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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Was das Verschwinden aus dem Gerichtssaale des Kaisers und die plötzliche Erscheinung zu Puteoli betrifft, so hat es damit, meines Wissens, folgende Bewandtnis. Der Befehl des Tyrannen, daß Apollonius sich in Person vor ihm stellen und verantworten sollte, hatte die zahlreichen Anhänger und Freunde meines Herren in nicht geringe Unruhe gesetzt, und verschiedene geheime Verabredungen über die Maßregeln, die man in jedem möglichen Falle zu nehmen hätte, veranlaßt. Wie viel indessen die widrigen Vorurteile, die man dem Kaiser gegen ihn beigebracht, zu diesem Befehle beigetragen haben mochten, so scheint es doch, als ob die Neugier, einen Mann, von dem so viel unglaubliche Dinge erzählt und geglaubt wurden, von Person kennen zu lernen, wenigstens eben so viel Anteil daran gehabt habe. Gewiß ist, daß das erste Verhör einen so sonderbaren Eindruck in Domitians Einbildungskraft zurück ließ, daß er sich vor dem zweiten zu fürchten schien, und es daher lange genug aufschob, um unsern Freunden zu geheimen Verwendungen Zeit zu lassen. Sie fanden Mittel, einige Personen, die beim Kaiser wohl gelitten waren, zu gewinnen, und ihnen die Rolle beizubringen, die sie zur Rettung eines ehrwürdigen und schuldlosen Greises zu spielen hätten. Die einen beschrieben ihm meinen Herrn als einen zwar schwärmerischen, aber harmlosen Menschensohn, der, wie alle Kappadozier, einen Sparren zu viel im Kopf habe, und von dem sie ihm die lächerlichsten Histörchen zu erzählen wußten; andere begehrten dies zwar nicht zu leugnen, führten aber doch verschiedene glaubwürdige Tatsachen an, woraus man nichts andres schließen könne, als er müsse sich wirklich im Besitz einiger magischer Künste befinden. Daß diese geheimen Bearbeitungen des Kaisers, wobei man keine andere Absicht, als ihm die Zeit zu kürzen, merken ließ, nicht ohne alle Wirkung geblieben waren, zeigte sich denen, die um das Geheimnis wußten, beim zweiten Verhör ziemlich deutlich. Domitian versuchte verschiedene Töne, bald einen ironischen, um den Schwärmer warm zu machen, bald einen stolzen und drohenden, um dem Zauberer an den Puls zu fühlen; aber wer ihn kannte, merkte leicht, daß es ihm mehr darum zu tun war, mit guter Art aus der Sache zu kommen, als einen Machtspruch zu tun, der zu seiner Beschämung ausfallen konnte, wenn der alte Magus ihm plötzlich mit einem Stückchen seiner Kunst aufgewartet hätte. Aber Apollonius behielt seine gewöhnliche unerschütterliche Ruhe; er beantwortete die unzusammenhängenden und verfänglichen Fragen des Kaisers in wenig Worten, bestimmt, geziemend, freimütig und ohne die mindeste Verlegenheit. Könnt es, dacht ich damals in mir selbst, auch nur einen Augenblick zweifelhaft sein, wer von diesen beiden der Monarch zu sein verdient? und ich glaubte denselben Gedanken in den Blicken aller Anwesenden zu lesen. Indessen schien Domitian eine Unbehäglichkeit zu fühlen, die er vergebens zu verbergen suchte; er eilte also dem tragischen Possenspiel ein Ende zu machen. Da weder Ankläger noch Zeugen gegen den Beschuldigten auftreten wollten, hingegen eine Menge wackerer Leute bereit waren, sich selbst für seine Unsträflichkeit und Rechtschaffenheit zu verbergen, so brach er das Verhör plötzlich ab, und befahl den alten Mann wieder auf freien Fuß zu stellen, unter der Bedingung, daß er Italien unverzüglich verlassen, und sich wohl hüten sollte, zu keiner neuen Klage mehr Gelegenheit zu geben. Er fügte, wie es schien, eine Drohung hinzu, die ich vor dem frohen Gemurmel, das sich bei der Freisprechung meines Herren in der ganzen Versammlung erhob, nicht verstehen konnte. Das Gerücht, als ob Apollonius aus dem Saal verschwunden sei, war nicht ohne allen Schein; denn er wurde von seinen Freunden mit einer solchen Geschwindigkeit die Treppe des Richthauses hinab getragen, in den schon für ihn bereit stehenden Wagen gesetzt und aus Rom davon geführt, daß ich mir selbst nicht sagen konnte, wie es zugegangen, daß ich mich an seiner Seite auf der Straße nach Neapolis befand. Die Furcht Aufsehen zu erregen erlaubte zwar keinem seiner Anhänger uns zu begleiten; wir fanden aber alle zwei Stunden frische Pferde bereit, und reiseten so schnell, daß wir um die sechste Stunde des dritten Tages Puteoli erreichten, wo Damis mit zwei andern, die uns nach Italien gefolgt waren, wider seinen Willen bei unserm Freunde Demetrius zurück bleiben mußte, weil mein Herr von mir allein begleitet sein wollte, als er nach Rom zum Verhör abging. Dem armen Niniviten war die Zeit indessen sehr lang geworden; er hatte, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, in allen Tempeln und Kapellen zu Puteoli und in der ganzen Gegend täglich Opfer für die Erhaltung seines geliebten Meisters gebracht, und, wiewohl, seiner Rechnung nach, alles schon hätte entschieden sein sollen, und das längere Ausbleiben desselben ein böses Zeichen schien, sich an die erhaltene Versicherung, daß er ihn in kurzem wieder sehen würde, wie ein Schiffbrüchiger an ein Brett, fest angeklammert. Diesen Morgen hatte er, nicht weit von der Stadt, seine Andacht in einer alten, halb verfallenen Kapelle, die den Nymphen des wasserreichen Orts gewidmet war, verrichtet, und saß eben, schwer bekümmert um das Schicksal des zu lange Zögernden, mit Demetrius am Rand eines Brunnens, als ihm auf einmal die Gestalt des aus dem umgebenden Gebüsche heraus tretenden Apollonius in die Augen fiel. Er tat einen lauten Schrei, lief hastig auf die Gestalt zu, schwankte aber vor Schrecken zusammen fahrend wieder zurück, weil ihn der Gedanke wie ein Blitz traf, daß es wohl nur der Geist des Apollonius sein könnte. Da ihn aber dieser bei der Hand ergriff und freundlich grüßte, faßte er sich schnell wieder, und sagte, im Taumel seiner Freude vielleicht selbst nicht wissend was er sagte: ›Ists möglich? Bist du es selbst, Apollonius? Wo kommst du uns so plötzlich her?‹ – ›Aus dem Richthause Domitians‹, antwortete mein Herr; ›ich habe dir Wort gehalten, wie du siehest.‹ Damis, den die Sache selbst ohne ein Wunder nicht halb so glücklich gemacht hätte, nahm die Worte des Meisters im buchstäblichen Sinn, und fand nichts natürlicher, als daß Apollonius vor wenig Augenblicken aus Rom verschwunden und nun auf einmal zu Puteoli sei. Wenn der Skythe Abaris auf einem bezauberten Pfeile die größten Reisen durch die Luft machen konnte, warum sollte sich ein so göttergleicher Mann als Apollonius nicht wie durch einen Pfeilschuß von Rom an die Küste von Campanien versetzen können? Mein Herr nahm jetzt, ohne sich mit Damis weiter einzulassen, seinen Freund Demetrius auf die Seite, vermutlich um ihm zu erzählen, was zu Rom vorgegangen war, und die Anstalten zu seiner Rückreise über Syrakus und Korinth mit ihm abzureden. Da nun Damis indessen mir zufiel, zeigte sichs bald, was für eine lächerliche Einbildung er sich in den Kopf gesetzt hatte; aber ich konnt es nicht über mich gewinnen, ihm einen Irrtum zu benehmen, wobei er so glücklich war. Denn wer ihn um ein Wunder ärmer machte, beging einen Raub an ihm, den die Wahrheit ihm nicht ersetzen konnte. Du kannst dir nun, denke ich, nach dieser neuen Probe, wie der wunderlustige Mensch in solchen Fällen zu verfahren pflegte, leicht erklären, was es mit dem andern Wunder für eine Bewandtnis haben mochte. Apollonius befand sich zu Ephesus, als Domitian von Parthenius und seinen Gehülfen ermordet wurde. Wer in so wenig Augenblicken (wie Damis glaubte) eine Reise von mehr als sechzig Stunden durch die Luft machen kann, kann auch wohl von Ephesus aus sehen, was zu Rom in der Schlafkammer des Kaisers vorgeht. Aber allen Märchen, wie ungereimt sie sein mögen, liegt immer etwas Wahres zum Grunde. Mein Herr wich, in den drei letzten Jahren, die er unter den Menschen lebte, von seiner vormaligen Gewohnheit, sich selten in Gesellschaften und an öffentlichen Orten sehen zu lassen, ab, und teilte sich, gleichsam zum Abschied, mit der größten Gefälligkeit allen mit, die ihn zu sehen oder reden zu hören wünschten. Nun traf sichs, daß er gerade um die Stunde, da Domitian aus dem Wege geräumt wurde, unter einer der Hallen des Dianentempels saß, von einem vermischten Kreise von Bekannten und Fremden umgeben, mit denen er sich unterhielt. Er wußte um die Verschwörung, und man hatte ihm sogar den Tag, an welchem sie ausbrechen sollte, zu wissen getan, wiewohl die Tat zufälliger Weise um einige Tage beschleuniget wurde. Durch eine eben so zufällige Veranlassung fiel ihm auf einmal ein, was jetzt vermutlich zu Rom im kaiserlichen Palast vorgehe, oder bereits vorgegangen sei; und die Sache stellte sich seiner Phantasie so lebhaft vor, daß er plötzlich im Reden inne hielt, und, während die Augen aller Anwesenden mit erwartender Verwunderung auf ihn geheftet waren, mit starrem Blick, wie von einer plötzlichen Vision empor gezogen, in die Luft hinaus schaute. Nach einer kleinen Weile fand er sich wieder zu Ephesus bei seiner Gesellschaft, und sagte mit dem Ton eines Augenzeugen: ›In dieser Stunde stirbt ein Tyrann, dessen Tod eine Wohltat für das menschliche Geschlecht ist.‹ – Und nun fuhr er ruhig in seiner vorigen Rede fort, und aus Ehrerbietung wagte es niemand, eine nähere Erklärung von ihm zu verlangen; auch war es überflüssig, denn jedermann verstand ihn, und die meisten nahmen es für etwas ausgemachtes, daß Domitian nicht mehr lebe. Nach einigen Tagen kam die Nachricht, der Autokrator sei, zwar etliche Tage eher, aber doch um dieselbe Stunde, welche mein Herr angegeben hatte, ermordet worden; und nun verbreitete sich in kurzem ein Gerücht, Apollonius habe dieses Ereignis in der nämlichen Stunde, da es in Rom vorgegangen, zu Ephesus in einem Gesichte gesehen, und einer großen Menge Volks öffentlich angekündigt. Einige versicherten sogar, er habe die Verschwornen bei ihrem Namen genannt, und durch seinen Zuruf angefeuert, und folgerten daraus, seine Seele sei in demselben Augenblick wirklich in das Schlafgemach des Kaisers verzückt und ein mitwirkender Augenzeuge der Tat gewesen; und da dieser Umstand das Wunderbare der Sache beträchtlich erhöhte, so war es natürlich, daß Damis ihn in seine Erzählung aufnahm, indem er sich (seiner Gewohnheit nach) das Ansehen gibt, als ob er selbst dabei gewesen sei, wiewohl ich dich versichern kann, daß er nicht zugegen war.«

»Diese Begebenheit«, sagte ich, »ist, auch so wie Du sie erzählst, Kymon, noch immer außerordentlich genug.« – »Das sollt ich kaum denken«, versetzte er: »es geschieht doch wohl öfters, daß Personen von lebhafter Einbildungskraft – zumal solche, denen Stand, Ansehen oder Alter eine Art von Vorrecht gibt, es nicht so genau mit sich selbst zu nehmen – mitten in einem Diskurs inne halten, weil ihnen eine Vorstellung oder ein Gedanke in den Wurf kommt, der sie gleichsam auf die Seite zieht, und, indem er sich ihrer Aufmerksamkeit unfreiwillig bemächtigt, sie einige Augenblicke vergessen macht, daß sie nicht allein sind; was um so leichter geschehen kann, wenn sichs gerade trifft, daß ihr Gemüt von dieser Vorstellung voll, oder mit diesem Gedanken innerlich sehr beschäftigt ist.« – »Aber das Zutreffen der Stunde?« – »War eben so zufällig als daß der Tag nicht zutraf«, erwiderte Kymon; »wenigstens war Apollonius selbst dieser Meinung, und fand an der ganzen Sache nichts merkwürdig, als daß sie zu einem neuen Beispiel dienen könne, wie leicht es sei die Menschen zu täuschen, da sie beinahe alle mit einer so großen Anlage und Neigung sich täuschen zu lassen, behaftet sind, daß sie, wenn kein andrer sich über sie erbarmen will, sich lieber selbst hintergehen, und, wie die kleinen Mädchen, lieber das nächste beste Holz zum Wickelkinde machen, und liebkosend auf den Armen herum tragen, als ohne Kind sein wollen.«

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