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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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IV.

Die Traumdeuterkunst war also vermutlich der erste Gebrauch, den die Priester von diesem Zweige des Aberglaubens machten; eine Kunst, die dem Dämonism und der Magie mit gleichem Recht angehört, und daher als das natürlichste Band zwischen beiden zu betrachten ist.

Aber wie hätte man auf einem so schönen Wege stehen bleiben sollen? Daß die Seelen der Verstorbenen in irgend einem Geisterlande fortlebten, und daß sie den Zurückgelassenen in ihrer ehemaligen Gestalt erscheinen könnten, war eine vermeinte Erfahrung, welche die meisten in ihren Träumen gemacht zu haben glaubten. Aber von ihrem wahren Zustande hatte man dadurch noch wenig Kundschaft erhalten, und wußte überhaupt keinen sonderlichen Nutzen von ihnen zu ziehen; weil man gleich wenig wußte, wozu sie uns etwa behilflich sein könnten, oder wie man es anfangen müßte, um sich, nach eigner Willkür, mit ihnen in Verhältnis zu setzen. Unsre Priester wußten schon desto mehr davon. Sie besaßen das Geheimnis, die Seelen der Verstorbenen, welche nun selbst für eine Art von Dämonen galten, aus dem Hades herauf zu rufen, und sich ihres Rats und Beistands zu diesem oder jenem Vorhaben zu versichern.

So verwebten sich schon in den ältesten Zeiten zwei Hauptäste der Magie, Traumdeuterei und Nekromantie, mit dem Glauben an die Dämonen und – ihre Priester. In der Folge fanden sich bei allen Völkern, die noch auf den untersten Stufen der Kultur standen, allerlei Arten von weisen Meistern ein, unter deren Händen die Zauberkünste so schnelle und große Fortschritte machten, daß die Priester, weil sie kein ausschließliches Recht an die Gemeinschaft mit den Ländern, die jenseits der Sinne und der Vernunft liegen, und an den Alleinhandel mit den Produkten derselben geltend machen konnten, sich mit Unwillen genötigt sahen, ihnen einen beträchtlichen Teil dieses Gewerbes zu überlassen. Diese unter allerlei Namen bekannten Magiker und Theurgen wollten, außer den gewöhnlichen Mitteln, welche allen dämonistischen Religionen gemein sind, noch besondere Geheimnisse haben, sich alle Arten von Göttern und Dämonen entweder geneigt, oder, auch wider Willen, dienstbar zu machen. Die Sterndeuterkunst wurde nun zur Unterstützung der Magie zu Hülfe gerufen. Man erfand Talismane, Zauberringe, Zauberworte, Lieder und Beschwörungen, wodurch man alle die übernatürlichen Dinge zu bewerkstelligen vorgab, von deren durch die Länge der Zeit zum gemeinen Volksglauben gewordenen Möglichkeit die Menschen sich einst durch ihre Träume überzeugt hatten. Wer kennt nicht den fliegenden Pfeil des Abaris, den Ring des Gyges, den Stab der Circe, den Kessel der Medea? Und sind nicht nach und nach ganze Länder, Ägypten, Kreta, Kolchis, und vornehmlich Thessalien, als Hauptsitze dieser Wunderkünste, in einen Ruf gekommen, den keine Zeit auslöschen kann? Seit diesem hat sich die Magie von der Religion in gewissem Sinne getrennt, und die Priester, die das Ansehen ihrer Götter und ihr eigenes immer mehr und mehr durch sie geschmälert sahen, sind sogar erklärte Feinde derselben geworden. Aber ich sehe die Zeit sich nähern, wo sie, um den allmählich erlöschenden Glauben an die Götter wieder anzufachen, die Theurgie wieder zu Hülfe rufen, und durch sie einige zur Schwärmerei geneigte Köpfe, besonders unter den Großen, auf ihre Seite ziehen und zu Beschützern des alten Glaubens machen werden. Indessen bin ich versichert, daß sie mit ihren äußersten Anstrengungen nichts gegen den immer wachsenden Strom der allgemeinen Meinung ausrichten werden. Alle Dinge unter dem Mond, und vermutlich auch über ihm, haben einen Zeitpunkt der Entstehung, des Wachstums, der Blüte, des scheinbaren Stillstehens, der Abnahme, des Verfalls, und des Untergangs. Die Dämonen-Religion hat für ein so ungeheures, und doch so schwach zusammen hängendes und auf einem so seichten Grund errichtetes Gebäude lange genug gedauert, und ist durch die Länge der Zeit und die Sorglosigkeit der Aufseher baufällig genug geworden, um vom ersten starken Stoß zusammen zu stürzen.«

»Sollte dieser Zeitpunkt wirklich so nahe sein?« fragte ich.

»Zufällige Umstände«, versetzte er, »können ihn beschleunigen: eine Reihe guter und weiser Beherrscher der Römischen Welt, die vielleicht mit Trajan begonnen hat, und einige starke Pfeiler, womit das morsche Gebälk von klugen Priestern und von den Weisen selbst noch unterstützt werden mag, könnten ihn vielleicht noch ein paar Jahrhunderte aufhalten. Aber was wäre das – in Vergleichung mit den vielen Jahrtausenden, während welcher die Religion der Dämonen den Erdboden beherrscht hat – mehr, als wenn das Dasein eines abgelebten Mannes durch die höchste Anstrengung der Kunst noch um ein paar Jahre verlängert würde?«

»Ich glaube die Wahrheit deiner Vorhersagung einzusehen«, sagte Kymon: »aber die Zeit möchte ich nicht sehen, da sie in Erfüllung gehen wird. Wie alt, unregelmäßig und baufällig auch unser Pantheon sein mag, immer war es doch ein herrlicher Bau!«

»Gib ihm seinen rechten Namen«, versetzte Agathodämon: »es ist nur ein Pandämonion; das wahre Pantheon ist noch zu erwarten.«

»Wenn ich bloß nach meinem Gefühl reden dürfte, Agathodämon, so würde ich mit Kymon sagen, es war doch ein herrliches Gebäude! Die Menschen wohnten so friedlich darin beisammen; es hatte Raum genug für alle, und jeder fand darin was ihm nötig war.«

»Wenn war es so?« fragte der Alte. – Ich stutzte und schwieg. – »Du siehst was ich meine«, fuhr er fort. »Jedes Ding hat eine Zeit, wo es am besten ist; von dieser an wird es immer schlechter und schlechter, bis es endlich zu gar nichts mehr taugt. Es war eine Zeit, wo unser Pandämonion – wenigstens der Teil, den unsre Vorfahren inne hatten – ihrem Bedürfnis und ihrer Fähigkeit gleich angemessen war. Die bürgerliche Gesellschaft fing erst in diesem Zeitalter an eine Gestalt zu gewinnen; und da der Glaube an die Dämonen und die Furcht vor ihrem Zorn noch mächtig auf die rohen Menschen wirkte, so machten unsre ersten Gesetzgeber die Volksreligion weislich zur Grundlage der politischen Verfassung, und verwebten beide so stark in einander als ihnen möglich war. Jedes sittliche Band, das die Menschen einander nähern, sie von gewaltsamen Ausbrüchen ihrer Leidenschaften zurück halten, und an Geselligkeit, Zucht, häusliches Leben, Arbeitsamkeit, Unterwerfung unter die Gesetze und Gehorsam gegen die Obrigkeit gewöhnen sollte, stand unter der unmittelbaren Garantie einer Gottheit, welche die Verletzung desselben, als eine ihr selbst zugefügte Beleidigung, rächte. Zevs, der König der Götter und Menschen, wurde als der Urheber und oberste Schirmherr der Gesetze verehrt; und der Glaube, daß die Könige oder Hirten der Völker (wie Homer sie nennt) ihr Amt und die dazu erforderliche Gewalt unmittelbar von ihm empfangen hätten, war in jenen Zeiten ganz unentbehrlich, um verwilderte, des wohltätigen Jochs der Gesetze noch ungewohnte Menschen in Ehrfurcht zu halten. – Die eheliche Verbindung, von deren Heiligkeit die Dauer und der Wohlstand der Familien abhängt, war von Here, der Königin der Götter, gestiftet, und stand unter ihrem Schutz; so wie überhaupt alle Verträge, zwischen Privatpersonen sowohl als ganzen Gemeinheiten und Völkern, unmittelbar von Jupiter gehandhabet wurden, und jeder Meineid, nach dem Glauben jener Zeiten, einen unerbittlichen Rächer an ihm fand.

Außer diesem richteten die Stifter unsrer Religion und bürgerlichen Verfassung ihr Augenmerk vorzüglich darauf, zwei der wesentlichsten Hauptstücke, ohne welche die Zivilisierung wilder Nomaden unmöglich ist, das eine mit allem was der Dämonism furchtbares, das andere mit allem was er erfreuliches und tröstliches hat, zu umgeben. Jenes war die persönliche Sicherheit, als der erste Zweck des gesellschaftlichen Vereins: dieses, die Angewöhnung an einen festen Wohnsitz, und an den Ackerbau, der denselben notwendig macht, und als der Anfang aller fernern Kultur und Fortbildung zur Humanität anzusehen ist.

Um jene zu erhalten, wurde nicht nur das Leben der einzelnen Personen, sondern auch die innere Ruhe und Eintracht des ganzen Hellenischen Bundes in den besondern Schutz der Götter gegeben. Wer einen Menschen tötete, fiel sogleich in die Gewalt der Erinnyen, und konnte, sogar wenn er die Tat unvorsätzlich begangen hatte, oder sein Beweggrund rechtmäßig schien, nur durch eine förmliche Expiation ihren rächenden Händen entrissen werden. Aber um so nötiger war es, solche Unglückliche der Rache der Verwandten und Freunde des Getöteten zu entziehen; und zu diesem Ende standen ihnen in allen Hellenischen Landschaften gewisse Tempel als Freistätten offen. – Von den Einrichtungen, wodurch die Religion zu einem Mittel gemacht wurde, die Eintracht unter den Hellenen (die aus so vielen Ursachen nur zu oft unterbrochen wurde) zu befördern, und, wenn sie gestört war, wieder herzustellen, will ich jetzt nur des allen gemeinschaftlichen Delphischen Orakels, und der heiligen Kampfspiele zu Olympia erwähnen, deren feierliche Begehung eine allgemeine Nationalversammlung war, welche auch in Zeiten einheimischer Fehden nie unterbrochen wurde. Denn da dieses uralte Institut unter Jupiters unmittelbarem Schutze stand, so hörten um die Zeit seiner Feier alle Feindseligkeiten unter den Hellenen auf, und eine Versammlung, wo alles, was sich durch Geburt, Reichtum, Ehrenstellen, Talente und Verdienste in allen Griechischen Staaten auszeichnete, sich zusammen fand, war natürlicher Weise die schicklichste Gelegenheit, nicht nur alte Freundschaften unter Privatpersonen zu erneuern, sondern auch an Wiederherstellung der Harmonie unter den Staaten selbst zu arbeiten.

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