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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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VI.

»Ich hatte mir mit dem Orden, dessen Stifter oder Wiederhersteller ich war, keine geringen Zwecke vorgesetzt, und es gehörte zu den Mitteln, wodurch ich sie zu erreichen hoffte, alle in den Schleier des Geheimnisses eingehüllte Gesellschaften, von welchen ich bereits einige Kenntnis hatte, genauer kennen zu lernen: teils, um ihren wahren Zweck zu erforschen, und zu sehen, ob und wie fern ich sie entweder mit der meinigen verbinden, oder vielleicht, ohne ihr eignes Wissen, zu meinen Werkzeugen machen könnte; teils, um gelegentlich hinter die geheimen Kenntnisse zu kommen, die, (wie ich glaubte) als Überbleibsel aus einer unsre Zeitrechnung weit übersteigenden Epoke der Menschheit, in den ältesten dieser geheimen Orden aufbewahrt würden.

Außer den Gymnosophisten in Indien und Äthiopien, und den Priestern zu Memphis und Sais, welche ich zu besuchen gedachte, zeichnete sich damals ein gewisser Orden aus, der seinen Ursprung bis zu jenem berühmten Orpheus hinauf führte, welcher von den Griechen (wiewohl ihn einige für eine fabelhafte und bloß allegorische Person erklären) insgemein für einen der ersten Stifter ihrer Religion und Polizei gehalten wird.

So weit auch die Insel Samothrake, wo diese Orphiker in einem berühmten Tempel der Göttermutter ihren Hauptsitz hatten, von meinem bisherigen Wohnort entfernt war, so lag sie mir doch unter den Orten, die ich besuchen wollte, am nächsten. Ich machte also den Anfang meiner mystagogischen Reisen mit ihr, und wurde von den Orphikern sehr freundlich aufgenommen. Anstatt mir den Zugang zu ihren Geheimnissen zu erschweren, schienen sie vielmehr eine Verbindung mit mir als etwas wünschenswürdiges anzusehen; und nachdem ich die verschiednen Grade, wodurch sie die Initianden, absichtlich, teils abzuschrecken, teils aufzuzögern suchten, in ungewöhnlich kurzer Zeit erstiegen hatte, wurde ich unter die Wenigen aufgenommen, denen man nichts verbergen zu müssen glaubte. Diese Grade, wodurch es immer in ihrer Gewalt blieb, wie viel oder wenig sie einem Aspiranten von ihren Geheimnissen mitteilen wollten, schienen mir eine so weise Erfindung, daß ich sie auch in meinen eignen Orden übertrug.

Es würde uns, wenn ich mich auch durch ein vor mehr als sechzig Jahren getanes Versprechen nicht länger gebunden hielte, zu weit aus unserm Wege führen, wenn ich dir entdecken wollte, was ich bei dieser Gelegenheit zu sehen und zu hören bekam; und du verlierst um so weniger dabei, da dir das hauptsächlichste aus den Mysterien zu Eleusis schon bekannt ist. Genug, meine Wißbegierde fand in Samothrake so reichliche Nahrung, daß ich mehrere Jahre unter meinen Orphikern zubrachte, weil ich sie nicht eher verlassen wollte, als bis sie mir nichts mehr zu entdecken hätten.

Dieser Orden bestand eigentlich nur aus zwei Hauptklassen. Schwärmer, die mit vollem Glauben an den Träumereien der Dämonologie, Magie und Theurgie hingen, sich dem Erforschen und Ausüben dieser Dinge gänzlich widmeten, und (da nichts so gern sich mitteilt als Schwärmerei) ihr ganzes Leben damit zubrachten, andre eben so zu betrügen, wie sie sich selbst betrogen, ohne daß ihnen jemals ein Zweifel über ihre eigene Ehrlichkeit oder die Wahrheit ihrer Hirngespenster aufgestiegen wäre; – diese Phantasten machten in verschiedenen Abteilungen die erste und zahlreichste Klasse aus. Die zweite bestand aus den Obervorstehern des ganzen Ordens; drei oder vier Männern von ziemlich hellem Kopfe, die sich aus den Gliedern der ersten Klasse so viele Werkzeuge bildeten, als sie zu Beförderung ihres Zweckes nötig hatten. Diesen fiel es gar nicht ein, über die Beschaffenheit der Mittel, deren sie sich bedienten, sich selbst täuschen zu wollen: aber dafür hielten sie ihren Zweck für so groß und gemeinnützig, daß es ihnen eben so wenig einfiel, sich wegen der Rechtmäßigkeit der Mittel, wodurch sie ihn zu bewirken suchten, das mindeste Bedenken zu machen.

Dieser Zweck war nichts geringeres, als der alten Volksreligion, – deren täglich zunehmender Verfall ihren gänzlichen Umsturz als etwas sehr nahes befürchten heißt, – wieder aufzuhelfen, und zu solchem Ende die berühmtesten Tempel, die in Ruinen zu zerfallen drohten, wieder in Aufnahme, die Orakel, welche zu verstummen anfingen, wieder in Ansehen zu bringen, und den fast ganz erloschnen Glauben an Belohnung und Bestrafung in einem andern Leben, durch alle nur ersinnlichen Kunstgriffe, wieder aufzufrischen und wirksam zu machen. Ihrer wirklichen oder vorgeblichen Überzeugung nach, hängt die Erhaltung der bürgerlichen Ordnung an der Erhaltung des alten Volksglaubens, so wie an jener die Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts und die Hoffnung der bessern Zeiten, die der ewige Gegenstand der allgemeinen Wünsche sind. – Gestehe, Hegesias, daß ein solcher Zweck auch täuschende Mittel, sobald sie tauglich sind, rechtmäßig macht!«

»Das möchte ich nicht gern gestehen«, erwiderte ich; »wenigstens nicht, so lange ich mich versichert halte, die Vernunft sei keine so tote Kraft im Menschen, daß es weiser sein sollte, anstatt ihn über sein wahres Interesse aufzuklären, ihn durch betrügerische Kunstgriffe, gleichsam wider seinen Willen, auf den Weg der Glückseligkeit zu verführen.«

»So dachte ich damals auch«, sagte der Alte lächelnd: »aber der ehrwürdige Theophranor, mein Mystagog, der nun einer meiner vertrautesten Freunde war, unterließ nichts, um mich eines andern zu belehren. ›Wie?‹ sagte er, ›wir machen uns kein Bedenken, den Rand des Bechers, woraus wir unsern Kindern eine bittere Arznei geben, mit Honig zu bestreichen: und wir sollten Bedenken tragen, den Glauben an höhere Mächte durch Orakel zu bestärken, oder einen Menschen, den zügellose Sinnlichkeit und Verderbnis des Herzens zum Unglaubigen gemacht haben, in der Höhle des Trophonios schlafen zu lassen, um ihn durch das eingebildete Zeugnis seiner Sinne zu überzeugen, daß es eine Unterwelt, einen Tartarus und einen Pyriphlegethon gibt?‹«

»Du setzest, wie es scheint, voraus, (wendete ich ein) daß der große Haufe der Menschen immer als Kinder behandelt werden müsse?«

»Ohne Zweifel«, versetzte er, so lange sie in den wichtigsten Angelegenheiten der Menschheit wie Kinder denken und handeln; und daß dies immer der Fall gewesen sei, liegt am Tage.«

»Vermutlich«, erwiderte ich, »weil ihre Erzieher und Beherrscher sich immer alle mögliche Mühe gegeben haben, daß es nicht anders sein könne. Indessen ist nicht zu zweifeln, daß eben diese Menschen, die in allem, was ihr sinnliches Interesse betrifft, sich ihrer Vernunft gar meisterlich zu bedienen wissen, nicht auf dem Wege der Aufklärung so weit gebracht werden könnten, daß sie nicht nötig hätten zu ihrem Besten hintergangen zu werden.«

»Theophranor glaubte am kürzesten aus der Sache zu kommen, wenn er mir die Voraussetzung, worauf ich mich als auf eine bekannte Tatsache berief, geradezu ableugnete. Er behauptete, daß das, was man so höflich sei bei dem unendlich größern Teil der Menschen Vernunft zu nennen, nichts weiter als ein vernunftähnlicher Instinkt sei, der wenig oder nichts über ihre Vorurteile und Gelüste vermöge, und alle Augenblicke von ihren Leidenschaften irre geführt werde. ›Oder würden sie sonst, (sagte er) wenn sie sich der Vernunft, auch nur in Dingen, wovon ihr sinnliches Interesse abhängt, so gut zu bedienen wüßten, würden sie sein was sie sind? oder leiden, was sie mit lasttierischer Geduld, wiewohl unter ewigem Murren, aus Furcht vor ihrem eigenen Schatten ertragen? da es doch in ihrer Macht steht, sich durch vernünftigen Gebrauch ihrer vereinigten Kräfte in einen ungleich bessern Zustand zu versetzen?‹

Theophranor behauptete: Das menschliche Geschlecht müsse, eben so wohl wie der einzelne Mensch, zur Vernunft erzogen werden: die Natur selbst befördere dieses Erziehungsgeschäft, bei jenem wie bei diesem, durch die innerlichen Antriebe und äußerlichen Veranlassungen, wodurch die Vernunft entwickelt und in Tätigkeit gesetzt werde; nur könne es nicht anders sein, als daß es bei jenem unendlich langsamer damit hergehen müsse. So lange sinnliche Triebe und Leidenschaften, oder, mit Einem Worte, so lange die Tierheit bei dem größten Haufen die Vernunft noch gefangen halte, sei Täuschung ihrer Sinne und Einbildungskraft eine unentbehrliche Hülfsquelle, der Religion, und den Gesetzen, – als den einzigen Mitteln der Humanisierung des rohen Menschen, – Eingang, Ansehen und Übergewicht bei ihnen zu verschaffen. Die älteste Geschichte der Welt setze dies in das helleste Licht. Hermes, Orpheus, Minos, Phoroneus, Lykurgus, Numa, Pythagoras, und alle übrigen Stifter oder Verbesserer der gottesdienstlichen und bürgerlichen Verfassungen unter den Menschen, hätten sich dieses Hülfsmittels mit Erfolg bedient. ›Und warum (sagte Theophranor) hätten sie Bedenken tragen sollen, entweder ungeschlachte und unwissende, oder durch übermäßige Verfeinerung der Sinnlichkeit geschwächte Menschen, durch heilsame Täuschungen zu hintergehen? Ist nicht auch in diesem Punkt die Natur selbst unsre Lehrerin? sie, die uns, vom ersten Augenblick unsers Daseins an, von außen mit Erscheinungen umgibt, die nicht sind was sie scheinen, und von innen durch die magischen Wirkungen der Liebe und der Hoffnung unser ganzes Leben durch aus den wohltätigsten Absichten täuschet? – Was dich (fuhr er fort) gegen dieses der Natur selbst abgelernte Verfahren der Erzieher der Menschheit eingenommen hat, ist der Mißbrauch, welchen die Priesterschaft und die mit ihr einverstandenen Herrscher bei den meisten, wo nicht bei allen, Völkern davon gemacht haben, und noch lange machen werden. Aber diesem Mißbrauch entgegen zu arbeiten, ist ja eben, wie du weißt, der Hauptzweck der Philosophie sowohl als der Mysterien. Warum sollten wir Anstand nehmen, so lang' es nötig ist, die Kunstgriffe, wodurch religiöse und politische Tyrannei das Menschengeschlecht in ewiger Kindheit zurück zu halten sucht, gegen ihre Feinde selbst zu richten, und zur Befreiung desselben anzuwenden? Je näher wir unserm Zwecke kommen, je weniger werden wir derselben nötig haben. Ist die Vernunft einmal in Freiheit und auf den Thron gesetzt, der ihr allein gehört, dann bedarf es keiner Herablassung zu den Schwachheiten und Vorurteilen der Menschen mehr: die wohltätige Absicht, warum wir sie, so lange sie noch als Kinder oder Toren behandelt werden mußten, zu ihrem eigenen Vorteil zu täuschen genötigt waren, ist dann erreicht; und wohl denen, die vielleicht in einigen Jahrtausenden diese goldne Zeit erleben werden!‹

Diese Vorstellungsart, und diese großen Gesinnungen, welche Theophranor, ein großer Meister in der Täuschungskunst, durch eine lange Übung so geschickt zu heucheln gelernt hatte, daß er einen viel scharfsichtigern Menschenkenner, als ich damals war, hätte hintergehen können, stimmten zu gut mit den meinigen überein, um seine Absicht bei mir zu verfehlen; welche wohl keine andere sein mochte, als mich zu überreden, daß diese Gesinnungen wirklich die seinigen seien, und sich dadurch gänzlich von meinem Herzen Meister zu machen. Aber die Vertraulichkeit, die nun zwischen uns entstand, gab mir zu viele Gelegenheit in das seinige zu blicken, um nicht zuletzt gewahr zu werden, daß ich mich an ihm betrogen hatte, da ich aus der Gleichförmigkeit unsrer Sprache auf die Gleichheit unsrer Gesinnung schloß. Je genauer ich ihn und seine Gehülfen kennen lernte, je mehr überzeugte ich mich, daß sie das, was, ihrem Vorgeben nach, nur Mittel zu einem höhern Zweck sein sollte, zum Zweck selbst machten, und daß es ihnen mehr um Einfluß auf ihre Zeitgenossen zu ihren besonderen Absichten, als um Beförderung dessen, was ich für die große Sache der Menschheit hielt, zu tun war. Es schmeichelte ihrer Eitelkeit, sich vom Volke als Männer, die mit den Göttern in Gemeinschaft ständen, verehrt zu sehen; und der Kredit, in welchen sie sich durch diesen Wahn selbst bei vielen Großen zu setzen wußten, verschaffte ihnen und ihren Anhängern so beträchtliche Vorteile, daß sie, über dem Bestreben sich im Besitz derselben zu erhalten, zuletzt jenen hohen Zweck gänzlich aus den Augen verloren.

Diese Entdeckung kostete mir einige Jahre; aber die natürliche Folge davon war auch, daß die Orphiker in meiner Achtung zu den herum ziehenden Isispriestern, Siebdrehern, Schatzgräbern und Geisterbannern herab sanken, welche damals schon die östlichen und westlichen Provinzen des Römischen Reichs zu überschwemmen anfingen. Indessen hütete ich mich wohl, sie merken zu lassen, wie ich von ihnen dachte. Denn wozu hätt es geholfen? Ich konnte nicht hoffen, sie zu meiner Denkart umzustimmen. Die ihrige war ihnen durch lange Gewohnheit persönlich geworden; und wie groß auch mein Selbstvertrauen war, so schien mir doch das Unternehmen, Schwärmer vernünftig oder Heuchler redlich machen zu wollen, schon damals so unmöglich, als ich es im ganzen Laufe meines Lebens befunden habe. Auf der andern Seite stand ich nun einmal mit diesen Leuten in einer Verbindung, welche wieder aufzuheben gegen alle Klugheit gewesen wäre: denn es konnten sich Fälle ereignen, wo sie zu meinen Absichten brauchbar waren, und ihr Haß konnte mir auf jeden Fall nur schädlich sein. In dieser Rücksicht beschloß ich, alle Orphiker, die noch in den untern Graden ihres Ordens standen, zum ersten Grade des meinigen zuzulassen; wodurch sie, wiewohl ihnen der letzte Zweck desselben unbekannt blieb, wenigstens in ein gewisses Verhältnis mit ihm gesetzt wurden, und durch die Hoffnung, dereinst in seine Geheimnisse schauen zu dürfen, angespornt wurden, ihm ihre Anhänglichkeit durch ihren Diensteifer zu beweisen. Eine Einrichtung, die ich treffen mußte, weil beinahe jedermann gut genug war, als bloßes Werkzeug zu meinem Zwecke mitzuwirken; da hingegen nur den Edelsten und Besten zuzutrauen war, daß sie diesen Zweck selbst zum ihrigen machen würden.

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