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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

»Um dir begreiflich zu machen, wie die vor kurzem erfolgte Glück weissagende Staatsveränderung zu Rom das Werk meines geheimen Ordens sein konnte, werde ich dich vor allen Dingen mit der innern Einrichtung desselben genauer bekannt machen müssen.

Die erste Maßregel, die ich zu nehmen für nötig hielt, als nach meiner Zurückkunft aus Syrien und Ägypten mein Anhang in Klein-Asien sich täglich vergrößerte, war, alle, die sich zu mir hielten, in zwei Hauptklassen abzuteilen. Unter der ersten wurden diejenigen begriffen, denen erlaubt war, den öffentlichen Anreden beizuwohnen, die ich an allen festlichen Tagen, früh bei Tagesanbruch und abends nach Sonnenuntergang, hinter einem dünnen Vorhange, der mich den Augen der Zuhörer entzog, zu halten pflegte. Diese Anreden wurden gewöhnlich in der Vorhalle eines Tempels gehalten, und durch einen mit unsichtbaren Instrumenten begleiteten Hymnus vorbereitet und beschlossen. Sie dauerten nicht viel über eine Viertelstunde, und bestanden teils in einem kurzen Unterricht über den Ursprung und Zweck des Festes, teils in Aufmunterungen zu einem tugendhaften unsträflichen Leben, auf religiöse Gefühle und hohe Begriffe von der Würde der menschlichen Natur gestützt. Die tiefste Stille und ein eben so ehrfurchtvolles Betragen, wie bei Begehung der heiligsten Mysterien erfordert wird, war die einzige Bedingung, unter welcher der Zutritt einem jeden erlaubt war: aber wer sich regelmäßig bei diesen Versammlungen einfand, wurde zur Klasse der Akusten (Hörer) gezählt, die den exoterischen Teil meiner Anhänger ausmachten.

Die zweite Hauptklasse begriff den esoterischen Teil, oder alle, die durch eine besondere Weihe in den Orden aufgenommen wurden. Sie war wieder in drei Ordnungen oder Grade abgeteilt. Zum untersten gehörten die Epopten (Seher), so genannt, weil sie das Vorrecht hatten, bei den besagten Versammlungen hinter dem Vorhange zu stehen. Gewöhnlicher hießen sie die Homileten, weil sie mit mir reden und umgehen, und sogar Fragen an mich tun durften, die ich, nach Gutbefinden, entweder kurz beantwortete, oder, wenn sie die ihrem Grade gesetzten Grenzen überschritten, unbeantwortet ließ.

Aus diesen Homileten wählte ich, nachdem ich mich von ihrer Tauglichkeit genugsam überzeugt hatte, diejenigen, die unter dem Namen der Asketen die Weihe zum zweiten Grad erhielten, um einige Jahre lang in demselben zu der höchsten Stufe vorbereitet zu werden. Diese wurden nun täglich etliche Stunden sowohl in dem theoretischen als praktischen Teile der Pythagorischen Weisheit unterrichtet, beobachteten, so lange ihre Probezeit dauerte, eine sehr strenge Lebensordnung, und mußten sich, als moralische Athleten, mancherlei beschwerlichen Übungen unterwerfen, um alle ihre Triebe, Neigungen und Leidenschaften gänzlich in ihre Gewalt zu bekommen. Sie wurden scharf beobachtet, auf alle mögliche Proben der Enthaltung, der Verschwiegenheit, der Geistesgegenwart, der Unerschrockenheit, und der Apathie gegen körperlichen Schmerz sowohl, als gegen alle Anreizungen zum Zorn, zur Eifersucht, zur Wollust und zu jeder andern schnell aufbrausenden Leidenschaft gestellt, und, wenn sie denselben Fehler zum vierten Mal begingen, ohne alle Schonung aus der Klasse der Esoteriker ausgestoßen; wovon ich mich aber keines Beispiels erinnern kann. Von den Geheimnissen des Ordens wußten sie zwar noch eben so wenig als die Homileten, und der unbedingteste Gehorsam gegen die Vorgesetzten wurde beiden zur ersten aller Pflichten gemacht: aber was sie vor jenen voraus hatten, war die Gewißheit, wenn sie ihre Probezeit rühmlich bestanden, zum dritten Grade des Ordens erhoben zu werden; da die Homileten hingegen, wenn sie nicht schon in den ersten Jahren zur zweiten Weihe zugelassen wurden, ziemlich sicher darauf rechnen konnten, immer auf der untersten Stufe stehen zu bleiben; welches der Fall des einfältigen Damis war, wiewohl ich finde, daß er dafür angesehen sein möchte, als ob er auf dem vertrautesten Fuß mit mir gelebt habe.

Da der Grad der Asketen die Pflanzschule war, aus welcher die eigentlichen Glieder meines Ordens, in der engesten Bedeutung, gezogen wurden, so ließ ich mir ihre Bildung vorzüglich angelegen sein, und widmete ihnen einen großen Teil meiner Zeit. Ich unterließ nichts, was mir ihre reinste Liebe und ihr unbeschränktestes Vertrauen erwerben konnte, und war um so gewisser meine Absicht nicht zu verfehlen, da sie durch die Gleichförmigkeit ihrer Bildung mit derjenigen, die ich mir ehemals selbst gegeben hatte, unvermerkt eine so große Ähnlichkeit mit mir erhielten, daß es mir oft selbst vorkam, als ob ich mich in ihnen vervielfältigt sähe, eine Ähnlichkeit, die an einigen desto auffallender war, weil bei der Wahl der Asketen vornehmlich auch auf ungewöhnliche Naturgaben und ein vorteilhaftes Äußerliches gesehen wurde.

Im letzten Probejahre machte die Geschichte des menschlichen Geschlechts, und der verschiedenen Stufen der Barbarei und Kultur, der Ursprung der bürgerlichen Gesellschaft, ihre verschiedenen Formen, die Bedingungen des Wohlstandes und die Ursachen des Verfalls und Untergangs der Staaten, das Studium der Asketen aus, wozu sie von Lehrern, die den dritten Grad des Ordens empfangen hatten, angeführt wurden. Dieser Unterricht zweckte dahin ab, sie, vornehmlich durch die neuere Geschichte der Griechen und Römer, mit den nächsten Ursachen des gegenwärtigen Zustandes der Welt, so weit sie dem Römischen Joche unterworfen war, bekannt zu machen, und dadurch ihre Vorbereitung zum dritten Grade zu vollenden, in welchem sie den Namen der Kosmopoliten (Weltbürger) und mit ihm die ersten Aufschlüsse zum Geheimnis des Ordens erhielten.

Sie kamen nun wieder in meinen unmittelbaren Unterricht, und du siehest, wie leicht es mir jetzt sein mußte, junge Männer mit der glücklichsten Anlage zu allem was edel, groß und schön ist, nach einer solchen Vorbereitung, von den großen Grundsätzen zu überzeugen:

Daß das ganze Weltall als ein einziger Staat, und das ganze Menschengeschlecht als Eine große Familie in dieser Stadt Gottes zu betrachten sei, welche von dem allgemeinen Geiste nach den ewigen Gesetzen der Natur und Vernunft regiert werde;

daß also, vermöge dieser auf die Natur der Dinge selbst gegründeten Ordnung, für die Menschheit kein Heil, keine Befreiung von den Übeln, unter deren Last sie zusammen sinke, denkbar sei, bis wenigstens die Hauptzweige, in welche sie sich auf der Erde ausgebreitet, unter eine Verfassung gebracht würden, worin sie, in möglichstes Harmonie mit der allgemeinen Ordnung, nach eben denselben Natur- und Vernunftgesetzen regiert würden, welche das ganze Weltall in ewiger Ordnung erhalten;

und daß, wie ungeheuer auch, dem Anschein nach, die Kluft sei, die den jetzigen sittlichen Zustand der Menschheit von demjenigen trennt, der das unverrückte Ziel aller ihrer Bestrebungen sein müsse, gleichwohl alle Kräfte und Mittel, jene Kluft auszufüllen, in unsrer Gewalt seien, und es also nur darauf ankomme, diese Mittel kennen und gebrauchen zu lernen.

Aber eben dies war der Gordische Knoten, von dessen geschickter Auflösung alles abhing. – Womit sollte und mußte diese Kluft ausgefüllt werden? – Womit anders als mit den Trümmern des ganzen ungeheuern Gebäudes, worin die lichtscheuen und alles um sich her verfinsternden Dämonen des Aberglaubens, der Gewalt, die kein Gesetz erkennt, und der gesetzgebenden Ungerechtigkeit, seit Jahrtausenden ihr Wesen getrieben; mit den Trümmern aller Bollwerke, hinter welche sie sich verschanzt, und aller Kerker, worin sie die betörte, gemißhandelte und unterdrückte Menschheit so lange gefangen gehalten hatten? – Zertrümmert müssen sie vor allen Dingen werden, diese so lange bestandenen, so tief gegründeten, so künstlich zusammen gefügten, und mit so starken Pfeilern und Streben unterstützten Werke des Betrugs und der Ungerechtigkeit! – Aber wie? – Auf einmal? Durch eine einzige, gewaltsame, allgemeine Erschütterung, von welcher die ganze dermalige Verfassung der Welt zusammen stürzen und wenigstens die Hälfte des menschlichen Geschlechts unter ihren Ruinen zermalmen würde? – Könnte ein solcher Gedanke jemals in die Seele eines Freundes der Menschheit, eines Kosmopoliten, kommen? Nimmermehr! – Es bleibt also nur Eine Art, die Ausfüllung jener Kluft zu bewerkstelligen, übrig: ›Die Zerstörung alles dessen, was zerstört werden muß, darf nicht anders als nach und nach, mit Bedacht und Klugheit, aber mit Geduld und Beharrlichkeit, unternommen werden.‹ – Dies ist nicht das Werk eines Einzigen oder etlicher Weniger; es kann nur durch die engeste Verbindung und die wohl kombinierte Tätigkeit einer beträchtlichen Zahl gleich gesinnter, weiser und guter Menschen, unter der Leitung eines Einzigen, der ihre Bewegungen nach Erfordernis der Umstände aufhält oder beschleunigt, mit Hülfe der Zeit und günstiger Zufälle zu Stande kommen. – Und dies war nun die ehrwürdige Verbindung, in welche sie durch die empfangene Weihe des dritten Grades eingetreten waren; dies war der Zweck aller Vorbereitungen, durch welche sie gegangen, der große Zweck unsers ganzen Ordens, das Ziel, auf welches ihre Augen von nun an, unter allen andern Verhältnissen, Geschäften und Zerstreuungen des Lebens, unverwandt gerichtet bleiben mußten.

Aber natürlicher Weise trat nun eine neue Schwierigkeit mit der Frage ein: Wie waren jene reinen und erhabenen Grundsätze des Kosmopolitism auf die gegenwärtige Lage der Dinge anzuwenden? Wie konnten die höhern Pflichten des Weltbürgers mit den Pflichten des Römischen Bürgers in Übereinstimmung gebracht werden? und, wenn sie in Kollision gerieten, was war zu tun? – Die Subjekte, aus welchen der Grad der Kosmopoliten bestand, waren größten Teils junge Männer, die, durch Geburt oder Familien-Verhältnisse zu bürgerlichen oder militärischen Stellen bestimmt, sich den Fällen, wo solche Kollisionen eintraten, nur allzu oft ausgesetzt sahen. Aber dafür waren sie auch in allen den Tugenden geübt, deren sie in diesen Lagen am meisten bedurften. Sie hatten sich mäßigen und zurück halten, dulden und ausharren gelernt. Überdies wurde ihnen zur besondern Pflicht gemacht, sich immer in den Grenzen des Amtes, dem sie vorstanden, zu halten; sich ohne Vorwissen und Genehmigung der Ordensobern in keine besondere, auch noch so scheinbare, Verbindung einzulassen, noch eigenmächtig, zum Besten des Staats oder der Menschheit überhaupt, irgend etwas zu unternehmen, als was sie im Wege der gesetzmäßigen Ordnung, mit eigenen Kräften und auf eigene Gefahr auszuführen sich getrauten. Klugheit und Vorsichtigkeit wurden ihnen jetzt als Tugenden empfohlen, die ihnen, wenn sie den großen Zweck unsrer Verbindung mit Erfolg bearbeiten helfen wollten, eben so unentbehrlich wären als Weisheit und Rechtschaffenheit. In dieser Rücksicht verpflichtete sich jeder Kosmopolit, eine Art von Denkbuch zu führen, worin er sich selbst von seinem Benehmen in schwierigen und zweifelhaften Fällen, täglich Rechenschaft geben wollte. Wo sie sich nicht gewiß hielten, des rechten Weges nicht verfehlen zu können, waren sie angewiesen, sich bei dem Ordensvorsteher ihrer Provinz, oder, wenn ich in der Nähe war, bei mir selbst, Rates zu erholen.

Etwas, wodurch dieser Orden sich, wie ich glaube, von allen andern auszeichnete, und worauf das Vertrauen, welches ich auf ihn setzte, hauptsächlich beruhte, war, daß von dem Augenblicke an, da ein Asket in die Klasse der Kosmopoliten, oder, was einerlei war, in den eigentlichen geheimen Orden, überging, alle seine Verpflichtungen freiwillig waren, und keine andere Garantie von ihm gefordert wurde, als die uns die Gleichförmigkeit seiner Gesinnungen mit den unsrigen gab. Man verlangte keinen Eid von ihm; und, da der Fall, daß einer die übernommenen Pflichten vorsätzlich verletzen könnte, als etwas Unmögliches angenommen wurde, so bedurfte es auch weder Drohungen noch Strafen. Jeder hielt sich des andern so gewiß als seiner selbst; Liebe und Zutrauen, beide ohne Grenzen, waren die einzigen, aber unzerstörbaren Bande, auf welchen das ganze Institut beruhte. Indessen hatte doch, als die Anzahl der Kosmopoliten auf mehrere hundert angewachsen war, die Erleichterung eines ununterbrochnen Zusammenhangs unter allen Gliedern eine gewisse innere Polizei notwendig gemacht. In jeder Römischen Provinz war ein Vorsteher, an welchen die übrigen Ordensglieder angewiesen waren, und dem sie zu bestimmten Zeiten über gewisse vorgeschriebene Punkte Bericht erstatteten. Von diesen Vorstehern erhielt ich selbst, alle drei Monate, und wenn es die Umstände erforderten, in viel kürzerer Zeit, durch Briefe oder reisende Ordensbrüder, nicht nur das Wesentlichste aus den Berichten, die das Innere des Ordens betrafen, sondern auch Nachrichten von dem Zustande der Stadt oder Provinz, wo sie sich aufhielten, von dem Charakter und Betragen der Römischen Befehlshaber, von der Stimmung des Volkes, und überhaupt von allem, was mir in Rücksicht auf unsern Zweck merkwürdig sein konnte: so daß ich, nachdem dieses Institut zwanzig bis dreißig Jahre gedauert hatte, von dem innern Zustande des ganzen Reichs so genau, und vermutlich zuverlässiger unterrichtet war, als der Autokrator selbst.

Wie aufmerksam auch unter den drei ersten Nachfolgern des Tiberius die schändlichen Menschen, denen sie die Zügel des Staats überließen, sein mochten, alle Stellen von einiger Wichtigkeit mit Leuten ihres Gelichters zu besetzen, so konnten sie doch nicht verhindern, daß in einem so unermeßlichen Reiche nicht hier und da einige rechtschaffne Männer, die ihre Bildung in meinem Orden erhalten hatten, zu Ämtern gelangten, die ihnen Ansehen und Einfluß genug gaben, um noch mehrern aus unserm Mittel zu ähnlichen Stellen verhelfen zu können; und wiewohl mehr als Einer von ihnen in den Zeiten des Claudius und Nero seine Rechtschaffenheit mit dem Leben büßen mußte, so nahm doch die Zahl der Guten, zwar unvermerkt, aber doch dem, der das Ganze übersah, merklich genug zu, um uns von der neuen Epoke, die mit den beiden Vespasianen begann, fröhliche Erwartungen zu geben. Ich konnte sicher darauf rechnen, daß jeder meiner Kosmopoliten alle guten Menschen, die in seinem Wirkungskreise lebten, entdecken und an sich ziehen, alle nicht ganz Verdorbene bessern, und wenigstens einige Böse in Schranken halten würde. Denn was gewöhnlich der Fall in sehr heillosen Zeiten ist, war es auch damals; es gab der Guten mehr als man glaubte: die meisten hatten sich verborgen gehalten und für eine bessere Zukunft aufgespart; aber sie kannten einander, und kamen nun auf einmal zum Vorschein, da sie es mit Sicherheit tun konnten, und die Möglichkeit sahen, gemeinschaftlich nicht ohne Erfolg tätig zu sein.

Die Regierung der Vespasiane würde unser großes Werk ziemlich weit vorwärts gebracht haben, wenn sie länger gedauert hätte. Aber die Hoffnungen der Menschenfreunde verschwanden mit der kurzen Morgenröte des Titus, vor dem trübseligen Tage, der unter seinem unwürdigen Bruder die Welt mit einem Rückfall in die Zeiten Caligulas und Neros bedrohte. Du hast den schlimmsten Teil der Regierung dieses eben so verächtlichen als hassenswürdigen Tyrannen selbst gesehen, und es ist daher überflüssig, das, was ich dir nun zu entdecken habe, durch eine Schilderung ihrer Greuel zu rechtfertigen. Wär es nicht darum zu tun gewesen, das menschliche Geschlecht gegen die Gefahr, in die Klauen eines neuen Ungeheuers zu geraten, sicher zu stellen, so bedürfte es vielmehr einer Entschuldigung, daß ich so lange gewartet, es von den Mißhandlungen jenes kaltblütigen Bösewichts zu befreien.«

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