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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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V.

Ich hatte nun einige Jahre, teils zu Ägä, teils in einer noch größern Abgeschiedenheit vom Geräusche der Menschen, in diesen Übungen zugebracht, und mir eine so große Gewalt über mich selbst (weil man doch auch den tierischen Teil zu unserm Selbst zu rechnen gewohnt ist) erworben, daß ich mir in diesem Stücke große Proben auszuhalten schmeicheln konnte. – Im Vorbeigehen darf ich nicht vergessen zu erwähnen, daß die strengste Enthaltung von den Aphrodisischen Mysterien eines der Gesetze war, die ich mir selbst aufgelegt hatte.«

Hier, lieber Timagenes, konnt ich mich nicht länger zurück halten, meinen alten Wirt zu unterbrechen. »Und die Schönen Asiens«, rief ich aus, »erlaubten dir, mit einer Gestalt, wie die deinige in einer ungeschwächten Jugend sein mußte, unangefochten einem so unnatürlichen Gesetze treu zu bleiben?«

»Die Wahrheit zu gestehen«, erwiderte Agathodämon, »nicht ganz unangefochten, und, selbst auf meiner Seite, nicht ohne alle Schwierigkeit. Denn wiewohl ich in diesem Punkte mit keinem sehr ungelehrigen Temperamente zu kämpfen hatte; so sah ich mich doch, im Lauf eines so langen Lebens, mehr als Einmal in Lagen verwickelt, wo ich die ganze Stärke des Willens nötig hatte, um mich unbeschädigt los zu reißen. Die größte Schwierigkeit in solchen Fällen ist, wenn die zärtern Gefühle des Herzens mit ins Spiel gezogen werden. Indessen kam mir dabei sehr zustatten, daß ich von Jugend an der Einbildungskraft wenig Nahrung gegeben, und ihr nie erlaubt hatte, sich durch reizende Bilder der Schönheit und Liebe zu erhitzen. Überhaupt aber kannst du mir über diesen Umstand um so eher glauben, weil meine Feinde, die mich gewiß nicht aus Schonung hätten entwischen lassen, meinen Ruhm wenigstens in diesem Stück unangetastet ließen. Aber wieder zur Hauptsache!

Noch während meines Aufenthalts in Ägä, als ich mich zu dem, was ich für meine besondere Bestimmung hielt, schon ziemlich vorbereitet glaubte, brachte mich der große Verfall der Pythagorischen Schule auf den Gedanken, eine Art von Pythagorischem Orden zu stiften oder vielmehr zu erneuern, dessen Glieder sich feierlich zu Beobachtung der Lebensvorschriften des Meisters verbinden, und zu möglichstes Beförderung des großen Werks der Entfeßlung der Menschheit vereinigen sollten. Anfangs bestand unser Bund nur aus sechs Gliedern. Nach und nach kamen noch einige hinzu; bis sich endlich, bei Gelegenheit meiner häufigen Reisen, der Orden dergestalt vermehrte, daß kaum eine beträchtliche Stadt im ganzen Römer-Reiche war, wo sich nicht eine unsichtbare Kolonie desselben aufgehalten hätte; denn Geheimnis und Verschwiegenheit war eines seiner Grundgesetze. In der ersten Ordensverfassung war auch eine völlige Gleichheit der Brüder festgesetzt; doch mit dem Vorbehalt, daß es ihnen, bei künftiger Vermehrung ihrer Anzahl, überlassen sein sollte, denjenigen zum Vorsteher zu erwählen, von dessen Eifer und Tüchtigkeit sie die meiste Überzeugung hätten. Dies machte mich, wie ich voraus gesehen hatte, zum Oberhaupt dieser geheimen Gesellschaft, welche eines der mächtigsten Organe war, wodurch ich die außerordentlichen Dinge wirkte, die zu ihrer Zeit so viel Aufsehens in der Welt gemacht haben.«

Bei diesen Worten faßte ich meinen Alten abermals scharf ins Auge; eine Vermutung, die mir schon eine gute Weile dunkel vorgeschwebt hatte, trat auf einmal ins Licht, und ich glaubte den Mann zu erraten, den ich vor mir hatte. Aber weil ich ihn nicht unterbrechen wollte, hielt ich mit meiner vermeinten Entdeckung noch zurück, und erwartete schweigend den Verfolg seiner Erzählung.

Agathodämon begnügte sich, mir mit einem durchdringend scharfen Blick zu sagen, daß er in meiner Seele lese, und fuhr ruhig in seiner Erzählung fort.

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