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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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III.

Als Apollonius, seinem Versprechen zu Folge, sich an dem bestimmten Ort eingefunden hatte, drückte er mir traulich die Hand und sagte: »Du hast nun bald zwei Tage bei mir ausgehalten, Hegesias, und ich hoffe, du werdest mir, wenn es bloß von dir abhängt, noch den dritten schenken. Ob Apollonius hielt, was Agathodämon dir versprach, weiß ich nicht; doch schmeichle ich mir, daß du die bei uns zugebrachte Zeit nicht unter die verlorne zählen werdest.«

Was ich ihm hierauf antwortete, kannst du dir ohne Mühe selbst sagen, lieber Timagenes. Ich setzte hinzu: Nichts, als die Furcht unbescheiden zu sein, hätte mich abgehalten, ihn um die Gunst zu bitten, die seine zuvorkommende Güte mir zugedacht habe. Der morgende Tag sei noch in meiner Gewalt, und ich hoffte, nach den vielen Proben, die ich hätte, daß er in meiner Seele lesen könne, bedürfe es keiner Versicherung, daß ich, wenn es nur auf meine Wünsche ankäme, das Glück, immer unter seinen Augen zu leben, jedem andern vorziehen würde. Er schien an meinen Gesinnungen für ihn Gefallen zu haben, und nachdem wir in den Alleen des Lustwäldchens einigemal hin und wider gegangen waren, hieß er mich neben ihm Platz nehmen; und nun begann folgendes Gespräch, worin ich ihn durchaus mit seinen eigenen Worten reden lassen werde, was ich auch bisher mit möglichster Treue zu tun beflissen war.

Apollonius. »Ich glaube, lieber Hegesias, dir bisher das Merkwürdigste meines Lebens mitgeteilt zu haben, oder doch so viel davon, als du bedarfst, um den Mann zu beurteilen, der in einem ungewöhnlich langen Leben eine zu sonderbare Person vorgestellt hat, um etwas andres zu erwarten, als daß er der Nachwelt, wo nicht in einem ganz falschen, doch gewiß sehr zweideutigen Licht erscheinen werde.«

Ich. »Daß dies nicht geschehen könne, soll eine meiner ersten Sorgen sein.«

Apollonius. »Deine eigenen Zweifel sind, denke ich, größten Teils aufgelöst, und was etwa daran noch fehlt, wird ins reine kommen, wenn ich dir mit derselben Offenheit, womit ich mich bisher dargestellt habe, nun auch das Urteil mitteile, das ich über mich selbst fälle, seitdem ich in dieser stillen Verborgenheit, der Welt und allen meinen ehemaligen Verbindungen, Entwürfen und Betrieben abgestorben, mich und die menschlichen Angelegenheiten überhaupt ungefähr eben so betrachte, als ob ich den Körper, der mich noch an die Erde fesselt, bereits abgelegt hätte. – Bin ich gewesen was ich sein wollte? Hab ich gewirkt was ich wirken wollte? Hab ich mit den Kräften, die mir die Natur verlieh, als ein treuer Weltbürger so gut Haus gehalten, wie es mir unter den Umständen, die nicht von meiner Willkür abhingen, möglich war? War mein Zweck rein? War er der beste unter allen, die ich mir vorsetzen konnte? Hab ich ihn auf dem geradesten Wege, durch die einfachsten, sichersten und edelsten Mittel zu erreichen gesucht? Kann ich, wenn ich in mein ganzes langes Leben hinter mir zurück schaue, mit mir selbst zufrieden sein?«

Indem Apollonius dieses sprach, schien sein Ton eine Rührung zu verraten, die er, ohne sie mir ganz verbergen zu wollen, zurück zu drücken suchte; er hielt einige Pulsschläge lang inne, und fuhr dann mit heitrer Stirn und ruhiger Stimme fort: »Was soll ich mir selbst antworten? Nach Unerreichbarem zu streben, ist des Menschen Los. ›Ich habe viel getan – viel erreicht – laß andre mehr tun!‹ sagt die Eigenliebe. ›Du hättest mehr, du hättest Besseres tun können‹, ruft eine Stimme in mir, die ich nie zu übertäuben wünsche. O gewiß, Hegesias, hätte ich mehr getan, wenn ich weniger getan hätte. Wie viel hab ich aufgeopfert, wie viel mir selbst versagt, wie viele der reinsten Menschenfreuden nicht genossen, um unabhängig zu sein! Soll, darf der Mensch so ganz unabhängig sein? Wie manche der schönsten zartesten Bande, womit die Natur ihre Lieblingskinder zu einer einzigen Familie verweben wollte, mußte ich von meinem Herzen abreißen, um diese stolze Unabhängigkeit zu behaupten, die mich zu etwas mehr als einem Menschen zu machen schien! Freilich war sie notwendig zu meinem Zweck. Aber dieser Zweck selbst, war er wirklich rein? – Und, war ers als ich meinen Lauf begann, blieb ers immer? War ich immer frei von den geheimen Einwirkungen eines Stolzes, den es gedemütigt hätte, einen Menschen über sich zu sehen? – Nein, Hegesias, ich kann und will mich selbst nicht belügen.«

Ich. »Du warst und bist was du sein wolltest; welcher Mensch darf sich an dir messen? Aber zürne nicht auf dich selbst, daß du – nur ein Mensch warst.«

Apollonius. »Ich verzeihe mirs auch, guter Hegesias; aber ich bin jetzt im Bekennen. Ich gestehe, – ungeachtet der menschlichen Unlauterkeit, war mein Zweck edel und groß. Aber die Mittel? – Du erinnerst dich ohne Zweifel alles dessen, was ich dir gestern und diesen Morgen zur Rechtfertigung der Täuschungen sagte, die mein Wirkungsplan zu erfordern schien. War die Rolle eines Orpheus oder Epimenides, eines Mystagogen und Theurgen, meine eigene? War ich nicht ein Schauspieler, indem ich diese Rollen spielte? Schien ich nicht zu sein, was ich nicht war

Ich. »Du spieltest diese Rollen in einer hohen Vollkommenheit und zu einem wohltätigen Zweck.«

Apollonius. »Hab ich ihn erreicht? Hab ich etwa die Menschen meiner Zeit von der Geistesschwäche und Herzensverdorbenheit geheilt, die, so lange sie nicht von Grund aus gehoben sind, alle ihre andern Übel unheilbar machen? Hab ich die Fesseln der Menschheit zerbrochen, oder nur wenigstens einen dauernden Grund zu einer künftigen wesentlichen Verbesserung ihres sittlichen Zustandes gelegt? Hab ich in einem Leben, dessen Maß beinahe ein Jahrhundert ist, etwas zu Stande gebracht, das mich auch nur ein Jahrhundert überleben wird?«

Ich. »Deinen Pythagorischen Orden.«

Apollonius. »Er war also nicht mein!«

Ich. »Du hast ihn zu deinem eigenen Werke gemacht. Und wahrlich, es ist eine herrliche, deiner würdige Stiftung für Zeitgenossen und Nachwelt! Wie viele treffliche Menschen hast du gebildet! –«

Apollonius. »Schmeichle mir nicht, Hegesias! Man kann nur Anlagen ausbilden. Wem die Anlage zu einem vortrefflichen Menschen gegeben ward, der wird sich auch ohne Hülfe einer fremden Hand entwickeln, und, unter dem bestimmenden Einfluß der Umstände, durch das Leben selbst am gewissesten das werden, was er werden kann und soll.«

Ich. »So hast du wenigstens eine Menge edler Menschen zu Einem gemeinschaftlichen großen Zweck vereinigt und in Tätigkeit gesetzt; und was du durch diesen Verein zu Stande gebracht hast, der neue glückliche Zeitlauf, der mit Trajan, dem zweiten und bessern August, beginnt, wird seine wohltätigen Folgen über mehr als Ein Jahrhundert ergießen.«

Apollonius. »Wer weiß das? Wie oft hat uns schon der Anschein eines schönen Tages betrogen! Und gesetzt, es erfolge alles was wir hoffen und wünschen, kann ich einen glücklichen Erfolg mir zum Verdienst anrechnen? Wie viele mußten dazu mitwirken! Und was durch den ganzen Zusammenhang der Dinge vorbereitet war, was beinahe notwendig erfolgen mußte, würde es nicht, auch ohne mich und meine Freunde, durch andere Mittel und Wege ausgeführt worden sein? Die reife Frucht wäre gefallen, wenn wir sie auch nicht geschüttelt hätten. Der Tyrann, gegen welchen aller Menschen Herzen zusammen verschworen waren, sah sich keine Stunde seines Lebens sicher. Fiel er, so rief der allgemein gefühlte Drang der Zeit den besten unter den Großen zum Imperator aus, wiewohl er vielleicht der schwächste von allen war; und wollte dieser sicher sein, so mußt er sich, je eher je besser, eine Stütze an einem tüchtigen Nachfolger verschaffen. Zu allem diesem bedurfte es vielleicht meiner Mitwirkung nicht.«

Ich. »Das läßt sich wenigstens nicht mit Gewißheit sagen; es ist auch nicht wahrscheinlich. Die wichtigsten Erfolge hängen oft von einem einzigen Umstand, einem einzigen Anstoß, dem Druck einer einzigen Feder ab. Du würdest unbillig gegen dich selbst sein, wenn du dir, um eines Vielleichts willen, das Verdienst, der Welt einen Trajan gegeben zu haben, verkümmern wolltest.«

Apollonius. »Auch hierin, guter Hegesias, wird das Verdienstliche wohl allein darin liegen, daß ich das Beste der Menschheit ernstlich wollte, und alles, was in meinem Vermögen war, dazu beizutragen mich beeiferte. Der Erfolg ist nie das Werk eines Einzigen. Mit meinem Orden – dessen Einrichtung und Regierung das eigentliche große Geschäft meines Lebens war – hat es dieselbe Bewandtnis. Ich halte mich für gewiß, daß viel Gutes durch ihn geschehen ist und noch geschieht: aber wie könnte ich mir verbergen, daß das alles bloß persönlich ist, und von keiner langen Dauer sein kann? Setzt das Institut sich fort, so wird es sich bald von seiner ursprünglichen Lauterkeit entfernen. Ehrgeiz, Eigennutz, Privatabsichten und Leidenschaften werden sich einmischen; Kabalen und Parteien werden die schöne Harmonie und Einheit des Ganzen stören; seine Grundsätze werden Formeln, sein edler Zweck ein prächtiger, weiter und bequemer Deckmantel für selbstsüchtige Plane und ungerechte Mittel, die Redlichen und Guten, die sich in ihn verflochten finden, ohne ihr Wissen, Werkzeuge schlauer Egoisten werden; und so werde ich, aus dem wohlmeinenden Urheber einer Gesellschaft wohltätiger Kosmopoliten, am Ende der Stifter eines unruhigen und gefährlichen geheimen Staats im Staate geworden sein.«

Ich. »Gesetzt auch, die Sache, nachdem sie aus deinen Händen ist, nähme diese Wendung, wie könntest du dich dir selbst für einen solchen Erfolg verantwortlich machen?«

Apollonius. »Wer aus eigener Bewegung große weit greifende Dinge unternimmt, für deren Erfolg er nicht stehen kann, darf sich nicht von aller Schuld frei sprechen, wenn die Sache so ausfällt, daß die daher entspringenden Übel das beabsichtigte Gute bei weitem überwiegen.«

Ich. »Du bist sehr streng gegen dich selbst, Apollonius.«

Apollonius. »Ich würde es vielleicht weniger sein, (versetzte er nach einer kleinen Pause) wenn nicht unter meinen Zeitgenossen ein Mann gelebt hätte, der das war, was ich schien, und der bloß durch das was er war, ohne alle Geheimanstalten, Kunstgriffe und Blendwerke, auf dem geradesten Wege und durch die einfachsten Mittel, zum Heil der Menschheit zu Stande bringen wird, was ich vermutlich durch die meinigen verfehlte.«

Ich. »Du setzest mich in Erstaunen. Was für ein Mann könnte das sein, den du so hoch über dich selbst hinauf setzest, der so große Dinge wirken soll, und von dem doch so wenig die Rede in der Welt ist, daß ich jetzt zum ersten Male von seinem Dasein höre? Er muß sein Wesen in einer außerordentlichen Verborgenheit treiben.«

Apollonius. »Solltest du wirklich nichts von diesem Manne gehört haben?«

Ich. »Nicht ein Wort, so viel ich mich besinnen kann.«

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