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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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II.

Nachdem ich etwa dreißig Fuß hoch mit großer Mühe über die Trümmer empor geklettert war, entdeckte ich eine Art von steilem Fußsteig, der mich mit Hülfe der Gesträuche, die zwischen den Spalten des Gesteins hervor drangen, durch immer enger zusammen gedrängte Klüfte auf einmal in eine Pläne brachte, die dem Ansehen nach fünf- bis sechshundert Schritte lang, ungefähr die Hälfte breit, und ringsum von schroffen oder senkrecht empor ragenden Felsen eingeschlossen war. Ich fand sie mit dem frischesten Grase und allerlei duftenden Kräutern und Blumen bewachsen, deren lebhaftes Grün und üppige Fülle von verschiednen Quellen genährt wurde, die aus den benachbarten Felsen herab rieselten. Ein so anmutiger Ort, und einige Ziegen, die ich an den Anhöhen herum klettern und die sparsam hervor sprießenden Kräuter abfressen sah, ließen mich nicht zweifeln, daß ich hier finden würde was ich suchte.

Die aufgehende Sonne vergoldete bereits die Spitzen der Felsen. Ich ging auf einem schmalen Fußpfade bis in die Mitte des kleinen Tales fort, und ward jetzt eines großen Platzes gewahr, der von Menschenhänden mit allen Arten von eßbaren Gewächsen bepflanzt, und mit blühenden Büschen, Feigenbäumen, und vielerlei andern fruchtbaren Stauden und Bäumen in anmutiger Unordnung umgeben war. Der Pfad wurde nach und nach breiter, und wand sich, mit Blumenrändern eingefaßt, und von einzelnen oder gruppierten Bäumen beschattet, durch alle Abteilungen dieses kleinen Paradieses.

Ich gestehe dir, Timagenes, daß mir das Herz höher zu schlagen anfing; und du kannst dir vorstellen daß es nicht schwächer pochte, als ich auf einmal hinter einem Gebüsche von glühenden Essigrosen eine ehrwürdige Gestalt langsam auf mich zu kommen sah, die mit der Beschreibung der Hirten völlig übereinstimmte.

Es ist ein wunderlich Ding um unsre Einbildungskraft, mein Freund. Wie gänzlich ich auch überzeugt war, daß der vermeinte Dämon ein Mensch sei wie wir andern, und wie gut ich auf seinen Anblick (den einzigen Zweck meiner diesmaligen Wanderung) gefaßt zu sein glaubte: so fand sich dennoch, daß auch mir, als ich ihn auf einmal erscheinen und langsam auf mich zu gehen sah, eben so zu Mute ward, wie jedem andern Menschen, der sich, ohne schon von langem her mit Geistern Umgang gepflogen zu haben, in diesem Augenblick an meiner Stelle befunden hätte. Die treuherzige Erzählung der Hirten, die Ermattung von einem sehr beschwerlichen Wege, das Schauerliche der Gegend und der Morgenluft, und der überraschende Eintritt in dieses stille, von der Welt so ganz abgeschnittene kleine Elysium, alles trug das seinige dazu bei; kurz, ich fuhr bei Erblickung des Ehrfurcht gebietenden Greises eben so zusammen, als wenn es wirklich eine Erscheinung aus der unsichtbaren Welt gewesen wäre.

Indessen faßte ich mich doch bald genug wieder, um einem so weisen Manne, als sein ganzes Aussehen ihn ankündigte, keinen ungünstigen Eindruck von meinem Verstande zu geben. Ich blieb ruhig stehen, und erwartete ihn mit der Ehrerbietung, die sein hohes Alter und die Majestät seines ganzen Wesens von einem so viel jüngern und gewöhnlichen Menschen forderte.

»Was suchst du hier?« fragte er mich ernst und gelassen.

»Einen Weg aus diesen Felsen, worin ich mich verirret habe«, stotterte ich.

»Wenn es auch bloße Neugier wäre, was dich hierher geführt hat«, versetzte er, indem er mir mit einem durchdringenden Blick in die Augen sah, »du bist willkommen, Hegesias.«

»Es scheint unmöglich, (erwiderte ich, sehr betroffen mich bei meinem Namen nennen zu hören) einem Auge wie das deinige mich verbergen zu wollen. Du hast meinen Bewegungsgrund erraten, ich suchte dich selbst.«

»Ich weiß es, und darum komm ich dir entgegen.«

»Wenn du«, versetzte ich, »in meiner Seele lesen kannst, so wird es dich nicht gereuen, mich dieser Gunst wert geachtet zu haben.«

Ich sagte ihm nun wer ich sei, welche Beschäftigung mich in dies Gebirge geführt habe, wie ich unter die Hirten gekommen, was für wunderbare Dinge sie mir von ihm erzählt hätten, und wie ich dem Verlangen nicht widerstehen können, den Mann selbst zu sehen, von welchem sie mir als einem Wesen höherer Gattung gesprochen: »was mich nicht länger wundert, (setzte ich hinzu) da auch ich, nachdem mir dieses Glück zu Teil geworden, mich kaum erwehren kann, dem einfältigen Gefühl dieser kunstlosen Menschen mehr zu glauben als meiner Philosophie.«

»Der Epikurischen vermutlich«, sagte er lächelnd.

»Ohne von dieser Sekte zu sein«, erwiderte ich, »hab ich mich bisher von dem Dasein der Wesen, die wir Dämonen nennen, (den Begriff, den man sich gewöhnlich von ihnen macht, voraus gesetzt) niemals überzeugen können.«

»Du kennst also nichts höheres als den Menschen?« sagte er.

»Wenn ich dir mit Einem Worte gestehen soll wie ich denke – nein!«

»So bist du«, fuhr er fort, »was die Dämonen betrifft, der Wahrheit sehr nahe. Es hat – für die Menschen wenigstens – nie andere Dämonen gegeben als Menschen; und, was noch mehr ist, was sie waren zu werden – steht in unsrer Macht.«

»Ich wünschte dies von dir erklärt zu hören«, sagte ich, indem ich ihn mit neuer Aufmerksamkeit betrachtete. Er mußte in seiner Jugend einer der schönsten Männer gewesen sein, wie er jetzt der ehrwürdigste Greis war, den meine Augen je gesehen hatten; und das Feuer seiner Augen, der Wohlklang seiner Stimme, die gerade Stellung seines Körpers und sein fester Gang kündigten einen desto außerordentlichern Menschen an, da er, seinen Silberhaaren nach, schon weit über siebzig hinaus sein mußte.

Er hatte mich unter diesen Reden auf eine sanft empor steigende Anhöhe zu einem Sitze geführt, der, von einem hohen Lorbeergebüsche beschattet, der einzigen Öffnung gegenüber stand, durch welche die dieses Tal einschließenden Felsen dem Aug einen herzerweiternden Blick in eine Ferne verstatteten, wo der Azur der Luft in dem grünlichen Purpur des Meeres zu zerfließen schien. Indem ich mich einen Augenblick in dieser Aussicht verlor, trat ein leicht bekleidetes liebliches Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren aus dem Gebüsch herzu, und reichte, mit jungfräulichem Anstand, dem Alten und mir jedem einen kristallnen Becher des reinsten Wassers, welches sie so eben aus einer nahe vorbei rieselnden Quelle zu schöpfen gegangen war.

Nachdem wir uns gelabet hatten, entfernte sich das Mädchen wieder, und der Alte setzte unser angefangenes Gespräch folgendermaßen fort.

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