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Christoph Martin Wieland: Agathodämon - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleErzählende Prosa und andere Schriften
authorChristoph Martin Wieland
year1965
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
titleAgathodämon
pages5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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II.

Die Zeit war nun gekommen, da ich, auf einer unsrer berühmtesten Schulen der Redekunst und Philosophie, die letzte Ausbildung erhalten sollte. Mein Vater brachte mich nach Tarsos, welches damals in dem Rufe stand, der Hauptsitz der Gelehrsamkeit in Asien zu sein. Aber das Getümmel einer sehr volkreichen Handelsstadt und die üppige Lebensart ihrer wollüstigen Einwohner hatte vor kurzer Zeit einige der vorzüglichsten Lehrer bewogen, sich in die benachbarte Stadt Ägä zurückzuziehen, deren geringere Volksmenge und verhältnismäßige Stille den Geschäften der Musen günstiger schien. Ich erhielt von meinem Vater die Erlaubnis ihnen zu folgen; und weil mein Aufenthalt daselbst mehrere Jahre dauern sollte, so mietete er mir ein artiges Haus in der Vorstadt, welches mit schönen Gärten und Spaziergängen versehen, und nahe an einem, in dieser Gegend berühmten, Tempel des Asklepios gelegen war.

Hier machte ich mich nach und nach mit den Lehrbegriffen der verschiedenen philosophischen Sekten bekannt, und benutzte jede Gelegenheit, mich mit allen Arten von Kenntnissen zu bereichern. Vorzüglich hielt ich mich zu einem alten Epikureer, der hier in der Stille lebte, und, nebst der Naturgeschichte, die Wissenschaften, die der ausübenden Arzneikunst zum Grunde liegen, zu seinen Lieblingsstudien gemacht hatte. Der Umgang mit diesem, der Welt fast ganz unbekannten, Manne verschaffte meiner Wißbegierde eine ganz andere Befriedigung, als die schalen Spitzfindigkeiten der Akademiker und Stoiker; denen es, wie ich bald genug merkte, weder um Wahrheit noch Lebensweisheit, sondern bloß darum zu tun war, sich in einen großen Ruf zu setzen, die Wissenschaft als Gewerbe zu treiben, mit einander zu wetteifern, wer die meisten und freigebigsten Schüler an sich locken könne, und sich übrigens bei den Reichen, in deren Gunst sie sich einzuschmeicheln wußten, gute Tage zu machen. Zu meiner großen Befremdung fand ich, daß sogar der Pythagoräer Euxenos, welchem ich von meinem Vater besonders empfohlen war, außer dem Pythagorischen Kostüm, einigen dieser Sekte eigenen Kunstwörtern, und den goldnen Sprüchen des Meisters, die er auswendig wußte, nichts Pythagorisches an sich hatte, als das vornehme und feierliche Ansehen, wodurch die vorgeblichen Jünger des Weisen von Samos sich vor den andern Sekten auszuzeichnen pflegen. Indessen verlor Pythagoras selbst durch die Unwürdigkeit seines Stellvertreters so wenig bei mir, daß ich vielmehr nur desto eifriger wurde, jeder reinern Quelle nachzuspüren, woraus ich einige Aufschlüsse über den Geist und Zweck dieses, mehr berühmten als gekannten, großen Mannes zu schöpfen hoffen konnte.

Nachdem ich einige Jahre auf diese Weise zu Ägä zugebracht, rief mich der Tod meines Vaters nach Hause, um mich wegen seiner beträchtlichen Verlassenschaft mit meinem Bruder ins reine zu setzen. Jede auf Geschäfte dieser Art verwandte Zeit war, nach meiner Schätzung, verlorne Zeit. Ich überließ also meinem etwas habsüchtigen Bruder was er wollte, um nur desto eher nach Ägä, in meine liebe Halle am Tempel des Asklepios – die durch die täglichen Besuche der Gelehrten eine Art von Akademie geworden war – und in die noch geliebtere Einsamkeit meiner stillen Gärten, zurück zu fliegen.

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