den Wechselgesang der Mutter und Tochter, wobei sie sich selbst auf der Pandura begleiteten, mit seinem vielbesaiteten Barbiton zu verstärken.

Auch diesmal schien mir der Geist Agathodämons in dieser herzerfreuenden Musik zu weben: aber ich glaubte etwas zu bemerken, das ich gestern (vermutlich von dem Zauber der beiden Stimmen zu stark ergriffen, um auf etwas anderes Acht zu geben) wenigstens nicht so deutlich als jetzt wahrgenommen hatte. Die Begleitung, welche gewöhnlich sich begnügt, der Singstimme Ton für Ton zur Seite zu gehen, oder höchstens in Oktaven über oder unter ihr zu schweben, schien mir jetzt öfters, in andern, dem ungewohnten Ohr auffallenden Verhältnissen, von ihr abzuweichen, und dadurch nicht nur in das Ganze eine gefällige Mannigfaltigkeit zu bringen, sondern dem Gesang selbst mehr Anmut zu geben, und seine psychagogische Wirkung merklich zu erhöhen.

Bei der ersten Erlaubnis, die mir das Schweigen der Musik zum Reden gab, teilte ich diese Bemerkung dem Apollonius im Ton eines Fragenden mit, und erhielt zur Antwort: mein Ohr hätte mich nicht getäuscht, und das, was ich so eben gehört, könnte mir zu einer Probe dienen, daß die alten Philosophen, die sich so ernstlich gegen alle Neuerungen in der Musik erklärten, wohl ein wenig unrecht haben könnten. »Ich liebte«, fuhr er fort, »diesen wesentlichen Teil der Musenkunst von Kindheit an, und Pythagoras, den ich in der Folge zu meinem Lehrer wählte, führte mich durch seine Theorie nach und nach auf eine Betrachtung, die so leicht zu machen war, daß ich nicht begreife, wie nicht jeder etwas mehr als bloß mechanische Tonkünstler sie nicht längst in seinem Wege finden mußte: nämlich, daß, da jeder Ton in einer fortschreitenden Melodie mit verschiedenen andern, über und unter ihm, in gewissen dem Ohr angenehmen Verhältnissen steht, eben deswegen auch unter mehrern zu gleicher Zeit gehörten Tönen dieselbe oder eine ähnliche Zusammenstimmung Statt finden kann, wie zwischen einer Anzahl von Tönen, die in einem melodischen Gesange auf einander folgen. Dies, als etwas unstreitiges, vorausgesetzt, muß es möglich sein, zu jedem Gesang zwei, drei, und, wenn man auch die Oktave und den Unisono zu Hülfe nimmt, noch viel mehrere melodische Gänge für andere Stimmen oder Instrumente zu finden, die immer in schönen, dem Ohre gefälligen Verhältnissen mit ihm fortschreiten, und solchergestalt eine weit vollkommnere Harmonie hervorbringen, als wenn mehrere Stimmen einerlei Melodie im Unisono, oder bloß um die Oktave erhöht, zugleich hören lassen. Weit entfernt daß das Ohr dadurch verwirrt, oder dem Gesang, der die Hauptmelodie führt, geschadet werden sollte, wird jenes vielmehr durch die harmonische Mannigfaltigkeit der zugleich angegebenen Töne mehr ergetzt, und dieser, insofern die untersten und mittlern Töne in passenden Intervallen mit richtigem Urteil gewählt worden sind, unterstützt, empor getragen und bedeutender gemacht. Kurz, diese Grund- und Mitteltöne bringen in einem vielstimmigen oder mit Instrumenten begleiteten Gesang ungefähr eben dieselbe Wirkung hervor, wie die Mitteltinten in einem Gemälde; und ich zweifle nicht, daß die Musik, wenn dieser Teil von sinnreichen Meistern gründlich studiert, und nach und nach zur Vollkommenheit gebracht werden sollte, mit der Zeit auf einen Grad von Höhe steigen würde, wovon wir uns jetzt noch keinen Begriff machen können.«

Apollonius wurde hier durch ein zweites Akusma unterbrochen, das durch seine Neuheit und Anmut meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Es war eine Art von Wettstreit zwischen drei Instrumenten, ohne Menschenstimme, welche, indem sich jedes gleichsam nach seiner eigenen Laune bald schneller bald langsamer, wiewohl nach eben derselben Mensur, bewegte, und den andern bald nachzuschleichen, bald vor ihnen zu fliehen, bald die Fliehenden zu verfolgen, bald sich wieder mit ihnen zu vereinigen schien, mich eine Art von Tanz (wenn ich es so nennen kann) hören ließen, der sich in den mannigfaltigsten und anmutigsten Wendungen um mein inneres Ohr herum schlang, und tausend liebliche Bilder von tanzenden Nymphen und Zephyrn und Amoretten meine Phantasie durchgaukeln machte. Du wirst mir verzeihen, Timagenes, wenn ich mich unverständlich über eine Sache ausdrücke, die dir ohne Zweifel eben so neu und wunderbar vorgekommen wäre, da du gewiß, so wenig als ich, jemals eine so seltsame Art von dissonierender Harmonie gehört hast.

Als sie wieder aufhörte, und ich meinem gütigen Wirte mein Vergnügen an diesem nie gehörten Ohrenschmause in den stärksten Ausdrücken zeigte, sagte er: »Andere Geschäfte und Sorgen ließen mir ehemals keine Zeit, die Theorie zu entwickeln, deren ich vorhin erwähnte; aber, nachdem ich mich mit drei so musikalischen Wesen, wie Kymon und Terpsinoe und die junge Melitta, ihre Tochter, in diese Einöde zurück gezogen hatte, erwachte jener Gedanke wieder in meinem Gemüt; ich sprach davon mit Terpsinoe, die von der Natur mit dem zartesten Ohr und einer Stimme von seltner Schönheit, und von den Musen mit dem Geist ihrer lieblichsten Kunst begabt worden war. Sie faßte mich ohne Mühe, sah in kurzem deutlich was ich nur ahnete, machte eine Menge Versuche und Proben, und brachte es bald, mit meiner und ihres Mannes Hülfe, so weit, daß alles, was du gestern und heute hörtest, ihre Erfindung und das Werk ihres musikalischen Genius ist.«

»Nenne es lieber (rief ich mit allem Feuer eines Begeisterten aus) mit seinem rechten Namen, unmittelbare Eingebungen der Musen selbst; denn das, was ich hier gehört habe, ist so weit über das einförmige Getön, das wir bisher Harmonie nannten, erhaben, als der Pindus über die Thessalischen Hügel, und der Gesang der Homerischen Kalypso über das Gezirpe der Attischen Cikaden.«

Aber mein Entzücken sollte noch höher steigen, und Apollonius schien es mit seiner kleinen Hausgenossenschaft abgeredet zu haben, mich an diesem schönen Abend erfahren zu lassen, was die Zauberkraft des Gesangs und der Harmonie, wenn sie in Gemeinschaft wirken, über eine selbst rein gestimmte Seele vermöge. Kaum hatte ich das letzte Wort ausgesprochen, so gebot ein mächtiges Getön des vielseitigen Barbitons – heiliges Schweigen; und nach einer kleinen Pause begann die junge Melitta, ohne Begleitung eines Instruments, einen sehr einfachen, aber feierlich lieblichen, zum Herzen sprechenden Gesang, dessen Worte die Ruhe einer reinen, die ganze Natur mit Liebe umfassenden Seele andeuteten. Er bestand aus drei fortschreitenden Teilen, welche so gesetzt waren, daß jeder mit beiden andern, zugleich gehört, die anmutigste Harmonie hervorbrachte. Der Gesang war dreistimmig, und so wie Melitta, nach Vollendung des ersten Teils, unmittelbar zum zweiten fortging, begann Terpsinoe den ersten, und ging in eben demselben Augenblick, da Melitta den dritten anfing, zum zweiten über, indem Kymon, dessen Stimme für seine Jahre noch ungewöhnlich rein und fest war, eine Oktave tiefer, den ersten begann, und ohne Stillstand zum zweiten und dritten fortging, während Terpsinoe den dritten und ersten, und Melitta den ersten und zweiten hören ließ. Dieser sich gleichsam um sich selbst herum windende Gesang wurde so oft wiederholt, bis die letzte Stimme alle drei Teile zum dritten Mal vollendet hatte; und der Effekt der letzten Wiederholung war um so angenehmer, da diese zauberische Harmonie, nachdem sie zuvor nach und nach bis zur höchsten Stärke, deren ein reiner Ton fähig ist, gestiegen war, durch langsame Entfernung der Singenden und unmerkliche Schwächung der Stimmen, allmählich wieder abnahm, bis sie, gleich den letzten Tönen eines dreifachen Echo, in kaum hörbare Laute hinzuschmelzen schien.

Ich finde keinen Ausdruck, Freund Timagenes, der dir etwas von der Wirkung, welche dieser Gesang auf mich machte, mitzuteilen vermöchte. Mein ganzes Wesen schien sich nach und nach in Harmonie aufzulösen, und mir war zuletzt, als ob alle diese lieblichen Töne zu lauter ätherischen Geistern wurden, die mich in ihre Mitte nähmen, und auf ihren weit verbreiteten mächtigen Flügeln in eine andere bessere Welt empor trügen.Die Griechen hatten noch so unentwickelte Begriffe von dem, was wir Harmonie nennen, und waren doch für die Reize der Musik so ungemein empfindlich, daß die Wirkung, die der erste Kanon (denn das war ohne Zweifel dieser Gesang), von sehr schönen Stimmen schön gesungen, auf den empfänglichen Hegesias machte, nichts befremdendes haben kann; es müßte denn nur für jemand sein, der mit J. J. Rousseau die Melodie allein für Musik hielte, und die Harmonie der Neuern für eine Gotische und barbarische Erfindung erklärte, auf die wir nie verfallen wären, wenn wir für die wahren Schönheiten der Kunst und einer echt natürlichen Musik Sinn hätten. Apollonius selbst, der diesen Gesang ebenfalls zum ersten Mal hörte, wiewohl ihm die Form desselben nichts neues war, schien sehr angenehm davon gerührt zu sein; und als ich ihm mit allem Feuer eines Musolepten davon sprach, sagte er: »Du wirst also den Namen, den wir dieser neuen Art von Gesängen geschöpft haben, nicht übel passend finden. Wir nennen sie Psychagogikon, und wirklich kenne ich jetzt noch keine Musik, die das Gemüt zugleich so stark und so angenehm bewegte wie diese. Gleichwohl zweifle ich nicht, daß unsre von den Musen begünstigte Terpsinoe die Wunder der Harmonie noch viel höher treiben, und in andern, weniger Zwang auflegenden Arten von Melodemen, einen noch viel angenehmern und mächtiger auf den innern Menschen wirkenden Gebrauch von dem unerschöpflichen Reichtum derselben zu machen fähig sein werde. Ich gestehe dir ohne Bedenken, lieber Hegesias, daß die Unterhaltung, die mir das Talent dieser guten, mir so herzlich ergebenen Wesen täglich verschafft, ein großer Teil meines Glücks in diesem Vorelysium ist, worin ich den Übergang in das unsichtbare ruhig und mit guten Hoffnungen erwarte. Ich kenne nichts, was einer mit zarten Sinnen und erhöhter Einbildungskraft begabten Seele einen anschaulichern Begriff und weniger täuschende Vorgefühle von einer vollkommneren Ordnung der Dinge und einem geistigem Leben geben könnte, als diese Art von Musik, die du hier gehört hast. Denn was ist die ganze unermeßliche Natur anders, als die ewige Harmonie der unendlich mannigfaltigen, aber unauflöslich in einander geschlungenen, und, ungeachtet so vieler wirklichen und anscheinenden Dissonanzen, aufs reinste zusammen klingenden Verhältnisse der Bewegungen und Wirkungen aller Wesen? Und ist es nicht die Musik, die durchs Ohr unserm innern Sinn eine viel schärfere, und selbst die Wirkung, die das Licht, die Farben und das Helldunkle auf unser Auge macht, an Deutlichkeit und Energie übertreffende Anschauung von dieser, aus unendlich vielfachen Tönen, Stimmen und Akkorden durch den Geist der Ordnung und Liebe zusammen gesetzten Symphonie des Weltalls gibt? – Ich weiß nicht, ob du eben dasselbe fühlst: aber ich bedarf bei einer Musik, wie die heutige, keiner Worte, die mir ihren Sinn erst erklären und sie gleichsam in meine Sprache übersetzen müßten; ich bedarf nicht nur der Worte nicht dazu, sondern sie stören mich sogar im reinen Genuß derselben, indem sie den freien Flug meiner durch sie leichter beflügelten Seele hemmen, und meine Aufmerksamkeit zerstreuen, und von dem, was mir die Musen in ihrer eigenen geistigen Sprache unmittelbar mitteilen, durch Vergleichung der Worte mit dem, was sie ausdrücken sollen, abziehen.«

Apollonius setzte, während wir, vom halb vollen Monde sanft beleuchtet, nach der Wohnung zurückkehrten, noch verschiedenes über die mögliche Vervollkommnung unsrer Musik hinzu, was mir nicht verständlich genug war, um es einem andern wiedergeben zu können; und als wir angekommen waren, empfahl er mich, wie gestern, seinem Freunde Kymon, und entließ mich mit dem Versprechen, wenn uns der folgende Tag so günstig sein werde, als die Schönheit der Nacht versprach, sich um die gewohnte Zeit bei der Quelle einzufinden, und die Materie fortzusetzen, womit wir uns diesen Abend unterhalten hatten.

Da mir der gute Kymon keine Lust, in ein Gespräch mit mir einzugehen, zeigte, und sich eben so sehr nach Ruhe, wie ich nach Einsamkeit, zu sehnen schien, so nahm er schon an der Tür meines Schlafgemachs Abschied, um sich, wie gewöhnlich, zu seinem Herrn zu begeben. Aber der wahre Beweggrund, warum er mich heute so früh verließ, entdeckte sich bald hernach. Die gefällige kleine Familie bereitete mir in aller Stille die angenehmste Überraschung vor: denn kaum hatte ich mich zur Ruhe niedergelegt, so war mir als ob ich durch ein mit Efeu leicht umlaubtes Fenster, das, dem Lorbeerwäldchen gegenüber, offen stand, den Gesang, der mich eine Stunde zuvor so hoch entzückt hatte, wieder anstimmen hörte; aber so leise, daß ich nur den sanft verschmolznen Widerhall davon zu hören glaubte. Durch unmerkliche Grade nahm er immer an Stärke zu, bis das liebliche Tongewebe zuletzt mein ganzes Ohr ausfüllte, und, da mir in dieser Entfernung nur die Töne, nicht die Worte, rein vernehmlich waren, mich die Wahrheit der von Apollonius gemachten Bemerkung erfahren ließ: daß eine Musik, wie diese, uns in ihrer eigenen, unsrer Seele gleichsam angebornen Sprache, anrede, und keiner Übersetzung in eine willkürliche kalte Zeichensprache bedürfe, um von ihr verstanden zu werden. Hätte ich nicht zu gewiß gewußt, wer mir diesen hohen Genuß verschaffte, es würde mir unmöglich gewesen sein, nicht zu glauben, daß ich Stimmen aus der andern Welt zu mir herüber schallen höre.

Da diese Art von Gesängen so lange fortgesetzt werden kann als man will, und die Familie Kymon nicht müde wurde, nur mit kleinen Veränderungen der Modulation und öfterer Abwechslung der Mensur und der Stärke des Tons, immer wieder von vorn anzufangen, so erfolgte, bei aller Begeisterung worein ich mich gesetzt fühlte, oder vielmehr durch diese Begeisterung selbst, zuletzt, was vermutlich die Absicht der freundlichen Sänger war: eine süße Ermattung spannte allmählich meine Nerven ab, ich verlor mich in einem luftigen Gedränge lieblicher Träume, die um mich her zu tanzen schienen, und schlummerte endlich unvermerkt in – die unsichtbare Welt hinüber.

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