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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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II.

Apollonius war uns jetzt so nahe, daß wir das Gespräch fallen ließen, um ihm einige Schritte entgegen zu gehen. Er grüßte mich, indem er das Buch dem Kymon zurück gab; dieser entfernte sich, um seinen kleinen Geschäften nachzugehen, und der ehrwürdige Greis nahm mit mir den Weg, der zur Bank an dem Lorbeergebüsche führte.

»Der arme Damis«, fing er an, »hat mir, wiewohl auf meine eigenen Kosten, ein paar kurzweilige Stunden gemacht. Als ich dir gestern sagte, ich kenne mehr als Einen, der meine Geschichte sehr unrichtig schreiben werde, glaubte ich nicht die Wahrheit meiner Voraussehung so bald bestätiget zu finden. Es müßte ein seltsames Werk herauskommen, wenn, bei dem immer wachsenden Hang der Menschen zu übernatürlichen und unglaublichen Dingen, irgend ein redseliger Sophist sich in hundert Jahren einfallen ließe, aus dieser etwas unförmlichen Handzeichnung meines Assyrischen Freundes ein großes, reich zusammen gesetztes und mit üppiger Farbenverschwendung ausgeführtes Gemälde, zur Gemütsergetzung irgend einer wunderlustigen Dame, auszufertigen. Gut, daß ich auf alle Fälle die Vorsicht gebraucht habe, meine wahre Geschichte einem verständigen Manne zu vertrauen.«

»So teuer mir (versetzte ich) dieses für mich so ehrenvolle Vertrauen ist, insofern ich, zu meinem eigenen unschätzbaren Gewinn, durch einen glücklichen Zufall und deine Güte damit begünstiget worden bin, so kann ich doch nicht zweifeln, daß die Nachwelt, auch ohne die Berichtigungen und Aufschlüsse, die sie nun von mir erhalten kann, das Wahre von dem Falschen in der abenteuerlichen Schilderung des Damis, und jeder andern, die in diesem Geschmacke gemacht werden könnte, zu scheiden wissen werde. Denn daß es das verzeichnete, überladene, falsch gefärbte und schief beleuchtete Bildnis eines Mannes von seltner Größe und Kraft des Geistes sei, muß auch der Blödeste sehen; und dem Verständigen wird es leicht sein, aus einigen echten Zügen, die hier und da wie durch einen schmutzigen Nebel durchscheinen, nach dem Kanon der Natur, ein der Wahrheit wenigstens ziemlich nahe kommendes Bild zusammen zu setzen.«

Apollonius schwieg einige Augenblicke, und sagte dann, indem er mir mit kaum merklichem Lächeln scharf in die Augen sah: »Gestehe, Hegesias, daß es dir noch immer ein wenig schwer wird, die Rolle, die ich im Leben spielte, mit allem dem, was dir die Gegenwart darstellt, in reinen Zusammenklang zu bringen, und dich in dir selbst zu überzeugen, daß der Apollonius, der sich für einen Vertrauten der Götter ausgab, allenthalben, wohin er kam, sogleich von den Tempeln Besitz nahm, und gewöhnlich nur in den Vorhallen oder Hainen des Äskulaps oder Apollo zu finden war; der Mann, der von der Zukunft immer sprach, als ob sie ihm schon gegenwärtig sei, Gewalt über die bösen Geister hatte, Tote erweckte, in eben derselben Stunde, da er zu Rom vor dem Richtstuhle Domitians aus aller Anwesenden Augen verschwand, im Nympheon vor Puteoli in Kampanien seine Freunde Demetrius und Damis durch seine Erscheinung überraschte, und ein paar Jahre darauf den Tod des Tyrannen auf dem Markte zu Ephesus, als eine Sache, die in diesem Augenblick vor seinen Augen vorgehe, öffentlich ankündigte: – gestehe, es wird dir schwer zu glauben, daß es eben derselbe sei, den du vor dir siehest?«

Die Reihe zu schweigen war jetzt an mir. Apollonius, dem es nicht entgehen konnte, daß ich um eine schickliche Antwort verlegen war, heftete einen still heitern aufmunternden Blick auf mich, und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: »Ich wundere mich nicht, daß ich die Wahrheit erraten habe, und finde deine Verlegenheit sehr natürlich.«

»Freilich«, erwiderte ich, »ist nichts natürlicher, als daß ein Mann wie du in den Augen alltäglicher Menschen ein Wunder scheinen muß. Aber du erweisest mir, hoffe ich, die Gerechtigkeit, zu gut von mir zu denken, als daß irgend etwas deiner unwürdiges, was ein so schwachsinniger Mensch wie Damis erzählen kann, an meiner Seele haften sollte.«

»Und doch«, versetzte er, »liegt – wenn ich das gar zu Alberne und Läppische, zumal in einigen Reden oder Antworten, die er mir als besonders sinnreiche Sprüche in den Mund legt, ausnehme – seinen meisten Erzählungen etwas Wahres zum Grunde, das er entweder schief, oder durch den gefärbten Nebel seiner Vorurteile sah. Ich würde deine Zeit mißbrauchen, und eine der zwölf Arbeiten des Herkules ohne allen Nutzen unternehmen, wenn ich sein Buch mit dir durchgehen, und ein Kapitel nach dem andern von den grotesken Auszierungen und Verschönerungen reinigen wollte, die der gute Mensch an seine Darstellung meines Lebens verschwendet hat. Einiges hat der wackere Kymon bereits ins Reine gebracht, und es wird dir ziemlich leicht sein, eine Menge ähnlicher Abenteuer auf dieselbe Weise zu berichtigen. Indessen bleibt doch im Ganzen etwas Unerklärbares und Magisches, wozu ich dir den Schlüssel schuldig bin. Alles wird dir klar werden, sobald ich dir – was sonst niemand tun kann als ich – das innere Adyton meines Ordens aufgeschlossen haben werde.«

Ich brauche dir nicht zu sagen, Freund Timagenes, wie sehr ich durch die Herablassung und Offenheit gerührt wurde, womit ich ein so erhabenes Wesen, als dieser wahre Agathodämon in meinen Augen ist und nun auch in den deinen sein wird, sein Inneres vor mir aufzudecken bereit sah. Er nahm die Wärme, womit ich ihm mein Gefühl zeigte, mit seiner gewohnten Güte und Gleichmütigkeit auf; und nachdem die kleine Hebe ihren täglichen Morgendienst bei der Quelle verrichtet, und ihre Mutter, wiewohl diesmal unsern Augen durch das Gebüsch entzogen, mich durch einen herrlichen Gesang, den sie mit großer Fertigkeit und Anmut auf der Cither begleitete, zu der Weihe, die ich empfangen sollte, vorbereitet hatte, fing mein ehrwürdiger Nestor, dem, gleich jenem Homerischen, die Rede wie Hybläischer Honig von den Lippen floß, die folgende Erzählung an.

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