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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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IV.

»Wer sich irgend einen besondern Zweck im Leben zu erreichen vorgesetzt hat, dem darf es nicht genug sein, wär er auch der weiseste und beste aller Menschen, immer bloß seinem Charakter und Herzen gemäß zu handeln. Sein besonderer Zweck legt ihm, in Rücksicht auf die Menschen, mit denen er es zu tun hat, eine Rolle auf, die in ihrer eigenen Weise gespielt sein will, und die, auch mit den größten Naturgaben und Anlagen, ohne Kunst nicht gut gespielt werden kann. Er hat Schwierigkeiten zu überwinden oder ihnen auszuweichen, Gelegenheiten zu erhaschen, Umstände zu benutzen. Die Meinungen, Leidenschaften und Zwecke der andern Menschen, die seinen Weg beständig durchkreuzen, erlauben ihm beinahe nie, in der geradesten Richtung fortzuschreiten, sondern nötigen ihn, gern oder ungern, zu Umwegen, die aber eben darum, weil sie sicher zum Zweck führen, der kürzeste Weg sind. In allem diesem nie zu viel noch zu wenig zu tun, und (wie ein Morgenländischer Weiser sagte) immer die glatte Geschmeidigkeit der Schlange mit der harmlosen Einfalt der Taube zu verbinden, ist die große Kunst des Lebens, und vielleicht unter allen Künsten diejenige, worin, wer nach Vollkommenheit strebt, sich selbst am wenigsten genug tun kann.

Sobald es bei mir festgesetzt war, was für eine Person auf dem Weltschauplatz vorzustellen sich für mich am besten schicke, war der erste Gegenstand meiner Überlegung, welche besondere Art von Spiel diese Rolle erfordere. Die Resultate dieser Beratschlagung mit mir selbst sind der Schlüssel zu dem, was ich das Geheimnis meiner Person nennen kann. Ich trage kein Bedenken, Hegesias, dir dieses Geheimnis aufzuschließen, teils weil meine Rolle ausgespielt ist, teils weil es nun gewisser Maßen eine Last für mich selbst ist, von welcher ich mich zu erleichtern wünsche, indem ich es in die Seele eines verständigen und guten Mannes niederlege.

Überhaupt schien es mir zu meinem Zweck notwendig, eine Art von heiligem Dunkel um meine Person und die Klasse von Wesen, zu welcher ich gehörte, zu verbreiten. Glücklicher Weise trafen eine Menge zufälliger Umstände bei mir zusammen, welche diese Wirkung größten Teils von selbst hervorbrachten. Es wäre überflüssig hierüber ins besondere zu gehen; genug, daß, indem ich die Rolle eines ungewöhnlichen Menschen spielte, ich im Grunde nichts vorstellte, als was ich wirklich war. Mit der Zeit ward es auch bei andern als den Hirten auf dem weißen Gebirge zweifelhaft, ob ich nicht etwas mehr als ein Sterblicher sei. Die wärmsten Liebhaber des Wunderbaren erklärten mich geradezu für einen Mensch gewordenen Dämon; andere glaubten, Orpheus, der Stifter der ältesten Mysterien, andere, der Kretische Prophet Epimenides, noch andere, der göttliche Pythagoras sei in mir zurück gekommen; die letztern meinten in der sonderbaren Ähnlichkeit, die man zwischen mir und den Bildnissen dieses Weisen sehen wollte, einen triumphierenden Beweis für ihre Meinung zu finden. Damis glaubt mich sogar zu ehren, da er mich zum Proteus macht, und beruft sich auf einen Traum, worin dieser Ägyptische Gott in Person meiner Mutter angekündigt habe, daß er sich von ihr gebären lassen werde. Viele, die sich zu weise dünkten, um einer von diesen Hypothesen beizutreten, hielten wenigstens für etwas ausgemachtes, daß ich, es sei nun durch unmittelbare Erleuchtung oder auf natürlichen Wegen, zum vollständigen Besitz aller geheimen Wissenschaft der Zoroaster, Hermes und Orpheus gelangt, und nichts Vergangenes, Gegenwärtiges noch Zukünftiges vor mir verborgen sei; noch andere, daß ich, kraft meiner Einweihung in den Mysterien der theurgischen Magie, in unmittelbarer Gemeinschaft mit den Göttern stehe, Macht über die bösen Geister habe, und Dinge tun könne, die über die Kräfte aller Sterblichen gingen. Zwei oder drei Begebenheiten, die den Schein hatten, als ob sie in diese Klasse gehörten, waren mehr als hinreichend, hundert andere, zum Teil ganz ungereimte Wunder zu beglaubigen, die auf meine Rechnung herum getragen wurden.

Es bedarf, denke ich, keiner ausdrücklichen Verwahrung bei dir, daß ich an diesen ungereimten Meinungen und Gerüchten geradezu keinen andern Anteil hatte, als daß ich sie durch mein Benehmen überhaupt eher zu bekräftigen als zu vernichten schien. Es war in meinem Plan, über alles, was meine Person betraf, ein geheimnisvolles Schweigen zu beobachten, oder doch die schüchternen, durch behutsame Umwege sich annähernden Fragen der Vorwitzigen so rätselhaft zu beantworten, daß es nur an den Fragenden lag, in ihren Vorurteilen bestärkt zu werden. Von den Göttern sprach ich immer mit hoher Ehrfurcht, aber wie ein vertrauter Diener von seinem Herren spricht: im Ton eines Menschen, der sie in der Nähe sieht, der sich bewußt ist etwas bei ihnen zu vermögen, dem es zukommt in ihrem Namen zu sprechen, und der sich darauf verlassen kann, daß sie ihn nie beschämen noch fallen lassen werden. Ich gab bei Gelegenheit zu verstehen, (was denn auch die reine Wahrheit war) daß ich in den ältesten und geheimnisreichsten Mysterien eingeweiht sei; und so oft sich ein Anlaß zeigte, es sei nun durch unbekannte physische Mittel, oder durch starke Einwirkung auf die Nerven und die exaltierte Einbildungskraft hypochondrischer und hysterischer Personen, Wunder zu tun, so blieb sie sicher nicht unbenutzt.

Unter vernünftigern Menschen, als der größte Teil meiner Zeitgenossen war, würde ein Mann, der etwas besseres als einen landfahrenden Isispriester hätte vorstellen wollen, sich durch alles dies verächtlich und lächerlich gemacht haben; aber bei den Leuten, mit denen ichs zu tun hatte, wagte ich nichts. Auf die untern Volksklassen wird, ohne ähnliche Behelfe und Täuschungen, kein Weiser, der sich die Heilung der moralischen Gebrechen der Menschheit zum Ziel gesetzt hat, in unsern Tagen den geringsten Eindruck machen. Er kann ihre Aufmerksamkeit nur durch ungewöhnliche Dinge erregen; er muß ihre Sinne erschüttern, ihre Seelen in Erstaunen setzen, und nur die Meinung, daß er ein Wesen aus einer höhern Ordnung sei, kann ihm in ihren Augen das Recht geben, den Sterblichen den Willen der Gottheit anzukündigen. Je verworrener und dunkler die Vorstellung ist, die sie sich von ihm machen, je ungewisser seine eigentliche Natur und die Grenzen seiner Macht in ihrer Einbildung sind, desto mehr Glauben, Zutrauen, Lenksamkeit und Gehorsam kann er sich von ihnen versprechen. Was die gebildetern Klassen betrifft, so möchten zwar die meisten, die sich darunter rechnen, dafür angesehen sein, als ob sie in allen solchen Dingen weit über die blödsinnige Schwäche des gemeinen Mannes hinweg wären: aber in der Tat ruht ihr Unglaube auf keinem festern Grunde, als der Aberglaube des Pöbels; und es verhält sich mit ihrer affektierten Freigeisterei überhaupt wie mit ihrer vorgeblichen Verachtung der Gespenster- und Geistergeschichten, die in allen Ländern beim Volk in so großem Ansehen stehen. Wer sich überzeugen will, wie wenig sie in diesem Punkte vor Kindern und Kinderwärterinnen voraus haben, darf nur eine solche Geschichte, wenn sie auch noch so unglaublich wäre, als Augenzeuge mit lebhafter mimischer Darstellung und anscheinender Selbstüberzeugung in einer großen Gesellschaft erzählen, und er wird die Unwahrheit der Versicherung, daß man kein Wort davon glaube, in den meisten Gesichtern deutlich lesen können. Der Gedanke, es könnte doch vielleicht wahr sein, dringt sich ihnen wider ihren Willen auf, und wird sogar durch einen leisen instinktartigen Wunsch, daß es wahr sein möchte, unterstützt. Man wird daher immer finden, daß ein Mann, der in dem Rufe steht, daß er in den Mysterien der hohen Magie eingeweiht sei und außerordentliche Dinge vermöge, wofern er nur durch nicht gemeine persönliche Eigenschaften, durch eine große Geistesgegenwart, und ein sich selbst immer gleiches festes Betragen, seinen Ruf zu behaupten weiß, den Großen und den Weltleuten überhaupt imponiert, und sogar diejenigen, die ihn für einen bloßen Gaukler halten, in Verlegenheit setzen, und in ihrer Meinung von seiner Person schwankend machen kann.

Ich habe dies im Lauf meines Lebens öfters, und besonders auf eine sehr einleuchtende Weise bei meinem letzten Aufenthalt zu Rom erfahren, da mich Domitian gefangen setzen ließ, um mir wegen eines dreifachen Verbrechens, der Philosophie, der Magie, und der Teilnahme an einer Verschwörung gegen seine Person, den Prozeß zu machen. Die Wirkung, die der Anblick eines Greises von neunzig Jahren, wie er vermutlich noch keinen gesehen hatte, beim ersten Verhör auf den eben so schwachherzigen als übermütigen Tyrannen machte, wurde von allen Anwesenden bemerkt. Er schien seine Verlegenheit durch eine herrische Miene und den rauhen Ton, womit er mich anfuhr, verbergen, und mich selbst dadurch aus meiner Fassung bringen zu wollen. ›Wer bist du?‹ donnerte er mich, gegen seine Gewohnheit, an. – ›Apollonius von Tyana.‹ – ›Warum erscheinst du in dieser ungewöhnlichen Kleidung vor mir?‹ – ›Ich trage seit siebzig Jahren keine andere.‹ – Er schwieg einen Augenblick, als ob er sich besinnen wolle. ›Du bist schwerer Verbrechen wegen angeklagt‹, fuhr er fort. – ›Von dem gerechten Richter, den ich zu erwarten befugt bin, habe ich nichts zu befahren, und einen ungerechten fürchte ich nicht.‹ – Die Ruhe, womit ich dies sagte, warf ihn, wie es schien, in eine neue Ungewißheit, was er aus mir machen und wie er mich behandeln sollte. Er wandte sich von mir weg, sprach einige leise Worte zu dem Befehlshaber seiner Leibwache, der etliche Schritte hinter ihm stand, drehte sich dann wieder um, und sagte mir in einem etwas milderen Tone, daß er meine Sache nächstens selbst untersuchen wollte. Er begleitete diesen Bescheid mit einem Blick, der mir die ganze Majestät des Herren der Welt in die Augen blitzen sollte: aber ich ließ ihn an der unerschütterlichen und von angeborner Unerschrockenheit unterstützten Gleichmütigkeit abprallen, die mir durch die Länge der Zeit so natürlich geworden ist, daß ich mir beinahe zutrauen darf, sie nicht zu verlieren, wenn die Welt über mir zusammen stürzte. Der furchtbare Autokrator-Blick fiel wie ein stumpfer Pfeil vor mir nieder; Domitian kehrte mir schnell den Rücken zu, und ich wurde sogleich wieder ins Gefängnis abgeführt. Im Weggehen hörte ich ihn zum Obersten seiner Leibwache sagen: ›Wenn der kein eingefleischter Dämon ist, so hat es nie einen gegeben.‹ Einer meiner heimlichen Freunde, der bei diesem Verhör zugegen war, sagte mir in der Folge: der Kaiser, den seine ungeheuern Ausschweifungen schon im vierzigsten Jahre sehr herab gebracht, habe nichts so unbegreiflich gefunden, als wie ein Mann mit silbergrauem Bart und Haar noch ein so kräftiges Ansehen und einen so festen Ton der Stimme haben könne. Der Präfekt, der mich vor mehrern Jahren in Ägypten kennen gelernt hatte und mir nicht übel wollte, habe ihm zu verstehen gegeben, er halte mich für einen großen Magus. ›Das wollen wir sehen‹, habe der Kaiser gesagt. Ob er sich vielleicht einbilden mochte, daß die Kraft meiner Zauberei in meinen Haaren stecke, weiß ich nicht: aber bald nachdem ich in mein Gefängnis gebracht worden war, trat einer von den Sklaven des Palasts herein, und kündigte mir mit zitternder Stimme an, er habe Befehl vom Kaiser, mir Haare und Bart abzuscheren. Ich sah dem Menschen scharf ins Gesicht und schwieg. Da er sich aber zusammen raffte, und Hand ans Werk legen zu wollen schien, trat ich auf ihn zu, und sagte mit einer Stimme, die ihn beinahe zu Boden warf: ›Zittre, Mensch! Diese Haare sind dem Pythischen Apollo, und dieser Bart dem Äskulapius heilig! Wag es nicht mir einen Schritt näher zu kommen, oder du bist auf der Stelle des Todes!‹ – Der arme Wicht, dem sein Leben lieb war, ließ die Werkzeuge der Operation vor Schrecken fallen, lief davon, und machte dem Offizier, von dem er den Befehl des Kaisers erhalten hatte, eine so grausenhafte Beschreibung von den Blitzen, die aus den Augen des Zauberers heraus gefahren, da er sich seines Auftrags habe erledigen wollen, daß man, wie der Erfolg zeigte, für das ratsamste hielt, die Sache aufzugeben. – Ich habe mich bei diesem Beispiele der Wirkung, welche der allgemein verbreitete Wahnbegriff von meiner Stärke in der Magie, durch einige äußerliche Vorzüge unterstützt, nicht nur auf den Pöbel, sondern sogar auf Personen vom ersten Rang und auf den Autokrator selbst machte, länger verweilt, weil es zugleich zu einer Probe dienen kann, welche Vorteile ich dadurch erhielt, daß ich diesen Wahn durch die Art meines Benehmens vielmehr unterhielt als zerstörte.

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