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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Was den andern Hauptpunkt betrifft, wie hätten wohl unsre ersten Gesetzgeber die damaligen Menschen stärker zum häuslichen Leben und zur Bebauung und Bepflanzung des Erdbodens vermögen können, als indem sie die Erfindung des Ackerbaues einer der obersten Göttinnen zuschrieben, und den ersten Sterblichen, der diese Kunst als ein von ihr erhaltenes Geschenk in Hellas einführte, unter die Götter versetzten? Wie hätte, nachdem es Volksglaube geworden war, daß Demeter, die Schwester des Königs der Götter, den Getreidebau, und Pallas Athene, seine Tochter, die Kunst zu weben erfunden, der Pflug nicht den Männern, der Spinnrocken und der Webstuhl nicht den Frauen, in diesen Zeiten der Einfalt ehrwürdig werden sollen? Aber die Stifter unsrer Religion taten noch mehr. Sie gaben jeden Zweig der Landwirtschaft und die besondern Verrichtungen jeder Jahreszeit unter die Aufsicht und den Schutz besonderer Götter, heiligten den häuslichen Herd und das Feuer, um welches die Familie sich versammelte, und füllten, außerhalb der Hütte, alles was den Landmann umgab, Feld und Tal, Berge, Wälder, Flüsse, Bäche und Quellen, mit freundlichen Nymphen und fröhlichen Feldgöttern an, deren Gunst mit einem Blumenkranz oder etwas Milch und Früchten zu erhalten war, und doch auf das Gedeihen der Feldarbeiten, Pflanzungen und Herden den größten Einfluß hatte. Noch mehr: sie machten die Feste, die allen diesen wohltätigen Wesen zu Ehren gefeiert wurden, zu wirklichen Freudentagen für das Volk. Denn sie hatten den guten Verstand, einzusehen, daß menschenfreundliche Götter nicht würdiger geehrt werden können, als durch öffentliche Zeichen, daß die Menschen sich unter ihrer Regierung glücklich fühlen; und daß nichts geschickter ist, sowohl die Liebe zu den ländlichen Arbeiten als das gute Vernehmen unter Nachbarn und Gemeindegenossen zu unterhalten, als solche Volksfeste, auf die sich alles lange zuvor schon freut, die man während der mühsamsten Arbeiten als die Belohnung derselben vor sich sieht, und deren Genuß eben dadurch, daß die Fröhlichkeit öffentlich und allgemein ist, erhöht und vervielfältigt wird.

Überhaupt kann man von den Göttern einer Nation sicher auf den Grad ihrer eignen Humanität schließen. Ein Volk, dessen Götter die Urheber, Vorsteher und Beschirmer der Gesetze und der bürgerlichen Ordnung, der Gerechtigkeit und Weisheit, der Schönheit, Anmut und Wohlanständigkeit, der Künste und Wissenschaften, der Beredsamkeit und Musik sind; ein Volk, bei welchem Pallas Athene und Themis und Nemesis, und die Musen mit ihrem Führer Apollo, und die Charitinnen mit Eros und der himmlischen Aphrodite, Tempel und Altäre haben, beweist dadurch, daß es zu der edelsten Menschenrasse gehöre; und wie sollte es durch eine solche Religion, so lange sie noch wirksam ist, nicht noch immer mehr veredelt werden? Unleugbar trugen dazu auch die Mysterien nicht wenig bei, von welchen, so lange sie sich in ihrer ursprünglichen Reinheit erhielten, mit Grunde gesagt werden konnte, daß sie der Anfang eines humanern Lebens für die Menschen gewesen, und sie nicht nur ihres Daseins froher werden, sondern auch, mit der Hoffnung eines bessern, sterben gelehrt haben.

Ihr sehet, daß ich weit entfernt bin, das Schöne, Zweckmäßige und den Bedürfnissen ihres Zeitalters Angemessene in der Religion unsrer Väter zu verkennen: aber ihr seht auch, daß sie der wohltätigen Absicht ihrer Stifter nur so lange entsprechen konnte, als sie in Einfalt geglaubt wurde, mit ihrer ganzen Stärke auf die Gemüter wirkte, und von den Mißbräuchen und Verfälschungen, die sich nach und nach einschlichen, rein blieb. Jede Religion muß durch die Länge der Zeit schon dadurch entkräftet werden, daß sie ein altes Institut ist. So wie ein Volk Fortschritte in der Kultur macht, wie seine Begriffe sich vermehren und erweitern, seine Bedürfnisse mit seinem Kunstfleiß zunehmen, seine Lebensweise und Sitten durch immer höhere Grade von Wohlstand, Macht, Reichtum, Handelschaft und Verkehr mit andern Völkern verfeinert und verschlimmert werden, verliert der religiöse Glaube der Väter immer mehr von seinem ehemaligen Einfluß. Der öffentliche Gottesdienst, weil er mit der politischen Verfassung so stark verflochten ist, dauert freilich mit immer größerem Gepränge, und durch dasselbe, noch Jahrhunderte fort, wenn sein Geist längst verflogen war: aber die Götter selbst werden unvermerkt zu bloßen Namen, die jeder gelten läßt was er will. Endlich kommt die Zeit, daß Leute, die auf einige Bildung Anspruch machen, sich selbst lächerlich finden würden, wenn sie die Religion für etwas mehr hielten als ein abgenutztes Kammrad in der politischen Maschine, und daß sogar der gemeine Mann, der nur noch durch Erziehung und Gewohnheit an ihrem Äußerlichen hängt, unvermerkt von dem Unglauben seiner Obern mit angesteckt wird. Je geistiger eine Religion wäre, desto eher müßte dies ihr Schicksal sein; und die unsrige hat sich bloß dadurch so lange erhalten, weil sie in einem so hohen Grade sinnlich ist. Daß übrigens die Dichter durch ihre Fabeln viel zum Verfall derselben beigetragen, ist wohl nicht zu leugnen; aber den größten Schaden haben unsern Göttern doch die Meisterstücke der Phidias, Alkamenes, Skopas und Praxiteles getan. Denn obschon auch die Dichter den Göttern eine Menschen-ähnliche Gestalt zu geben genötigt waren, so behielt doch die Einbildungskraft bei ihren Darstellungen noch einige Freiheit; da sie hingegen durch die genau bestimmten Götterbilder unsrer Künstler gefesselt wurde, und daher mit der Zeit ganz natürlich erfolgen mußte, daß der Gott oder die Göttin mit ihrem Marmorbilde, so zu sagen, Ein Ding wurde, und, indem man sich die Götter nie anders als unter diesen bestimmten Formen dachte, unvermerkt die Bilder selbst an die Stelle derselben traten. Durch den Wettstreit der Künstler und die unendliche Vervielfachung der Götterbilder wurden diese ein Gegenstand des Handels, des Geschmacks und des Luxus; sie bekamen einen Marktpreis. Die Reichen beeiferten sich, ihre Säle und Landhäuser mit Bildern von den berühmtesten Meistern zu zieren. Die Götter wurden also eine Art von üppigem Hausrat; und je teurer man ihre Bilder bezahlte, desto weniger machte man sich aus ihnen selbst. Was aber auch die Ursache davon gewesen sei, genug, sobald es einmal so weit gekommen war, daß (nach einem bekannten Worte des Spartanischen Lysander) Männer mit Eiden, wie Knaben mit Würfelknochen spielten; daß Aristophanes einen der vornehmsten Götter mit den Sitten und der Sprache des liederlichsten Wüstlings auf die Bühne stellen durfte; daß die Athener, die für die religiösesten aller Hellenen gehalten sein wollten, einen Demetrius Poliorketes unter ihre Götter aufnahmen, ihm einen eignen Priester bestellten, und die Thebaner den Namen einer seiner Beischläferinnen zu einem Beinamen der Aphrodite machten, indem sie der Aphrodite Lamia einen Tempel bauen ließen: sobald es mit dem Volksglauben und den Sitten so weit gekommen war, was konnte man bessers erwarten, als daß sie durch eben den wechselseitigen Einfluß, der ehemals beiden vorteilhaft war, einander künftig immer mehr verderben würden? Dies ist denn auch, unter der kräftigen Mitwirkung einiger von unsern Philosophen, trotz dem Entgegenstreben der andern, in solcher Maß' erfolgt, daß nun, wie eigne Erfahrung mich überzeugt hat, nichts weiter zu tun ist, als das baufällige, aus allen seinen Fugen gekommene alte Pandämonion vollends in sich selbst zusammen stürzen zu lassen, und zu erwarten, was für einen andern Bau die Zeit an seiner Statt, und vielleicht aus seinen Trümmern, hervorgehen lassen wird.« –

Du siehest, Timagenes, daß Agathodämon die Last der Unterhaltung unsrer kleinen Gesellschaft ziemlich allein trug. Aber welchem andern gebührte zu reden als ihm? Und wär ich auch nicht immer seiner Meinung gewesen, wie hätte mir einfallen können, gegen einen so ehrwürdigen Greis recht behalten zu wollen? In der Tat aber fand ich fast immer durch seinen Unterricht entweder meine eignen Meinungen bestätiget, oder Gedanken entwickelt und in ihr wahres Licht gestellt, die ich bisher nur geahndet, oder wie durch einen Nebel gesehen hatte.

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