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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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VI.

Während dieser Erzählung, die uns beide, den Erzähler und den Zuhörer, zu sehr interessierte, um auf die Dinge über uns Acht zu geben hatte sich am östlichen Himmel eine schwarze Gewitterwolke herauf gezogen, die in schauerlicher Stille unserm Scheitelpunkt immer näher kam. Schon lange rollte der Donner majestätisch und mit zunehmender Stärke durch die uns umgebenden Felsen und Klüfte, und, von dem plötzlich sich erhebenden Sturm getrieben, wälzte sich das Gewölke, fürchterlich herab hangend und von allen Seiten blitzend, gegen uns her, ohne daß Apollonius diese schnelle Verwandlung der Szene, die vor kurzem noch so heiter war, zu bemerken schien. Er fuhr ruhig im Reden fort, hatte aber kaum die letzten Worte gesprochen, als ein gewaltiger Wetterstrahl, fünf oder sechs Schritte von dem bedeckten Platze, wo wir saßen, auf eine hohe Cypresse herab fuhr, und sie mit entsetzlichem Krachen von oben bis an die Wurzeln spaltete. Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich in dem Augenblicke, da wir in das durchdringende Feuer des Himmels ringsum eingehüllt schienen, eben so erschrocken zusammen fuhr, als ob mir die natürlichen Ursachen dieser meteorischen Erscheinung unbekannt gewesen wären. Indessen behielt ich doch Besinnung genug, um im gleichen Momente den mir gegenüber sitzenden Apollonius zu beobachten, und ich versichre dich, Timagenes, daß, außer einem unfreiwilligen Zucken der Augenlider, nicht die geringste Spur von Erschrecken an seiner ganzen Person wahrzunehmen war. Im Gegenteil seine majestätische Gesichtsbildung und ehrwürdige Gestalt, mit den lockigen Silberhaaren um Scheitel und Wangen, bekam in dem blendenden Lichtglanz, den die himmlische Flamme auf ihn warf, etwas so überirdisches, daß ich mich stärker als je versucht fühlte, mich vor ihm, als vor einem mehr als sterblichen Wesen, niederzuwerfen.

Indessen nötigte uns der herab strömende Regen, in dem Innern seiner Wohnung Schutz zu suchen. Ein Druck auf eine verborgene Feder öffnete uns die Tür, durch welche vorhin die Tochter Kymons erschienen und wieder verschwunden war, und wir befanden uns in dem gestrigen Saal, den Brustbildern des Pythagoras und Diogenes gegenüber. – »Wenige Schritte näher an der Cypresse«, sagte Apollonius, indem er mir mit einem sanft gerührten Blick die Hand drückte, »hätten uns auf einmal eine Welt aufgetan, von welcher wir beide, so nahe sie uns auch ist, nicht den mindesten Begriff haben, und – die uns also auch nicht hindern soll, die Geschichte fortzusetzen, worin wir einen Augenblick unterbrochen wurden.« Wir nahmen Platz, und er fuhr in seiner Erzählung fort.

»Du wirst ohne mein Erinnern bemerkt haben, daß die Idee meines neuen Pythagorischen Ordens sich nur nach und nach in mir entwickelte, und daß dieser, indem ich ihn mit den Bedürfnissen der Zeit immer mehr in Verhältnis setzte, allmählich eine politische Tendenz bekam, die er anfangs nicht haben konnte. Wenn Ehrgeiz und Regiersucht sich bei mir oder einem meiner kosmopolitischen Freunde ins Spiel mischte, so geschah es so heimlich, daß wir nichts davon gewahr wurden; denn unsre Seelen waren rein von selbstischen Absichten. Keiner von uns erschien in einer Hauptrolle auf dem Schauplatz. Wir wollten nichts, als daß das Gute geschehe, gleichviel durch wen; und zufrieden, wie unsichtbare Geister, im Verborgenen zu wirken, überließen wir den Lohn gelungener Unternehmungen denen, die, größten Teils unwissender Weise, uns ihre Augen oder ihren Mund, ihren Arm oder ihre Kasse zur Ausführung geliehen hatten.

Von der Zeit an, da Domitian die Larve eines mildern Tiberius gänzlich fallen ließ, hinter welcher er seine wollüstige Untätigkeit, seinen Stumpfsinn für alles Schöne und Gute, und eine mit dem übermütigsten Stolz gepaarte argwöhnische, launische und kaltblütig grausame Sinnesart mehrere Jahre lang zu verbergen gesucht hatte, drängte sich mir der Gedanke auf: dies sei der Zeitpunkt, wo etwas großes und entscheidendes zum Heil der Menschheit getan werden müsse. Denn so weit war es bereits gekommen, daß eine Regierung, wie Domitians, wenn sie nur noch zwanzig Jahre gedauert hätte, die Verdorbenheit des ungeheuern Römischen Staatskörpers zu einem Grade von Auflösung gebracht haben würde, gegen welche jedes Rettungsmittel zu spät gekommen wäre. Gleichwohl schien allzu große Eile noch gefährlicher als Langsamkeit zu sein. Den allgemein gehaßten Tyrannen aus der Welt zu schaffen, war nicht schwer; aber unverzeihliche Torheit wär es gewesen, wenn es eher geschehen wäre, als man gewiß sein konnte, daß es zum Heil des Reichs geschehe. Dieses bedurfte einen Imperator, der die seltensten Eigenschaften und Tugenden in sich vereinigte; so vieles war wieder herzustellen, so vieles zu verbessern, so vieles zu erhalten und zu beschützen: aber nie hatte Rom an Männern, unter welchen man wählen konnte, einen größern Mangel gehabt; und die etwa noch vorhandenen waren um so schwerer zu finden, da ausgezeichnete persönliche Vorzüge sich vor der argwöhnischen Eifersucht des Tyrannen sorgfältiger verbergen mußten, als man unter gerechten Fürsten seine Laster zu verbergen sucht. Acilius Glabrio und Ulpius Trajanus, welche im eilften Jahre Domitians beide zugleich die konsularische Würde bekleideten, schienen mir unter allen, die ich kannte, die einzigen, die einander an persönlichem Wert das Gleichgewicht hielten; jener hatte vor diesem noch den Vorzug, (der in diesen Zeiten so selten war) aus einem Altrömischen edeln Geschlechte abzustammen. Eine beispiellose Begebenheit hatte vor kurzem die öffentliche Aufmerksamkeit auf diesen Mann gezogen, und ihn zugleich zu einem Gegenstand der Bewundrung und des Bedauerns der Römer gemacht. Domitian hatte ihn während seines Konsulats, bei einem Feste auf seiner Albanischen Villa, durch einen Scherz, der einem Manne von Ehre keine andere Wahl ließ, genötiget, mit einem der größten Löwen zu kämpfen; und Glabrio hatte das gefährliche Abenteuer mit so viel Mut, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit bestanden, daß die Zuschauer sich nicht enthalten konnten, ihre Teilnehmung an dem Sieger und ihren Unmut über die schändlich grausame Art, wie der Kaiser bei dieser Gelegenheit mit der Würde und dem Leben eines Römischen Konsuls sein Spiel trieb, gleich laut werden zu lassen. Der eifersüchtige Tyrann, der sich dadurch beleidigt fand, machte ihm seine vergebliche Gunst beim Volke zum Verbrechen, und wollte es noch für Gnade erkannt wissen, daß er ihn für den Anfang bloß aus Italien verbannte.

Was den Trajan betrifft, den das Schicksal zum Retter und Wiederhersteller des Reichs bestimmt hatte, so mußten alle Umstände sich so fügen, daß, während eine Menge anderer dem Mißtrauen des feigherzigen, seinen eignen Schatten fürchtenden Domitian aufgeopfert wurden, er allein dem Tyrannen unverdächtig blieb. Der männliche Ernst und die anspruchlose Bescheidenheit, womit er seine ohnehin mehr gründlichen als schimmernden Vorzüge bedeckte, kamen ihm ohne Zweifel dabei eben so sehr zustatten, als die ungezwungene Entfernung vom Hofe, worin er sich zu halten wußte, ohne sich dadurch das Ansehen eines Mißvergnügten zu geben; aber alles das verschleierte auch seine Verdienste vor den Augen des Publikums, und machte, daß niemand an ihn zu denken schien, als der Haß gegen den Tyrannen endlich so allgemein, und der Wunsch ihn gestürzt zu sehen so ungeduldig wurde, daß die Frage, wer sein Nachfolger sein könnte? der gewöhnliche Gegenstand aller Gespräche unter vier Augen war, und die Astrologen zu Befriedigung der Vorwitzigen nicht Horoskope genug ziehen konnten. Die meisten Wünsche waren, wie es schien, für den alten Nerva, an Rang und Vermögen einen der ersten Römer, der das damals so seltne Verdienst eines unbescholtnen, von niemand weder beneideten noch gehaßten, und seiner äußersten Gutherzigkeit und Lindigkeit wegen allgemein geliebten Charakters mit dem Vorzug eines von Vater und Großvater berühmt gemachten Namens verband. Seine Jahre und eine schon sehr geschwächte Gesundheit versprachen zwar weder einen dauerhaften, noch der Last, die man ihm auflegen wollte, gewachsenen Autokrator: aber man ging auch damals nicht weiter, als sich einen Kaiser zu wünschen, der dem Ungeheuer, das den Stuhl des Augustus und Titus schändete, so unähnlich als möglich wäre; und Gute und Böse hielten sich gleich gewiß, bei einem so milden Imperator, wie Nerva sein würde, ihre eigene Rechnung zu finden.

Dies war, im allgemeinen, die Lage der Sachen um die Zeit, da ich, nach meiner Befreiung aus den mordlustigen Klauen Domitians, nach Asien zurück ging, und nun meinem schon zuvor gefaßten Vorsatz, die Welt von ihm zu befreien, eine bestimmtere Richtung zu geben beschloß.

Zu diesem Ende musterte ich vor allen Dingen das kleine unsichtbare Heer, dessen Anführer ich war. Es fand sich, daß der Kosmopoliten, auf denen meine Macht hauptsächlich beruhte, über vierhundert, und der Homileten, auf deren Treue und Gehorsam im Ausführen ich sicher rechnen konnte, wenigstens eben so viele Tausende waren. Sie lebten, in größerer oder geringerer Anzahl, durch die vornehmsten Provinzen des Reichs verstreut, viele in Italien, Gallien und Spanien, die meisten in Rom selbst, teils in mancherlei Zivilämtern, teils bei den Kriegsheeren und unter den Prätorianern, einige sogar bei Hofe, unter den Hausgenossen des Imperators. Wenn du bedenkst, daß ein jeder dieser Menschen einige Freunde hatte, deren Vertrauen er besaß, und auf die er sich Einfluß zu verschaffen wußte, so wirst du finden, daß es mir nicht an Mitteln fehlte, ein weit schwereres Unternehmen, als das womit ich umging, zu Stande zu bringen.

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