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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Erstes Buch

I.

Vor einigen Jahren, als ich auf einer der botanischen Wanderungen, die ich alle Frühlinge vorzunehmen gewohnt bin, einen Teil des Diktäischen Gebirges durchstrich, fügte sichs, daß ich mich genötigt sah meine Nachtherberge bei einigen Ziegenhirten zu nehmen, die sich den Sommer über mit ihren Herden auf diesen Bergen aufzuhalten pflegen. Gutherzig teilten sie ihren kleinen Vorrat mit mir; und da ich an der Unterhaltung mit ungebildeten aber dafür auch unverkünstelten Menschen immer ein eigenes Belieben fand, so brachten wir einen Teil der Nacht mit allerlei zufälligen Gesprächen hin.

Unvermerkt gerieten wir auf die Lieblingsmaterie dieser Art Leute, auf wunderbare Geschichten von Ahnungen, Erscheinungen, Zaubereien, Verwandlungen, Berggeistern, und was sonst in dieses Fach gehört. Kreta, die Wiege des großen Zevs, ist bekanntlich an dieser Art luftiger Ware reich, und es gibt vielleicht kein Volk in der Welt, die Thessalier selbst nicht ausgenommen, das den Kretern in der Neigung, unglaubliche Dinge zu erzählen und zu glauben, den Vorzug streitig machen könnte. Meine Wirte schienen an solchen Geschichten unerschöpflich zu sein; und wiewohl sie ehrlich bekannten, sie hätten das wenigste aus eigner Erfahrung, so waren es doch immer Augenzeugen, denen sie diese Wunderdinge mit einer solchen Lebhaftigkeit und Gewißheit nacherzählten, daß ihnen unvermerkt eben so dabei zu Mute ward, als ob sie das Gehörte selbst gesehen hätten.

Du trauest mir hoffentlich so viel Nachsicht gegen die schwache Seite der menschlichen Natur, oder wenigstens so viel Klugheit zu, daß ich diese guten Leute nicht durch entschiednen Unglauben und hartnäckigen Widerspruch gekränkt, und mir selbst dadurch ihre gute Meinung entzogen haben werde. Alles was ich mir erlaubte, waren Zweifel, ob solche Erzählungen, indem sie aus einem Mund in den andern gingen, nicht unvermerkt ziemliche Veränderungen erlitten? Ob nicht etwa der erste Erzähler zuweilen ohne seine Schuld sich selbst getäuscht haben, oder von andern getäuscht worden sein könnte? und dergleichen.

»Wir sind nur einfältige Leute«, sagte einer von ihnen, »und verstehen uns nicht auf die gelehrten Dinge, die du da vorgebracht hast: aber was wirst du sagen, wenn wir dich versichern, daß seit geraumer Zeit in dieser nämlichen Gegend eine Art von Dämon sich aufhält, den ein jeder von uns schon mehr als Einmal, wiewohl immer nur bei Nacht, gesehen hat, ohne daß wir begreifen wo er herkommt, oder wo er hingeht, wenn er uns aus den Augen schwindet; denn noch keiner von uns hat den Mut gehabt ihm nachzugehen. Wer es versuchen wollte, dem war als ob ihn eine unsichtbare kalte Hand berühre, und er mußte wie im Boden eingewurzelt stehen bleiben. Die Sache hat ihre Richtigkeit; du kannst es uns ohne Bedenken nachsagen.«

»Wunderbar genug!« rief ich: »und unter welcher Gestalt läßt sich denn dieser Dämon sehen?«

»Gewöhnlich«, erwiderte einer von den Hirten, »als ein langer hagerer Greis von einer Ehrfurcht gebietenden Gesichtsbildung, und einem weit kräftigern Aussehen, als man von seinem eisgrauen Bart und den weißen Locken, die noch ziemlich dicht auf seinem Nacken liegen, erwarten sollte. Er zeigt sich gewöhnlich in einem langen enge gefalteten Rock von weißer Leinewand, mit einem Lorbeerkranz um die Stirn, und mit einem schlangengleich gewundnen Stab in der Hand.«

»Einige unsrer Nachbarn«, sagte ein andrer, »haben ihn kurz vor Sonnen-Aufgang als einen schönen gelblockigen Jüngling, mit einer Lyra im Arm, auf einer Felsenspitze sitzen sehen, wo er mit einer unbeschreiblich süßen Stimme dem Gott des Tages einen Hymn entgegen sang.«

»Beim Pan!« rief ein junger Hirt, »ich selbst hab ihn in dieser Gestalt gesehen und singen gehört.«

»Es ging die Rede«, setzte ein Alter hinzu, »eine von unsern Weibern habe ihn einsmals in Gestalt einer ungeheuern großen Schlange zwischen den Felsen in eine Kluft hinein schlüpfen gesehen: aber wie wir genauer nachfragten, wollte sich keine finden, die es mit eignen Augen gesehen hatte. Das gewisseste ist, daß wir uns seit der Erscheinung dieses Dämons besser befinden. Denn daß er uns Glück bringt, ist augenscheinlich. Unsre Herden haben sich, seitdem er sich in unsrer Nähe aufhält, dreifach vermehrt, und es ist keiner von uns, dem er nicht Gutes getan hätte.«

»Davon kann ich ein Wort mitsprechen«, fiel ihm einer ein. »Ich vermißte neulich eine meiner besten Ziegen. Nachdem ich sie im ganzen Gebirge vergebens gesucht hatte, und müd und mißmütig nach Hause kehren wollte, rief mich jemand bei meinem Namen; und wie ich mich umsah, stand er an einer Cypresse und sagte mir: ›Lykas, deine Ziege weidet dort zwischen den Felsen neben dem Wasserfall.‹ Ich erschrak so heftig, daß er schon wieder verschwunden war, eh ich ein Wort heraus bringen konnte; und da ich hinging, fand ich meine Ziege, mit Blumen und Bändern bekränzt, ruhig auf derselben Stelle weiden, die der Genius bezeichnet hatte.«

»Meinen Vater (sagte ein andrer) hat er bloß dadurch, daß er ihn anrührte und ihm einen Becher Weins, mit dem Saft unbekannter Kräuter vermischt, auszutrinken gab, von einer langwierigen Krankheit hergestellt.«

»Er weiß alles was uns gebricht«, sagte ein dritter, »und wir finden es entweder unversehens in unsern Hütten, oder er schickt es uns durch eine junge Nymphe zu, die ihm dient, oder ihn vielleicht noch näher angeht.«

»Eine Nymphe!« rief ich: »woher wißt ihr daß es eine Nymphe ist?«

»Was könnte sie anders sein?« antwortete jener mit Verwunderung über meine Frage: »sie erscheint, eben so wie er selbst, nur bei Nacht; niemand von den unsrigen kennt sie, oder weiß ihren eigentlichen Aufenthalt; auch ist sie an Gestalt und Kleidung ganz von unsern Mädchen verschieden.«

»Das alles ist sonderbar genug«, sagte ich mit einer etwas unglaubigen Miene.

Sie versicherten mich, ich könnte mich von der Wahrheit ihrer Aussagen durch mich selbst überzeugen, wenn ich nur etliche Tage in diesen Gegenden des Gebirges verweilen wollte. »Es vergeht«, sagten sie, »selten eine heitre Nacht, ohne daß der Agathodämon da oder dort sichtbar wird. Denn so nennen wir ihn, weil wir ihm keinen andern Namen zu geben wissen. Ihn zu fragen, wer er sei, und unter welchem Namen wir ihn verehren sollen, hat sich noch keiner von uns unterfangen. Einer und der andere wollten es versuchen: aber sobald sie ihm ins Gesicht sahen, blieb ihnen die Frage im Munde stecken; es war als ob sein Blick sie zu Boden würfe; sie fielen vor ihm nieder, und er war verschwunden, ehe sie es wagten wieder aufzuschauen.«

»Ihr seid gar zu schüchtern, meine Freunde«, sagte ich; »was solltet ihr, da er so gut ist, von ihm zu befürchten haben? Ich wenigstens getrauete mir, ihn auf der Stelle aufzusuchen und anzureden, wenn ihr mich an einen Ort bringen wolltet, wo er zu erscheinen pflegt.«

»Die gemeine Meinung ist, daß er in einem der Felsen wohne, die sich über jenen Kiefernwald erheben: aber den Eingang zu seiner Wohnung hat noch niemand gefunden.«

»Vermutlich«, fiel ich ein, »weil sich noch niemand getraut hat ihn zu suchen. Welcher unter euch hat Lust dieses Vierdrachmenstück zu verdienen, wenn er mich bis zu den Felsen begleitet?«

Nach langem Zögern erbot sich endlich einer von den jüngsten dazu, aber unter keiner andern Bedingung, als wenn einer seiner Gesellen mitgehen wollte.

Ich zog noch einen Stater für den Begleiter meines Führers hervor; und da sich sogleich einer fand der das Abenteuer unter dieser Bedingung wagen wollte, so machten wir uns bei sehr hellem Mondschein, von den guten Wünschen der übrigen begleitet, auf den Weg.

Als wir endlich mit vieler Beschwerlichkeit den Wald erstiegen hatten, sahen wir uns, gegen die Zeit der Morgendämmerung, am Fuß einer hohen Felsenwand, auf der Ostseite mit steilen Abgründen und von der entgegen stehenden mit über einander getürmten Felsenstücken und dicht verwachsnen Gesträuchen umgeben, durch welche es beim ersten Anblick unmöglich schien sich einen Weg zu machen. Der Tag fing bereits an zu dämmern, und eine scharfe Morgenluft verdoppelte das Schauerliche dieser furchtbaren Wildnis. Meine Begleiter bestanden darauf, daß sie nicht weiter gehen könnten, falls ich kühn genug wäre, durch die unzugangbaren Trümmer noch höher empor dringen zu wollen; und da dies allerdings meine Meinung war, so empfahlen sie mich dem Schutze des Agathodämons, dem sie, seiner Menschenfreundlichkeit ungeachtet, nicht sonderlich zu trauen schienen, und ließen mich allein.

Die märchenhafte Erzählung der guten Leute von diesem vermeinten Genius hatte ein unbezwingbares Verlangen in mir erregt, einen so sonderbaren Einsiedler durch mich selbst kennen zu lernen. Ich beschloß also das ganze Gebirge so lange zu durchsuchen, bis ich ihn oder seine Wohnung gefunden haben würde.

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