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Aesopische Fabeln

Aesop: Aesopische Fabeln - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAesop
titleAesopische Fabeln
publisherErnst Heimeran Verlag
printrun
editorAugust Hausrath
year1940
translatorAugust Hausrath
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20181002
projectid2c9da124
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VI. Scherze, Schwänke, Novellen

92. Bestrafter Hochmut

Hermes wollte einst in Erfahrung bringen, in welchem Ansehn er bei den Menschen stünde. Er nahm daher Menschengestalt an und trat in den Laden eines Bildhauers. Dort sah er das Bild des Zeus und fragte: »Was kostet das?« Der Bildhauer sagte: »Eine Drachme.« Da mußte Hermes lachen, daß Zeus so wohlfeil sei, und fragte nach dem Preis einer Herastatue. Der Bildhauer nannte einen etwas höheren Preis. Nun dachte Hermes, er selbst werde als Götterbote und Schützer jedes gewinnbringenden Handels bei den Menschen in hoher Ehre stehen, und fragte nach dem Preis eines Hermesbildes. Der Bildhauer aber sagte: »Wenn du die beiden andern nimmst, gebe ich dir den obendrein.«

93. Die Weisheit des Teiresias

Hermes wollte einst die Sehergabe des Teiresias auf die Probe stellen. Daher stahl er ihm zunächst seine Rinder vom Felde und kehrte dann in Menschengestalt bei ihm ein. Als Teiresias gerade den Gast bewirtete, wurde ihm der Rinderdiebstahl gemeldet. Er ging nun mit Hermes in das Freie, um dort aus dem Vogelflug ein Zeichen über den Diebstahl zu erhalten. Dort forderte er den Hermes auf, ihm zu sagen, was für Vögel er sähe. Hermes sah zuerst einen Adler, der von links nach rechts vorbeiflog, und meldete das dem Seher. »Der geht uns nichts an«, sagte Teiresias. Dann sagte Hermes: »Ich sehe eine Krähe auf einem Baum sitzen, die bald gegen den Himmel, bald wieder auf die Erde herniederblickt.« »Nun wohl«, sprach Teiresias, »diese Krähe schwört bei Himmel und Erde, daß ich meine Rinder wieder erhalten werde, sobald du es willst, o Hermes!«

94. »Das Meer will wieder Feigen«

Ein Hirte weidete seine Herde nahe am Meer. Als er nun sah, wie die See so spiegelglatt war, bekam er Lust, mit Schiffahrt viel Geld zu verdienen. Daher verkaufte er seine Herde und belud ein Schiff mit Datteln und fuhr los. Als er aber auf der hohen See war, erhob sich ein gewaltiger Sturm und sein Schiff kenterte. Er verlor all sein Hab und Gut und rettete sich mit Mühe an den Strand. Wenige Tage darauf stand er wieder am Meeresstrand und einer, der gerade vorbeiging, lobte die See, wie sie so spiegelglatt und windstill sei. Da sagte der Hirt: »Ja, das Meer hat offenbar wieder Lust nach Datteln.«

(Überschrift nach Goethe 4. II. 1781.)

95. Schicksal

Bettelpriester hatten einen Esel, dem sie während der Wanderung ihr Gepäck aufzuladen pflegten. Als der schließlich infolge der Überanstrengung tot zusammenbrach, zogen sie ihm die Haut ab und verfertigten aus ihr die Pauken, mit denen sie die Leute herbeizulocken pflegten. Einmal begegneten ihnen andere Bettelpriester und fragten sie, wo denn ihr Esel hingekommen sei. »O, der ist tot«, antworteten sie, »aber er erhält jetzt noch mehr Prügel, als er in seinem ganzen Leben bekommen hat.«

96. Mangelhafte Staatsgesinnung

Als einst der Redner Demades in einer Staatsangelegenheit eine Rede in der Volksversammlung hielt, wurde es den Athenern langweilig, und sie hörten nicht mehr recht zu. Da unterbrach er sich und bat um die Erlaubnis, ihnen eine äsopische Fabel zu erzählen. Das Volk stimmte freudig zu und er begann: »Demeter, die Schwalbe und der Aal machten einmal zusammen eine Wanderung. Als sie an einen Fluß gekommen waren, flog die Schwalbe durch die Luft hinüber, und der Aal tauchte in das Wasser.« Wie er soweit gekommen war, schwieg er und wollte die Rednerbühne verlassen. »Aber was tat denn die Demeter?« riefen die Athener. »Die zürnt euch«, sagte Demades, »weil ihr die Staatsangelegenheiten verabsäumt und lieber äsopische Fabeln hören wollt.«

97. Vergebliche Bemühung

Die Frau eines Trunkenbolds sann lange nach, wie sie nur ihrem Mann sein Laster abgewöhnen könne. Schließlich kam sie auf folgenden Einfall. Als er wieder einmal vom Rausch betäubt wie ein Toter dalag, nahm sie ihn auf die Schulter und trug ihn auf den Friedhof in die Leichenkammer. Dort legte sie ihn nieder und ging dann weg. Als sie aber meinte, jetzt könne er wohl wieder nüchtern sein, kam sie wieder und klopfte an die Türe. Der Mann fragte: »Wer klopft da?« Sie antwortete: »Ich bin der Diener, der den Toten das Essen bringt.« Und jener sprach: »Was plagst du mich mit Essen? Bring mir zu trinken, mein Bester, das ist mir viel wichtiger!« Da zerschlug sich die Frau die Brust und rief aus: »O weh, mir Armen! So hat auch nicht einmal die List mir geholfen. Du läßt dich nicht belehren, sondern es wird immer schlimmer mit dir: die Trunkenheit scheint jetzt bei dir zum Dauerzustand zu werden!«

98. Neuer Gottesdienst

Ein hölzern Hermesbild besaß ein Handwerker, dem goß er Tag für Tag die schönsten Trankopfer, und dennoch ging's ihm schlecht. Da ward er wild einst, ergriff das Bild beim Fuß und schlug's zum Erdboden. Doch wie der Kopf entzweibrach, floß ein Goldregen hervor von Münzen, die in ihm versteckt waren. Die las er freudig auf und rief: »O Hermes! Du bist verdreht und handelst wirklich merkwürdig. Solang ich zu dir flehte, halfst du gar nicht, doch für die Prügel dankst du mir mit Wohltaten. Das ist ein Gottesdienst, der mir ganz neu ist.«

99. Der schlechte Arzt

Es kam ein Arzt, der von der Heilkunst nichts wußte, zu einem Manne, der nur leicht erkrankt war. »Sei ohne Furcht«, sprach jeder, »du wirst durchkommen! Es dauert noch ein Weilchen, doch es wird besser!« Der Medikaster aber sprach hinzutretend: »Mach nur dein Testament, du wirst bald abfahren. Ich will dir nicht wie die mit Lug und Trug kommen: Zwei Tage hast du noch zu leben – mehr nicht.« Dann ging er weg und kam nicht in sein Haus mehr. Als jener später etwas sich erholt hatte und ausging, bleich, mit Mühe nur sich fortschleppend, begegnet' ihm der Arzt und fragt' ihn hohnvoll: »Sieh an! Nun wohl, wie sieht's im Totenreich aus?« Und jener sprach: »Die Toten quält kein Schmerz mehr, da sie vom Lethe tranken. Aber Pluto und Kore drohten jüngst, die Ärzte furchtbar zu strafen, weil sie allen Kranken aufhelfen. Sie schrieben alle Ärzte auf, und dich wollten zuerst sie holen lassen. Doch voll Ehrfurcht trat ich hinzu, und ihre Zepter anrührend schwor ich, daß du in Wahrheit gar kein Arzt seist und daß man dich nur fälschlich dafür ausgebe.«

100. Den Armen ist die Form der Herrschaft gleich

Beim Herrschaftswechsel ändert für die Armen sich der Name nur des Herrschers – sonst bleibt alles gleich. Das ist die Wahrheit, die euch diese Fabel lehrt:

 

Ein Greis bewachte auf dem Anger vor der Stadt sein Eselchen. Da scholl im Rücken Kriegsgeschrei. »Laß schnell uns flieh'n«, begann der Greis, »sonst fängt man uns.« Doch ruhig sprach der Esel: »Bitte, meinst du wohl, daß bei dem Sieger ich zwei Sättel tragen muß?« »Nein«, sprach der Greis. »Nun also, was liegt mir daran, wes Sklav' ich heiße? Einen Sattel trag ich stets.«

101. Frauenrechtler

Zeus gab den Ziegen Bärte einst nach ihrem Wunsch – und alle Böcke waren höchst entrüstet, weil der Männer Zier die Weiber sich so angemaßt. »Laßt sie«, sprach Zeus, »sich dieses eitlen Ruhms erfreuen, und gönnet ihnen diese Zierde eures Stands, solange sie's nicht gleich tun euch an Tapferkeit.« Ertrage still, daß deine Tracht ein andrer trägt, wenn er dich nur an Tüchtigkeit nicht übertrifft.

102. Der Liebhaber zwischen zwei Frauen

Die Weiber plündern stets den Mann aus – ob sie ihn nun lieben mögen oder nicht. Dies Beispiel zeigt's:

 

Ein Weib, das manches schon erlebt, doch sehr geschickt ihr Alter zu verhehlen weiß, liebt einen Mann von mittleren Jahren. Dieser liebt zur gleichen Zeit ein schönes Mädchen in der Jugend erstem Glanz. Nun wollen beide, daß er ihnen ähnlich sei, und beide nehmen seine Haare in die Kur. Er läßt sie machen – plötzlich aber ist er kahl. Denn alle grauen Haare riß das Mädchen ihm und alle schwarzen Haare ihm die Alte aus.

103. Der Schuster als Arzt

Ein schlechter Schuster, dem es übel ging, verfiel aus Not darauf, als Winkelarzt sich aufzutun. Er bot mit falschem Namen Gegengifte aus. Ruhmredig selbst sich preisend, kam er bald zu Ruf. Als nun des Königs Lieblingsknabe schwer erkrankt', ließ der ihn kommen und erprobte seine Kunst. Er nahm ein Glas und goß, so schien es, erst ein Gift und dann des Schusters Gegengift hinein. »Nun trink, mein Freund«, gebot er, »und ich lohne dir es gut.« Die Todesfurcht preßt jenem das Geständnis ab, daß keine Weisheit in der Heilkunst, nein, daß ihn des Volkes Dummheit ganz allein berühmt gemacht. Zu einer Volksversammlung sprach der König dann: »Seid ihr nicht Narren, daß ihr alle unbesorgt dem euern Leib und euer Leben anvertraut, von dem sich keiner nur den Fuß beschuhen ließ?«

 

Auf jene Leute zielt die Fabel, meine ich,
die unverschämt aus anderer Dummheit Zinsen zieh'n.

104. Der arme und der reiche Freier

Er freiten um ein Mädchen einst zwei Jünglinge, ein reicher und ein armer. Doch der Reiche siegt, obgleich der Arme schöner und auch edler ist. Wie nun der Tag der Hochzeit naht, begibt sich der, da er den Schmerz nicht tragen kann, aufs Land hinaus. Des Reichen stolze Villa lag nicht fern von da, wo dieser, weil das Stadthaus ihm zu eng erschien, aus ihrer Mutter Armen jetzt die Braut empfängt. Dort rüstet man den Hochzeitszug mit aller Pracht. Das Volk strömt bei, man stimmt den Hymenäus an, und durch die Nacht geleitet man die Braut zur Stadt. Zufällig stand nun an des Armen Gartentor sein Esel, der ihm seinen Kram zum Markte trug. Den band man los und hob auf ihn die schöne Braut, daß nicht der rauhe Weg den zarten Fuß verletzt. Da plötzlich, durch der Venus Walten, naht ein Sturm. Die Donner krachen, Wolken hängen rings herab, kein Licht ist sichtbar, und ein dichter Hagel fällt. In wilder Flucht löst sich der ganze Festzug auf, denn jeder sucht in Eile einen Unterschlupf. Der Esel rennt zum nahen Hofe seines Herrn und zeigt durch lautes Schreien seine Ankunft an. Die Sklaven kommen, sehn erstaunt die schöne Braut und melden eilig deren Ankunft ihrem Herrn. Der liegt mit wenigen treuen Freunden beim Gelag, wo er mit Wein der Liebe Glut ersticken will. Doch nun begeht er, rasch von seinem Schmerz geheilt, von Venus und von Bacchus angespornt, umjauchzt von seinen Freunden ungesäumt das Hochzeitsfest. Durch Heroldsruf verkünden bald der Braut Verlust die Eltern und der schmerzgebeugte Bräutigam. Doch wie im Volk der Sache Hergang ruchbar ward, da pries der Götter Walten jeder hocherfreut.

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