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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Da es zu meinem Zweck dienlich war, mich von den andern Philosophen, welche die Absicht, das Reich der Weisheit und Tugend unter den Menschen zu fördern, und sich selbst als Vorbilder darzustellen, mit mir gemein zu haben vorgaben, auf alle mögliche Weise zu unterscheiden, so mußte dies vornehmlich in solchen Dingen geschehen, die dem Volk am stärksten in die Augen fallen. Diesem Grundsatze zu Folge zeichnete ich mich in Kostüm und Diät von allen andern Römern und Griechen aus. Nichts Animalisches durfte meinen Leib berühren, noch zu meinem Mund eingehen. Ich kleidete mich, nach der Weise der Ägyptischen Priester, in einen langen faltenreichen Leibrock von Byssus, und beobachtete die Pythagorische Lebensordnung mit der pünktlichsten Genauigkeit. Es fiel anfangs auf; aber man gewöhnte sich nach und nach, zu glauben, es müsse so sein; und als, nach einer Reihe von Jahren, mein Ruf allenthalben vor mir her ging, so war man auch da, wo ich zum ersten Male gesehen wurde, darauf gefaßt, ein Wesen zu sehen, das in allem anders wäre als die gewöhnlichen Menschen. Man fand es ganz natürlich, daß der Mann, der mit den Göttern in unmittelbarer Gemeinschaft stand, und ihren alten reinen Dienst wieder herzustellen gesandt war, seine Wohnung in Tempeln aufschlug; und da man nichts geringeres als einen Propheten, Wundertäter und Alleswisser erwartete, so wurde auch alles, was ich vom Vergangenen und Gegenwärtigen sagte, als unfehlbare Wahrheit, alles, was ich vom Künftigen vermutete, als Weissagung, und beinahe alles, was ich tat, als etwas Außerordentliches aufgenommen. In allem diesem kommen die Menschen mit ihrer angestammten Leichtglaubigkeit und kindischen Liebe zum Wunderbaren demjenigen, der sich einmal in den Ruf eines Thaumaturgen gesetzt hat, so gutwillig und voreilig entgegen, daß es zuletzt gar keiner Kunstgriffe mehr bedarf, und daß nichts leichter ist, als sie, sogar gegen das Zeugnis ihrer eignen Sinne, glauben zu machen, sie hätten gesehen was sie nicht sahen, und gehört was sie nicht hörten. So erinnere ich mich, daß sich einst ein Gerücht, daß ich einem Stockblinden durch bloßes Anrühren seiner Augen das Gesicht wieder gegeben haben sollte, durch eine ganze Provinz in Klein-Asien verbreitete und von einer Menge vorgeblicher Augenzeugen bekräftiget wurde; wiewohl das ganze Wunder in einer sehr einfachen Operation bestand, die ich in meiner Jugend von einem Augenarzt gelernt hatte, der sich das Geheimnis teuer genug von mir bezahlen ließ.

Eine von den Maximen, die mir zu meinem Unternehmen am meisten zustatten kamen, war, mich wohl zu hüten, den Menschen, unter welchen ich lebte, ein alltäglicher Anblick zu werden, oder irgend eines meiner Talente bloß zu ihrem Vergnügen anzuwenden. Das Außerordentliche wird alltäglich, sobald es oft gesehen wird. Ich zeigte mich sehr selten öffentlich; auf den Versammlungsplätzen, wo sich, nach Griechischer Sitte, die Bewohner eines Ortes und die Fremden einzufinden, und die Zeit mit Gesprächen oder auf andere Art zu vertreiben pflegen, wurde ich gar nie gesehen; und wenn ich, bei einer besonderen Gelegenheit, wie z. B. als ich die Epheser von der Pest befreite, zum Volke sprach, ließ ich mich die Eitelkeit ja nicht verführen, nach Art der Rhetorn und Philosophen von Profession, durch das Bestreben schön zu reden, um den Beifall meiner Zuhörer zu buhlen, und ihre Ohren mit zierlich gedrehten wohl klingenden Perioden zu kitzeln; sondern ich sprach in kurzen Sätzen, stark und geradezu, kein Wort mehr als was die Sache erforderte, und mehr im Ton eines Gesetzgebers, der befiehlt was man tun oder lassen solle, als eines Sophisten, der den Zauber der Überredungskunst zu Hülfe nehmen muß, um die Gemüter in seine Gewalt zu bekommen. Du begreifst, Hegesias, daß dies die einzige Art zum Volke zu reden war, die sich für den Charakter, den ich zu behaupten hatte, schickte. Auch verfehlte sie ihre Wirkung selten oder nie; und ich könnte verschiedene Beispiele anführen, daß ich einen Tumult, oder einen Streithandel, der schon in Tätlichkeiten auszubrechen anfing, mit wenig Worten, ja durch meine bloße Dazwischenkunft, beruhigte.«

Indem Apollonius hier wieder eine Pause machte, fand ich mich in einer kleinen Verlegenheit, wie ich ihm ein gewisses Gefühl in meinem Innersten verbergen wollte, das sich schlechterdings weigerte, der zweideutigen Rolle, die er in dem angenommenen Charakter eines Theurgen gespielt hatte, vollen Beifall zu geben. Nach einer kurzen Besinnung glaubte ich mich am besten aus der Sache zu ziehen, wenn ich ihn mit guter Art aufforderte, sich über diesen Punkt selbst näher zu erklären; eine Sorge, die ich mir hätte ersparen können, wenn ich bedacht hätte, daß er meine Gedanken in diesem Augenblick so gut erriet, als ob mein Inneres wie ein aufgeschlagnes Buch vor ihm läge.

Ich sagte ihm also: In allem dem, was er mir bisher von dem außerordentlichen Charakter, den er in einem so langen Leben behauptet habe, entdecken wollen, fände ich zwei moralische Wunder ohne Vergleichung wunderbarer als alle andere, die ihm die öffentliche Meinung zuschreibe. Es scheine mir nämlich ein wahres Wunder der Klugheit zu sein, wie er während des großen Zeitraums bis zu dem, was ihm mit dem Kaiser Domitian begegnet sei, habe vermeiden können, weder mit den Priestern, noch mit der Römischen Obrigkeit, noch mit den Philosophen von Profession, in verdrießliche Lagen zu geraten; aber ein noch viel größeres Wunder der Weisheit sei in meinen Augen, wie er so viel Mäßigung und Gewalt über sich selbst habe besitzen können, sich der kaum zu berechnenden Macht, die ihm sein außerordentliches Ansehen und ein allen seinen Zeitgenossen so sehr überlegener Genius in die Hände gegeben, nicht zu einer großen Revolution im Staate zu gebrauchen, da er doch durch die unleidliche Tyrannei der Ungeheuer, die nach Augustus die Herrschaft über die Welt usurpierten, so mächtig dazu aufgefordert worden sei.

Apollonius erwiderte mit einem Blick, der mir sagte, daß er mich erraten habe: »Was den ersten Punkt betrifft, so trafen, außer dem, was ich dir vorhin von dem nervenlosen, abgestumpften und fanatischen Charakter meiner Zeitgenossen sagte, mehrere Umstände zusammen, die das, was dir so wunderbar scheint, sehr natürlich machten. Der Verfall des alten Gottesdienstes und der Religion überhaupt hatte auch der Priesterschaft einen Stoß gegeben, wovon sie sich, ohne den Beistand der theurgischen Magie, schwerlich wieder erholen konnte. Wie eifersüchtig auch manche aus ihnen auf den Mann sein mochten, der, ohne selbst Priester zu sein, sich mit dem Ruf eines neuen Orpheus und Eumolpus zum Wiederhersteller der alten Religion und ihrer echten Zeremonien und Mysterien aufwarf, so forderte doch ihr eigenes Interesse, seine Sache als die ihrige anzusehen, folglich seinen Kredit beim Volke vielmehr zu unterhalten als zu schwächen; und wiewohl es in der Folge an Zunder und Materie zu Mißhelligkeiten zwischen uns nicht fehlte, so war hingegen auch mein Ansehen damals schon zu sehr befestigt, als daß ihre heimlichen Ränke oder öffentlichen Anfälle mir oder meinen Anhängern einen bedeutenden Schaden hätten tun können. – Was die römischen Staatsbeamten betrifft, diese affektierten (wie gesagt) entweder gar nichts zu glauben, oder glaubten Alles, oder waren (was mir jedoch selten vorgekommen ist) Männer von edler Sinnesart, und von gebildetem, oder, wo dies der Fall nicht war, von großem natürlichen Verstande. Die ersten nahmen wenig Kenntnis von mir, die andern waren meine eifrigen Anhänger, die dritten sogar meine Freunde. Das einzige, wodurch ich mit den öffentlichen Staatsgewalten in einen Zusammenstoß hätte geraten können, war, wenn sie die Entdeckung gemacht hätten, daß ich das Haupt einer durch die ganze Welt verbreiteten geheimen Gesellschaft sei, und wenn der eigentliche Zweck dieser Verbindung zu ihrer Wissenschaft gekommen wäre. Aber so, wie ich meinen Orden organisiert hatte, war dies unmöglich; denn der Auserwählten, denen das Geheimnis meines Zwecks anvertraut werden durfte, war ich so sicher als meiner selbst. Die übrigen konnten nicht verraten was sie nicht wußten; und auch das Wenige, was sie wußten, würde die Furcht des Todes selbst schwerlich einem unter ihnen ausgepreßt haben. – Mit den Philosophen verhielt es sich ungefähr eben so wie mit den Priestern. Außer mehrern andern Ursachen, hatte die Mode unter den Großen in Rom, einen oder mehrere langbärtige Griechische Hausphilosophen im Solde zu haben und in ihrem gewöhnlichen Gefolge überall mit sich zu schleppen, diese vormals so hoch geachtete Profession zu meiner Zeit tief herab gesetzt; besonders trugen die Cyniker, von denen es allenthalben wimmelte, durch die Unwissenheit, den Schmutz und die Unverschämtheit, wodurch, als die drei Haupterfordernisse ihres Ordens, sie sich vor allen andern auszeichneten, ihr möglichstes zu der Verachtung bei, die auf dem Namen eines Philosophen haftete. Daß Apollonius diesen Namen nicht verschmähte, konnte bei vielen die ganze Zunft wieder in Achtung setzen; da hingegen eine allgemeine Verschwörung aller ihrer Sekten gegen ihn seinem Ansehen nicht den geringsten Abbruch getan hätte. Es war also überhaupt dem eigenen Interesse der Philosophen gemäß, in leidlichem Vernehmen mit mir zu stehen. Wahr ists, die Welt begriff unter dieser einst so ehrwürdigen Benennung auch zwei oder drei Menschen von hoher Vollkommenheit, wie z. B. Epiktet und Demetrius; Männer, welche Sokrates selbst für seines gleichen erkannt haben würde: allein sowohl diese beiden, als die Wenigen, die sich aus dem übrigen großen Haufen durch Talente, Wissenschaft und Charakter aushoben, waren unter meinen vorzüglichen Freunden, einige sogar vertraute Glieder meines Ordens. Wie du siehst, hatte ich also auch von den Philosophen nichts zu befahren. Der einzige Euphrates machte die Ausnahme; aber mein Verhältnis mit diesem Menschen würde uns zu weit aus unserm Wege führen, und du kannst bei Gelegenheit das Nähere davon von Kymon erfahren.

Überhaupt gebe ich indessen gerne zu, daß einige Klugheit dazu gehörte, in dem Charakter, den ich angenommen hatte, unter so mancherlei Völkern, mit so vielerlei Menschen von allen Arten, Klassen und Professionen, sich in einem Zeitraume von funfzig bis sechzig Jahren immer schicklich zu benehmen. Doch muß auch billig mit in den Anschlag gebracht werden, daß eine sehr lange Zeit und überhaupt unendlich viel dazu gehört, bis ein einzelner Mensch, und wär er ein dreimal größerer Wundermann als der dreimal größte Hermes selbst, in einem so ungeheuern Reiche wie das Römische einiges Aufsehen macht; und daß, sogar in der Epoke meines größten Rufs und Ansehens, unter fünfhundert Menschen kaum Einer war, der den Namen Apollonius nennen gehört hatte, und vielleicht keiner unter fünftausend, den es kümmerte, ob Apollonius ein Weiser oder ein Phantast, ein Wohltäter der Menschheit oder ein Marktschreier sei.«

»Bei dir«, sagte ich, »aber auch bei dir allein, da du den größten Teil der bekannten Welt durchwandert hast, und binnen dreien Generationen einigen Millionen Menschen bekannt werden mußtest, möchte wohl eine ganz andere Berechnung Statt finden.«

»Wie dem auch sei«, fuhr er fort, »ich bin dir noch eine Erklärung über das zweite große Wunder, worüber du mir dein Erstaunen bezeigt hast, schuldig; und es ist nicht nur billig, sondern zu meiner eigenen Absicht nötig, dir aus diesem Wunder heraus zu helfen.

Du findest unbegreiflich, wie ich mit solchen Mitteln, bei so starken Aufforderungen, mich hätte enthalten können, eine Staatsrevolution zu unternehmen, und machst darüber, daß dies nicht geschehen sei, meiner Weisheit ein großes Kompliment. Was wirst du also sagen, lieber Hegesias, wenn du hörest, daß du meiner Weisheit zu viel Ehre erweisest; daß die Revolution, wozu der Drang der Zeit mich so mächtig aufforderte, wirklich erfolgt ist, und sogar der letzte Zweck und das eigentliche Geheimnis meines Ordens war?«

Ich gestehe dir, Timagenes, die weit offnen Augen, womit ich den Mann, der mir dies sagte, anstaunte, machten meiner Scharfsichtigkeit keine sonderliche Ehre.

»Du scheinst über diese Eröffnung so erstaunt«, sagte Apollonius, »als ob du eher alles andere erwartet hättest, und begreifst, wie es scheint, nichts von einer Revolution, wobei es so ruhig zuging, und wovon die Welt so wenig gewahr wurde, als vom Anfang eines neuen Sonnenzirkels? – Wisse also, Hegesias, daß der Tod des Tyrannen Domitian, die Versetzung des guten Greises Nerva auf den Thron der Cäsarn, und die Adoption des tapfern und weisen Trajan zu seinem Sohn und Nachfolger, das Werk der geheimen Verbindung war, an deren Spitze ich mehr als funfzig Jahre gestanden habe.«

»Ich schäme mich billig«, versetzte ich, »daß ich so kurzsichtig sein konnte, nicht voraus zu sehen, daß ein Mann wie du eine so große Anstalt, als eine durch die ganze Welt ausgebreitete Verbindung der vorzüglichsten Menschen ist, nicht zu kleinfügigen Zwecken errichtet haben werde: und doch muß ich gestehen, daß mich die plötzliche Verwandlung eines in seinem Ursprung religiösen Ordens in einen politischen überrascht hat; wiewohl ich leider sehe, daß das Plötzliche dieser Umgestaltung bloß in mir liegt, die Sache selbst hingegen ohne Zweifel eine lange Vorbereitung erforderte, und, sogar unter dem Einfluß eines Apollonius, nur durch die Zeit zur Reife gebracht werden konnte.«

»Im Geiste meines Ordens«, erwiderte er, »sind Religion und Polizei zwei sehr nahe verwandte Institute; beide Mittel zu eben demselben Zweck, und beide nur in so fern gut und ehrwürdig, als sie das Beste der Menschheit befördern. Die Verwandlung, von der du sprichst, wäre dir schwerlich so auffallend vorgekommen, wenn du dies bedacht hättest.«

Ich nahm diesen kleinen wohl verdienten Verweis mit errötendem Schweigen hin, und Apollonius setzte seine Erzählung fort.

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