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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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II.

Ich müßte mich sehr irren, lieber Timagenes, wenn mein Agathodämon dir durch alles, was du bisher von ihm gesehen und gehört hast, nicht so lieb geworden wäre, daß du schwerlich irgend etwas, das sich aus meinem dreitägigen Aufenthalt bei ihm in meinem Gedächtnis erhalten hat, deiner Aufmerksamkeit unwürdig finden wirst. In dieser Voraussetzung fahre ich fort, dir von den Unterredungen Rechenschaft zu geben, womit wir, nachdem unser Pythagorisches Mahl vorüber war, den Rest des Tages zubrachten.

Ich erinnere mich nicht mehr, aus welchem Anlaß Kymon der alten Wahrnehmung erwähnte, daß viele Menschen nicht nur in dem Bau der festen Teile des Kopfs und Angesichts, sondern selbst in dem Gesamtausdruck der beweglichen Teile, besonders der Augen und des Mundes, eine mehr oder weniger auffallende Ähnlichkeit mit gewissen Tierarten zu haben scheinen. –

»Ich glaube«, sagte Apollonius, »diese Bemerkung gelte – zwar nicht von allen (was ich keineswegs behaupten möchte), doch gewiß von den meisten Menschen. Gewöhnlich wird sie freilich nur an solchen gemacht, an denen diese Ähnlichkeit stark in die Augen fällt: aber, wer alle ihm vorkommende Personen in dieser Rücksicht scharf und genau beobachten wollte, vorausgesetzt daß er auch alle bekannten Arten von Luft- Land- und Wassertieren physionomisch studiert hätte, würde vielleicht nur wenige Ausnahmen von der allgemeinen Regel finden.«

»Sollte dies«, versetzte Kymon, »nicht für Bestätigung einer Hypothese gelten, die ich einst einen Schüler des Anaxilaus, als eine Lehre dieses bekannten Pythagoräers, behaupten hörte: ›Die Seelen der Tiere würden durch Versetzung in menschliche Leiber zu Menschenseelen veredelt, und so der Verlust, den unsre Gattung durch den Tod der Einzelnen erleide, aus dem Tiergeschlecht wieder ersetzt.‹«

»Dies anzunehmen müßten wohl andere Gründe vorhanden sein«, – sagte ich, um doch bei diesem Gespräche nicht eine ganz stumme Person vorzustellen: »denn aus der Ähnlichkeit zwischen gewissen menschlichen mit gewissen tierischen Physionomien scheint höchstens einige Ähnlichkeit in der Sinnesart gefolgert werden zu können. Überdies müßte man, um zu erklären, warum z. B. die Seele eines ehemaligen Schafs dem menschlichen Embryo, von welchem sie Besitz nimmt, eine schafsmäßige Gesichtsbildung gebe, annehmen, daß die Seele einen unmittelbaren physischen Einfluß in die Bildung ihres Körpers habe, und also eine plastische Kraft besitze, deren sie sich nicht bewußt ist, und von welcher es schwer sein dürfte sich einen klaren Begriff zu machen.«

»Die Hypothese des Anaxilaus, oder wer ihr Erfinder sein mag (denn sie scheint weit älter zu sein als er), ist eine von denen, (sagte Apollonius) auf welche man verfällt, und beinahe verfallen muß, wenn man sich zwei oder drei sehr kurze, aber sehr rätselhafte Fragen beantworten will, deren kein denkender Mensch sich immer entschlagen kann, und auf welche, wie nahe sie uns auch angehen, noch niemand eine befriedigende Antwort gefunden hat. Wer bin ich? – Woher kam ich ? – Was wird aus mir werden? Das, was ich meine Seele nenne, macht mich, in einer gewissen Verbindung mit dem Körper, den ich gern oder ungern für den meinigen erkennen muß, zu dem Wesen, das man einen Menschen nennt: aber ich war nicht immer was ich jetzt bin; ich war ein junger Mann, ein Jüngling, ein Kind, ein Embryo; was war ich vorher? – ›Gar nichts?‹ – Wie kann Nichts zu Etwas werden? – Formen, Gestalten, Zusammensetzungen, können entstehen, weil der Stoff dazu vorhanden ist. Damit Etwas werde, muß Etwas sein. Was ich jetzt bin, kann nicht mein eigentliches Ich sein, sonst wäre Ich vor sechsundneunzig Jahren Nichts gewesen. Was ich jetzt bin, ist also eine bloße Form meines Ichs, und ich war schon vorher unter irgend einer andern Form vorhanden. Daß ich der Natur angehöre, ist klar. In der Natur hängt alles genau zusammen; sie kennt keine Lücken und macht keine Sprünge. Was ich unmittelbar vorher war, muß also mit dem, was ich jetzt bin, so viele Ähnlichkeit gehabt haben, als der gewöhnliche, ordentliche Gang der Natur erfordert. Ich war also nur eine unvollkommnere Art von Menschen. Und vorher, eh ich dies ward, was war ich? Allem Ansehen nach gibt es in der Menschheit mehrere Abstufungen, als man gemeiniglich glaubt. Angenommen also daß ich von der untersten Stufe ausgegangen, was war ich vorher? Die Klasse von Wesen, die wir Tiere nennen, und von deren wahrer Beschaffenheit wir noch sehr wenig echte Kenntnis haben, enthält vermutlich eine noch größere Anzahl von Abstufungen als die Menschheit. Ich habe auch diese durchwandern müssen, bevor ich ein Mensch werden konnte. – Da haben wir also die Lehre des Anaxilaus, und, wie es scheint, ziemlich fest gegründet. Oder dünkt dich nicht, Hegesias, daß Anaxilaus ungefähr so räsonieren mußte?«

Ich. »Sehr wahrscheinlich. Aber unglücklicher Weise kommt die erste Frage, was war ich vorher? immer wieder. Daß unsre Erdkugel vor irgend einem uralten Zeitpunkte unbewohnbar war, und es dereinst, wenn auch erst in vielen Jahrtausenden, wieder werden wird, ist bis zur Gewißheit wahrscheinlich. Das letztere rettet unsre Hypothese von einem Einwurf, der, wie mich dünkt, sonst unbeantwortbar wäre. Denn, wenn die Erde so wie sie ist, immer dauerte, woher sollten sich sowohl die menschliche als die tierischen Gattungen zuletzt ersetzen können? Die Zahl der Individuen, wie groß man sie auch annehmen will, muß am Ende doch bestimmt sein, und also endlich erschöpft werden.«

Apollonius. »Und sobald sich dies ereignet, muß, durch eine notwendige Folge, auch die große Revolution mit der Erde vorgehen, die du ihr weissagst. Wenn sie keine Bewohner mehr hat, wird sie in kurzer Zeit auch unbewohnbar werden, und so bedarf es dann keiner Ersetzung der Abgegangnen.«

Ich. »Wenn also auch jener Einwurf wegfällt, so sehe ich doch nicht, was Anaxilaus auf die Frage antworten kann, was er gewesen sei, bevor es noch Tiere auf der Erde gab.«

Kymon. Vermutlich eine Pflanze. Versichert uns doch schon der berühmte Empedokles, daß er ein Strauch gewesen sei, bevor er, nach und nach, Fisch, Vogel, Mädchen und endlich Knabe geworden. Aber freilich wird sich Hegesias damit nicht abfertigen lassen, und die Freunde dieser Art von Seelenwanderung werden sich genötigt finden, die armen Menschenseelen durch das ganze Mineral- und Steinreich durchzuführen, und sie endlich, wenn sie nicht mehr weiter können, sogar in Gestalt der einfachsten Elemente in einen ewigen Schlaf zu versenken, der vor dem Nichtsein wenig voraus hat, und aus welchem sie, begreiflicher Weise, nie erwachen können.«

Ich. »Für diese letzte Schwierigkeit könnten unsre Metempsychosisten wohl noch Rat schaffen. Die Elemente können doch nicht ohne Kraft, und eine Kraft nicht ohne Streben gedacht werden. Sie streben also so lange, bis sie aus dem tiefsten Schlummer zu einem leichtern, und aus diesem endlich zum animalischen Leben erwachen.«

Kymon. »Was nennst du den tiefsten Schlummer? Vermutlich den, unter welchem sich kein tieferer denken läßt? Was war ich also, bevor ich in dem tiefsten Schlummer lag, in welchem noch ein Streben möglich ist?«

Ich. »Ich sehe wohl, daß Anaxilaus, um eine so beschwerliche Frage zum Schweigen zu bringen, die Planeten zu Hülfe rufen, und unsre Seelen, bevor sie ihre Migrationen auf der Erde beginnen, vorher auf unzählige, uns unbekannte Arten, in andern Weltkörpern existieren lassen muß.«

Kymon. »Du denkst dich, wie ich merke, hinter die Wörter unzählig und unbekannt zu bergen; aber sie werden dir wenig helfen. Ich erlaube dir, die Anzahl dieser, uns zwar unbekannten, aber an ihrem Orte sehr wohl bekannten Arten von Existenz so groß anzunehmen als du willst, immer bleibt es eine bestimmte Anzahl. Ich erlaube dir sogar, unsre Seelen alle mögliche Planeten und Sonnen, wären ihrer auch so viele als des Sandes am Meer und der Wassertropfen im Ozean, rückwärts durchwandern zu lassen; meine alte Frage, was war ich vorher? ist immer wieder da, und ich sehe nicht, wie wir uns vor ihr retten können.«

Apollonius. »Das schlimmste ist, daß die andre Frage, die noch auf uns wartet, und an deren Beantwortung uns im Grunde weit mehr gelegen ist, dem guten Anaxilaus, und in der Tat einem jeden andern, der sich auf sie einlassen wollte, nicht weniger zu schaffen machen wird: ›Was wird aus uns werden, wenn wir aufhören die Menschen zu sein, die wir jetzt sind?‹ Denn wie oft wir auch in andere menschliche Leiber wandern möchten, endlich muß es doch ein Ende nehmen, oder wir müßten uns überreden können, die Natur, die uns vorher aus einem Zustande, worin wir uns selbst kaum dunkel fühlten, von Stufe zu Stufe bis zur Menschheit hinauf geführt hatte, habe es bloß getan um ihren Scherz mit uns zu treiben, und verdamme uns nun, da unsre Vervollkommlichkeit außer Zweifel ist, zu dem traurigen Los, uns in dem großen Rade der menschlichen Torheiten und Armseligkeiten, wie Sklaven in einer Mühle, ewig herum zu treiben. Es muß also ein Zeitpunkt kommen, wo wir in eine vollkommnere Klasse von Wesen übergehen. Ob mit oder ohne einen Körper, mit oder ohne Bewußtsein dessen, was wir waren, davon soll jetzt nicht die Rede sein. Ich frage nur: Was wird aus uns werden, wenn wir die höchste Stufe von Vollkommenheit erreicht haben, zu der wir uns, vermöge unsrer eingeschränkten Natur, erheben können?«

Ich. »Unsre Schranken werden sich erweitern, je vollkommner wir werden, und mit jeder Stufe, die wir erstiegen haben, werden sich höhere zeigen, die noch zu ersteigen sind.«

Apollonius. »Aber ob wir sie ersteigen können?«

Ich. »Warum nicht? Wer Kraft genug hatte, so hoch zu steigen, hat wohl auch so viel, noch höher zu steigen.«

Apollonius. »Das ist so ausgemacht nicht. Ein beschränktes Wesen kann nicht über eine gewisse Linie hinaus, welche das höchste Maß seiner Empfänglichkeit und Tätigkeit ist; darin eben besteht seine Beschränktheit. Doch ich will mich bei diesem Einwurf nicht aufhalten. Du nimmst also keine höchste Stufe an?«

Ich. »Wie könnte ichs? Denn da würdest du fragen: was nun, wenn wir sie erreicht hätten, aus uns werden sollte, und was hätte ich dir da zu antworten? Ewig auf ihr stille zu stehen, wäre eben so unmöglich, als höher zu steigen; es bliebe uns also nichts übrig, als das alberne Geschäft, wieder so tief herab zu steigen, als wir hoch empor gestiegen wären. Ich sage demnach, die höchste Stufe ist es nur in Vergleichung mit einer viel niedrigern, aus welcher sie erblickt wird; es gibt immer eine noch höhere.«

Apollonius. »Kannst du dir eine Leiter ohne Anfang und ohne Ende denken?«

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