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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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III.

Was in Rücksicht auf die allmähliche Entwicklung der Vernunft von Kindern gilt, ist auch auf ganze Völker, die sich noch im Stande der Vernunftskindheit befinden, anwendbar. Wer Kinder aufmerksam beobachtet, kann sich leicht überzeugen, daß es ziemlich lange währt, eh ein Kind seinen Zustand im Träumen und im Wachen unterscheiden lernt, und sich von dem Irrtum los machen kann, daß alles, was im Traume mit ihm vorgeht, eben so wahr sei, und eben so wirklich außer ihm vorgehe, als was ihm wachend begegnet. Das nämliche findet sich auch bei den Völkern, die dem ersten rohen Naturstande noch nahe sind. Sie glauben dem vermeinten Zeugnis ihrer Sinne im Traum eben so zutraulich als im Wachen, und betrachten ihre Träume entweder als eine Fortsetzung ihres wachenden Zustandes, oder bilden sich ein, wenn sie träumen, in das Land der Geister versetzt zu sein, um so weniger an der Realität der Erscheinungen, die ihnen darin vorkommen, zweifelnd, je größer der Unterschied zwischen der Sinnenwelt und der Traumwelt, und zwischen den Naturgesetzen ist, die in der einen und in der andern Statt finden.

Ich brauche kaum zu erinnern, daß die Rede hier bloß von der lebhaftern Gattung von Träumen ist, worin entweder eine Art von scheinbarem Zusammenhang herrscht, oder deren Eindruck auf uns so stark war, daß wir uns ihrer beim Erwachen mehr oder weniger deutlich bewußt bleiben. Da die Traumerscheinungen dieser Gattung uns eben so stark und oft noch stärker anmuten und rühren, als die Gegenstände unsrer Sinne im Wachen, und wir im Traum alles eben so wirklich zu sehen und zu hören, zu tun und zu leiden glauben, als ob wir wachten: so ist begreiflich, wie Menschen, denen die Kennzeichen des Unterschieds beider Zustände noch nicht klar sind, so einfältig sein können, nicht den geringsten Zweifel in die Realität ihrer Traumerscheinungen zu setzen. Nun kommen unter diesen letztern häufig solche vor, die aus den Kräften der Natur und den Gesetzen der Bewegung, so wie wir sie im Zustande des Wachens kennen lernen, nicht erklärbar sind. Raum und Zeit sind im Traume ganz was andres als im Wachen. In jenem begegnet uns oft in einem Augenblick, wozu in diesem Tage, Monate und Jahre erfordert würden. In einem Augenblick befinden wir uns von Korinth nach Karthago, von Memphis nach Rom versetzt. In einem Augenblick verwandelt sich oft Szene und Handlung; wir waren in einer Wildnis, in einer finstern Höhle, und sehen uns auf einmal in einem schimmernden Palast oder in einer bezaubernden Gegend. Eben so schnell verwandeln sich oft die Personen, mit welchen wir in Handlung begriffen waren; wir befinden uns plötzlich unter lauter unbekannten, oder bekannte Personen erscheinen uns unter fremden Formen und Verhältnissen. Wir selbst sind oft ganz andere Menschen als vorher, und bewerkstelligen ohne mindeste Befremdung, was jedem Wachenden unmöglich ist. Wir steigen mit der Leichtigkeit einer Flaumfeder, und doch schneller als ein Mühlstein fallen könnte, von der Spitze eines Turms herab, und eben so schnell wieder hinauf; wir fliegen über die Erde weg, gehen auf dem Wasser ohne zu sinken, durch Flammen ohne uns zu versengen oder den geringsten Schmerz zu empfinden, und was dergleichen mehr ist.

Alle diese und ähnliche Traumerscheinungen erzeugen bei Menschen, die von dem Ursprung und der Beschaffenheit derselben noch keinen Begriff haben, notwendiger Weise den Glauben an übernatürliche Dinge, oder, so zu sagen, an eine zweifache Natur, wovon die eine das Widerspiel der andern ist, und die in keinem solchen Bezug mit einander stehen, daß man sie für Teile Eines Ganzen halten könnte.

Was aber unter allen wunderbaren Erscheinungen, die uns im träumenden Zustande vorkommen, auf den rohen Naturmenschen am meisten Eindruck machen mußte, war unstreitig, wenn ihn der Traum mit verstorbenen Personen wieder zusammen brachte. Denn was mußte ihn (bei der Voraussetzung daß Träumen nur eine andere Art von Wachen sei) mehr befremden, als Personen, von deren Tod er völlige Gewißheit hatte, ins Leben zurück kommen, und gleich andern Lebenden sich betragen zu sehen? – Das erste, was er daraus schließen mußte, war, daß sie, der Verwesung zu Trotz, noch immer fortlebten, noch immer Anteil an ihren ehemaligen Freunden nähmen, und an den Geschäften und Vergnügungen ihres vorigen Lebens Freude hätten. Da diese Art von Träumen bei Menschen, deren Phantasie noch auf eine sehr kleine Anzahl von Bildern eingeschränkt war, vermutlich häufiger vorkommen mußte als bei uns, und da die Einbildungskraft nicht selten den Ort, wo wir uns im Traume mit geliebten Personen zusammen finden, zu verschönern pflegt: so begreift sichs, wie dergleichen Träume den Glauben an ein Land der Seelen, einen Hades, ein Elysium, oder unter welchen Namen es bei andern Völkern vorkommen mag, begründet haben können.

Indessen ist kein Zweifel, daß diesen Menschen, bei allem ihrem Dumpfsinn, der Unterschied zwischen ihrem Zustand im Wachen und im Träumen endlich auffallen mußte. In jenem erfolgt alles nach gleichförmigen Gesetzen; alles steht in begreiflicher Verbindung und Beziehung, als Wirkung oder Ursache, Zweck oder Mittel; der folgende Tag ist in den vorhergehenden gegründet und setzt sie fort; und wiewohl das, was im Leben des Wachenden immer dasselbe bleibt, alle Augenblicke durch Zufälligkeiten modifiziert und das Gewebe seiner Gedanken und Verrichtungen öfters abgebrochen wird, so knüpft doch die Vernunft die abgerißnen Faden immer wieder an einander, und bringt Zusammenhang und Übereinstimmung in das Ganze. Im Traum hingegen ist der Mensch gewöhnlich mehr leidend als handelnd. Die Zufälle, die ihm zu begegnen scheinen, hangen nicht nur mit seinem eigentlichen Leben, sondern auch unter sich selbst, wenig oder gar nicht zusammen. Räume und Zeiten, Ursache und Wirkung, Mittel und Endzweck werden alle Augenblicke verwirrt, verschoben, und in Mißverhältnis gesetzt, und selten ist zwischen einer Reihe von Träumen mehr Verbindung, als zwischen einer Folge von Würfen aus einem Würfelbecher. Wiewohl nun die Wahrnehmung dieses Unterschiedes den rohen Menschen, von welchem hier die Rede ist, nicht so weit bringt, seine Träume für nichts als wesenlose Erscheinungen in seiner eignen Phantasie zu erkennen: so ist doch etwas in ihm, das auch in diese Truggestalten Bedeutung, Zweck und Beziehung auf seinen fortdauernden Zustand zu bringen, und aus beiden ein Ganzes zu machen sucht. Wie sollte ihm also ein Mann, der den Schlüssel zu den Geheimnissen der unsichtbaren Welt gefunden zu haben vorgibt, nicht willkommen sein? Was könnte wohl das Reich der Träume anders sein als eine Provinz dieser unsichtbaren Welt, worin das unendliche Heer der Dämonen sein Wesen treibt? Und wer anders, als irgend ein den Menschen gewogener Dämon, könnte den Träumer in jene wundervolle Welt versetzen, wo ihm, unter mancherlei rätselhaften aber viel bedeutenden Bildern, Aufschlüsse über die Schicksale seines Lebens, und Winke gegeben werden, was er zu tun und zu meiden habe, um Übeln, die ihm drohen, zu entgehen, oder eines ihm zugedachten Glückes sich zu versichern? Wenn gleich nicht alle Träume von dieser Art sind, so schien doch der Beistand eines weisen und mit den Göttern vertrauten Auslegers nur desto nötiger, um göttliche Träume von denen zu unterscheiden, die uns von feindseligen Geistern, oder solchen, deren Gesinnung zweifelhaft ist, zugeschickt werden konnten.

Es ist leicht zu sehen, daß keine geringe Bekanntschaft mit den übermenschlichen Dingen dazu gehörte, um sich eines solchen Amtes anzumaßen; und wem sollten wir in jener Kindheit der Welt zugleich diese erhabnen Kenntnisse, und den Willen, sie zum Trost und Heil armer unwissender Menschen anzuwenden, zutrauen, als eben diesen Dämonenpriestern, die wir in jenem Zeitraum allenthalben im Besitz des höchsten Ansehens und einer allvermögenden Herrschaft über den Glauben und die Meinungen der Menschen finden? Oder könntest du zweifeln, ob sie auch wohl unklug genug hätten sein können, eine so ergiebige Quelle von Einfluß und Gewinn unbenutzt zu lassen?

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