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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

Die Schönheit des Abends lockte uns, nachdem wir vom Tische aufgestanden waren, ins Freie: wir wandelten unter allerlei Gesprächen zwischen einigen Reihen mit künftigen Früchten reich beladner Bäume hin und her, und als die Dämmerung zunahm, setzten wir uns, Agathodämon, Kymon und ich, unter die Rebenlaube vor seiner Wohnung. Eine Nachtigall, die sich aus dem nahen Gebüsche hören ließ, erregte unsre Aufmerksamkeit. »Auch die Nachtigallen«, sagte ich, »scheinen hier Agathodämons Gegenwart zu fühlen; denn mit solcher Begeisterung hörte ich noch keine schlagen.«

»Wenn wir sie nur verstehen könnten!« versetzte Kymon, indem er mich mit einem bedeutenden Wink ansah.

»Was meinst du damit, Kymon?« sagte der Alte: »warum sollten wir sie nicht verstehen? Wir, die in unserm Gefühl ein mit der ganzen Natur zusammen gestimmtes Organ und den Schlüssel zu der Sprache aller Wesen in unserm Busen tragen? Diese Nachtigall glaubt freilich nicht mit uns zu sprechen, und sagt uns also nur wenig; aber dies Wenige verstehen wir gewiß alle, jeder nach seiner Weise: welches auch der Fall wäre, wenn, an ihrer Statt, eine menschliche Philomele uns Pindars hohen Gesang an die Grazien hören ließe. Auch täten wir besser«, setzte er mit einem freundlichen Blick auf Kymon hinzu, »wir behorchten, anstatt zu plaudern, diese unschädliche Waldsirene, wiewohl sie uns nicht so viel zu lehren verspricht als jene Homerischen

Wir schwiegen, und nach einigen Augenblicken fing in einem gegenüber stehenden Busch eine andere an, sich mit der ersten in einen Wettgesang einzulassen, der durch die Mannigfaltigkeit der Sätze und das immer steigende Feuer des Vortrags äußerst anmutend wurde. Es war beinahe unmöglich, nicht zu glauben, daß Sinn und Absicht in ihrem Gesang sei, daß sie sich beeiferten einander den Preis abzugewinnen, und daß die schweigende, während sie ihre kleine Brust wieder mit Luft anfüllte, zugleich darauf sinne, ihrer Nebenbuhlerin etwas unübertreffliches aufzugeben. Agathodämon saß ein wenig zurück gelehnt, und das Gesicht halb von uns abgewandt, als ob er in einen angenehmen Traum gesunken wäre, und wir beide hörten dem Wettstreit der Nachtigallen so aufmerksam zu, daß wir uns kaum zu atmen getrauten.

Auf einmal schallte aus dem kleinen Lorbeerwäldchen ein himmlischer Gesang zu uns herüber, der unsre befiederten Sänger selbst sogleich zum Schweigen brachte. Es war die Mutter und die Tochter, welche, ohne eine andere Begleitung als das lieblichste Echo, das ich je gehört hatte, bald wechselsweise bald zusammen singend, eben dieses hohe Lied der Charitinnen anstimmten, dessen Agathodämon vorhin erwähnte.

Ich will es nicht versuchen, lieber Timagenes, dir zu beschreiben, wie dieser wahre Musengesang, in der Stimmung worin ich mich befand, auf meine ganze Seele wirkte. Alles was ich davon sagen kann, ist, daß ich die Macht des Gesanges über das menschliche Herz nie in diesem Grade gefühlt habe, und schwerlich jemals wieder so fühlen werde. Die Worte und Rhythmen dieser Pindarischen Ode sind an sich schon Musik: was mußten sie sein, da sie von zwei der schönsten Silberstimmen, in die einfachste, heiligste und anmutigste Melodie gesetzt, und in häufigen Pausen mit den reinsten Flötentönen eines dreifach immer sanfter wiederholenden Nachhalls zusammen schmelzend, durch die Stille einer lauen Mondnacht zu uns herüber schwebten! – Ich geriet, im eigentlichsten Sinne des Worts, außer mir; ich fühlte mich wie entkörpert, in die himmlische Wohnung der Unsterblichen versetzt, und von seligen Gefühlen überströmt, für welche die Menschensprache keine Namen hat.

Agathodämon lag, so lange der Gesang währte, mit geschloßnen Augen sanft zurück gelehnt, und schien eingeschlummert zu sein. Aber, als der letzte, leis' hinsterbende Ton des dritten Nachhalls in der feiernden Stille sich verloren hatte, richtete er sich auf, nahm mich bei der Hand, und sagte: »Von allen Lebensregeln des Pythagoras ist mir diese die heiligste, welche seinen Jüngern befiehlt, sich wo möglich nie zur Ruhe niederzulegen, ohne durch eine sanfte herzerhebende Musik die Seele zu reinigen, und den Leib zu einem leichten und ruhigen Schlummer vorzubereiten. Und nun, Hegesias, ist es Zeit, uns bis künftigen Morgen zu trennen. Lebe wohl!« – Mit diesem Worte drückte er mir die Hand, empfahl mich der Obsorge seines Freundes Kymon, und begab sich in sein Schlafgemach.

»Du verstandest doch meinen Wink«, sagte dieser, als wir uns allein sahen, »da ich von den Nachtigallen Anlaß nahm der Sprache der Vögel zu erwähnen? Denn ich zweifle nicht, Damis wird auch über diesen Punkt irgend ein albernes Märchen auf Unkosten meines Herren zu erzählen haben.« »Nach dem Wenigen, (antwortete ich) was Apollonius darüber sagte, kann ich mir leicht einbilden, wie ein Mensch von diesem Schlage die ihm unverständlichen Äußerungen eines so weit über seinen Fassungskreis erhabenen Geistes in seine eigene Sprache übersetzen mochte. Ich begreife sogar was an seinem Märchen von den Vögeln und dem Kornsacke wahr sein könnte.« – »Ich möchte wohl wissen, wie er diese Geschichte erzählt«, sagte Kymon. – »Wäre nicht das beste«, versetzte ich, »wenn ich dir sein Buch selbst mitgäbe? denn um den Nachgenuß dieses Abends möcht ich mich nicht gern von einem Damis bringen lassen.« Und so gab ich ihm, nachdem er mich in meine Schlafkammer eingeführt hatte, das Buch des Niniviten, um uns, wenn er es durchgangen hätte, bei unsrer nächsten Zusammenkunft über den Inhalt desselben weiter zu besprechen.

Pindars Grazien, von zwei Musen gesungen und so lieblich von der Nymphe des Widerhalls begleitet, tönten noch immer um mein Ohr, und füllten meine ganze Seele aus. Ich legte mich nieder; aber ob ich schlief oder wachte, weiß ich nicht; denn, wachend oder schlummernd, bracht ich die ganze Nacht in elysischen Träumen hin.

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