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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Mein Entwurf wurde nun meinen Vertrautesten (die eine Art von geheimem Ausschuß und gewisser Maßen den vierten, mir allein bekannten Grad des Ordens ausmachten), und durch sie den übrigen, die zur Ausführung mitwirken mußten, nach und nach, so viel ihnen davon zu wissen nötig war, mitgeteilt. Weil ich selbst zu weit von Rom entfernt war, um das Unternehmen unmittelbar zu leiten, so wurde einer aus ihnen bevollmächtiget, meine Stelle zu vertreten; und ich begnügte mich, in so kurzen Zeiträumen als möglich, von allem, was vorging und noch geschehen sollte, Bericht zu erhalten. Der Tyrann war von unsichtbaren Beobachtern umgeben, denen keiner seiner Schritte, und beinahe keiner seiner geheimsten Gedanken, entging. Ein allgemeines dumpfes Erwarten einer großen Katastrophe brütete über der ungeheuern Hauptstadt der Welt, deren unermeßliche Volksmenge, trotz dem zahlreichen Heere der Auflaurer und Angeber, so geschickt war, geheime Verständnisse und Anschläge zu verbergen. Domitian selbst schwebte in größerer Unruhe als jemals; denn ein Horoskop, das er sich in seiner Jugend hatte stellen lassen, hatte (wie man sagte) das Jahr und sogar den Tag, die Stunde, und die Art seines Todes bezeichnet, und dieses Jahr war angebrochen. Nerva hatte die Klugheit, ihm, unter dem scheinbaren Vorwand, daß er seiner zerrütteten Gesundheit unter einem mildern Himmel wieder aufzuhelfen versuchen wollte, aus dem Wege zu gehen, und hielt sich auf seiner Tarentinischen Villa so eingezogen, daß ihn der Tyrann unvermerkt aus den Augen verlor; wiewohl die wahre Absicht dieser freiwilligen Verbannung wenigen verborgen blieb, und sein heimlicher Anhang sich täglich vergrößerte.

Trajan war indessen durch Personen, die, ohne es zu wissen, von meinem Stellvertreter in Bewegung gesetzt wurden, dem Domitian, als ein tapfrer, anspruchloser, zuverlässiger, und sich bloß auf seinen Dienst einschränkender Offizier, zum Oberbefehlshaber gegen einige die Ufer des Niederrheins beunruhigende Germanische Völker empfohlen worden. Wir hatten dadurch in unsrer Absicht mit ihm einen großen Schritt vorwärts getan. Der Mut und die Klugheit, die er in Wiederberuhigung dieser Provinz bewies, der ausdauernde Eifer, womit er die verfallne Disziplin unter den verwilderten, der alten Kriegszucht eben so gehässigen als ungewohnten Legionen wieder herstellte, und vornehmlich der Umstand, daß er sich, ungeachtet dieser Strenge, die Liebe seiner Untergebenen in einem hohen Grade zu erwerben wußte, befestigten mich in der Überzeugung, daß Er allein der Mann sei, durch den das sinkende Reich gerettet werden könne. Aber ihn gleichsam zum Nebenbuhler des ehrwürdigen, allgemein geliebten Nerva aufzuwerfen, ihm voreilig eine Partei im Senat und unter den Prätorianern zu werben, und Bewegungen dadurch zu veranlassen, welche beiden den Untergang zuziehen konnten, wäre gegen alle Klugheit gewesen. Wir beschlossen also, fürs erste mit den Freunden Nervas gemeine Sache zu machen, und die gelegene Zeit, den Trajan ins Spiel zu bringen, (welche, wenn es mit jenem erst gelungen war, nicht ausbleiben konnte) ruhig abzuwarten.

Inzwischen rückte der Tag immer näher, der den Kaiser mit der geweissagten, aber (wie er hoffte) durch vorsichtige Maßregeln vielleicht noch vermeidlichen Lebensgefahr bedrohte. Seine Unruhe nahm zu, und da er nicht wußte, auf wen er eigentlich seinen Argwohn heften sollte, so wurde ihm jedermann verdächtig. Eine große Anzahl Senatoren, und unter mehrern Konsularen auch Glabrio und sein eigener nächster Verwandter Flavius Clemens, der unbedeutendste und harmloseste aller Menschen, wurden in kurzer Zeit unter nichtswürdigen Vorwänden hingerichtet, und von dem seinen eignen Untergang witternden Tyrannen gleichsam als Totenopfer voraus geschickt. Jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Die zu Realisierung der Weissagung heimlich Einverstandenen traten näher zusammen. Ein Freigelaßner der Kaiserin Domitia, der bei Gelegenheit meines öffentlichen Verhörs zu Rom einer meiner warmen Anhänger geworden, und von meinem Bevollmächtigten gewonnen war, den Kaiser Tag und Nacht scharf zu beobachten, hinterbrachte seiner Gebieterin, daß er auf einer Liste der Personen, die noch aufgeopfert werden sollten, auch ihren Namen gelesen habe; sie zugleich versichernd, daß sie sich gänzlich auf ihn und seine Freunde verlassen könne, wenn sie den ihr zugedachten Streich auf den Kopf des gemeinschaftlichen Feindes fallen lassen wollte. Domitia winkte ihre Einwilligung, und noch in derselben Stunde wurde Rom von einem Herrscher befreit, dessen Leben eine Kalamität für die Menschheit war, und erhielt an Nerva einen Fürsten, dem man keinen andern Fehler als körperliche Schwäche und fünfundsechzig Jahre vorwerfen konnte. Aber, es sei nun, daß diejenigen, die bei seiner Erwählung die meiste Tätigkeit gezeigt hatten, ihn für ihre besondern Absichten nicht schwach genug fanden, oder daß man, sobald der erste Taumel der Freude über eine so schnelle und glückliche Veränderung der Dinge verraucht war, erst zu überlegen anfing, daß die ungeheure Last, die man dem guten alten Mann aufgelegt hatte, die Schultern eines Herkules erforderte; genug, es offenbarte sich nur zu bald, daß unsre Vorsorge, einen tüchtigen Gehülfen und Nachfolger für ihn bereit zu halten, nichts weniger als unnötig gewesen war. Schon beim Tode des Tyrannen hatte sich unter den Prätorianern eine mißvergnügte Partei gezeigt, deren Unzufriedenheit zwar damals, aus Mangel eines entschloßnen Anführers, gegen den Enthusiasm des Senats und des Volks nichts vermochte, aber, indem sie unter der Asche fortglimmte, der öffentlichen Ruhe, und der Person des zwar von aller Welt geliebten, aber von niemand gefürchteten Nerva selbst, gefährlich werden konnte.

Ich fand es also dringend, alle Stränge anzuziehen, um unsern Plan durch eine überwiegende Partei im Senat, bei den Legionen und unter den Prätorianischen Kohorten zu unterstützen, vor allem aber den neuen Kaiser in die Stimmung zu setzen, die zu unsrer Absicht nötig war. Dieser, indem er die edelsten, wohlgesinntesten und unsträflichsten Menschen um sich her zu versammeln suchte, hatte sich, ohne es zu wissen, mit meinen vertrautesten Freunden umringt, die keine Gelegenheit versäumten, ihn auf Trajans große Eigenschaften und Tugenden aufmerksam zu machen, und den Gedanken in ihm zu veranlassen, daß er dem Reich und sich selbst keine größere Wohltat erweisen könnte, als wenn er den einzigen Mann zum Mitregenten und Nachfolger erwählte, welchem er die öffentliche Glückseligkeit und die Aufrechthaltung des Römischen Reichs, die ihm so sehr am Herzen läge, mit völliger Zufriedenheit anvertrauen könne. Nerva zeigte sich dazu nicht ungeneigt; und doch zögerte er, vermöge einer Schwachheit, von welcher wenige Regenten frei sind, so lange, Ernst aus der Sache zu machen, bis ihm der unruhige Präfekt des Prätoriums Casperius Älianus, durch einige dem kaiserlichen Ansehen äußerst nachteilige Schritte und aufrührerische Versuche, seine eigene Unzulänglichkeit und die Gefahr eines längern Zauderns stark genug zu fühlen gab, um ihn plötzlich dahin zu bringen, daß er an einem der glücklichsten Tage, die der Menschheit jemals aufgegangen sind, den Marcus Ulpius Trajanus feierlich an Sohnes Statt annahm, und unter allgemeinem Jubel aller Stände zum Mitregenten und Nachfolger erklärte.

Mein letzter und eifrigster Wunsch war nun erfüllt. Wenn, wie ich nicht zweifle, Trajan bei Ernennung seines Nachfolgers, und dieser bei der Auswahl des seinigen, dem Beispiel des guten Nerva getreu bleibt, so kann sich die Welt auf eine goldne Zeit freuen, wie die Geschichte noch keine aufzuweisen hat. Ich hatte zu diesem Ziele mitgewirkt, und dies schon zu einer Zeit, da ich noch nicht wissen konnte, was die Frucht meiner Arbeit sein würde; das Geschäft meines Lebens war vollbracht; ich hinterließ der Welt – was ihr jeder nach Maßgabe seiner Kräfte schuldig ist – manchen guten Baum, den ich gepflanzt hatte, manche gute Frucht, die unter meiner Pflege reif geworden war; und ich glaubte mir ein Recht erworben zu haben, für die Welt gestorben zu sein, und die Tage, die ich noch zu leben habe, mit mir selbst und für mich selbst zu leben.«

Hier endigte Apollonius seine Erzählung, und überließ mich nun meinen eigenen Betrachtungen. Der Himmel hatte sich inzwischen wieder aufgeklärt, die Luft war frisch und mild, und die Sonne spielte tausend liebliche Farben aus den Regentropfen, die, noch an den Blättern der Bäume zitternd, oder in den Kelchen der Blumen funkelnd, eine unbeschreibliche Glorie über die kleine Landschaft verbreiteten, die vor uns lag. Wir ergetzten uns einige Augenblicke an diesen Erscheinungen der Zaubrerin Natur; und als ich mich von dem ehrwürdigen Alten auf kurze Zeit beurlaubte, sagte er mir: »Wenn du (wie ich kaum zweifle) über dies oder das, was ich in meiner Erzählung nur leise oder gar nicht berührt habe, noch Erläuterung bedarfst, so kannst du sie von Kymon so gut als von mir selbst erhalten; denn er ist von allem genau unterrichtet, was zur Geschichte der vier oder fünf letzten Jahre meines Lebens gehört.«

Da ich mich wirklich in diesem Falle befand, so war es mir um so lieber, daß Apollonius abermals in meiner Seele las, weil ich, ohne eine solche zuvorkommende Erlaubnis, Bedenken getragen hätte, Fragen zu tun, die vielleicht für unbescheiden angesehen werden konnten.

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