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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Viertes Buch

I.

Das Tischgespräch lenkte sich unvermerkt auf den Wahn der Ziegenhirten, den ich als die erste Ursache meiner Bekanntschaft mit Agathodämon segnete. Dies brachte uns auf die Allgemeinheit des Glaubens an übernatürliche Dinge, dessen Ursprung sich allenthalben in jenen Zeiten verliert, da die Menschheit, roh und ungebildet, noch gleichsam als ein Kind am Busen der Natur lag, und alle ihre Triebe, Neigungen und Kraftäußerungen, noch bloß vom Bedürfnis erregt und vom Instinkt geleitet, als wahre Eingebungen der Natur zu betrachten sind.

»Sonderbar«, sagte Kymon, »daß es dem Menschen natürlich ist, übernatürliche Dinge zu glauben!«

»Was man unter dieser letzten Benennung begreift«, versetzte Agathodämon, »ist entweder Hirngespenst, und also in gewissem Sinn, als Geschöpf der menschlichen Einbildungskraft, natürlich; oder etwas, das an einer höhern Ordnung der Dinge hängt, und nur darum übernatürlich scheint, weil es außer dem engen Kreise unsrer Sinnenwelt liegt, den man irrig mit der Natur selbst zu verwechseln gewohnt ist.«

»Diesem nach«, sagte ich, »gäbe es, eigentlich zu reden, gar nichts übernatürliches?«

»Gewiß nicht«, antwortete jener, »oder die Natur müßte nicht Alles was ist, war, und sein wird, umfassen.«

»Also auch das Chaos unsrer alten Dichter? Oder wofür sollen wir dieses halten, Agathodämon?«

»Es ist entweder gar nicht denkbar, oder, wenn wir es uns so, wie es von den Dichtern geschildert wird, vorstellen, so ist es der natürliche Zustand eines durch natürliche Ursachen zerstörten, und durch die Kräfte der Natur sich wieder herstellenden oder umgestaltenden großen Weltkörpers.«

»Du betrachtest also, wenn ich dich anders recht verstanden habe, nicht nur den religiösen Glauben an Dämonen, sondern sogar die Magie, als etwas, wozu uns die Natur selbst gewisser Maßen einladet? Ich nehme beide zusammen, weil sie (so viel mir bekannt ist) bei allen Völkern von jeher in ziemlich enger Verbindung mit einander standen.«

»In so enger«, sagte Agathodämon, »daß, wiewohl man jenen aufheben könnte, ohne diese zugleich zu vernichten, diese nicht zerstört werden könnte, ohne jenen mit in ihren Fall zu ziehen.«

»Du berührest hier etwas«, versetzte ich, »worüber ich gern ins klare kommen möchte. Darf ich dich bitten, Agathodämon, uns deine Gedanken über diese Verbindung der Magie mit der Religion ausführlicher mitzuteilen?«

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