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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Fünftes Buch

I.

Die Sonne schwebte schon über den Spitzen der östlichen Felsen, als ich mein Lager verließ, um den wackern Kymon aufzusuchen. Ich fand ihn im Garten mit seiner gewöhnlichen Morgenarbeit beschäftigt. Er gestand mir, daß er den größten Teil der Nacht zugebracht, die Handschrift zu durchgehen, die ich ihm gestern zurück gelassen. »Ich erwartete«, sagte er, »wie billig, wenig Gesundes von einem Kopfe wie Damis: aber so arg hatte ich mirs doch nicht vorgestellt. Was für einen abgeschmackten Mischmasch von Milesischen Märchen und Landfahrerlügen der Mensch zusammen gestoppelt hat, um dem Leben eines Mannes wie Apollonius den Anschein der Geschichte eines philosophischen Marktschreiers zu geben! Wie er durch die Wendungen, die seine vorgefaßte Meinung den Sachen gibt, und die Zusätze, womit seine kindische Phantasie die Wahrheit selbst zur Lüge macht, den alltäglichsten Ereignissen einen Anstrich von Geheimnis und Unbegreiflichkeit gibt! Aber der Teil seiner Wundergeschichte, worin die Reise zu den Indischen Weisen, die unglaublichen Dinge, die auf dem Berge, wo sie wohnten, zu sehen waren, die Aufnahme, welche Apollonius bei ihnen fand, seine Unterredungen mit Jarchas, ihrem Oberhaupt, die geheimen Wissenschaften, die er von ihnen gelernt haben soll, und die Rückreise nach Griechenland beschrieben sind, – das übertrifft nun vollends alles, was in dieser Art je gefabelt worden ist, und erreicht das Sublime des Ungereimten. Nachdem ich dieses feine Stück Arbeit gesehen habe, muß ich bekennen, daß ich meine gute Meinung von der Ehrlichkeit des Niniviten zurück zu nehmen genötigt bin. Denn, fürs erste, springt es doch einem jeden in die Augen, daß er von allem dem, was zwischen Apollonius und den Brahmanen oben auf dem Berge vorgegangen sein soll, nichts wissen konnte, da er, seinem eigenen Geständnis nach, mit den übrigen Reisegefährten am Fuße des Berges zurück bleiben mußte; und daß er daher, um doch die gereizte Neugier seiner Leser nicht mit dem kahlen Geständnis seiner Unwissenheit abzuspeisen, so viele Märchen von den Wundern des Kaukasus und Indus, und von den Brahmanen, über welche seit Alexanders Zug nach Indien so viel gefabelt worden ist, als er nur immer aufzutreiben wußte, in diese Kapitel seiner Geschichte zusammen getragen hat. Ich habe aber außer diesem noch einen andern Umstand, der die Wahrhaftigkeit des armen Damis, die überhaupt in seinem ganzen Buche nur zu oft in die Klemme kommt, in diesem Teile seiner Erzählung gänzlich zu Grunde richtet.«

»Und was könnte das wohl sein?« fragte ich mit einem Ausdruck von Neugier, dessen Kymon durch ein kleines Zögern vielleicht spotten wollte.

»Etwas, (versetzte dieser) wogegen, wie du sogleich sehen wirst, keine Einwendung Statt findet, – und das ist, daß Apollonius den Indus und die Brahmanen am Indus so wenig gesehen hat, als du oder ich die Hyperboreer oder das Land der Pygmäen, die in ewigem Kriege mit den Kranichen leben.«

Ich. »Nun so muß man gestehen, daß dieser Damis der unverschämteste Lügner ist, den jemals die Sonne beschienen hat! Jetzt wundert michs nicht mehr, wie ein Mensch, der an Ort und Stelle gewesen zu sein vorgibt, sagen konnte, der Hypasis, der sich in den Indus ergießt, stürze sich mit großem Ungestüm ins Meer, und wenn man die Rückreise von den Brahmanen nach Griechenland zu Wasser machen wolle, habe man den Ganges zur Rechten und den Hypasis zur Linken; wovon gerade das Gegenteil wahr ist.«

Kymon. »Wie gesagt, Apollonius ist nie bis zum Indus gekommen. Wahr ist es, daß er dazu entschlossen war, als er zu Ninive mit dem närrischen Menschen in Bekanntschaft geriet, den ein mißgünstiger Dämon ihm zum Geschichtschreiber ausgesucht zu haben scheint. Denn, wiewohl er den Wunderdingen, die von der übernatürlichen Weisheit der Brahmanen erzählt werden, wenig Glauben beimaß, so hielt er es doch für wahrscheinlich, daß ein so uralter Orden durch Überlieferung im Besitz mancher wichtigen Überbleibsel der Künste und Entdeckungen jener mehr berühmten als bekannten Atlantiden sein könnte, welche vor undenklichen Zeiten den höchsten Teil der Erde jenseits des Imaus bewohnten, und von denen, seiner Meinung nach, alle Kultur und Policierung nach und nach in die übrige Welt ausgegangen war. Nachdem er aber zu Ktesiphon, wo wir uns einige Monate aufhielten, mit einem ehrwürdigen Greise, welcher Indien mehrmals durchwandert, und die so genannten Gymnosophisten am Indus und Ganges durch sich selbst genau kennen gelernt hatte, in eine sehr vertraute Verbindung gekommen war, stand er von jenem Vorhaben auf einmal ab, ohne sich über die Beweggründe seines veränderten Entschlusses näher zu erklären; aber vermutlich, weil ihn sein neuer Freund überzeugt haben mochte, daß er von diesen Leuten nichts zu erwarten hätte, was er nicht entweder bereits besser wußte als sie, oder aus dem Umgange mit dem letztern eben so gut als aus der Quelle selbst schöpfen könnte. Genug, wir kehrten durch einen andern Weg wieder dahin zurück, woher wir gekommen waren, ohne einen einzigen von den ungeheuern Feld- Sumpf- und Berg-Drachen gesehen zu haben, womit Damis lächerlicher Weise das fruchtbarste und volkreichste aller Länder des Erdbodens anfüllt. – Aber, wozu wollten wir unsre Zeit noch länger mit den Aufschneidereien dieses Menschen verlieren? Du kennest nun den Apollonius durch dich selbst; du hast ihn gesehen und gehört; er hat dich lieb gewonnen, und scheint keine Geheimnisse vor dir zu haben. Eine einzige Stunde, mit ihm selbst zugebracht, macht dir den Charakter und das Leben dieses außerordentlichen Mannes anschaulicher und begreiflicher, als alles, was ich oder ein anderer, wer er auch sei, dir von ihm sagen könnte.«

Ich. »Eine einzige Minute, Kymon, ist hinlänglich, jeden Eindruck auszulöschen, den ein Biograph, wie Damis, oder die von ihm, gegen seine Absicht, bekräftigten falschen Gerüchte, in meinem Gemüte zurück gelassen haben könnten, wenn es meine Art wäre, mich durch schlecht verbürgte Anekdoten oder fremde Urteile für oder wider außerordentliche Menschen einnehmen zu lassen.«

Kymon. »Apollonius, oder wenn du ihm lieber seinen rechten Namen gibst, Agathodämon, scheint dir also ein sehr außerordentlicher Mensch?«

Ich. »Weil er es ist. Ich wenigstens kenne niemand, der nicht, neben ihm, sich selber ein gemeiner Mensch scheinen müßte.«

Kymon. »Ich muß gestehen, daß dieses Gefühl sich bei mir, durch die Länge der Zeit die ich mit ihm lebte, beinahe ganz verloren hat. Anstatt ihn als einen außerordentlichen Menschen zu betrachten (was er freilich mit andern verglichen nur zu sehr ist), kommt es mir vor, als ob er nicht mehr und nicht weniger sei, als was wir alle sein sollten, – ein Mensch im eigentlichsten, edelsten Sinne des Wortes, indem bloß die Ausartung der übrigen Menschen die Ursache ist, warum ein durchaus weiser und guter Mann eine so seltsame Erscheinung in der Welt ist. Wir drei, die in dieser Abgeschiedenheit allein mit ihm leben, sind an seine Art zu sein so gewöhnt, als ob es die einzige mögliche wäre; auch zweifle ich nicht, wiewohl es vielleicht unbescheiden aus meinem Munde lauten mag, daß es dir vorgekommen sein mag, als ob wir, jedes in seiner Art, kaum etwas andres als bloße Widerscheine und Nebenmonde von ihm wären.«

Ich. »Agathodämon würde diese schöne Wirkung des stillen Einflusses seiner Gegenwart auf die liebenswürdige kleine Familie, die ihn umgibt, nicht machen können, wenn sie nicht schon für sich selbst gut, und, dem Geist und Herzen nach, nahe mit ihm verwandt wäre. Oder warum hätte er nicht auch auf die übrigen Menschen so gewirkt? Was für eine sittliche Umgestaltung der Welt müßte nicht ein Mann wie er, in einem mehr als sechzigjährigen öffentlichen Leben verursacht haben! Es gibt schwerlich eine namhafte Stadt im Römischen Erdkreise, wo er sich nicht aufgehalten und Beweise dessen, was er ist, gegeben hätte. Warum ist die Zahl derer, die durch ihn weiser und besser wurden, so gering? Warum scheint, seitdem er aus den Augen der Menschen verschwand, auch alles Gute, das er zu wirken suchte, mit ihm verschwunden zu sein, – wie die schimmernden Paläste und Gärten, die durch magische Kunst aus der Erde hervorgehen, eben so schnell, als sie entstanden, mit den Zauberern, ihren Urhebern, verschwinden? Der beste aller Menschen vermag, wie es scheint, eben darum nur wenig über den großen Haufen, der ihn weder zu schätzen noch zu lieben fähig ist; denn er kann nur die Guten an sich ziehen, und wird, aus derselben Ursache, von den Bösen zurück gestoßen.«

Kymon. »Wenn ein Mann wie Apollonius keine geräuschvolle Rolle in der Welt spielt, sich nicht zu den obersten Stellen im Staat empor schwingt, oder in einem der Auflösung so nahen Reiche, wie das Römische zu unsrer Zeit war, nicht an der Spitze einer mächtigen Partei eine Revolution verursacht, so ist es bloß, weil er nicht will. Mit gewalttätigem Arm in die Räder der Zeit einzugreifen, und die bürgerliche Ordnung, um sie zu verbessern, umzustürzen, war weder in seinem Plane, noch seinen Grundsätzen gemäß. Er wirkte, wie es einem guten Genius zukommt, still und geheim, und du kannst es mir, einem so vieljährigen Augenzeugen, um so mehr glauben, da du sogar in der Erzählung des einfältigen Damis Spuren davon gefunden haben wirst: – er tat und beförderte im Verborgenen so viel Gutes, und hinderte laut und öffentlich so viel Böses, als unter den äußerst verderbten Römern und Griechen unsrer Zeit, und unter der Autokratie solcher Ungeheuer, wie Claudius, Nero und Domitian, nur immer möglich war; und indes ihn der große Haufe der Weltleute für einen religiösen und philosophischen Gaukler, der Pöbel für einen mächtigen Zauberer, und leichtgläubige Schwärmer für den wieder ins Leben gekommenen Orpheus oder Pythagoras hielten, bereitete sein geheimer Einfluß unvermerkt die bessern Tage vor, denen wir jetzt entgegen sehen. Mehr zu sagen ist mir nicht erlaubt; ich zweifle aber nicht, Agathodämon selbst wird kein Bedenken tragen, dir über alles dies so viel Licht zu geben als du wünschen kannst.«

Ich. »Ich sehe ihn dort, am Ende des Gartens, mit einem Buch in der Hand, langsam unter den Bäumen gehen. Er scheint sich uns nähern zu wollen.«

Kymon. »Ich errate was er liest; vermutlich seine Biographie von Damis, die du mir gestern abends mitgabst.«

Ich. »Und wie kam sie aus deinen Händen in die seinen?«

Kymon. »Als ich heute mit Tagesanbruch in sein Schlafzimmer trat, sagte er mir, mit dem Blick, der ihm eigen ist, wenn er einen in die Unmöglichkeit setzen will, ihm die Wahrheit zu verhehlen: ›Du hast nicht geschlafen, Kymon; wie kam das? Was hast du getrieben?‹ – Ich gestand also was ich nicht verbergen konnte. Der Gedanke, den Damis zum Geschichtschreiber zu haben, schien ihn zu belustigen. Er verlangte das Buch selbst zu sehen, und da ich deine Einwilligung voraussetzen konnte, trug ich kein Bedenken ihm zu gehorchen.«

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