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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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III.

»Zwei unverträglich scheinende Eigenheiten unsrer Natur vereinigen sich, die Idee von dem, was man Dämonen oder Götter nennt, in unsrer Seele zu erzeugen: auf der einen Seite, ein angeborner instinktmäßiger Drang, uns über diese sichtbare Welt, den für unsern Geist allzu engen Kreis der Sinne, Bedürfnisse und Leidenschaften, ins Unendliche empor zu schwingen; auf der andern, die Unmöglichkeit, jemals (wenigstens in diesem Erdenleben) aus den Schranken heraus zu kommen, die unsrer Vorstellungskraft von innen und außen gesetzt sind.

Nichts von allem was wir sehen und hören, und keiner von den angenehmsten Eindrücken, womit diese Erscheinungen in unserm Innern verbunden sind, kann jenem wunderbaren Triebe genug tun. Nichts erscheint uns so schön, so groß, so vortrefflich in seiner Art, daß wir nicht etwas noch schöneres, größeres und vortrefflicheres in dieser Art denken könnten, oder, oft sogar wider unsern Willen, ahnen müßten. Wenn es auch einige Gegenstände und Gefühle gibt, die unsre ganze Seele auszufüllen und zu befriedigen scheinen, so ist es doch in der Tat nur im unmittelbaren Augenblick des Genusses. Dieser ist kaum vorüber, so dehnt sich die von ihm zusammen gedrückte Einbildung mit ihrer ganzen Schnellkraft wieder aus, und was uns unübertrefflich schien, dient ihr jetzt bloß zur Springfeder, um sich zur Idee einer noch höhern Vollkommenheit zu erheben, wovon sich ein mehr oder weniger täuschendes Bild in ihrem Zauberspiegel darstellt.

Diese Ungenügsamkeit unsres Geistes mit dem, was uns die Welt der Erscheinungen und Täuschungen, welche man sich irriger Weise als die wirkliche vorzustellen gewohnt ist, darbietet, erstreckt sich nicht allein auf alle einzelne Gegenstände der Natur, für sich, oder bloß in ihrem besondern Verhältnis gegen uns betrachtet: auch der Zusammenhang und die Ordnung dieser Dinge, es sei nun daß wir sie als Teile eines Ganzen, oder als Wirkungen gewisser Ursachen, oder als Mittel zu gewissen Zwecken betrachten, vermag uns, aus eben demselben Grunde, nie mehr als eine vorüber gehende Befriedigung zu geben. Immer fehlt etwas daran was wir wünschen; immer finden wir irgend eine Erwartung getäuscht; alles sollte sich, meinen wir, besser schicken und in einander fügen, alles leichter und schneller zum Zweck eilen, reiner zusammen klingen, kurz schöner und vollkommner sein, als es nach unserm Maßstab ist.

Daher diese lieblichen Träume der Dichter und Philosophen von einem goldnen Weltalter, von Götter- und Heldenzeiten, von Unschuldswelten, Atlantiden und Platonischen Republiken, womit die Menschen sich von jeher so gern haben einwiegen lassen, und die, so oft man sie im Ernst zur Wirklichkeit bringen wollte, allemal so viel Unheil angerichtet haben.

Es ist ein wunderbares Etwas in uns, das immer geneigt ist, die Dinge außer uns als bloßen Stoff zu behandeln, und sich unaufhörlich beschäftigt, Welten nach seinem eigenen Entwurf und zu seinem eigenen Zweck daraus hervor zu rufen. Aber auch dann, wenn es, von der vergeblichen oder verderblichen Arbeit ermüdet, seine Schöpfungskraft ruhen läßt, und das Göttliche in der Natur anerkennt, aber nun mit gleicher Vermessenheit in ihr Geheimnis einzudringen, und die innere Beschaffenheit, die wirkenden Ursachen und den wahren Zusammenhang der Dinge zu erforschen strebt, wird es durch eine unwiderstehliche Notwendigkeit immer wieder in sich selbst zurück gezogen; wo es sich, nach dem hartnäckigsten Herumtreiben in den Gewinden und Irrgängen der Spekulation, immer wieder auf der alten Stelle findet, unvermögend sich von seinem Ich los zu winden und wider Willen genötigt, immer sich selbst zum Maß, Muster und Urbild der Wesen, die ein undurchdringlicher Schleier ihm verbirgt, zu nehmen.

Diese Notwendigkeit ist es denn, was in jenem jugendlichen Alter der Welt, als der menschliche Geist, aus der Betäubung der Kindheit erwachend, seine ihm selbst noch unbekannten Kräfte zu versuchen und zu entwickeln anfing, den Dämonen, als unsichtbaren Bildnern, Bewegern und Beschützern der sichtbaren Dinge, im Mikrokosmos seiner Ideenwelt das Dasein gab. Denn da es ihm eben so unmöglich war, an einem dummen tierischen Anstaunen der Natur sich genügen zu lassen, als sich die Erscheinungen derselben aus den Ursachen, die zunächst in die Sinne fallen, zu erklären: wie hätte er sich anders helfen können, als den Grund dieser Erscheinungen in dem Willen und der Macht gewisser unsichtbarer Wesen zu finden, die er sich auf eben diese Weise als die Werkmeister derselben vorstellte, wie er sich bewußt war, Urheber der Werke seiner eignen Hände zu sein?

Aber mit unsichtbaren Dämonen können sich die Menschen (wenigstens so lange sie nicht mit Wörtern wie mit Ziffern rechnen gelernt haben) nicht behelfen. Auch das Unsichtbare muß ihnen, wenn es Etwas für sie sein soll, sichtbar werden können; muß eine Gestalt bekommen, ohne welche es weder ihrer Einbildungskraft erscheinen kann, noch ihrem Verstande denkbar ist. Wenn also die Dämonen, die man sich als Beweger der Natur und Beschützer der Menschen vorstellte, eine Gestalt haben mußten, so konnten sie schicklicher Weise unter keiner andern, als der edelsten und vollkommensten aller Gestalten, gedacht werden: und wo in der ganzen Natur hätte der Mensch eine schönere, edlere, vollkommnere, als seine eigene gefunden? Auch würden alle Versuche, sich z.B. den Vater der Götter und Menschen unter einer andern als der menschlichen Form vorzustellen, ewig fruchtlos bleiben. Zwar kann und soll der Dichter und der bildende Künstler, um uns würdige Göttergestalten zu zeigen, die Menschen, die er zu Modellen zu nehmen genötigt ist, von allen der Einzelnheit anklebenden Mängeln befreien; kann und soll sie in ihrer reinsten Schönheit denken, und sie größer, edler und kraftvoller darstellen, als vielleicht jemals ein wirklicher Mensch gewesen ist. Er kann die Blüte der Jugend mit der Reife des vollendeten Alters in ihren Formen vereinigen; kann sie mit Ambrosia nähren, in ätherischen Schimmer kleiden, durch himmlische Wohlgerüche und einen leichtern als menschlichen Gang als Wesen höherer Art sich ankündigen lassen: aber nichts desto weniger werden seine Götter, sobald er sie erscheinen läßt, zu dem was sie in seiner eigenen Einbildung zu sein genötigt sind, zu Menschen; – und immer werden sich, unter dem ganzen Menschengeschlecht, sogar einzelne Gestalten finden, die einem Phidias für eine Pallas Athene, einem Lysipp für seinen besten Merkur oder Apollo, einem Praxiteles für eine Knidische Venus oder einen Thespischen Amor, zu Modellen dienen könnten.

Und eben darum, weil die Dämonen im Grunde nichts als Menschen sind, die der Volksglaube, von Priestern, Dichtern und Künstlern unterstützt, zu höhern Wesen geadelt hat, finden wir, daß die Vorstellungen von ihnen mit der Kultur immer gleichen Schritt gehalten haben. Die Homerischen Götter sind noch eben so roh als seine Menschen, und daher auch eben denselben Bedürfnissen und Leidenschaften unterworfen. Der Wunsch des großen Redners der Römer, ›daß Homer die Menschen lieber zu den Göttern empor gehoben, als die Götter zu Menschen herab gewürdigt haben möchte‹, war ein frommer Wunsch – einer unmöglichen Sache; denn Homer, wie gewaltig auch seine Dichtungskraft war, konnte so wenig über die Schranken der Menschheit als über seine eigenen hinaus gehen. Seine Götter waren alles, wozu sie ein Geist, wie der seinige, in einem Zeitalter, wie das seinige, machen konnte. Fünfhundert Jahre später würde ein Dichter von gleich mächtigem Geist uns schwerlich ein majestätischeres Bild des Vaters der Götter auf seinem Thron haben geben können, als jenes, das die Seele des großen Phidias mit der Idee des Olympischen Jupiters schwängerte: aber gewiß hätte sich ein Dichter aus der Zeit des Phidias nicht einfallen lassen, seinem Jupiter so grobe Schmähungen und so cyklopenmäßige Drohungen gegen die Königin der Götter in den Mund zu legen, wie sich der Homerische im Angesicht des ganzen Himmels erlaubt. Die Götter Homers schimpfen einander, wenn sie aufgebracht sind, eben so ungezogen als seine Helden; und seine Helden sprechen mit den Unsterblichen in einem Ton, als ob sie recht gut wüßten, daß sie mit ihres gleichen sprächen.«

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