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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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IV.

»Es mögen ungefähr drei- oder vierundsechzig Jahre sein, daß ich auf einer Reise durch Palästina zufälliger Weise von einem außerordentlichen jungen Manne reden hörte, der kurz zuvor, wegen einer ihm angeschuldeten Empörung gegen die Römer, von dem Prokurator Pilatus zu einem schmählichen Tode verurteilt worden war. Ich hörte sehr ungleiche und einander widersprechende Urteile über diese Begebenheit und den Charakter des Mannes, den sie betroffen hatte. Verschiedene Personen, die ihn wohl gekannt zu haben und Augenzeugen seiner Hinrichtung gewesen zu sein versicherten, erzählten mir bewundernswürdige Dinge von seinem Leben, vornehmlich von der übermenschlichen Standhaftigkeit und Seelengröße, die er in seinem Leiden und Tode bis zum letzten Augenblick bewiesen habe. Die Personen, von welchen ich diesen Bericht erhielt, schienen mir einfache und redliche, wiewohl nicht ganz unbefangene Leute zu sein. ›Wir hofften‹, sagten sie, ›daß er sein Volk erlösen sollte: aber unsere Sünden lagen zwischen ihm und uns; der Schuldlose wurde das Opfer unsrer Missetaten, und unterlag der Wut seiner Feinde, bevor er das glorreiche Werk zu Stande bringen konnte.‹ – Andre, meistens Leute von Ansehen unter ihrem Volke, sprachen aus einem ganz andern Tone. Ihrem Urteil nach war der vorgebliche Gottgesandte ein Betrüger, der durch nicht gemeine Naturgaben, Affektation einer sonderbaren Heiligkeit und verführerischen Popularität, hauptsächlich aber durch die Wunder, die er mit Hülfe böser Geister in großer Menge verrichtet, sich einen Anhang unter dem Volke zu machen gewußt, und, da er sich, mit oder ohne Grund, für einen Abkömmling des Hauses Davids und für den schon so lang' erwarteten, von ihren alten Propheten geweissagten Erlöser der jüdischen Nation ausgegeben, den Anschlag gefaßt habe, einen Aufstand gegen die Römer zu erregen, und sich selbst zum König der Juden aufzuwerfen. Auch sei er in dieser Eigenschaft wirklich an der Spitze seines Anhangs, unter dem Zulauf des von allen Ecken aus Neugier herbei strömenden Volkes, in Jerusalem eingezogen: die Priesterschaft aber und der Senat, die von allen seinen Schritten heimliche Kundschaft gehabt und ihre Maßregeln in der Stille genommen, hätten sich – um so leichter, da ihm der Versuch, das Volk in eine seinen Absichten vorteilhafte Bewegung zu setzen, nicht gelungen – in der folgenden Nacht seiner Person bemächtigt; und so wäre er, als ein im Aufruhr gegen den Kaiser ergriffner Ruhestörer, dem Römischen Beamten ausgeliefert, und von diesem mit der Todesstrafe belegt worden. Die Personen, die mir einen so ungünstigen Bericht von ihm erteilten, begehrten übrigens nicht zu leugnen, daß sie ihn nicht einmal von Person gekannt, und überhaupt sein Tun und Lassen nie für wichtig genug gehalten hätten, um sich durch sich selbst eine nähere Kenntnis davon zu verschaffen. – Ein Römer vom Gefolge des Prokurators, gegen welchen ich dieses Handels erwähnte, sah die Sache in einem andern Lichte. Er sprach von dem jungen Rabbi als einem gutherzigen unschuldigen Schwärmer, der den Juden Buße gepredigt und sich zum Verbesserer ihrer verkehrten Sinnesart und verderbten Sitten berufen geglaubt habe, und, weil er nach und nach beim Volk in Ansehen gekommen, von den Priestern, deren Heuchelei und Laster er mit großer Freimütigkeit gestraft, und von der pharisäischen Sekte, deren erklärter Gegner er gewesen, ihrer gemeinschaftlichen Rachgier aufgeopfert worden sei. Die Beschuldigung, daß er das Volk gegen den Kaiser aufwiegeln und Anspruch auf den Thron Davids habe machen wollen, nannte der Römer ein grundloses lächerliches Vorgeben, und versicherte mich, daß Pilatus selbst, vom Gegenteil völlig überzeugt und ganz wider seinen Willen, bloß durch die Furcht, von den Juden bei dem mißtrauischen Tiberius angeschwärzt zu werden, dazu gebracht worden sei, in die Hinrichtung dieses unschuldigen Menschen einzuwilligen, dessen ganzes Verbrechen, seiner Meinung nach, darin bestanden, daß ihm das Lesen der alten Seher und Weissager seines Volks den Kopf ein wenig verrückt habe. – Ich gestehe dir, Hegesias, die verächtliche Meinung, die ich damals noch von den Juden überhaupt, als einem allen andern Nationen gehässigen und verhaßten Auswurf des Menschengeschlechts, hegte, machte, daß ich diese Erzählungen gleichgültiger anhörte, als vermutlich geschehen wäre, wenn die Szene dieser Geschichte in Griechenland oder Italien gelegen und einen Mann wie Epiktet oder Demetrius betroffen hätte. Ich fand also den Bericht des Römers wahrscheinlich genug, um nicht weiter nachzuforschen, und betrachtete den ganzen Vorfall als eine geschehene Sache, die, wie manche andere dieser Art, keine Folgen von großer Bedeutung haben würde.

Viele Jahre hernach, als Nero nach dem großen Brand in Rom an den Juden, als den beschuldigten Urhebern dieses Unglücks, unerhörte Grausamkeiten ausüben ließ, unter welchen auch die zu Rom befindlichen Christianer (die man noch immer mit den Juden zu vermengen pflegte) leiden mußten, erregte der Name der letztern, den ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal hörte, meine Aufmerksamkeit. Bei näherer Erkundigung vernahm ich: Daß eine vor dreißig Jahren in Judäa entstandene religiöse Sekte mit diesem Namen bezeichnet werde; daß sie sich für Anhänger eines gewissen Jesus von Nazareth, genannt Christus, bekannten, der, ihrem Vorgeben nach, vor dreißig Jahren für die Sünden der Welt gekreuziget worden sei; und daß sie sich bereits in einer beträchtlichen Anzahl kleiner Gesellschaften, die sich Ekklesien nennten und von selbsterwählten Vorstehern nach eigenen Gesetzen regiert würden, durch alle Provinzen des Römischen Reichs verbreitet hätten. Jetzt erinnerte ich mich dessen wieder, was ich um jene Zeit von einem heiligen und wundertätigen Manne, der vor kurzem zu Jerusalem am Kreuze gestorben war, gehört hatte, und konnte nicht zweifeln, daß es eben derselbe sei, für dessen Anhänger die Christianer sich ausgaben. Von dieser Zeit an nahm ich mir vor, auf diese Leute genauer Acht zu geben, und nicht abzulassen, bis ich auf den Grund dessen, was sie (wie ich hörte) äußerst geheim hielten, gekommen wäre, und zuverlässig herausgebracht hätte, was es für eine Bewandtnis mit ihnen habe, und was sie im Schilde führten. Denn ich entdeckte bald, daß sie, gleich den Orphikern, eine Art von religiösem Orden ausmachten, und Geheimnisse hatten, zu welchen niemand ohne vorhergehenden Unterricht und erst nach Verfluß einer längern oder kürzern Probezeit zugelassen wurde. Wie die alten Pythagoräer, litten sie eher Marter und Tod, als daß sie diese Geheimnisse einem Profanen verraten, oder einen solchen, wär er gleich vom Kaiser selbst abgeschickt worden, zur Begehung derselben als Augenzeugen zugelassen hätten. Dieser sonderbare Eigensinn nötigte sie zu heimlichen Zusammenkünften, und, als die Kaiser aus politischen Rücksichten alle geheime Gesellschaften und nächtliche geschloßne Versammlungen bei scharfer Strafe untersagt hatten, zu einem Ungehorsam, der sie in den Augen der Regierung um so strafwürdiger erscheinen ließ, da man nicht begreifen konnte, was diese Menschen – die sich im täglichen Leben durch die Unschuld und Reinigkeit ihrer Sitten auf eine in unsern Zeiten höchst auffallende Weise auszeichneten – bewegen könne, lieber dem Leben als ihren geheimen Zusammenkünften zu entsagen. Ich habe verständige und edel gesinnte Männer unter den Römern gekannt, die sich diese Halsstarrigkeit der Christianer eben so wenig erklären konnten, als die unkluge, bei vielen dieser Leute bis zur Tollheit getriebene Intoleranz, womit sie ihren Haß gegen die gesetzmäßigen Landesreligionen bei allen Gelegenheiten zu Tage legten. Durch diese zogen sie sich den Abscheu des Volks und die Verfolgung der Priester, durch jene von Zeit zu Zeit die schärfste obrigkeitliche Ahndung zu; beides ohne alle Not: denn, wofern sie nur vernünftig und billig genug waren, den alt hergebrachten Religionen und ihren Gebräuchen eben die Duldung angedeihen zu lassen, welche sie mit bestem Rechte für sich selbst forderten, so würde der Staat keine Kundschaft von ihnen genommen haben; und da man ihnen die öffentliche Profession ihrer neuen Religion, so gut wie allen andern, nachgesehen hätte, wär es ganz unnötig gewesen, sich der Regierung durch geheime Konventikeln verdächtig zu machen, und, weil diese gewöhnlich bei Nacht gehalten wurden, sich, zu allem Überfluß, den abscheulichsten Verleumdungen feindselig gesinnter oder schlecht denkender Menschen auszusetzen. Ich gestehe, daß ich selbst von den Christianern, die ich um die Ursachen eines so widersinnigen Benehmens fragte, keine Antwort erhielt, die mich befriedigt hätte, und es daher den besagten Römern um so weniger verdenken konnte, wenn sie sich dadurch in der Vermutung, daß diese Sekte an einem geheimen Plan zum Umsturz der gegenwärtig bestehenden Ordnung der Dinge arbeite, bestätiget fanden. Das sonderbarste bei der Sache, und was jener Vermutung kein geringes Gewicht zulegte, war, daß alles, was die Christianer nicht geheim hielten, recht dazu gemacht schien, sie gleichsam aus ihrem eigenen Munde übler Gesinnungen gegen das ganze Menschengeschlecht zu überweisen. Wer es wissen wollte, konnte auf offnem Markte von ihnen hören: daß ihr Gott keinen andern neben sich dulde; daß Jupiter, Juno, Minerva, Merkur, Apollo mit allen seinen Musen, und Venus mit allen ihren Grazien, eben so viele höllische Geister wären, die sich, dem wahren Gott zu Trotz, von den armen verblendeten Menschen anbeten ließen, um sie dafür in ein ewiges Verderben, woraus keine Rettung sei, zu stürzen; daß sie, die Christianer, Anhänger oder vielmehr Glieder desjenigen wären, der gekommen sei das Reich der Dämonen zu zerstören; daß der Welt eine schreckliche Umkehrung, in welcher alle Abgötter und Ungläubige jämmerlich zu Grunde gehen würden, nahe bevorstehe; und was der Unglück weissagenden Dinge mehr waren, die sie jedem, der es anhören mochte, mit der unbarmherzigsten Gewißheit und Überzeugung in die Ohren sammelten. ›Wenn sie aus solchen Behauptungen kein Geheimnis machen‹, sagte man, ›was für schreckliche Dinge müssen uns erst ihre Mysterien verbergen!‹

Da mir meines Orts mit bloßen Vermutungen nicht gedient war, und ich gleichwohl in vielen Jahren, wie große Mühe ich mir auch gegeben, mich mit Christianern aller Arten, Stände und Geschlechter in die mannigfaltigsten Verhältnisse zu setzen, nicht viel mehr von dem Innern ihres Instituts herauszubringen vermocht hatte, als was jedermann wußte, so blieb mir zuletzt kein andres Mittel übrig, als einige meiner Vertrautesten zu bewegen, daß sie, an verschiednen Orten in Achaja, Asien und Syrien, öffentlich zu den Christianern übergingen. Da ich durch diesen Schritt ihr Leben in Gefahr setzte, so wählte ich sorgfältig solche Ekklesien aus, die sich – was nicht selten war – den heimlichen Schutz der Römischen Landvögte und Beamten zu verschaffen gewußt hatten, und wo also, eine Zeit lang wenigstens, keine Gefahr für meine Freunde zu besorgen war. Durch diesen Kanal erfuhr ich (unter Bedingungen, wozu ich mich auch in meiner jetzigen Abgeschiedenheit noch verpflichtet halte) alles, was mir nötig war, um zu wissen, was die Christianer sind. Was ich von ihnen weiß, scheint mir von so großer Wichtigkeit, daß ich mich, seitdem ich hier lebe, nicht selten mit tiefem Nachdenken beschäftigt habe, was für eine neue Ordnung der Dinge sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, in der Welt bewirken werden. Mit beidem, Hegesias, gedenke ich dich morgen ausführlich zu unterhalten; für heute ists an diesem Vorbericht genug.«

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