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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Ich stutzte, und bedachte mich, was hierauf zu sagen wäre. Apollonius wartete einige Augenblicke, und fuhr dann fort.

Apollonius. »Es ist wirklich etwas bemerkenswertes an der sonderbaren Art, wie wir uns selbst zu täuschen suchen, um uns eine Vorstellung vom Unendlichen zu machen; was doch eben so unmöglich ist, als das große Weltmeer in eine Trinkschale zu schöpfen. Wir denken uns unser Leben als eine schmale Landzunge zwischen zweien Unendlichkeiten, deren eine hinter uns, die andre vor uns grenzenlos ausgedehnt liegt. Die eine ist freilich so unendlich als die andere, aber unsre Vorstellungsart macht einen beträchtlichen Unterschied zwischen ihnen. Wie sehr wir uns auch anstrengen, uns ein Ding ohne Anfang vorzustellen, es ist uns unmöglich; wie weit wir auch Raum und Zeit zurück rücken, immer fühlen wir uns genötiget, irgendwo einen Punkt anzunehmen, wo die Dinge angefangen haben; und da es im Unendlichen gleich viel ist, wo wir den Punkt hin setzen, so nehmen wir ihn, der Bequemlichkeit wegen, lieber nah, damit wir nicht gar zu weit rückwärts zu gehen haben. Daher kommt es, daß die Ägypter und Indier, die den Anfang der Welt am weitesten zurück setzen, doch nicht über einige hunderttausend Jahre hinaus gehen, wiewohl sie dadurch kein größeres Stück vom Unendlichen abgeschnitten haben, als diejenigen, die ihr eine Dauer von vier- oder fünftausend Jahren geben. Im Unendlichen vor uns hingegen bewegt sich unsre Einbildung viel leichter und gemächlicher; und wiewohl wir von Zeit zu Zeit Halt zu machen und auszuruhen genötigt sind, so geschieht es doch nicht, um stehen zu bleiben; wir setzen die Reise immer fort, finden nichts natürlicher, als daß das Unendliche – kein Ende nimmt, und sind wohl mit uns selbst zufrieden, indem wir uns einbilden, eine Reihe von Zuständen oder Stufen einer immer vollkommnern Existenz denken zu können, die nie aufhört, weil der gegenwärtige Zustand immer der Keim eines folgenden ist; und, ob wir gleich weder Lust noch Muße haben, auf dieser Leiter, deren Haupt sich im Unendlichen, wie in einem dunkeln Gewölke, verbirgt, in Gedanken immer fortzusteigen, so genüget uns doch schon an der dunkeln Vorstellung, daß es nur von uns abhängt, so lange weiter zu steigen als uns beliebt. Der Grund der Täuschung in dieser Vorstellungsart liegt, deucht mich, darin, daß wir, bei allem, was wir zählen oder messen, mit Eins anzufangen genötigt sind, hingegen keine Zahl und kein Maß so groß ist, daß nicht immer noch etwas hinzu gesetzt werden könnte. Wie kindisch es auch immer ist, unsre gewohnte Art zu messen und zu zählen auf das Unendliche anzuwenden, so kann sich unsre Einbildungskraft doch nicht anders helfen. Daher kommt es, daß, wenn wir auch dem Chaos, als der Materie des Weltalls, ein ewiges Dasein zuschreiben, wir uns doch die Gestaltung und Organisierung dieses Urstoffs, wodurch er das wird, was wir die Welt nennen, notwendig als in der Zeit geschehen vorstellen. Wir nehmen ein ewiges Chaos an, weil es uns unmöglich ist zu denken, daß die Welt aus Nichts entstanden, d. i. daß Nichts – Etwas geworden sei: aber der Welt geben wir einen Anfang, aus eben dem Grunde, warum wir entweder ein erstes Ei, oder eine erste Henne annehmen müssen, weil wir uns rückwärts keine unendliche Reihe von aus einander entwickelten Eiern und Hennen vorstellen können. Aber können wir das vorwärts etwa besser? Man bildet sichs ein, weil man in dem letzten Ei schon wieder die künftige Henne sieht, die in einem neuen Ei eine neue Henne legen wird, und weil man dieses Spiel ohne Mühe so lange fortsetzen kann als man will: aber es ist eine bloße und ziemlich grobe Täuschung, wenn wir uns eine unendliche Folge von künftigen Eiern und Hennen leichter einzubilden glauben als eine vergangene; indem es mit der letztern völlig die nämliche Bewandtnis hat, und, es sei nun daß man bei der Henne oder beim Ei anfange, das Ei immer eine Henne und die Henne immer ein Ei voraussetzt, und wir diese Operation der Einbildung eben so leicht und eben so lange rückwärts fortsetzen können als vorwärts, ohne durch etwas andres als unsre Ermüdung genötigt zu werden, das Spiel endlich aufzugeben. Es ist, wie gesagt, etwas kindisches in diesen popularen Vorstellungen, das eben darin liegt, daß man das Unmeßbare messen und das Unbegreifliche begreifen will; ein Versuch, der dem tiefsinnigsten Denker nicht besser gelingen kann, als dem schwächsten Kopfe. Den höchsten Versuch in dieser Art, den ich kenne, machte der große Ägyptische Hermes, da er das Unendliche einen Zirkel nannte, dessen Mittelpunkt allenthalben und dessen Umkreis nirgends ist. Die Einbildungskraft erschrickt vor diesem Gedanken, wenn es anders ein Gedanke heißen kann; denn was ist ein Zirkel, der aus lauter Mittelpunkten besteht und keinen Umkreis hat?«

Kymon. »Ich will mirs gefallen lassen, wenn ihr über mich lachet; aber ich gestehe, daß ich etwas unbeschreiblich Erhabenes in diesem undenkbar scheinenden Bilde finde. Wenn ich auf der Spitze des Ida stehe, übersehe ich einen großen Raum, aber er ist vom Horizont umgrenzt; ich umfliege in Gedanken die ganze Erde, schwinge mich von ihr in den Mond auf, erhebe mich vom Mond bis zur Sonne; der Raum um mich her wird immer ungeheurer, und doch hat er immer noch einen Umkreis. Nun ergreift mich der göttliche Hermes, und stürzt sich mit mir ins Unendliche. Mit der Geschwindigkeit des Blitzes eile ich ohne Stillstand von einem Stern, von einem Himmel zum andern, und sehe keinen Umkreis; der täuschende Horizont, in dem ich vorher mich eingeschlossen wähnte, ist verschwunden; in jedem Punkte meines rastlosen Flugs bin ich im Mittelpunkt eines Kreises, der sich mit jedem Augenblick erweitert; vergebens suche ich einen letzten Umkreis, der diese ungeheuern Räume einschließe; Millionen Sonnen könnten nach und nach erlöschen und Millionen neue Himmel um mich her entstehen, und ich flöge immer noch, ohne aus der Mitte des immer weiter sich ausdehnenden Kreises heraus zu kommen. Endlich ermattet meine Phantasie; der vergebliche Flug hat ihre Kraft erschöpft, ich versinke und verliere mich im Unendlichen wie ein Wassertropfen im Ozean.«

Während Kymon dies mit Begeisterung sprach, heftete Apollonius einen Blick voll Wohlgefallen und Liebe auf das glänzende Gesicht des Alten, und, da er zu reden aufgehört, drückte er ihm die Hand und sagte: »Dies war es, guter Kymon, und war alles, was Hermes mit seinem Zirkel ohne Umkreis wollte. Dein gerader Sinn hat ihn sogleich gefaßt, und wehe dem Sophisten, der dich mit seiner Logik darüber schikanieren wollte! Dies angestrengte vergebliche Streben, und zuletzt dies Verlieren unser selbst in dem alles hervorbringenden und alles verschlingenden Unendlichen, – dies ist die einzige Art, wie Wesen unserer Gattung – nicht zum Begriff, aber zu einem dunkeln, die ganze Seele ausfüllenden Gefühl desselben sich erheben können; einem Gefühl, das mehr wert ist, als die subtilste Worterklärung des trocknen Dialektikers, der uns Rechenpfennige für Münze, und Worte für Sachen gibt. Indessen sollte das Unvermögen, uns über die selbst schon grenzenlose und bloß durch die Unzulänglichkeit unsrer Organe beschränkte Sinnenwelt bis zum wirklichen Anschauen des Ewigen, Notwendigen und selbstständigen Unendlichen aufzuschwingen, – denn, was wir davon sehen, sind, (wie Plato zuerst so richtig sah, oder sagte) doch nur zurück geworfene Schattenbilder von Ideen, – billig, sage ich, sollte dieses Unvermögen uns lehren, daß der Umkreis der Menschheit und ihrer so mannigfaltigen und wichtigen Angelegenheiten der wahre, unsern Kräften angemessene Wirkungskreis ist, den die Natur uns angewiesen hat, und auf den wir uns um so mehr beschränken sollten, da selbst der geringste dieser Gegenstände einen beträchtlichen, und so viele einen entscheidenden Einfluß auf das Wohl oder Weh des Menschengeschlechtes haben. Die großen Aufgaben: ›Was ist der Mensch in der gegenwärtigen Periode seines Daseins? Welches sind seine Kräfte und Anlagen? Wie und wozu hat er sie zu gebrauchen? Was soll er hier sein? Was kann er hier werden? Zu welcher Vollkommenheit könnte er schon in diesem Leben gelangen, wenn er die Mittel kennen und richtig anwenden lernte, die ihm dazu gegeben sind?‹ – Diese Aufgaben, die sich wieder in unzählige andere auflösen, sind so ganz für uns gemacht, und geben uns so viel zu schaffen, daß ich nicht sehe, wo wir Zeit hernehmen wollen, uns um Dinge zu bekümmern, die wir eben darum, weil sie uns unerreichbar sind, mit gutem Fug als uns nichts angehend betrachten dürften.«

Ich. »So gewiß dies ist, so scheint es doch nicht in unserer Gewalt zu sein, uns eines von Zeit zu Zeit tief aus unserm Innern aufsteigenden Verlangens, ›zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen‹, gänzlich zu entschlagen. Dieses Verlangen scheint zu billig zu sein, als daß seine Nichtbefriedigung uns nicht beunruhigen, und zu natürlich, als daß uns so schlechterdings jeder Weg zu seiner Befriedigung versperrt sein sollte.«

Apollonius. »Um dir meine Meinung frei zu sagen, so dünkt mich die erste dieser Fragen die zweckloseste von allen, die der grübelnde Vorwitz jemals aufgeworfen hat. Ich dächte, wir könnten zufrieden sein, daß wir da sind, und brauchten uns den Gedanken, woher wir kommen und was wir ehemals waren, um so weniger anfechten zu lassen, da es uns nichts helfen könnte wenn wirs wüßten. Nur das was ich bin, seitdem ich diese Person bin, betrifft mich; nur diese Person macht mein Ich aus, und in so fern kann ich richtig sagen: bevor ich der Mensch war, der ich in meinem gegenwärtigen Leben wurde, war ich noch gar nicht. Wäre ich schon gewesen, so müßte ich mir dessen bewußt sein; oder wäre ich zwar schon unter irgend einer andern Gestalt da gewesen, könnte mich aber dessen auf keine Weise erinnern, so wär es für mich eben so viel, als ob ich nicht gewesen wäre; so wie eine vom Wahnsinn wieder hergestellte Person die Tage oder Jahre ihres Wahnsinns von ihrem Leben abrechnen muß. – Mit der andern Frage: Wohin gehen wir, und was wird nach diesem Leben aus uns? scheint es hingegen eine andere Bewandtnis zu haben, und ich gestehe dir selbst, Hegesias, daß es mir angenehm wäre, wenn du mir etwas zuverlässigeres davon sagen könntest, als was wir alle wissen. Wer die Reise in das unbekannte Land so nahe vor sich hat wie ich, dem ist ein wenig Vorwitz zu verzeihen, wie es darin aussehe, wie es ihm gefallen, und vornehmlich wie er wohl behalten hinein kommen werde? Ernsthaft zu reden, Freund Hegesias, es ist natürlich, daß ein Mann von meinem hohen Alter sich mit dem Gedanken an den Tod, und an das, was auf den Tod folgt, vertraut zu machen sucht; was mir um so leichter wird, da er sich mir so langsam nähert. Ich sehe ihm ruhig, oder vielmehr mit dem stillen Verlangen entgegen, womit man einen Freund erwartet, dessen Kommen gewiß, aber der Tag unbestimmt ist. Ich betrachte ihn als einen guten Genius, der mich, im schlimmsten Falle, zu einer ewigen Ruhe, aber wahrscheinlich an den Ort meiner künftigen Bestimmung führen wird. Die schöne Ordnung und weise Zweckmäßigkeit, die ich im Ganzen der Natur regieren sehe, läßt mich keinen Augenblick zweifeln, daß diese Bestimmung meinen Kräften und meiner innern Verfassung angemessen sein werde. Dies ist alles was ich davon weiß und wissen kann; und es ist zu meiner Beruhigung genug. Indessen, warum sollt es der Einbildungskraft, deren eigentümliches Gebiet das unendliche Reich der Vermutungen und vermeinten Möglichkeiten ist, nicht erlaubt sein weiter zu gehen, und mit harmlosen Träumen, aus helldunkeln Aufblitzungen und Vorgefühlen der künftigen Welt gewebt, die Ungeduld der Erwartung einzuwiegen? Laß es sein, daß der müde Seefahrer, den nach einer langen Reise wieder Land zu sehen verlangt, bei heiterm Wetter ein duftiges Luftgebild am fernen Horizont für eine reizende Insel ansieht; sein Irrtum schadet niemand, und gewährt ihm einige frohe Augenblicke.«

Ich. »Für mich würde ein Traum, an welchem Apollonius etwas anmutendes findet, beinahe das Ansehen einer Urkunde haben.«

Er schwieg eine kleine Weile, lenkte dann unvermerkt das Gespräch auf andere Gegenstände, die vor uns lagen, und beurlaubte mich, mit der Abrede, ihn eine Stunde vor Sonnenuntergang in dem Lorbeerwäldchen zu erwarten.

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