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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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IV.

»Das muß ich gestehen, Hegesias«, sagte Kymon lachend, »dein Damis übertrifft wirklich alles was ich ihm zugetraut hätte! Er ist ein wahrer Meister in der Kunst, eine ziemlich alltägliche Begebenheit in – ein Ammenmärchen zu verwandeln. Aber warum nannte sich auch die arme Phönizierin Lamia? Denn in dem Doppelsinn dieses Namens liegt, wie du selbst schon gemerkt haben wirst, der Schlüssel zu dieser ganzen Wundergeschichte. Die Empuse abgerechnet, ist das übrige meistens wahr, außer daß Damis die Gabe hat, durch die Manier seiner Darstellung die Wahrheit selbst zur Lüge zu machen. Die Heldin dieser sonderbaren Liebesgeschichte war nun freilich kein Gespenst in Gestalt einer schönen Frau; aber sie gehörte doch zu der Art von Hexen, die wir alle unter dem Namen der Hetären kennen. Sie hatte diese Profession, von ihrer frühesten Jugend an, zu Antiochia, Ephesus, Smyrna, und andrer Orten mit dem besten Erfolg getrieben; und weil Personen ihres Standes gern einen von irgend einer Vorgängerin berühmt gemachten Namen anzunehmen pflegen, so hatte sie den Namen Lamia einer Hetäre aus dem Jahrhundert Alexanders abgeborgt, die durch die Leidenschaft des Demetrius Poliorketes für sie, und durch einen Tempel, den ihr die Thebaner unter der Benennung Venus Lamia widmeten, berühmt ist. Ich erinnere mich noch sehr wohl, sie unter diesem Namen zu Smyrna gesehen zu haben, und vermutlich wurde sie damals auch meinem Herren bekannt. Nachdem sie ihre schönsten Jahre damit zugebracht hatte, ihre Reizungen in den reichsten Städten von Syrien und Kleinasien wuchern zu lassen, und im vierzigsten reich genug zu sein glaubte, um die andre Hälfte ihres Lebens in einer angenehmen Unabhängigkeit zuzubringen, vertauschte sie den Namen Lamia mit einem andern, und zog nach Korinth, wo sie sich für die Witwe eines Sidonischen Seefahrers ausgab, und ein schönes Landhaus zwischen der Stadt und dem Hafen von Kenchreä mietete. Dies geschah kurz zuvor, ehe mein Herr nach Korinth kam, wo sich unter andern jungen Leuten auch Menippus an ihn drängte, der ihm von seinem Freunde, dem berühmten Cyniker Demetrius, als ein Jüngling von den reinsten Sitten, und von einem zu allem was schön und gut ist empor strebenden Geist, empfohlen worden war. Das erste ließ seine blühende Gesundheit und Herkulische Stärke, das andre seine zugleich feine und offne Gesichtsbildung schon beim ersten Anblick vermuten. Mein Herr, der unter so vielen andern Gaben auch die, aus dem Äußerlichen der Menschen das Innere zu divinieren, in einem sehr hohen Grade besitzt, gewann diesen Menippus lieb, und war daher nicht gleichgültig, als er aus verschiedenen Anzeichen, die von einem weniger scharfen Auge schwerlich bemerkt worden wären, wahrnahm, daß sein junger Freund seit kurzem in ein Liebesabenteuer verstrickt sei, welches dieser auf alle Weise vor ihm zu verbergen suchte. Er ließ nun alle Wege des jungen Mannes genau beobachten, und entdeckte nicht nur, daß die vorgebliche Phönizierin der Gegenstand seiner Leidenschaft, sondern auch daß es eben dieselbe Hetäre sei, die unter dem Namen Lamia sich in den Ruf gesetzt hatte, daß sie, gleich den fabelhaften Lamien der Milesischen Märchen, ihre Liebhaber zwar nicht eigentlich, aber doch metaphorisch aufgezehrt, oder wenigstens an Leib und Gut so stark benagt habe, daß der ehrliche, nichts böses ahnende Menipp (zumal da sonst nichts an ihm abzunagen war als seine Person) nicht leicht in schlimmere Hände hätte geraten können. Apollonius beschloß also, den jungen Mann dieser Lamie ohne Aufschub aus den Zähnen zu reißen. Es kostete ihm wenig Mühe Menippen zum Geständnis seines Liebeshandels zu bringen: aber als er hörte, daß die Hetäre es gar auf eine Heirat angelegt habe, und die Sache also noch schlimmer sei als er sich vorgestellt hatte, brach er sogleich wieder ab, und begnügte sich den Tag der Hochzeit zu erfahren, ohne das geringste von seiner sogleich genommenen Entschließung merken zu lassen. Menippus wünschte sich Glück, so leicht davon gekommen zu sein, und wir sahen ihn nicht wieder, bis die Stunde kam, da mein Herr, von mir und einigen seiner Anhänger (worunter auch Damis war) begleitet, als ein sehr unerwarteter Zeuge in die reichlich mit Blumenkränzen behangene Wohnung der Braut hinein trat. Damis, der, wie wir andern, im Vorsaale zurück blieb, hat von den Reden, die zwischen meinem Herren und dem Bräutigam vorfielen, zwar einige Worte aufgeschnappt: aber, – die Schuld liege nun an seinem Gedächtnis, von dessen geringer Zuverlässigkeit mir manche Probe bekannt ist, oder daran, daß er die Lücken von dem, was er entweder gar nicht oder unrecht gehört hatte, so gut er konnte, ausfüllen wollte, – genug, du wirst dir selbst vorstellen, daß Apollonius nicht so gesprochen haben könne, wie ihn Damis sprechen läßt. Ich erinnere mich seiner eigentlichen Worte nicht mehr; auch blieb ihr Sinn den Anwesenden und dem Menippus unverständlich, bis die arme Empuse selbst zum Vorschein kam. Sie hatte die noch wohl erhaltnen Reste ihrer Schönheit durch einen schimmernden Anzug in das vorteilhafteste Licht gesetzt, und versah sich bei ihrem Eintritt in den hochzeitlichen Saal vermutlich eher alles andern, als der Anrede, womit sie von meinem Herren bewillkommt wurde. ›Ich bin gekommen‹, sagte er auf sie zugehend, ›um meinen jungen Freund von dir zurück zu fordern, an den eine Person wie Du keine Ansprüche zu machen haben kann.‹ – Die Dame betrachtete den Mann, der so mit ihr sprach, aus großen Augen, trat zurück, und schien in einer Verlegenheit, welche sie vergebens zu verbergen suchte. Indessen raffte sie doch allen ihren Mut zusammen, und antwortete mit so vielem Stolz, als sie ihren Gesichtszügen und Gebärden nur immer geben konnte: ›Wer bist du, der sich vermessen darf, mich in einem so ungebührenden Ton anzureden und mit einer solchen Absicht in mein Haus einzufallen?‹ – ›Kennst du mich nicht‹, versetzte mein Herr ganz gelassen, ›so kennst du wenigstens dich selbst zu gut, um mit dem neuen Namen, den du dir beigelegt hast, vergessen zu haben, daß du eben diese Lamia bist, die ihre Reize zwanzig Jahre lang in den Hauptstädten Asiens öffentlich feil trug, und daß die Reichtümer, die du hier zur Schau ausstellst, die Beute von einigen hundert Unglücklichen sind, die du mit einer deines Namens würdigen Raubgier aufgezehrt hast.‹ – Jetzt merkte Lamia, daß äußerste Unverschämtheit das einzige sei, wodurch sie sich in diesem gefährlichen Augenblick retten könne. Sie wandte sich mit erzwungenem Lachen zu den Eingeladenen: ›Der Herr scheint ein Philosoph – oder wahnsinnig zu sein, wenn er nicht beides zugleich ist; in jedem Fall ist er ein eben so lästiger als ungebetener Gast. Wie wenn wir ihn ersuchten, sich unverzüglich wieder zu entfernen, und unsre Freude nicht länger durch seine böse Laune zu vergiften?‹ – Die Gäste standen, schweigend und die Augen auf meinen Herren geheftet, gleich eben so vielen Bildsäulen da, und erwarteten in tiefer Stille, was aus dem Handel werden würde. ›Nein, Unverschämte‹, sagte mein Herr, indem er näher auf sie zuging, › so kommst du nicht davon! Ich bin Apollonius von Tyana, und du bist die Hetäre Lamia, die unter einem falschen Namen und durch betrügerische Kunstgriffe die Einfalt dieses Jünglings, der unter meiner Führung steht, bestrickt hat, und ihn, ohne meine Dazwischenkunft, zu einer schimpflichen Verbindung, die in jeder Rücksicht sein Verderben wäre, verleitet haben würde. Ich habe hier mächtige Freunde; aber wenn ich auch ganz allein stände, so ist die Wahrheit mächtig genug, mir den Sieg über dich zu verschaffen. Bekenne auf der Stelle, daß du die Hetäre Lamia bist‹, fuhr er fort, indem er einen dieser Blicke auf sie warf, womit ich ihn, wie mit einem Wetterstrahle, wohl eher Männer selbst zurück schleudern sah, ›und entsage meinem Freunde Menippus auf immer: oder ein Verhaftsbefehl, dessen Gebrauch in meiner Willkür steht, soll in diesem Augenblicke vollzogen werden.‹ – Diese Worte, mit einer Donnerstimme ausgesprochen, und die Gewißheit, daß sie entdeckt sei, und daß es vergeblich wäre, einem so sehr überlegnen Gegner länger die Stirne bieten zu wollen, brachten die arme Lamia so gänzlich aus aller Fassung, daß sie sich meinem Herren zu Füßen warf, und ihn mit Tränen beschwor, ihrer zu schonen, und sich an ihrem Worte zu begnügen, daß sie ihre Ansprüche an Menippen auf immer aufgebe. Aber Apollonius blieb, (wie Damis sagt) unerbittlich: sie mußte in Gegenwart des bestürzten und beschämten Menippus bekennen, daß sie wirklich diese berüchtigte Lamia sei, welche mein Herr beim ersten Anblick in ihr erkannt hatte; und da ihm dieses Geständnis hinlänglich schien, seinen jungen Freund von seiner unwürdigen Leidenschaft zu heilen, so begnügte er sich, den letztern auf der Stelle mit sich zu nehmen, und die entlarvte Hetäre ihrem Schicksal zu überlassen, ohne von dem Verhaftsbefehl Gebrauch zu machen, den er, auf alle Fälle, von dem Römischen Statthalter in Korinth ausgewirkt hatte.«

Ich. »Aber wie war es denn mit dem plötzlichen Verschwinden des Goldes und Silbers und der Hausbedienten?«

Kymon. »Es ging damit eben so natürlich zu, als mit allem übrigen. Sobald Lamia das Wort Verhaftsbefehl hörte, gab sie ihrem Hausverwalter einen Wink, dem vermutlich eben dieses Schreckenswort zum Ausleger diente. Denn in wenig Augenblicken machten sich die Bedienten mit allen Kostbarkeiten in möglichstes Stille davon. Auf die nämliche Art verschwand auch die schöne Lamia selbst: denn sie schiffte sich mit allen ihren Habseligkeiten noch in derselben Nacht auf einem nach Athen befrachteten Kornschiff ein, und wurde zu Korinth nicht wieder gesehen.«

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