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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Der Verfolg dieser Geschichte gehört zwar nicht mehr in das Fach, wovon die Rede war; aber er gehört zur Geschichte meines Lebens, und du wirst mir gern verzeihen, daß ich mich dessen nicht ohne Vergnügen erinnere.

Bestürzung, Scham und Erstaunen schien die arme Chrysanthis einige Augenblicke versteinert zu haben; aber ein noch mächtigeres Gefühl brachte sie bald wieder zu sich selbst. Eine wunderbare Art von Ehrfurcht überwältigte, oder veredelte vielmehr, plötzlich ihre vorige Leidenschaft. ›Wer bist du‹, sagte sie zu mir, ›den weder die heißeste Liebe zu schmelzen, noch die Hölle selbst zu schrecken vermag? Aber, wer du auch bist, verlaß mich nicht in dieser Verwirrung meiner Sinne! Du hast ein mir selbst unbekanntes Gefühl in mir erregt. Führe mich von hinnen, und vollende deinen Sieg über eine Leidenschaft, die deiner unwürdig war, und mich unter mich selbst erniedrigte. Sei mir mehr als ein Liebhaber, sei mein Freund! Verschmähe diese Hand nicht, die ich dir zum Pfande der Gelehrigkeit, womit ich mich deiner Führung überlassen will, darbiete!‹

Die Reihe zu erstaunen war nun an mir. Ich glaubte die erwachte bessere Seele aus ihren Augen strahlen zu sehen, und widerstand dem Gedanken nicht, eine Bekehrung zu vollenden, welche (wie ich mir schmeichelte) die Übermacht meines Genius über den ihrigen zu bewirken angefangen hatte. Ich begleitete sie nach ihrer Wohnung, und sie wiederholte ihre Bitte, daß ich (nach ihrem Ausdruck) ihr Schutzgeist gegen sie selbst sein, und sie nicht eher verlassen möchte, bis sie durch meinen Umgang Kraft genug erhalten haben würde, sichs zuzutrauen, daß es noch in ihrer Macht stehe, die Verirrungen einer allzu leichtsinnigen Jugend durch die Unsträflichkeit ihres künftigen Lebens zu vergüten. ›Es würde Unsinn sein‹, setzte sie hinzu, ›meine Heilung von einem solchen Mittel zu erwarten, wenn ich dir nach dem, was ich heute gesehen habe, nicht alles, und beinahe sogar das Unmögliche, zutraute.‹

Ich kann dich nicht tadeln, Hegesias, wenn dir die Verwegenheit des jungen Mannes, der sich eines solchen Abenteuers unterfing, die Strafe eines beschämenden Falles zu verdienen scheint. Aber eben die Schwierigkeit der Unternehmung war es, was meinen Entschluß bestimmte: denn es gehörte zum Plan meines Lebens, keiner moralischen Gefahr aus dem Wege zu gehen, und keine Gelegenheit zu versäumen, wo ich durch mich selbst das äußerste erfahren könnte, was menschliche Kraft vermag, um über Lust oder Schmerz den Sieg zu erhalten, wenn jene oder dieser uns von Ausübung irgend einer edeln und guten Handlung abzulocken oder abzuschrecken streben. Die schöne Chrysanthis auf den Weg der Tugend zurück zu bringen, war doch des Versuches wert; nach meinen Grundsätzen wär es die schändlichste Feigheit gewesen, wenn ich mich durch die Gefahr, in welche meine eigene Tugend dabei geraten konnte, von diesem Versuch hätte abhalten lassen wollen. Wir nahmen also Abrede, wie ich sie während meines Aufenthalts zu Larissa ingeheim besuchen könnte; und da dies nur bei Nacht anging, so ließ ich mir (wie unschicklich auch diese Zeit in andern Rücksichten war) gefallen, jedesmal von ihrer vertrautesten Sklavin durch eine von hohem Gesträuche verdeckte Hintertür ihres Gartens in einen Saal, wo sie mich erwartete, geführt zu werden.

Chrysanthis schien mir auf diese meine Herablassung (wie sie es nannte) einen Wert zu legen, der mich abnehmen ließ, wie tief sie in ihren eigenen Augen unter mir stehe, und wie nötig es sei, ihrem zu sehr gesunknen Stolze zu Hülfe zu kommen. Meine erste Bemühung war also darauf gerichtet, sie mit sich selbst auszusöhnen, und zu überzeugen, daß das, was die Würde unsrer Natur ausmacht, in der Selbstbewegung unseres Willens bestehe, welche zwar zufälliger Weise gehemmt und gebunden, aber nicht verloren werden könne. Um dem Unterrichte, dessen sie zu bedürfen schien, eine bessere Haltung zu geben, las ich ihr aus Xenophons Cyropädie die Geschichte des Araspes vor, dessen Fall so viele Ähnlichkeit mit ihrem eigenen hatte, daß sie sich desto mehr ermuntert fühlen mußte, ihm auch in dem edeln Schwunge, den seine bessere Seele unter den Augen des Cyrus nahm, ähnlich zu werden. Diese zwei in angebornem Kriege mit einander liegenden Seelen, durch welche Araspes das Schwankende seines Gemütszustandes sich zu erklären suchte, schienen ihr stark einzuleuchten, und sie nahm alles, was ich ihr von den Mitteln, der bessern Seele den Sieg über die schlechtere zu verschaffen, sagte, mit einer Gelehrigkeit auf, die mich hätte argwöhnisch machen können, wäre in ihrem ganzen Betragen auch nur das geringste zu bemerken gewesen, was einen geheimen Anschlag und verdeckte Absichten verraten hätte. Aber nichts konnte einfacher und kunstloser sein als die Art, wie sie sich in allem gegen mich benahm. Ihre Kleidung, ohne weder nachlässig noch überzüchtig zu sein, war ein Muster des schicklichsten Anzugs für eine Matrone von ihren Jahren, die nichts hinterlistig zeigen noch verbergen will, und bei ihrem Putze keine andere Absicht hat als anständig bekleidet zu sein. In der sittsamsten Stellung oder Lage ließ sie immer so viel Raum zwischen uns, daß die natürliche Anziehungskraft, die zwischen Personen von verschiedenem Geschlechte gewöhnlich Statt findet, wenn sie sich nahe kommen, keine oder nur sehr schwache Wirkung tun konnte; und überdies war ihre Vertraute, in einem Winkel des Saals mit stiller Arbeit beschäftigt, immer bei unsern Zusammenkünften gegenwärtig. Ihr Ton gegen mich war mehr gefällig als schmeichelhaft, und mehr aufmerksam als gefällig. Eine Art von Ehrfurcht, wie man in Gegenwart eines höhern Wesens fühlen würde, schien ihr von der feurigen Leidenschaft, deren Gegenstand ich noch vor wenig Tagen gewesen war, nur ein sanft sich hingebendes unbegrenztes Vertrauen übrig gelassen zu haben.

Wofern wirklich ein geheimer Anschlag unter diesem allen verborgen lag, so hätte sie allerdings kein zweckmäßigeres Mittel wählen können, meine Vorsicht unvermerkt einzuschläfern, und meinem Herzen ganz leise immer näher zu kommen. Wir schienen beide nichts davon gewahr zu werden: aber schon nach dem fünften oder sechsten Besuche fand ich, daß mir Chrysanthis immer liebenswürdiger vorkam, daß meine Besuche immer länger dauerten, und daß es mir einige Mühe kostete, mich wieder zu entfernen. Auch bemerkte ich endlich, daß wir, ohne uns des warum? bewußt zu sein, näher als anfangs zusammen rückten, und daß ich einsmals, da ich mit ziemlicher Wärme von dem Unterschiede der sittlichen Venus und ihrer Grazien von den gemeinen Volksidolen dieses Namens sprach, unvermerkt eine ihrer Hände in der meinigen hielt.

Nach dieser Entdeckung deuchte es mir hohe Zeit, meinen Besuchen ein Ende zu machen, und dies um so mehr, da ich mich, der schönen Chrysanthis zu Gefallen, bereits länger, als es mein Reiseplan erlaubte, zu Larissa aufgehalten hatte. Was sollte ich länger da? Meine Absicht war erreicht. Chrysanthis schien von ihrer Leidenschaft geheilt und eine aufrichtige Verehrerin der himmlischen Venus geworden zu sein. Ich konnte sie also ruhig sich selbst überlassen, und kündigte ihr meinen Entschluß beim nächsten Besuch nicht ohne einige Verlegenheit an. Sie nahm ihn mit ihrer gewohnten Ehrfurcht und Ergebung auf, wiewohl ich merken konnte, daß sie etwas unterdrücke, was wider ihren Willen in ihrem ganzen Wesen sichtbar wurde. Sie sprach wärmer als jemals von den Verbindlichkeiten, die ich ihr aufgelegt hätte; wie ganz sie sich als mein Geschöpf betrachte, und wie sehr sie meinen Verlust empfinden würde. Sie hielt wieder inne – drückte mehr als Einen Seufzer zurück, während die Hülle, die ihren schönen Busen fesselte, nach und nach immer loser wurde – fing von neuem an mich zu versichern, daß sie selbst die Notwendigkeit unsrer Trennung stärker als jemals fühle – ergriff, während sie mir dies versicherte, meine Hand, preßte sie an ihr hoch schlagendes Herz, und brach in Tränen aus, die sie an dem meinigen zu verbergen suchte. Kurz, ohne recht zu wissen wie es zugegangen war, fand sichs, daß ich sie in meinen Armen hatte, daß ihre glühenden Lippen an den meinigen hingen, und daß diese Szene keinen Augenblick länger dauern durfte. Ich raffte mich zusammen, legte die halb ohnmächtige Schöne auf den Sofa, empfahl sie der Sorgfalt ihrer Sklavin, und entfernte mich so schnell als mir möglich war.

›Diesmal bist du einer großen Gefahr entgangen‹, sagte ich zu mir selbst, als ich mich wieder im Freien befand. Ob Chrysanthis in allem diesem nur die Art ihrer Zauberkünste verändert hatte, oder ob sie wirklich aufrichtig war, und nur jetzt, bei dem Gedanken der Trennung, einen unfreiwilligen Rückfall erlitt, lasse ich unentschieden. Damals fand meine Eigenliebe ihre Rechnung dabei, das letztere zu glauben, und vielleicht traf sie die Wahrheit. Ich entfernte mich wirklich den folgenden Morgen aus Larissa, und es fügte sich, daß ich unterwegs mit einem in dieser Stadt wohnhaften feinen Mann Bekanntschaft machte, der von einer Geschäftsreise, die ihn einige Zeit zu Byzanz aufgehalten hatte, zu Pferde nach seiner Heimat zurückkehrte. Bei der Unterredung, in welche wir gerieten, während wir unsre Tiere ausruhen ließen, entdeckte sich, daß er der Gemahl der schönen Chrysanthis war. Er schien sehr nach dem Augenblick des Wiedersehens zu verlangen, und ich benutzte diese Gelegenheit, um ihn, auf eine Art, wodurch ihm die Aufführung seiner Gattin nicht verdächtig werden konnte, zu überzeugen, daß die Vorteile, die er von seinen häufigen Reisen ziehe, nur eine schwache Vergütung der häuslichen Glückseligkeit seien, die er ihnen aufopfere. Meine Vorstellungen schienen den erwarteten Eindruck auf den Mann zu machen; denn er schied von mir mit dem Vorsatz, solche Einrichtungen in seinen Geschäften zu treffen, daß er künftig nur selten und auf kurze Zeit in den Fall kommen könne, sich von seiner geliebten Chrysanthis zu entfernen, die er mir als die schönste, sanfteste und zärtlichste aller Weiber schilderte. Wofern er Wort hielt, so zweifle ich nicht, daß beide sich bei meinem Rate wohl befunden, und Chrysanthis, ohne die Lehren ihres Mentors gänzlich zu vergessen, über seinen Verlust sich bald und leicht getröstet haben werde.

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